Foto:

Ständige Vertretung Brüssel NATO

Ständiger Vertreter Deutschlands bei der Nato »Wir wollen keinesfalls, dass die Nato sich aktiv an diesem Krieg beteiligt«

Rüdiger König arbeitet als Diplomat bei der Nato. Mit den Kinderreportern von »Dein SPIEGEL« sprach er über die Rolle des Verteidigungsbündnisses im Krieg in der Ukraine und über den Beitritt Finnlands und Schwedens.
Redaktionelle Begleitung: Claudia Beckschebe

Dein SPIEGEL: Sie sind »Ständiger Vertreter Deutschlands bei der Nato«. Was machen Sie da?

König: Vor allem reden und beraten. Ich habe jeden Tag viele Besprechungen mit meinem Team. Dabei versuchen wir, Deutschlands Meinung zu Nato-Themen festzulegen.

Dein SPIEGEL: Was dürfen Sie entscheiden?

König: In der deutschen Vertretung hier arbeiten etwa 60 Kolleginnen und Kollegen. Ich leite das Team. Manches entscheide ich allein – zum Beispiel wer wann eine Dienstreise macht. Aber in wichtigen politischen Fragen darf ich nicht selbstständig Entscheidungen fällen. Ich stimme mich mit Berlin ab.

Rüdiger König (links) arbeitet eng mit Außenministerin Annalena Baerbock (Mitte) und Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (rechts) zusammen

Rüdiger König (links) arbeitet eng mit Außenministerin Annalena Baerbock (Mitte) und Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (rechts) zusammen

Foto: Bernd von Jutrczenka / picture alliance / dpa

Dein SPIEGEL: Wer ist in Berlin Ihre Chefin oder Ihr Chef?

König: Kanzler Olaf Scholz und die Außenministerin Annalena Baerbock.

Dein SPIEGEL: Haben Sie auch manchmal eine andere Meinung als die?

König: Natürlich, und ich sage sie auch. Aber die abschließende Weisung, also »das letzte Wort«, kommt von der Bundesregierung. Deren Entscheidung vertrete ich hier in der Nato – das ist mein Job.

Das musst du über die Nato wissen

Dein SPIEGEL: Hat sich Ihre Arbeit seit dem 24. Februar, dem Angriff auf die Ukraine, verändert?

König: Ja, sehr. Das war ein einschneidendes Ereignis. Bundeskanzler Scholz hat ein treffendes Wort dafür gefunden: Zeitenwende. Wir hatten Frieden, und jetzt erleben wir plötzlich, dass ein Staat einen anderen Staat überfällt, einfach so, in Europa. Das hätten wir nie gedacht. In der Nato besprechen wir fast täglich, wie wir mit diesem Angriff umgehen wollen.

Dein SPIEGEL: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat mehrfach um Hilfe der Nato gebeten.

König: Die Ukraine ist kein Nato-Mitglied. Es gibt also keinen »Bündnisfall«, der bedeuten würde, dass wir alle zusammen der Ukraine helfen, sich zu verteidigen. Wir wollen auch keinesfalls, dass die Nato sich aktiv an diesem Krieg beteiligt.

Dein SPIEGEL: Die Fußball-WM in Katar
Foto: Dein SPIEGEL

»Hast du mal daran gedacht, die WM zu boykottieren?« Das ist eine der Fragen, die zwei Kinderreporter von »Dein SPIEGEL« dem Fußballnationalspieler Leon Goretzka vor dem Turnierstart in Katar stellten. Goretzka sprach mit ihnen auch über die Chancen der Nationalelf und die zunehmende Belastung für die Spieler. Warum Katar die Weltmeisterschaft ausrichten darf, obwohl das Land die Menschenrechte verletzt, erklärt ein weiterer Text. Das Kinder-Nachrichtenmagazin »Dein SPIEGEL« gibt es am Kiosk. Eltern können das Heft auch online kaufen:

Bei Amazon bestellen 

Bei meine-zeitschrift.de bestellen 

Dein SPIEGEL: Warum sollte sich die Nato nicht aktiv beteiligen?

König: Das würde einen sehr großen Krieg bedeuten, in den plötzlich 30 weitere Länder verwickelt wären. Das will niemand.

Dein SPIEGEL: Wie hilft man der Ukraine dann?

König: Natürlich können wir nicht einfach akzeptieren, dass ein europäisches Land überfallen wird. Deshalb sagen wir öffentlich – zum Beispiel bei Treffen der Vereinten Nationen –, dass Russland mit dem Angriff Völkerrecht gebrochen hat. Wir benennen also ganz klar den Täter. Wir schicken auch Waffen und Geld in die Ukraine – nicht gemeinsam, als Nato –, aber viele einzelne Länder machen das. Außerdem hat die Europäische Union Sanktionen gegen Russland verhängt, also Strafen. Russische Banken dürfen zum Beispiel nicht mehr auf europäisches Geld zugreifen, viele russische Produkte dürfen nicht mehr in die EU verkauft werden.

Dein SPIEGEL: Wie könnte ein Frieden nach dem Krieg in der Ukraine aussehen?

König: Es ist sehr schwer, das zu beantworten, denn im Moment bewegt sich bei Verhandlungen nichts. Die Ukraine fordert zu Recht, dass die Russen sich zurückziehen und die ukrainischen Gebiete zurückgeben, die sie besetzt haben. Das sind Regionen im Osten des Landes und auch die Krim, eine ukrainische Halbinsel, die Russland schon 2014 unter seine Kontrolle gebracht hat. Auf der anderen Seite will Russland diese Gebiete nicht wieder hergeben. Wladimir Putin will außerdem, dass die ukrainische Regierung abgeschafft wird und künftig jemand das Land regiert, der von ihm kontrolliert werden kann. Diese verschiedenen Positionen sind nicht vereinbar.

Vor dem Nato-Hauptquartier in Brüssel wehen die Flaggen aller Mitgliedsländer. Bald kommen zwei weitere hinzu: die von Finnland und von Schweden.

Vor dem Nato-Hauptquartier in Brüssel wehen die Flaggen aller Mitgliedsländer. Bald kommen zwei weitere hinzu: die von Finnland und von Schweden.

Foto: Olivier Matthys / AP / picture alliance / dpa

Dein SPIEGEL: Nach dem Angriff auf die Ukraine haben auch Finnland und Schweden gesagt, dass sie in die Nato wollen. Warum haben sie bisher nicht mitgemacht?

König: Die beiden Länder waren viele Jahre der Ansicht, dass sie sich besser allein verteidigen können, und wollten sich auf keine Seite stellen.

Dein SPIEGEL: Warum wollen sie jetzt in die Nato?

König: Der Überfall auf die Ukraine hat bei den Menschen in Finnland und Schweden zum Umdenken geführt. Sie glauben nun, dass ihr Schutz und ihre Sicherheit in einer starken Gemeinschaft wie der Nato besser gewährleistet sind.

Osterweiterung: Alle Nato-Mitglieder Europas sind auf dieser Karte farbig markiert. Man erkennt: Über die Jahre sind immer mehr Länder im Osten Europas dazugekommen. Demnächst werden auch Finnland und Schweden Mitglieder der Nato. Finnland hat eine lange Grenze mit Russland (grau markiert). Die wichtigen Nato-Länder USA und Kanada sind hier nicht zu sehen, denn sie befinden sich auf der anderen Seite des Atlantiks.

Osterweiterung: Alle Nato-Mitglieder Europas sind auf dieser Karte farbig markiert. Man erkennt: Über die Jahre sind immer mehr Länder im Osten Europas dazugekommen. Demnächst werden auch Finnland und Schweden Mitglieder der Nato. Finnland hat eine lange Grenze mit Russland (grau markiert). Die wichtigen Nato-Länder USA und Kanada sind hier nicht zu sehen, denn sie befinden sich auf der anderen Seite des Atlantiks.

Foto: Dein SPIEGEL

Dein SPIEGEL: Der russische Präsident Wladimir Putin ist seit vielen Jahren gegen die Erweiterungen der Nato Richtung Osten. Er wollte nicht, dass so viele Länder, die früher zur Sowjetunion gehörten oder ihr nahestanden, in der Nato mitmachen. Trotzdem sind immer mehr Länder im Osten und Südosten Europas beigetreten. Putin sagt, dass Russland dadurch bedroht wird. Können Sie das nachvollziehen?

König: Nein, das kann ich nicht. Zum einen darf jedes Land selbst entscheiden, mit wem es zusammenarbeiten will. Das nennt man Bündnisfreiheit. Sie ist ein ganz wichtiger Grundsatz der internationalen Politik. Wladimir Putin hat kein Recht, einzufordern, dass Länder, die einst der Sowjetunion nahestanden, erst Russlands Erlaubnis erbitten. So funktioniert die Welt nicht. Zum anderen ist die Nato ein Verteidigungsbündnis. Wir haben uns zusammengeschlossen, um uns gegen mögliche Angriffe zu verteidigen – nicht, um irgendwo einzumarschieren.

Die Kinderreporter
Foto: Privat

Emma, 11, und Carlo, 13, wohnen in der belgischen Hauptstadt Brüssel. Sie kennen sich schon seit dem Kindergarten. Emma geht in die siebte, Carlo in die achte Klasse. In Brüssel arbeiten und wohnen Menschen aus zahlreichen verschiedenen Ländern, denn viele internationale Institutionen sitzen hier. Auch das Hauptquartier der Nato, wo Rüdiger König sein Büro hat, befindet sich in Brüssel.

Foto: Privat

Die Europäische Schule, auf die Emma und Carlo gehen, hat Schülerinnen und Schüler, deren Eltern zum Beispiel aus Spanien, Polen, Frankreich oder Ungarn stammen. Deswegen sprechen Carlo und Emma mit manchen ihrer Freunde nicht Deutsch, sondern Englisch und Französisch.

Dein SPIEGEL: Was sagt Putin dazu, dass bald auch Finnland und Schweden in der Nato mitmachen?

König: Einerseits behauptet er, das würde ihn gar nicht interessieren. Andererseits droht er den Ländern indirekt. Er sagte sinngemäß: »Wenn ihr meint, dass ihr euch jetzt der Nato anschließen wollt, dann bitte. Doch dann muss ich natürlich nachziehen und werde die russischen Grenzen in eure Richtung sichern.« Dabei weiß er ganz genau, dass es seine Handlungen waren, die dazu geführt haben, dass Finnland und Schweden in die Nato wollten.

Dein SPIEGEL: Aber wenn die Nato immer größer wird, könnte Putin sich doch immer mehr bedroht fühlen und vielleicht einen Atomkrieg starten!

König: Das ist nicht wahrscheinlich. Wladimir Putin hat vor Kurzem gesagt: »Ein Atomkrieg ist nicht zu gewinnen.« Da kann ich ihm nur recht geben. Daneben würde ich gern nochmals unterstreichen: Länder entscheiden sich nicht, der Nato beizutreten, um Russland zu ärgern, sondern weil sie sich von Russland bedroht fühlen. Daran könnte Putin sofort etwas ändern.

Dieses Interview erschien in »Dein SPIEGEL« 10/2022.

Dein SPIEGEL – Das Nachrichten-Magazin für Kinder
Foto: Dein SPIEGEL

Liebe Eltern,

Kinder wollen die Welt verstehen. Sie interessieren sich für Natur, Menschen und Technik. Sie stellen Fragen. Und sie geben sich nicht mit den erstbesten Antworten zufrieden. Darum gibt der SPIEGEL für junge Leserinnen und Leser ab acht Jahren ein eigenes Nachrichtenmagazin heraus.

»Dein SPIEGEL« erscheint jeden Monat neu und bietet spannende, verständlich geschriebene Geschichten aus aller Welt, Interviews und News aus Politik und Gesellschaft. Für noch mehr Spaß sorgen Comics, Rätsel und kreative Ideen zum Mitmachen.

Informationen und Angebote
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.