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Für Kinder erklärt Was ist gerecht?

Gerecht ist, wenn alle das Gleiche bekommen. Aber was ist, wenn nicht alle das Gleiche brauchen? Oder wenn sich einer mehr anstrengt als andere? Wer gerechte Entscheidungen treffen will, muss sich Gedanken machen.
Von Patrick Blume

Jeder möchte gerecht behandelt werden. Aber was genau Gerechtigkeit ist, darüber gibt es unterschiedliche Meinungen. Oft stellt sich die Frage nach Gerechtigkeit, wenn etwas verteilt werden soll. Eine Pizza zum Beispiel:

Sophia, Luise und Heidi sitzen abends schon hungrig am Tisch, als Heidis Vater Pizza hereinbringt. Leider sind ihm zwei Pizzen verbrannt, und es gibt nur eine Pizza für drei Freundinnen. Luise schlägt vor, die Pizza in drei genau gleich große Stücke zu schneiden. Wenn alle das Gleiche bekommen, sei das schließlich gerecht.

Doch Sophia ist damit nicht einverstanden. Sie hat als Einzige nicht zu Mittag gegessen. Deshalb hat sie besonders viel Hunger und fände es gerecht, wenn sie die Pizza bekommt. Heidi findet wiederum, dass sie die Pizza verdient hat. Denn sie hat ihrem Vater beim Schnippeln der Zutaten geholfen und die anderen beiden nicht.

Klar ist hier erst einmal nur eines: Die Pizza könnte kalt sein, bis sich die drei geeinigt haben. Das Beispiel zeigt, dass es verschiedene Ideen von Gerechtigkeit gibt. Luise spricht sich für Gleichheit aus. Sophia meint, dass man unterschiedliche Bedürfnisse beachten muss. Und Heidi findet, dass man unterschiedliche Leistungen berücksichtigen sollte.

Aber welcher Vorschlag ist nun der beste, der gerechteste?

Ana Laura Edelhoff ist Philosophin. Es ist ihr Job, sich über Dinge ganz grundsätzliche Gedanken zu machen. Sie sagt: "Eine einfache Regel, die immer gerecht ist, gibt es nicht. Gleichheit ist zwar oft ein guter Anfang. Wenn es gute Gründe gibt, kann aber auch eine ungleiche Verteilung gerecht sein." Um eine Lösung zu finden, schlägt sie vor: "Die drei Freundinnen könnten in Gedanken die Rollen tauschen."

Luise könnte sich also fragen: Fände ich eine gleichmäßige Aufteilung auch dann gerecht, wenn ich stundenlang für die Pizza gearbeitet hätte? Heidi sollte überlegen: Warum haben die anderen nicht auch geholfen? Vielleicht ja nicht aus Faulheit, sondern weil sie noch Schule hatten oder einfach nicht so gut kochen können.

"Was bei solchen Überlegungen herauskommt, ist vielleicht etwas komplizierter", sagt Ana Laura Edelhoff. "Aber dafür oft auch gerechter."

Womöglich kämen Luise, Heidi und Sophia auf folgende Lösung: Die Pizza wird zunächst halbiert. Die eine Hälfte teilen sie in drei gleich große Teile. Dann geht schon mal niemand leer aus. Bei der Aufteilung der anderen Hälfte berücksichtigen sie dann, dass Sophia kein Mittagessen hatte und Heidi beim Backen geholfen hat.

Wie findet man gerechte Regeln?

Dazu hat der US-amerikanische Philosoph John Rawls 1971 ein Gedanken-Experiment vorgestellt: Die Regeln für eine vollkommen gerechte Gesellschaft sollte festlegen, wer seine Rolle darin nicht kennt. Wenn man nicht weiß, ob man zum Beispiel Mann oder Frau, Europäer oder Afrikaner, reich oder arm ist, stellt man eher Regeln auf, die für alle Gruppen gerecht sind. Natürlich weiß man in Wirklichkeit, wer man ist. Aber in Gedanken kann man versuchen, sich hinter den "Schleier des Nichtwissens" zu begeben.

Was gerecht ist, fragen sich nicht nur Kinder, die etwas teilen müssen. Auch Politiker reden oft über Gerechtigkeit - etwa wenn es darum geht, wie das Geld in unserem Land verteilt werden soll. Wie viel mehr als ihre Angestellten sollte eine Chefin verdienen? Wer sollte wie viel Steuern zahlen, von denen der Staat zum Beispiel Straßen und Schulen für alle bezahlt?

Wie viel Geld sollten Menschen vom Staat bekommen, die keinen Job finden? Genau wie bei der Pizza geht es dabei darum, unterschiedliche Leistungen und Bedürfnisse zu berücksichtigen, ohne zu viel Ungleichheit entstehen zu lassen. Wie man das am besten erreicht und wie viel Ungleichheit überhaupt noch okay ist, darüber kann man sich allerdings hervorragend streiten.

Manche Politiker finden, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist und der Staat nur im Notfall eingreifen sollte. Andere wollen strenge Regeln. Etwa um dafür zu sorgen, dass niemand zu wenig, aber auch niemand zu viel verdient. Der Chef der Autofirma VW verdient zum Beispiel mehr als hundertmal so viel wie ein normaler VW-Angestellter. Ist das gerecht?

Start mit Vorsprung

Wer mehr oder besser arbeitet als andere, wird dafür oft belohnt. Man bekommt dann etwa mehr Gehalt oder eine bessere Schulnote. Oft spielen dabei aber Dinge eine Rolle, die man gar nicht selbst beeinflussen kann. Für viele gut bezahlte Jobs muss man zum Beispiel studieren, und dafür braucht man wiederum ein Abitur. Ob man aber überhaupt aufs Gymnasium geht, hängt nur zum Teil davon ab, ob man clever und fleißig ist.

Einen großen Einfluss haben auch die Eltern, und die kann man sich bekanntlich nicht aussuchen. Manche Eltern legen viel Wert auf Bildung. Sie suchen eine gute Schule aus, üben mit ihren Kindern, kümmern sich wenn nötig um Nachhilfe. Andere können ihre Kinder nicht so gut unterstützen. Etwa weil sie die Mathe-Hausaufgaben selbst auch nicht verstehen oder weil sie kein Geld haben, um einen Nachhilfelehrer zu bezahlen.

Im weltweiten Vergleich sind die Unterschiede noch viel größer. Ob man im reichen Europa oder in einem sehr armen Land, im sicheren Deutschland oder in einem Kriegsland geboren wird: Auch das kann man sich nicht aussuchen.

Fünf Geschichten, die zeigen: Oft gibt es unterschiedliche Meinungen darüber, was gerecht oder ungerecht ist.

Eva fällt Mathe leicht. Obwohl sie nicht besonders viel lernt, löst sie in der Mathearbeit fast alle Aufgaben richtig und bekommt eine Eins. Marie hat Schwierigkeiten mit Mathematik. Sie lernt tagelang, am Ende reicht es aber nur für eine Drei. Eva: "Das ist gerecht. Wer viele Fehler macht, kriegt eben keine Eins." Marie: "Die Noten sind ungerecht. Ich habe mich viel mehr angestrengt als Eva."

Dieser Artikel erschien in "Dein SPIEGEL" 09/2019.

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