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Verena Brüning / Dein SPIEGEL

»Auf der ganzen Welt haben Kinder die gleichen Wünsche«

Julia Moser arbeitet als Nothelferin für das Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR. Im Kinder-Interview erzählt sie, was sie bei ihren Einsätzen erlebt. Und sie sagt, wie man Kindern, die flüchten mussten, helfen kann.
Redaktionelle Begleitung: Antonia Bauer

Dein SPIEGEL: Die Mitarbeitenden des Nothilfe-Teams des UNHCR verpflichten sich, innerhalb von 72 Stunden überall auf der Erde einsatzbereit zu sein. Was macht man in dem Job genau?

Moser: Als Nothelferin sitzt man auf gepackten Koffern, denn man kann jederzeit zu einem Einsatz in eine Region geschickt werden, in der Flüchtlinge dringend Hilfe benötigen. Die Nothelfer bekommen ein zweiwöchiges Training, das auf die Arbeit in Krisengebieten vorbereitet. Man weiß jedoch nicht, wohin man gehen wird und was einen dort erwartet. Ich war selbst als Nothelferin in mehreren Ländern, beispielsweise in Äthiopien.

Dein SPIEGEL: Was haben Sie dort erlebt?

Moser: Äthiopien hat viele Flüchtlinge aufgenommen, darunter ganz viele Kinder. Und das, obwohl es Dürren und Armut gibt. Verschiedene Gruppen im Land haben immer wieder Konflikte miteinander. In Bule Hora, wo ich war, gab es häufig Schüsse und Straßenblockaden. Viele der Menschen vor Ort waren Binnenvertriebene, also im eigenen Land auf der Flucht. Sie waren wegen Verfolgung und Gewalt mit praktisch nichts geflohen.

Dein SPIEGEL: Auf der Flucht
Foto: Dein SPIEGEL

Noch nie waren so viele Menschen auf der Flucht wie heute: 100 Millionen, schätzt UNHCR. Fast die Hälfte dieser unfassbar großen Zahl an Menschen sind Kinder und Jugendliche. Warum ist das so? Und was erleben Mädchen und Jungen dabei? »Dein SPIEGEL« erklärt Fluchtursachen und lässt Kinder zu Wort kommen, die ihre Heimat verlassen haben. Das Heft mit der Titelgeschichte ist im Handel verfügbar, ausgewählte Texte gibt es online. Hier können Eltern die aktuelle Ausgabe online kaufen:

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Dein SPIEGEL: Wie können Sie den Menschen am besten helfen?

Moser: Wir gehören oft zu den ersten Helfern, die ankommen. Als Erstes überlegen wir ein System, wie sich alle Hilfsorganisationen vor Ort am besten abstimmen können. Wir verteilen Decken, Schlafmatten, Plastikplanen und Hygieneartikel und setzen uns für den Schutz der Menschen ein. Das bedeutet, wir versuchen sicherzustellen, dass sie ein Dach über dem Kopf haben, vor Gewalt geschützt sind und dass Kinder zur Schule gehen können.

Dein SPIEGEL: Was war das Schwierigste an dem Einsatz in Äthiopien?

Moser: Wir hatten noch kein Büro, kein Internet, ständig fiel der Strom aus, es gab nicht immer fließendes Wasser. Zudem gab es vor Ort Kämpfe. Einmal war unsere Stadt durch Straßensperren blockiert, niemand konnte hinaus, und wir wussten nicht genau, welche Gruppierung dahintersteckte. Gleichzeitig wurden wir so herzlich empfangen. Viele Leute kennen die blauen Westen und UN-Autos und haben Vertrauen zu uns.

Dieses Blau ist weltbekannt und steht für Frieden und Unterstützung: Die Menschen in den blauen Westen organisieren überall auf der Welt Hilfe für Flüchtlinge, hier ist Julia Moser, 37, in Äthiopien.

Dieses Blau ist weltbekannt und steht für Frieden und Unterstützung: Die Menschen in den blauen Westen organisieren überall auf der Welt Hilfe für Flüchtlinge, hier ist Julia Moser, 37, in Äthiopien.

Foto: UNHCR

Dein SPIEGEL: Wie geht es Kindern auf der Flucht?

Moser: Sie haben keinen geregelten Alltag und können nicht in die Schule gehen oder in Sicherheit spielen. Viele Kinder haben Schreckliches erlebt, manche sind ohne Eltern und Geschwister geflohen. Gleichzeitig sind Kinder erstaunlich widerstandsfähig und finden Hoffnung und Kraft weiterzumachen. Ich habe immer wieder gesehen: Auf der ganzen Welt haben Kinder die gleichen Wünsche. Sie wollen Sicherheit, bei ihren Familien und Freunden sein, spielen und lernen.

Dein SPIEGEL: Womit kann das UNHCR Kindern auf der Flucht helfen?

Moser: Wenn Babys auf der Flucht geboren werden und keine Geburtsurkunde haben, setzen wir uns dafür ein, dass sie Dokumente erhalten. Wir richten Schulen in Flüchtlingslagern ein. Unsere Aufgabe ist auch, die jeweilige Regierung zu beraten, was sie für geflüchtete Familien tun sollte.

Dein SPIEGEL: Was haben Sie zum Beispiel der deutschen Regierung empfohlen?

Moser: Manche Familien werden auf der Flucht getrennt. Eltern und ihre Kinder gehören zusammen, die Bundesregierung findet das auch. In der Praxis dauert es aber oft sehr lange, bis die Familie wieder vereint ist. Außerdem ist es wichtig, Kinder mit Behinderung besser zu unterstützen. Viele Behinderungen sind nicht sichtbar, deswegen sollten Familien gleich bei der Ankunft gefragt werden: Braucht ein Kind einen Arzt, eine Brille, einen Rollstuhl, eine Therapie? Für manche Menschen mit Behinderung ist eine große Unterkunft zum Beispiel überhaupt nicht geeignet.

Die Kinderreporter: Milo (links) spielt Fußball und hat vor, Profi zu werden, außerdem liest er gern. Joshua (rechts) interessiert sich für Politik und würde gern Politiker oder Journalist werden. Beide leben in Berlin und kommen nach den Sommerferien in die 8. Klasse.

Die Kinderreporter: Milo (links) spielt Fußball und hat vor, Profi zu werden, außerdem liest er gern. Joshua (rechts) interessiert sich für Politik und würde gern Politiker oder Journalist werden. Beide leben in Berlin und kommen nach den Sommerferien in die 8. Klasse.

Foto: Verena Brüning / Dein SPIEGEL

Milo: Ich kenne einen afghanischen Jungen, der mit seiner Familie mit einem Schlauchboot flüchten musste. Was bewegt jemanden, in ein kleines Schlauchboot zu steigen, um über das Mittelmeer zu fahren, mit dem Wissen, dass die Gefahr des Kenterns hoch ist?

Moser: Für uns ist das unvorstellbar, oder? Es ist schrecklich, dass viele Menschen auf gefährlichen Wegen kommen müssen. Menschen, die solche Gefahren auf sich nehmen, sind verzweifelt. Eltern wollen nicht, dass Kinder dort aufwachsen, wo sie Gefahren ausgesetzt sind.

Dein SPIEGEL: In den USA wurde vor wenigen Wochen ein Lkw mit 46 Toten entdeckt. Die Menschen wurden von Mexiko aus illegal in die USA geschleust. Wie könnte man Schlepper bekämpfen?

Moser: Die Schlepper nutzen die Not anderer aus und verdienen daran Geld. Es müsste für Menschen, die vor Gefahren in ihrem Heimatland fliehen, Zugang zum Schutz in einem anderen Land geben. Wenn sie aus eigener Kraft ein anderes Land erreichen und dort Schutz finden können, brauchen sie keine Schlepper. Daneben können Aufnahmeprogramme hilfreich sein, bei denen Menschen zunächst in ein anderes Land fliehen, in dem sie aber nicht dauerhaft bleiben können und von dem aus sie dann in ein sicheres Land geflogen werden.

Dein SPIEGEL: In viele Schulen gehen Kinder, die geflüchtet sind. Was können wir tun, um zu helfen?

Moser: Die Schulen haben oft ganz toll reagiert, Kinder aufgenommen und ihnen gezeigt, dass sie willkommen sind. Wenn man noch keine gemeinsame Sprache spricht, kann man einfach mal jemanden zum Sporttraining einladen. Und das, was ihr beiden gerade tut, ist auch sehr wichtig: sich für die Geschehnisse auf der Welt zu interessieren.

Dieses Interview erschien in »Dein SPIEGEL« 08/2022.

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