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Die NFL zu Gast in München Der Hype ums Ei

American Football wird in Deutschland immer beliebter. Nun trägt die nordamerikanische Profiliga sogar ein Spiel in München aus. Auch der beste Spieler aller Zeiten wird dabei sein. Woher kommt die plötzliche Begeisterung?
Von Jonas Kraus

Normalerweise spielen in der Münchner Allianz Arena die Fußballer des FC Bayern gegen ihre Gegner. Die Fans feuern Spieler wie Joshua Kimmich an oder freuen sich, wenn Sadio Mané ein Tor schießt.

Am 13. November aber wird alles anders sein. Die Tore müssen runter vom Spielfeld, es gibt keinen Strafraum, keinen Mittelkreis. An diesem Tag gehört das Münchner Fußballstadion den American-Football-Stars der reichsten Sportliga der Welt, der National Football League (NFL). Zum ersten Mal in der Geschichte steigt ein Spiel der nordamerikanischen Liga in Deutschland. Die Tampa Bay Buccaneers treffen auf die Seattle Seahawks. Und die Begeisterung im Vorfeld ist riesig. Rund drei Millionen Menschen wollten ein Ticket für das Spiel – aber nur 70.000 passen ins Stadion.

»Football ist in Deutschland so beliebt wie noch nie«, sagt der Football-Experte Patrick Esume. Er hat früher selbst gespielt, wurde dann Trainer, arbeitet als TV-Experte und hat ein Buch über seinen Lieblingssport geschrieben. Patrick glaubt zu wissen, warum die Menschen hierzulande so verrückt sind nach Football. »Da ist viel erlaubt, was man gerne machen würde, was aber verboten ist: Schubsen, Festhalten, Rangeln. So was zu sehen macht doch Spaß«, sagt Patrick. Gerade für Menschen, die mit Fußball nicht so viel anfangen können, sei American Football sehr interessant, glaubt er.

Seit einigen Jahren gibt es NFL-Spiele in Deutschland im Fernsehen zu sehen. Viele Menschen schalten ein. Experten glauben, American Football könnte bei den Jüngeren nach Fußball der beliebteste TV-Sport in Deutschland werden. Die NFL hat erkannt, wie viele Football-Fans es in Deutschland gibt. Deshalb kommt die Liga nach Deutschland, sie will die Begeisterung weiter steigern – und natürlich Geld verdienen.

Dein SPIEGEL: Die Fußball-WM in Katar
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»Hast du mal daran gedacht, die WM zu boykottieren?« Das ist eine der Fragen, die zwei Kinderreporter von »Dein SPIEGEL« dem Fußballnationalspieler Leon Goretzka vor dem Turnierstart in Katar stellten. Goretzka sprach mit ihnen auch über die Chancen der Nationalelf und die zunehmende Belastung für die Spieler. Warum Katar die Weltmeisterschaft ausrichten darf, obwohl das Land die Menschenrechte verletzt, erklärt ein weiterer Text. Das Kinder-Nachrichtenmagazin »Dein SPIEGEL« gibt es am Kiosk. Eltern können das Heft auch online kaufen:

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Dass die Sportart in Deutschland gerade so einen Hype erfährt, überrascht aber selbst Patrick ein wenig. Denn Football sei schon etwas mehr als Schubsen, Rangeln und Festhalten. »Das Ganze kann irre kompliziert werden«, sagt er. Die Grundregeln sind zwar relativ simpel. Doch wie genau der Ball seinen Weg in die Endzone findet, ist nicht immer ganz einfach nachzuvollziehen. Die Spieler lernen beispielsweise etwa hundert Spielzüge auswendig. Diese müssen sie auf dem Feld genaustens befolgen. Ein falscher Lauf, und der ganze Angriff scheitert.

Patrick nennt Football deshalb »Schach mit Menschen«. Die wichtigste Rolle kommt dabei dem Quarterback zu. Er verteilt den Ball, er bestimmt, was passiert. »Ohne einen starken Quarterback geht beim Football gar nichts«, sagt Patrick. Als bester Quarterback, sogar als bester Footballspieler aller Zeiten, gilt Tom Brady. Mit seinen 45 Jahren ist er für einen Sportler ziemlich alt, trotzdem wirft er immer noch präziser als die meisten anderen Spieler. Siebenmal hat er den Super Bowl gewonnen, das Finale der NFL. Rekord. Derzeit spielt Brady für die Tampa Bay Buccaneers, kommt also im November nach Deutschland. »Das ist natürlich der Wahnsinn für die Fans, diese Legende im Stadion zu sehen«, sagt Patrick.

Bald in München zu sehen: Superstar Tom Brady

Bald in München zu sehen: Superstar Tom Brady

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Neben dem Quarterback gibt es noch viele weitere wichtige Positionen. Und alle unterscheiden sich stark: Die Running Backs zum Beispiel haben die Aufgabe, mit dem Ball zu laufen. Sie sind eher klein und wendig. Es gibt aber auch sehr große und schwere Spieler, deren Aufgabe es ist, den Quarterback zu schützen. Sie wiegen oft mehr als 150 Kilogramm. »Das ist das Schöne: Jeder kann Footballspieler werden«, sagt Patrick.

Für die Zuschauerinnen und Zuschauer ist Football mit den ganzen verschiedenen Positionen und Spielzügen nicht immer einfach zu verstehen. »Wer noch nie ein Spiel gesehen hat, der sollte zusammen mit jemandem gucken, der sich schon ein wenig auskennt«, rät Patrick.

So funktioniert American Football
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Ein Spiel im nordamerikanischen Profi-Football dauert 60 Minuten, aufgeteilt in vier Viertel. Je elf Spieler stehen sich auf dem Feld gegenüber. Die eine Mannschaft greift an, die andere verteidigt. Das Ziel der Angreifer ist es, den eiförmigen Ball in die gegnerische Endzone zu bringen. Das wollen die Verteidiger verhindern. Die angreifende Mannschaft hat immer vier Versuche, um zehn Yards (9,144 Meter) nach vorne zu kommen. Schafft sie das nicht, bekommen die Gegner den Ball. Das Spiel wird dabei nach jedem Versuch unterbrochen, und die Mannschaften stellen sich neu auf. Das führt dazu, dass Spiele oft drei Stunden dauern. Punkte gibt es unter anderem für einen Touchdown – also dafür, dass der Ball in die Endzone getragen oder gepasst und gefangen wird. Man kann aber auch Punkte mit einem Field Goal erzielen, indem man den Ball zwischen den Pfosten über die Torlatte kickt.

Neben der komplexen Taktik gibt es einen weiteren Grund, der einige Zuschauer abschreckt: Vielen ist der Sport zu brutal. Immer wieder verletzen sich Spieler schwer, brechen sich Knochen, reißen sich Bänder. »Ja, Football kann brutal sein«, gibt Patrick zu. »Es ist ein Kollisions-Sport.« Er sagt, Verletzungen gehörten da leider dazu, auch er selbst hat sich oft was gebrochen. Aber die Spieler seien auch nicht schutzlos. Helme zum Beispiel sind Pflicht. Trotzdem tragen viele Spieler dauerhafte Gehirnschäden davon – wegen des häufigen Aufeinanderprallens.

Kinder könnten den Sport dennoch ausprobieren, meint Patrick. Und zwar ohne die Gefahr, sich schwer zu verletzen. Denn in der Jugend wird häufig Flag Football gespielt. Körperkontakt ist dabei verboten, die Spielerinnen und Spieler haben Flaggen am Gürtel. Wenn der Gegner diese Flagge abreißt, wird das Spiel an der Stelle gestoppt.

Das Geschäft mit dem Football
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Die National Football League (NFL) in den USA ist die wirtschaftlich erfolgreichste Sportliga der Welt. In der vergangenen Saison erzielte sie mit mehr als 15 Milliarden Euro in etwa so viel Umsatz wie die fünf größten europäischen Profiligen im Fußball zusammen. Rund 6,5 Millionen Dollar (damals umgerechnet ca. 5,7 Millionen Euro) kostete ein 30-Sekunden-Werbespot beim vergangenen Saison-Finale. Für das billigste Ticket musste man umgerechnet mehr als 500 Euro bezahlen.

In den USA gehen auch viele Leute ins Stadion, die mit dem Sport gar nichts anfangen können. Auch abseits des Spielfelds wird viel geboten. »American Football ist ein Spektakel«, sagt Patrick. Oft donnern Militärflugzeuge vor dem Start übers Stadion. Bekannte Musikerinnen und Musiker treten auf, Cheerleader tanzen. Am Tag des Super Bowls sitzt fast das ganze Land vor dem Fernseher.

So weit ist der Sport in Deutschland noch längst nicht. Und am 13. November werden auch keine Luftwaffenjets über die Allianz Arena fliegen. Aber mit ein bisschen Spektakel ist schon zu rechnen.

Dieser Artikel erschien in »Dein SPIEGEL« 10/2022.

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