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Skispringen Warum die Vierschanzentournee so besonders ist

Für manche Skispringer ist sie wichtiger als die Olympischen Spiele: Der ehemalige Profi Sven Hannawald erklärt, warum es keinen härten Wettkampf als die Vierschanzentournee gibt.
Von Jonas Kraus

Skispringer stürzen sich mit rund 90 Stundenkilometern die Sprungschanze runter, sie haben nur den Bruchteil einer Sekunde Zeit, um den Absprung zu treffen. Dann fliegen sie von der Großschanze deutlich weiter als 100 Meter und müssen perfekt landen. Schon diese komplizierte Bewegungsabfolge macht das Skispringen zu einer außergewöhnlichen Sportart.

Um zu verstehen, warum die Vierschanzentournee so besonders ist, muss man aber auch in die Vergangenheit blicken. Weit in die Vergangenheit. Ins Jahr 1949. Der Zweite Weltkrieg war damals erst seit vier Jahren vorbei, die Bundesrepublik Deutschland gerade mal ein paar Monate alt.

Damals kamen deutsche und österreichische Skisprungfans auf die Idee, einen länderübergreifenden Wettbewerb zu starten. Zwei Springen in Deutschland, zwei in Österreich. Aber kurz nach dem Zweiten Weltkrieg durften deutsche Athleten noch nicht im Ausland starten. Deshalb verzögerte sich der Beginn, und die erste Vierschanzentournee startete erst 1953.

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Einiges hat sich in den rund 70 Jahren verändert. Die Springer tragen nun Helme, die Schanzen sind größer, die Anzüge aus hautengem Kunststoff. »Vieles ist aber gleich geblieben, und das macht die Tournee so besonders«, sagt Sven Hannawald. Der heute 48-Jährige hat als bislang letzter deutscher Springer die Tournee gewonnen, 2001/02 war das.

Mehr als fünf Millionen schalteten bei der vergangenen Tournee ein

Er liebt die Beständigkeit des Skisprung-Events. Während sich die ganze Welt rasend schnell verändere, bleibe sich die Tournee treu. »Die Tournee war ein Highlight in den Familien«, sagt er. »Über Generationen hat meist der Opa den Fernseher angemacht, und dann war klar, dass jetzt die Tournee geschaut wird.«

Die Tournee beginnt seit 1972 immer nach Weihnachten in Oberstdorf im Allgäu. Danach reisen die Athleten weiter nach Garmisch-Partenkirchen, springen am Neujahrstag. Dann wechseln die Springer nach Österreich, Innsbruck ist die dritte Station, ehe am Dreikönigstag in Bischofshofen der Tourneesieger gekürt wird. Bei jedem Springen werden Punkte vergeben. Wer nach vier Springen die meisten Punkte hat, bekommt den goldenen Adler für den Gesamtsieg.

In der Zeit der Vierschanzentournee ist die Fußball-Bundesliga in der Winterpause, der Biathlon-Weltcup geht erst am 5. Januar weiter. So pilgern jedes Jahr Zehntausende Menschen an die Schanzen – und noch viel mehr versammeln sich vor dem Fernseher. Bei der vergangenen Tournee schalteten mehr als fünf Millionen Zuschauer ein.

Doch sosehr Sven über die Tournee schwärmt, er sagt auch: »Es gibt keinen härteren Wettbewerb.« Ist das eine Springen vorbei, geht es ins Auto oder in den Bus und ab zum nächsten Ort. Pause? Fehlanzeige. »Ich habe als Springer vor Erschöpfung am Tag ein wenig geschlafen und bin deswegen in der Nacht wach gelegen und habe gegrübelt«, erinnert sich Sven, der heute als Skisprung-Experte fürs Fernsehen arbeitet.

2001/02 gewann Sven Hannawald als bislang letzter deutscher Springer die Tournee

2001/02 gewann Sven Hannawald als bislang letzter deutscher Springer die Tournee

Foto: Pressefoto Ulmer / picture alliance / dpa

Zur körperlichen Belastung komme der Druck dazu, sagt Sven. Als er 2001 als Führender der Tournee in Bischofshofen antrat, habe ganz Sport-Deutschland von ihm den Gesamtsieg erwartet. »Das war eine besondere Situation«, sagt er. Sven hielt dem Druck damals stand. Als erster Springer entschied er auch alle vier Einzelspringen für sich und holte den sogenannten Grand Slam. »Das war das Größte für mich«, sagt Sven.

Für ihn ist die Tournee wichtiger als Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele. »Da entscheidet sich der Sieg immer an einem Tag, da gibt es auch mal glückliche Gewinner«, sagt Sven. »Aber niemand gewinnt die Tournee nur mit Glück.« Es gab allerdings kuriose Siege. Bereits achtmal hat sich ein Springer die Gesamtwertung geholt, ohne ein Einzelspringen für sich entschieden zu haben.

Wissensvorsprung: Fünf kuriose Fakten übers Skispringen

Eddie the Eagle

Einer der bekanntesten Skispringer der Geschichte war der Brite Michael Edwards. Er war stark weitsichtig und trat deshalb immer mit einer Brille mit dicken Gläsern an. Skispringen konnte er nicht so wirklich, fast immer wurde er Letzter. Aber das Publikum liebte ihn. Bei der Tournee 1988/89 stürzte er in Innsbruck nach einem Trainings-Hüpfer auf 50 Metern schwer, brach sich das Schlüsselbein.

Foto: Sven Simon / IMAGO

In trauter Zweisamkeit

Die beiden deutschen Top-Favoriten Karl Geiger und Markus Eisenbichler teilen sich seit Jahren ein Zimmer bei Wettkämpfen. Man nennt sie deshalb auch das »Fliegende Doppelzimmer«.

Auch schön

Beim Skispringen zählt nicht nur die Weite des Sprungs, es gibt auch Haltungsnoten. Wer besonders schön fliegt und landet, bekommt die meisten Punkte. Fünf Punktrichter vergeben diese Wertungen, je Richter maximal 20 Punkte. Die höchste und die niedrigste Wertung der fünf Richter werden gestrichen, der Rest addiert. So kommen maximal 60 Punkte zusammen.

Seltene Punktlandung

Besonders verrückt wurde es 2005/06, als der Finne Janne Ahonen und der Tscheche Jakub Janda nach vier Tourneespringen gleichauf lagen. Mit jeweils 1081,5 Punkten gewannen sie beide.

Foto: Sammy Minkoff / IMAGO

Outfits mit Auftrieb

Die Anzüge sorgen beim Skispringen immer wieder für Ärger. Denn: Ein zu weiter Anzug vergrößert die Tragfläche, was zu einer größeren Sprungweite führen kann. Weil es aber auf die Sprungleistung ankommen soll und nicht darauf, wer den weitesten Anzug trägt, gibt es strenge Vorgaben: In aufrechter Position dürfen sich bei den Männern maximal ein bis drei Zentimeter Luft zwischen Körper und Anzug befinden, bei den Frauen zwei bis vier Zentimeter. Außerdem müssen alle Anzüge aus dem gleichen Material, nämlich einer Schaumstoffschicht und einer Kunststoffmembran, bestehen.

Ob nach über 20 Jahren mal wieder ein deutscher Springer die Tournee gewinnen kann? Sven ist sich unsicher. Zwar gebe es mit Karl Geiger, Markus Eisenbichler und Andreas Wellinger starke Athleten, bislang waren die aber nicht gut in Form. Svens Favorit ist der Pole Dawid Kubacki. Der hat die Tournee bereits 2019/20 gewonnen und legte auch in dieser Saison einen exzellenten Start hin. »Er bringt das beste Gesamtpaket mit.«

Bevor sich die Skispringer in die Anfahrtsspur begeben, sitzen sie auf dem Startbalken. Manche Springer nennen ihn auch den Zitterbalken, weil sie wissen, dass es gleich ernst wird.

Bevor sich die Skispringer in die Anfahrtsspur begeben, sitzen sie auf dem Startbalken. Manche Springer nennen ihn auch den Zitterbalken, weil sie wissen, dass es gleich ernst wird.

Foto: ActionPictures / IMAGO

Die Tournee in dieser Saison sollte die letzte Auflage, bei der nur Männer springen. Ab 2023/24 hätte es auch eine Vierschanzentournee der Frauen geben sollen. Zumindest in Deutschland an denselben Orten, aber in einer anderen Reihenfolge. Die Einführung wurde aber verschoben, mindestens um ein Jahr. »Für mich war das lange überfällig«, sagt Sven. Er hofft, dass das Skispringen der Frauen vom neuen Wettbewerb profitiert und die Menschen ebenso begeistert wie die Vierschanzentournee der Männer.

Dieser Artikel erschien in »Dein SPIEGEL« 01/2023.

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