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Besuch im Rhino-Waisenhaus Hilfe für Hörnchen

Das Horn von Nashörnern wird teuer verkauft, daher töten Wilderer in Namibia die Tiere. Annette Oelofse kümmert sich um Nashornbabys, die deshalb ihre Eltern verloren haben.
Von Annika Brohm

Annette Oelofse, 60, verstaut einen Kanister nach dem anderen in ihrem Geländewagen. Sie sind bis zum Nuckelverschluss mit Milch gefüllt – wie Babyfläschchen im Großformat. Dann tritt Annette aufs Gas. Ihr jüngstes Waisenkind wartet bereits auf sie. Als Annette am Gehege ankommt und das Nashornjunge ihre Stimme hört, spitzt es seine Ohren und tritt näher an den Zaun. Mwezi ist ein Spitzmaulnashorn. Sie ist erst wenige Monate alt und doch schon größer als ein ausgewachsenes Shetlandpony.

Nur noch wenig erinnert an das magere Nashornkalb, das Annette zwei Monate zuvor in ihre Obhut genommen hat. »Sie hat sich toll entwickelt«, sagt die Farmerin. Damit das so bleibt, hievt sie mehrere Kanister in Mwezis Gehege. Es ist Fütterzeit im Nashorn-Waisenhaus im Okonjati-Wildreservat. Das Schutzgebiet im Norden Namibias ist das Zuhause von Annettes Familie und mehr als 8000 Wildtieren.

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Nirgendwo auf der Welt leben mehr Spitzmaulnashörner als in Namibia. Auch ihre nächsten Verwandten, die Breitmaulnashörner, sind in dem Land heimisch. Natürliche Feinde haben sie nicht. Trotzdem müssen die Tiere geschützt werden. Wilderer machen seit Jahrzehnten Jagd auf sie. Das Horn der Tiere verkaufen sie auf dem Schwarzmarkt zu hohen Preisen. Vor allem in Asien ist es als traditionelles Heilmittel und Statussymbol beliebt. Dabei besteht es lediglich aus Keratin. So wie Haare oder Fingernägel auch. »Für ein bisschen Staub nehmen Menschen den Nashörnern das Leben«, sagt Annette.

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So werden die Nashorn-Waisen auf die Wildnis vorbereitet

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Wenn Nashörner gewildert werden und ihre Kälber zurückbleiben, rufen Farmer bei Annette an. Sie nimmt die Tiere auf, zieht sie mit der Flasche groß und entlässt sie später wieder in die Wildnis. »Jedes Nashorn ist anders«, sagt Annette, »ein Handbuch für die Aufzucht gibt es leider nicht.« Einen Grundsatz verfolgt sie bei jedem Tier: Sie sollen möglichst wenig Kontakt zu Menschen haben. »Wenn sie zu zutraulich werden, könnten sie später ein leichtes Ziel für Wilderer sein«, erklärt sie. An Annette und ihre Familie sind die Nashörner aber gewöhnt. Nachdem Mwezi ihre Flaschen geleert hat, streichelt Annette ihre raue Haut.

Um fünf Waisen kümmert sich Annette aktuell. Mehr als je zuvor. Die älteren Nashörner leben in einem weitläufigen Areal. Sie sollen sich langsam an die Wildnis gewöhnen. »Man weiß nie, wo sie sich gerade aufhalten«, sagt Annette. Eine knappe halbe Stunde fährt sie durch das Reservat und sucht nach ihnen. Im Schatten dichter Büsche entdeckt sie die Nashörner. Das kleinste von ihnen trottet zielstrebig zum Auto. Es ist Malaika, elf Monate alt, ein Breitmaulnashorn. Annette füttert die Tiere vom Fahrersitz aus mit Milch. Auch Malaika kam ins Waisenhaus, weil Wilderer ihre Mutter getötet haben. Im Reservat leisten ihr zwei ältere Nashornbullen Gesellschaft. »Sie sollen ihr beibringen, wie man sich als Nashorn verhält«, sagt Annette.

Weltweit suchen Forschende nach Lösungen, um der Wilderei ein Ende zu setzen. In Südafrika beispielsweise testen sie eine radioaktive Spritze für Nashörner. Die Idee: Wenn man ihnen eine winzige Menge radioaktive Flüssigkeit in die Hörner spritzt, dann könnte man Schmuggler leichter aufspüren. Zum Beispiel bei Kontrollen am Flughafen. Manche Artenschützer sägen den Nashörnern vorsorglich das Horn ab.

Annette befürwortet einen umstrittenen Ansatz: Sie setzt sich dafür ein, dass der Handel mit dem Horn erlaubt wird. »Die Regierungen haben im Laufe der Jahre tonnenweise Horn beschlagnahmt«, sagt sie. Sie glaubt, dass man die Nachfrage damit für mehrere Jahre stillen könnte. »Das würde uns Zeit verschaffen, um über weitere Schritte nachzudenken.« Und Zeit sei genau das, was die Art am dringendsten braucht. Annette befürchtet, dass es Nashörner bald nur noch in Zoos und Tierparks geben wird.

Wenn eine Art wie das Nashorn verschwindet, wirkt sich das auf das gesamte Ökosystem aus. Fachleute betrachten die Tiere als eine »Regenschirm-Art«. Mit ihrem Verhalten schaffen sie die Lebensgrundlage für andere Bewohner des Ökosystems. Dazu zählen beispielsweise kleine Säugetiere, die auf den Trampelpfaden der Nashörner wandern. Oder auch Insekten, die sich in ihrem Kot vermehren. »Wir Menschen brauchen die Natur«, sagt Annette. »Wir müssen alles tun, um sie und ihre Bewohner zu retten.«

Noch lange nach Malaikas Fütterung sitzt Annette im Auto und beobachtet die Nashörner. Stundenlang könnte sie das machen, sagt sie. In der Ferne hört man Löwen grollen, zwischendurch jaulen Schakale. Die Nashörner lassen sich davon nicht stören. Sie grasen weiter Seite an Seite. Die beiden älteren Bullen will Annette bald auswildern. Die täglichen Milchkanister brauchen sie schon lange nicht mehr. »Ich kümmere mich gern um die Waisen«, sagt Annette. »Der schönste Moment für mich ist aber, wenn ich sie in die Freiheit entlassen kann. Dort können sie ganz normale Nashörner sein.«

Diese Artikel erschien in »Dein SPIEGEL« 08/2022.

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