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Marco Fischer / Dein SPIEGEL

Kinder befragen Leon Goretzka »Hast du mal daran gedacht, die WM zu boykottieren?«

Leon Goretzka fährt mit gemischten Gefühlen zur Fußball-Weltmeisterschaft. Im Kinder-Interview erzählt er, wie er die Chancen der Nationalelf einschätzt und was er von der Menschenrechtslage im Gastgeberland hält.
Redaktionelle Begleitung: Jonas Kraus

Dein SPIEGEL: Die Vorbereitungsspiele der deutschen Nationalmannschaft waren zuletzt nicht so gut. Was wollt ihr erreichen bei der Weltmeisterschaft in Katar?

Goretzka: Es stimmt, dass wir uns zuletzt schwergetan haben. Als Hansi Flick vor eineinhalb Jahren Bundestrainer wurde, war eine große Euphorie zu spüren. Damals waren auch die Spiele deutlich besser. Da müssen wir wieder hin. Als Fußballnation haben wir natürlich die höchsten Ansprüche an uns selbst und wollen so weit kommen wie möglich.

Dein SPIEGEL: Was heißt das genau?

Goretzka: Es wäre vermessen zu sagen, die WM wäre nur ein Erfolg, wenn wir Weltmeister werden. Aber wir wollen uns während des Turniers so weiterentwickeln, dass wir eine realistische Chance auf den Titel haben.

Dein SPIEGEL: Du spielst im zentralen Mittelfeld, dort habt ihr sehr viel starke Spieler wie zum Beispiel Joshua Kimmich oder İlkay Gündoğan. Hast du Angst, dass du nicht spielen darfst?

Goretzka: Nein, gar nicht. Es ist ein Erfolg, bei so einem Turnier überhaupt dabei sein zu dürfen. Und natürlich habe ich das Selbstvertrauen zu sagen, dass ich der Mannschaft auf dem Platz helfen kann, wenn ich topfit bin.

Dein SPIEGEL: Die Fußball-WM in Katar
Foto: Dein SPIEGEL

»Hast du mal daran gedacht, die WM zu boykottieren?« Das ist eine der Fragen, die zwei Kinderreporter von »Dein SPIEGEL« dem Fußballnationalspieler Leon Goretzka vor dem Turnierstart in Katar stellten. Goretzka sprach mit ihnen auch über die Chancen der Nationalelf und die zunehmende Belastung für die Spieler. Warum Katar die Weltmeisterschaft ausrichten darf, obwohl das Land die Menschenrechte verletzt, erklärt ein weiterer Text. Das Kinder-Nachrichtenmagazin »Dein SPIEGEL« gibt es am Kiosk. Eltern können das Heft auch online kaufen:

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Dein SPIEGEL: Die WM in Katar ist sehr umstritten, weil das Land gegen die Menschenrechte verstößt. Mit welchem Gefühl fährst du dorthin?

Goretzka: Es ist ein schwieriges Unterfangen für uns. Wir haben den Anspruch, dass ein Gastgeberland die gleichen Werte vertritt wie wir, dass es sich wie wir für die Menschenrechte starkmacht. Sportlich ist das Turnier ein absolutes Highlight, aber die Rahmenbedingungen sind natürlich alles andere als einfach.

Dein SPIEGEL: Hast du mal daran gedacht, die WM zu boykottieren, also aus Protest nicht hinzufahren?

Goretzka: Ich finde, dass wir in Deutschland ein großes Privileg haben, kritisch auf ein Land wie Katar blicken zu können. Eben weil in Deutschland die Menschenrechte gelten. Indem wir nach Katar fahren, können wir darauf aufmerksam machen, für welche Werte wir stehen. Wir können auf und neben dem Platz für Respekt und Haltung werben.

Dein SPIEGEL: Bei einem EM-Spiel in Ungarn hast du 2021 ein Tor geschossen und danach mit deinen Händen ein Herz geformt. Das war damals ein Zeichen gegen Homophobie. Planst du so was auch in Katar wieder?

Goretzka: Das war damals gar nicht großartig geplant, sondern entstand eher aus dem Bauch heraus. Aber die Geste hat eine enorme Strahlkraft entwickelt. Für mich ist so was selbstverständlich. Ich bin absolut gegen Homophobie. Und wenn sich jemand homophob verhält, dann mache ich das eben deutlich. Wir werden uns etwas einfallen lassen, wie wir auch in Katar Zeichen für unsere Werte und die Menschenrechte setzen können.

Vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen Island im März trug die deutsche Nationalmannschaft T-Shirts mit Buchstaben, die die Wörter »Human Rights« (Menschenrechte) ergaben. Damit wollten die Spieler auf die schlechte Menschenrechtssituation in Katar aufmerksam machen

Vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen Island im März trug die deutsche Nationalmannschaft T-Shirts mit Buchstaben, die die Wörter »Human Rights« (Menschenrechte) ergaben. Damit wollten die Spieler auf die schlechte Menschenrechtssituation in Katar aufmerksam machen

Foto: Tobias Schwarz / dpa

Dein SPIEGEL: Die WM in Katar steht auch deshalb in der Kritik, weil extra für das Turnier viele Stadien und Hotels neu gebaut wurden, die danach wohl niemand mehr braucht. Wie wichtig ist dir das Thema Nachhaltigkeit?

Goretzka: Das ist eines der wichtigsten Themen unserer Zeit, nicht nur bei der WM. So ein Turnier ist leider nicht klimafreundlich, da müssen wir uns nichts vormachen. Deshalb muss man das im Auge behalten und in Zukunft besser machen.

Dein SPIEGEL: Besser machen könnte es der Weltfußballverband Fifa, der ja die Weltmeisterschaften vergibt. Was hältst du von der Fifa?

Goretzka: Bei der Fifa ist in den letzten Jahren einiges falsch gelaufen. Die WM in Katar wurde 2010 vergeben, da war ich 15 Jahre alt und habe mich überhaupt nicht mit dem Thema beschäftigt. Jetzt ist das anders. Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass globale Veranstaltungen nur an Länder vergeben werden, die sich an die Menschenrechte halten.

Nach dem Interview, das an der Säbener Straße in München stattfand, ging es für Leon Goretzka und die Kinderreporter Franzi und Jannick aufs Spielfeld

Nach dem Interview, das an der Säbener Straße in München stattfand, ging es für Leon Goretzka und die Kinderreporter Franzi und Jannick aufs Spielfeld

Foto: Marco Fischer / Dein SPIEGEL

Dein SPIEGEL: Du warst in den vergangenen zwei Jahren immer wieder verletzt, zuletzt am Knie. Wie schaffst du es, dich nach solchen Pausen wieder aufzurappeln?

Goretzka: Jede Verletzungspause ist eine enorm anstrengende Zeit. Wenn man operiert wird und dann erst mal rumliegt, kommt man schon ins Grübeln. Vor 20, 30 Jahren bedeutete eine Knieverletzung oft das Karriere-Ende, heute ist die Medizin viel weiter, darüber bin ich sehr froh. Aber dennoch braucht man ein gutes Umfeld, das einem Mut macht.

Dein SPIEGEL: Hattest du während einer Verletzungspause schon mal keine Lust mehr auf Fußball?

Goretzka: Ich erlaube mir immer, einen Tag lang traurig zu sein. Wenn du nicht machen kannst, was du liebst, dann ist das sehr frustrierend. Aber nach diesem einen Tag stecke ich meine ganze Kraft rein, um schnell wieder gesund auf dem Platz zu stehen.

Dein SPIEGEL: Viele Experten sagen, dass die Verletzungen auch daher kommen, dass ihr so viele Spiele habt. In diesem Jahr fällt wegen der WM auch die Winterpause beinahe aus.

Goretzka: Die Verletzungen kommen nicht von ungefähr. Die Belastung ist in der Tat grenzwertig. Und die WM wird dieses Problem noch vergrößern, da sie mitten in der Saison stattfindet. Normalerweise bereiten wir uns vier Wochen auf so ein Turnier vor, dieses Jahr nur eine. Wir Spieler sehen das sehr kritisch, aber wir können es bei dieser WM nicht mehr ändern.

Dein SPIEGEL: Du spielst ja bei Bayern und hast sehr viele Fans, die zu Spielen und Trainings kommen. Was war dein lustigster Moment mit einem Fan?

Goretzka: Ich habe in einem Interview mal erzählt, dass ich Kinder-Schokolade mag. Und daraufhin hat mir ein Fan jede Woche eine Packung geschenkt. Das war natürlich sehr lieb gemeint, aber so viel Schokolade kann ich als Sportler ganz sicher nicht essen (lacht).

Dein SPIEGEL: Profi-Fußballer ist ein Vollzeitjob, trotzdem hast du 2014 dein Abitur geschrieben. Wie hast du das geschafft?

Goretzka: Das war eine sehr intensive Zeit. Ich habe damals bei Schalke 04 gespielt, auch unter der Woche in der Champions League. Ich habe sehr viele Schulstunden verpasst. Die Schule und der Verein haben mich aber super unterstützt, zum Beispiel mit Nachhilfeunterricht, damit ich den verpassten Stoff nachholen konnte. Das waren lange Tage, die ich gut planen musste. Ich bin um sechs Uhr aufgestanden, und dann war volles Programm, bis ich um 22 Uhr ins Bett gefallen bin. Aber die Stunden haben sich am Ende gelohnt, und ich hatte das Abitur in der Tasche.

Dein SPIEGEL: Was wärst du denn geworden, wenn es nicht zum Profifußballer gereicht hätte?

Goretzka: Puh, das ist eine echt schwierige Frage. Vielleicht hätte ich Jura studiert. Anwalt zu sein stelle ich mir sehr spannend vor.

Dein SPIEGEL: Was ist der wichtigste Gegenstand, den du nach Katar mitnimmst?

Goretzka: Mein Smartphone und mein Tablet, damit ich mit meiner Familie in Kontakt bleiben kann. Und natürlich gute Kopfhörer, um auch mal abschalten zu können.

Dieses Interview erschien in »Dein SPIEGEL 12/2022.

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