Foto: Jan von Holleben

Wahlrecht für Kinder und Jugendliche Nur wer wählt, der zählt?

Kinder und Jugendliche sollten auch wählen dürfen – das fordern einige Kinderrechtler und Politikerinnen. Wie könnte so ein Wahlrecht für junge Menschen aussehen?
Von Louisa Müller

In Deutschland leben mehr als 13 Millionen Deutsche, die jünger sind als 18 Jahre. Was die Regierung und die Parteien im Bundestag beschließen, gilt für sie alle. Selbst wählen, wer sie vertritt, dürfen sie aber nicht, so steht es im Grundgesetz. Das sei nicht fair, findet zum Beispiel der Deutsche Familienverband. Er setzt sich dafür ein, dass auch Kinder entscheiden dürfen, wer regiert. Unterstützt wird der Verein von mehreren Politikerinnen und Politikern, die sogar im Bundestag sitzen. Auch junge Menschen selbst fordern schon lange, mitbestimmen zu dürfen. Bei der Europawahl 2019 gab es im Internet zum Beispiel den Hashtag #LasstMichWählen, bei dem Jugendliche für eine Stimme protestierten. Sie sind der Meinung: Nur wer wählt, der zählt. Sie sagen also, dass die Politik nur auf die Leute achte, die wählen dürfen. Deshalb finden sie es so wichtig, dass auch Kinder ein Wahlrecht bekommen.

Alle Artikel zu Republik 21

Bis zur Bundestagswahl nehmen wir uns nacheinander große Fragen aus Politik und Gesellschaft vor – und laden zum Diskutieren und Mitmachen ein. Dieser Artikel beschäftigt sich mit der Frage: Wie wird Deutschland gerechter? 

Damit Kinder wählen dürften, müsste das Grundgesetz geändert werden. Das ist ziemlich schwierig, denn einer solchen Änderung müssen mindestens zwei Drittel der Politikerinnen und Politiker im Bundestag zustimmen. Bis genug von ihnen von einem Wahlrecht für Kinder überzeugt sind, wird es wahrscheinlich noch einige Zeit dauern. Trotzdem gibt es schon mehrere Ideen, wie es aussehen könnte, wenn Kinder wählen dürften. Hier gibt es einen Überblick über die verschiedenen Vorschläge:

Wahlrecht ab Geburt

Die Idee: Beim Wahlrecht ab Geburt würden die Eltern für die Anfangszeit das Wählen für ihre Kinder übernehmen. Hier würden die Stimmen jedoch ab einem gewissen Alter eindeutig den Kindern selbst gehören. Die Eltern müssten die Wahl absprechen und dürften nur nach dem Wunsch der Kinder handeln. Sobald die Kinder selbst wählen können und wollen, würde das Recht der Eltern automatisch verfallen.

Das Problem bei diesem Vorschlag ist, dass nicht vorausgesetzt werden kann, dass die Eltern wirklich so handeln, wie ihre Kinder das möchten. Außerdem müssten die Kinder ihren Eltern offen sagen, wen sie wählen sollen. Eigentlich steht im Grundgesetz, dass die Wahlen geheim sein müssen. Trotzdem vereint diese Möglichkeit ein paar der besten Ansätze der anderen Vorschläge und wird vom Deutschen Familienverband und der Generationenstiftung unterstützt. Viele Politikerinnen und Politiker, die ein Wahlrecht für Kinder befürworten, setzen sich ebenfalls dafür ein. Von den Stimmen, die diese Idee im Bundestag braucht, um das Grundgesetz ändern zu können, ist aber auch dieser Vorschlag noch weit entfernt.

Wahrscheinlichkeit: 2 von 5 Punkten

Fairness: 4 von 5 Punkten

Dein SPIEGEL: Auf der Flucht
Foto: Dein SPIEGEL

Noch nie waren so viele Menschen auf der Flucht wie heute: 100 Millionen, schätzt UNHCR. Fast die Hälfte dieser unfassbar großen Zahl an Menschen sind Kinder und Jugendliche. Warum ist das so? Und was erleben Mädchen und Jungen dabei? »Dein SPIEGEL« erklärt Fluchtursachen und lässt Kinder zu Wort kommen, die ihre Heimat verlassen haben. Das Heft mit der Titelgeschichte ist im Handel verfügbar, ausgewählte Texte gibt es online. Hier können Eltern die aktuelle Ausgabe online kaufen:

Bei Amazon bestellen 

Bei meine-zeitschrift.de bestellen 

Kinderwahlrecht

Die Idee: Kinder dürften statt ab 18 Jahren schon mit 0 Jahren wählen. Natürlich haben Babys und viele kleine Kinder noch keine Ahnung von Politik und Wahlen. Aber sobald man sich in das sogenannte Wählerverzeichnis einschreiben kann und möchte, dürfte man das tun und hätte genauso eine Stimme wie jeder Erwachsene. Bei dieser Idee gäbe es aber immer noch das Problem, dass viele Kinder – etwa diejenigen, die noch zu jung sind, um sich einzutragen – gar nicht mitbestimmen können, auch wenn sie es dürften. Die meisten Politiker und Verbände lehnen diesen Vorschlag ab.

Wahrscheinlichkeit: 0 von 5 Punkten

Fairness: 2 von 5 Punkten

Wahlalter ab 16

Die Idee: Viel Veränderung würde es hier nicht geben. Das Wahlalter, das momentan bei 18 Jahren liegt, würde einfach auf 16 gesenkt werden. Hier könnten zwar ein wenig mehr Menschen in Deutschland wählen, aber ganz vertreten wären Kinder immer noch nicht. Weil das Wahlalter ab 16 aber bereits in einigen Regionalwahlen in Deutschland und in unserem Nachbarland Österreich gilt, ist die Idee ziemlich realistisch. Die meisten Jugendorganisationen der deutschen Parteien sprechen sich für den Vorschlag aus, und auch viele Parteien fordern ihn. Außerdem wird er vom Deutschen Kinderhilfswerk unterstützt. Die Organisation möchte sogar, dass das Wahlrecht später auf 14 Jahre herabgesetzt wird.

Wahrscheinlichkeit: 4 von 5 Punkten

Fairness: 1 von 5 Punkten

Elternwahlrecht

Die Idee: Eltern bekämen für jedes ihrer Kinder, die noch unter 18 Jahre alt sind, eine Stimme mehr. Diese Stimmen wären aber immer noch die Stimmen der Eltern, sie würden nicht den Kindern gehören, und die Wahl müsste nicht mit ihnen abgesprochen werden. So gäbe es zwar Wahlstimmen für alle Bürgerinnen und Bürger von Deutschland, aber ein wirkliches Mitspracherecht hätten die Kinder trotzdem nicht. Außerdem wird so einer der Grundsätze der Wahl verletzt, nämlich dass jede Stimme gleich viel zählt. Die Stimmen von Eltern würden mehr zählen als die von Menschen ohne Kinder. Dieser Vorschlag wird deshalb kritisch gesehen und wohl eher nicht umgesetzt werden.

Wahrscheinlichkeit: 1 von 5 Punkten

Fairness: 0 von 5 Punkten

Dass alle Kinder in Deutschland bald wählen dürfen, ist also eher unrealistisch. So ganz stimmt der Spruch »Nur wer wählt, der zählt« zum Glück aber nicht. Denn auch heute gibt es bereits Möglichkeiten, wie junge Menschen ihre Ideen einbringen können. Das sieht man zum Beispiel an den Fridays-for-Future-Demonstrationen. Man kann aber auch Unterschriften sammeln, Abgeordneten schreiben oder in einer Jugendorganisation mitmachen. Was sagt ihr? Fändet ihr es gut, wählen zu können? Und welchen Vorschlag findet ihr am besten?

Dieser Artikel erschien in »Dein SPIEGEL« 07/2021.

Dein SPIEGEL – Das Nachrichten-Magazin für Kinder
Foto: Dein SPIEGEL

Liebe Eltern,

Kinder wollen die Welt verstehen. Sie interessieren sich für Natur, Menschen und Technik. Sie stellen Fragen. Und sie geben sich nicht mit den erstbesten Antworten zufrieden. Darum gibt der SPIEGEL für junge Leserinnen und Leser ab acht Jahren ein eigenes Nachrichtenmagazin heraus.

»Dein SPIEGEL« erscheint jeden Monat neu und bietet spannende, verständlich geschriebene Geschichten aus aller Welt, Interviews und News aus Politik und Gesellschaft. Für noch mehr Spaß sorgen Comics, Rätsel und kreative Ideen zum Mitmachen.

Informationen und Angebote
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.