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[M] Thierry Winn, Privat, Beatrix Schnippenkoetter

Kinder und Jugendliche über ihre Flucht »Die Sirenen heulten, und wir hatten große Angst«

Seit Putin die Ukraine überfallen hat, verlassen Millionen Menschen das Land. Drei Kinder und Jugendliche erzählen von ihren Erlebnissen auf der Flucht und den ersten Wochen danach.
Protokolle: Claudia Beckschebe und Beatrix Schnippenkoetter

Caterina, 12, aus Tscherwonohrad

Caterina hat Kuschelente Mia aus der Ukraine mitgenommen

Caterina hat Kuschelente Mia aus der Ukraine mitgenommen

Foto: Beatrix Schnippenkoetter

»Wir mussten zu Hause häufig in den Keller, immer wieder rauf und runter, bei jedem Alarm, auch mitten in der Nacht. Dann hat meine Mutter gesagt, wir sollen unsere Sachen packen. Ich durfte nur ganz wenig mitnehmen. Aber unsere Hündin Berta, die ein Jahr alt ist, wollten wir nicht zurücklassen, die haben wir dabei, und mein Lieblings-Kuscheltier, Ente Mia, habe ich auch mitgenommen. Ich brauche sie, um schlafen zu können. Unser Klavier hätte ich auch gern mitgenommen, aber das ging natürlich nicht. Ich spiele seit zwei Jahren Klavier und übe jeden Tag. Umso mehr habe ich mich gefreut, als ich gesehen habe, dass bei meiner Gastfamilie in Berlin auch ein Klavier steht.

Wir waren vier Tage unterwegs von Tscherwonohrad über Polen nach Berlin, erst in einem kleinen Bus bis zur Grenze, dann in einem anderen Bus weiter. In Polen haben wir in einer großen Halle übernachtet mit vielen anderen Geflüchteten, und am nächsten Tag ging es wieder in einem anderen Bus weiter. Ich habe immer aus dem Fenster geguckt, um zu sehen, wie sich die Landschaft verändert. Die zweite Nacht haben wir in einer Kirche übernachtet, wieder auf Klappbetten. Man hat uns mit Essen und Trinken versorgt. Am dritten Tag sind wir in Warschau, der Hauptstadt von Polen, angekommen. Da haben wir lange auf einen Zug gewartet. Berta hat die Vögel auf dem Bahnsteig gejagt.

Colia, Mama Lesya, Caterina und ihr Hund Berta sind zusammen nach Deutschland gekommen

Colia, Mama Lesya, Caterina und ihr Hund Berta sind zusammen nach Deutschland gekommen

Foto: Beatrix Schnippenkoetter

Ich weiß nicht, wo mein Vater ist, ich habe ihn nicht kennengelernt. Er hat meine Mutter verlassen, bevor ich geboren wurde. Aber meine Tante fehlt mir, die Schwester meiner Mutter, die mit uns zusammenwohnt. Sie ist geblieben, weil ihre Tochter gerade ein Baby bekommen hat. Ich hoffe, wir können bald wieder zu ihnen zurück.

Auf der Flucht haben wir fast nur Mütter mit ihren Kindern gesehen. Männer dürfen die Ukraine nicht verlassen, weil sie kämpfen müssen, um unser Land zu schützen. Als wir in Posen ankamen, haben wir noch mal übernachtet, wieder in einer riesigen Halle mit Hunderten von Menschen. An dem Tag hatte ich Geburtstag, und einige haben für mich gesungen und mir Süßigkeiten geschenkt. Das war eine große Überraschung für mich. Ich habe vor Glück und Aufregung geweint. Als wir am nächsten Tag mit einem Sonderzug in Berlin ankamen, hat uns eine Helferin, die Ukrainisch sprach, auf dem Bahnsteig in Empfang genommen und gefragt, wo wir bleiben wollen. Weil wir nicht wussten, wohin, hat sie uns einer Frau vorgestellt, die Platz für uns hat, und jetzt haben wir ein Zimmer für uns in ihrer Wohnung. Unsere Gastgeberin ist sehr nett und hilft uns. Sie hat uns Klamotten besorgt und Spielsachen. Mein kleiner Bruder Colia und ich gehen jeden Tag in einen Deutschkurs für ukrainische Kinder, und einmal in der Woche ist Malkurs. Das macht Spaß.

Beim Malen können Caterina und ihr Bruder Colia abschalten. Das Atelier Farbklang bietet auch einen Deutschkurs für ukrainische Kinder an

Beim Malen können Caterina und ihr Bruder Colia abschalten. Das Atelier Farbklang bietet auch einen Deutschkurs für ukrainische Kinder an

Foto: Beatrix Schnippenkoetter

Ich denke viel an zu Hause und mache mir Sorgen um meine Familie. Ich weiß nicht, wie es weitergeht. Aber im Moment bin ich froh, nicht mehr in den Keller zu müssen und nicht mehr jeden Tag Angst zu haben.

Meine Schule in der Ukraine ist geschlossen. Ich vermisse meine Klasse und hoffe, dass ich in Berlin neue Freunde finden kann, deshalb will ich ganz schnell Deutsch lernen.

Ich hatte keine Vorstellung, wie groß Berlin ist. So eine große Stadt habe ich noch nie gesehen. Wir waren schon am Reichstag und am Brandenburger Tor. Ich finde Berlin super. Mein Bruder und ich haben zusammen ein großes Bild gemalt mit unseren Wünschen. Da habe ich ein Herz mit den Farben der ukrainischen und der russischen Flagge gemalt, weil ich hoffe, dass bald wieder Frieden ist.«

Auf diesem Bild hat Caterina Herzen gemalt mit der ukrainischen und der russischen Flagge. Mutter Lesya hat geschrieben: Ich will Frieden!

Auf diesem Bild hat Caterina Herzen gemalt mit der ukrainischen und der russischen Flagge. Mutter Lesya hat geschrieben: Ich will Frieden!

Foto: Beatrix Schnippenkoetter
Dein SPIEGEL: Der Krieg in der Ukraine kindgerecht erklärt
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Dein SPIEGEL

Warum hat Russland die Ukraine angegriffen? Müssen wir Angst vor Atomwaffen haben? Wie fühlen sich Kinder, die ihre Heimat wegen des Kriegs verlassen mussten? Wie geht es für die geflüchteten Menschen in Deutschland weiter? Fragen, die derzeit viele Kinder ihren Eltern stellen – und die für Eltern oft nicht leicht zu beantworten sind. Die neue Ausgabe des Magazins »Dein SPIEGEL« liefert kindgerechte Antworten und gibt Tipps, wie Kinder mit der derzeitigen Nachrichtenlage besser zurechtkommen können. Hier kann man das Heft online bestellen:

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Yaroslav, 15, aus Charkiw

Yaroslav sitzt mit seinen zwei Müttern Iryna und Zhenya und seinem Kater Joseph in einer polnischen Flüchtlingsunterkunft

Yaroslav sitzt mit seinen zwei Müttern Iryna und Zhenya und seinem Kater Joseph in einer polnischen Flüchtlingsunterkunft

Foto: Thierry Winn

»Wir kommen aus dem Osten der Ukraine, Charkiw war eine der ersten Städte, die von Putins Truppen angegriffen wurden. Die Stadt ist fast komplett zerstört. Meine beiden Mamas Iryna und Zhenya und ich haben es nach Przemysl geschafft – eine Stadt in Polen, die nur 13 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt ist. Wir übernachten auf Klappbetten in einem alten Theater, das zu einem Flüchtlingszentrum umfunktioniert wurde. Wir haben nur einen Rucksack und eine Tasche mit ein paar Sachen dabei. Meine Gitarre musste ich zu Hause lassen. Die allermeisten Menschen, die geflohen sind, konnten nur ganz wenig mitnehmen – und wenn sie mehrere Taschen bei sich hatten, mussten sie die am Bahnsteig zurücklassen. Es war ein fürchterliches Gedränge um Platz in Sonderzügen, alle wollten schnell weg vom Krieg. Viele haben ihre Haustiere mitgenommen. Wir auch, unseren Sphynx-Kater Joseph. Er sieht ungewöhnlich aus, ist aber ein sehr liebes Tier. Seine Haut ist ganz weich, er ist einfach der Beste!

Dieses Bild hat Yaroslavs Familie auf einem Spielplatz in der Nähe ihres alten Zuhauses in Charkiw aufgenommen. Es zeigt ein Teil eines russischen Raketenwerfersystems

Dieses Bild hat Yaroslavs Familie auf einem Spielplatz in der Nähe ihres alten Zuhauses in Charkiw aufgenommen. Es zeigt ein Teil eines russischen Raketenwerfersystems

Foto: Privat

Ich habe Angst um meine Freundin. Sie wohnt auch in der Gegend um Charkiw, aber ihre Eltern wollten nicht fliehen, sie wollten in ihrem Zuhause bleiben. Wir halten Kontakt übers Handy. Meine Familie und ich sind vier Tage nach dem Überfall auf die Ukraine aufgebrochen, als unser Nachbarhaus bei den Angriffen zerstört wurde. Meine eine Mama hatte schon länger gesagt, dass wir fliehen sollten, aber meine andere Mama wollte unbedingt bleiben. Wir sind zuerst mehr als tausend Kilometer mit dem Zug nach Czernowitz gefahren. Da haben wir viele Freunde. Czernowitz liegt im Südwesten der Ukraine, also in einer Gegend, die zunächst noch sicher schien. Aber dann war klar: Man ist nirgends mehr sicher in der Ukraine. Deswegen sind wir jetzt in Polen.

Yaroslav (rechts), sein Onkel (Mitte) und Nachbarn suchen in einem Keller Schutz vor Bomben

Yaroslav (rechts), sein Onkel (Mitte) und Nachbarn suchen in einem Keller Schutz vor Bomben

Foto: Privat

Mama Iryna sagt, dass sie keine Tränen mehr hat, so viel hat sie schon geweint. Vor Trauer und Wut. Ich finde, Wut ist sinnlos. Ich bin eher ratlos, denn alles, was ich geplant hatte, ist jetzt dahin. Ich weiß nicht, wie es weitergeht, und ich kann nichts dagegen tun. Ich will so schnell es geht wieder zur Schule gehen, aber im Moment habe ich keine Ahnung, wann das geht. Dabei habe ich schon wegen Corona so viel verpasst. Ich hoffe, dass wir schnell wieder heim können. Charkiw existiert nicht mehr? Na und? Wir bauen es wieder auf! Und zwar schnell. Ich weiß es einfach!«

Kseniia, 17, aus Kiew

Kseniia steht im Garten ihrer Gastfamilie, die in Schleswig-Holstein wohnt

Kseniia steht im Garten ihrer Gastfamilie, die in Schleswig-Holstein wohnt

Foto: Privat

»Noch vor ein paar Tagen wohnten wir alle zusammen in einem schönen Haus in Kiew. Mama, mein Stiefpapa, meine Tante, Oma, meine kleine Schwester Mascha und ich. Wir hatten ein Aquarium, Katze Emmy und eine Hündin namens Julietta. Wir hatten ein ganz normales Leben, meine Eltern haben gearbeitet, meine Schwester ging zur Schule und ich in die Uni. In der Ukraine macht man früher Abitur als in Deutschland. Am 4. März saß ich um die Mittagszeit in meinem Zimmer im Dachgeschoss, als es ein schreckliches Grollen und Krachen gab. Die Scheiben wackelten, die Wände auch. Als ich aus dem Fenster schaute, sah ich eine riesige Rauchwolke aufsteigen, nur ein paar Kilometer entfernt. Ich rannte die Treppen runter, wir haben uns alle versammelt. Die Sirenen heulten, und wir hatten große Angst. Meine Mama weinte. Sie fasste schnell den Entschluss, uns Kinder zu nehmen und aufzubrechen. Sie musste mich nicht überreden, ich wollte auch weg.

Diese Rauchwolke fotografierte Kseniia aus dem Fenster ihres Kinderzimmers

Diese Rauchwolke fotografierte Kseniia aus dem Fenster ihres Kinderzimmers

Foto: Privat

Wir packten zwei Rucksäcke, zwei Taschen und fuhren mit Mascha los. Ich bin noch nie so lange am Stück unterwegs gewesen, erst neun Stunden mit dem einen Bus, dann zwei Stunden mit dem nächsten. Dann haben wir von Mitternacht bis drei Uhr früh an der Grenze zu Polen angestanden und gewartet. Als wir am 5. März in den frühen Morgenstunden endlich auf polnischem Boden waren, war ich sehr dankbar für die Hilfe der Menschen dort. Freiwillige haben Essen ausgegeben und warme Getränke und Decken. Sie haben uns bei der Orientierung geholfen und uns Mut gemacht. Von Polen aus sind wir in den Zug nach Deutschland gestiegen. Wir hätten nicht in Polen bleiben können, das Land ist jetzt schon überfordert mit den vielen Geflüchteten, die ankommen.

Der Zug, mit dem Kseniia Richtung Deutschland reiste, war sehr voll

Der Zug, mit dem Kseniia Richtung Deutschland reiste, war sehr voll

Foto: Privat

Gegen 20 Uhr am 6. März sind wir in Deutschland angekommen. Geschlafen habe ich in all der Zeit kaum. Wie auch? Es war ein irres Gedränge, alle redeten über den Krieg und darüber, was wohl als Nächstes passieren wird. Es ist furchtbar, dass viele Menschen in Russland nicht glauben wollen, dass Krieg ist. Wir haben auch Verwandte dort und uns mit ihnen deswegen gestritten.

Wir haben großes Glück, dass wir bei einer tollen Gastfamilie aufgenommen wurden, die viele Bekannte hat, die wiederum geholfen haben, eine eigene Wohnung zu finden, in die meine Mama, Mascha und ich jetzt ziehen dürfen. Es gibt sogar schon Möbel dort. Jemand anderes zahlt erst mal Strom, Heizung und Wasser für uns – denn wir können gar nicht das Geld benutzen, das auf unserem Konto in der Ukraine ist. Wir sind auf die Hilfe, die Spenden und die Freundlichkeit fremder Leute angewiesen. Das ist ein bedrückendes Gefühl. Ich merke, dass Mama sehr verzweifelt ist, und ich selbst bin ganz durcheinander. Mein Studium kann ich hier nicht weitermachen, vielleicht kann ich ein bisschen Englisch-Nachhilfe geben.

Auf der Flucht ging Kseniia und ihrer Familie irgendwann das Essen aus. Helferinnen und Helfer versorgten sie mit Fruchtpüree

Auf der Flucht ging Kseniia und ihrer Familie irgendwann das Essen aus. Helferinnen und Helfer versorgten sie mit Fruchtpüree

Foto: Privat

Meine Freunde sind jetzt überall in Europa verstreut, und meine Familie ist nicht mehr zusammen. Oma konnte nicht mit, sie hat sich die Ausreise nicht zugetraut. Sie kümmert sich um unsere Haustiere, zusammen mit der Tante. Wer weiß, wie lange sie noch in Sicherheit sind? Vielleicht müssen sie auch fliehen. Mein Stiefpapa hat sich der Armee angeschlossen. Er will unser Land verteidigen.«

Dieses Bild hat Kseniia auf einem Grafiktablett gezeichnet. Leider konnte sie das Gerät, auf das sie lange gespart hatte, nicht mit nach Deutschland nehmen

Dieses Bild hat Kseniia auf einem Grafiktablett gezeichnet. Leider konnte sie das Gerät, auf das sie lange gespart hatte, nicht mit nach Deutschland nehmen

Foto: Privat

Diese Protokolle erschienen in »Dein SPIEGEL« 05/2022.

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