Warum tun wir uns so schwer mit dem Klimaschutz, Herr Harari?
Warum tun wir uns so schwer mit dem Klimaschutz, Herr Harari?
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Slavica Ziener / Dein SPIEGEL

Bestsellerautor Harari »Die Welt, in der wir leben, ist nicht einfach so vom Himmel gefallen«

Yuval Noah Harari schreibt jetzt auch für eine jüngere Leserschaft. Im Kinder-Interview spricht er über Steinzeit-Skills, menschliche Superkräfte – und darüber, was man aus der Geschichte lernen kann.
Redaktionelle Begleitung: Marco Wedig

Dein SPIEGEL: Angenommen, Sie würden zurück in die Steinzeit reisen – könnten Sie dort einen Tag lang überleben?

Harari: Einen Tag vielleicht. Aber ich bin mir unsicher, ob ich eine Woche oder einen Monat lang durchhalten würde. Ich weiß nicht, wie ich mir Essen in der Wildnis beschaffe, wie ich mit gefährlichen Tieren umgehe oder wie man ohne moderne Hilfsmittel Feuer macht. Diese Fähigkeiten waren in der Steinzeit überlebensnotwendig.

Dein SPIEGEL: In Ihrem neuen Kinderbuch steht, dass die Menschen früher schon gern Süßigkeiten aßen. Warum?

Harari: Weil es gut für sie war. Das klingt vielleicht komisch. Heute bekommt man ja eher zu hören: »Süße Sachen sind schlecht für dich.« Aber warum schmecken sie dann so gut? Ist unser Körper dumm? Nein. In der Steinzeit, als sich unser Körper entwickelte, streiften die Menschen in der afrikanischen Savanne umher. Honig und reife Früchte lieferten ihnen wertvolle Energie: in Form von Zucker. Es kam sehr selten vor, dass die Steinzeitmenschen auf einen Strauch voller reifer Beeren stießen. Entdeckten sie einen, aßen sie alle Beeren auf einmal. Sie wussten: So eine Gelegenheit kommt so schnell nicht wieder. Unser Körper hat sich das gemerkt. Er hat noch nicht ganz verstanden, dass Schokolade heute an jeder Ecke verfügbar ist.

Dein SPIEGEL: Armut und Reichtum – für Kinder erklärt
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In Deutschland steigen die Preise, unter anderem für Schulausstattung, Energie und Lebensmittel. Das stellt viele Familien vor Herausforderungen. Das Kindernachrichtenmagazin »Dein SPIEGEL« erklärt, welche Auswirkungen der Preisanstieg hat. Im Heft geht es um die Frage, was Armut und Reichtum in Deutschland und auf der Welt bedeuten – und warum die Kluft zwischen beiden sich gerade vergrößert. Das Heft gibt es im Kiosk oder online:

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Dein SPIEGEL: In Ihrem Buch heißt es auch, dass Menschen eine Superkraft besitzen. Können Sie das genauer erklären?

Harari: Wir Menschen beherrschen die Welt, weil wir besser zusammenarbeiten als alle anderen Tiere. Schimpansen kooperieren zum Beispiel nur mit ein paar anderen Artgenossen, die sie persönlich kennen. Menschen hingegen arbeiten mit unzähligen Leuten zusammen, auch mit welchen, die sie nicht kennen. Nehmt zum Beispiel eure Kleidung: Die ist irgendwo am anderen Ende der Welt hergestellt worden, jemand hat sie hierher verschifft, und jemand anderes hat sie im Laden verkauft. Alle großen Errungenschaften der Menschheit – von der Mondlandung bis zur Herstellung von Impfstoffen – sind das Werk vieler, vieler Menschen, die zusammenarbeiten. Warum sie das tun? Hier kommt die Superkraft ins Spiel...

Dein SPIEGEL: ...und die wäre?

Harari: Wir können Geschichten erfinden und andere Menschen dazu bringen, sie zu glauben. Religionen zum Beispiel haben früher Geschichten über Götter erfunden: »Da sitzt jemand oben im Himmel, der dieses oder jenes vollbracht hat.« Wenn genug Leute daran glauben, kann man sie dazu bewegen, Kathedralen oder Synagogen für diesen Gott zu bauen. Auch das Geld, das wir heutzutage benutzen, ist eine erfundene Geschichte. Ein 20-Euro-Schein ist an sich ein wertloses Stück Papier. Ich kann ihn nicht essen. Ein Schimpanse würde ihn vermutlich achtlos wegwerfen. Aber ich kann damit in einen Laden gehen und mir damit Kleidung kaufen. Weil der Verkäufer auch daran glaubt, dass dieses Papier 20 Euro wert ist.

Dein SPIEGEL: Menschen arbeiten aber ja nicht überall gut zusammen, sie bekämpfen sich auch. Was sagen Sie zum Krieg in der Ukraine?

Harari: Für mich ist das eine Tragödie für die Menschen in der Ukraine. Aber auch für alle anderen auf der Welt. In vielen Epochen der Geschichte war es zwar üblich, dass stärkere Länder schwächere Länder überfielen. Aber in den letzten Jahrzehnten haben sich große Teile der Weltgemeinschaft darauf geeinigt, dass so ein Verhalten nicht mehr in Ordnung ist. Der russische Präsident Wladimir Putin hat diese Übereinkunft gebrochen. Viele Länder werden nun mehr Geld für das Militär ausgeben. Auch das war in früheren Zeiten üblich: Könige und Sultane steckten den Großteil des Steuergelds in ihre Armeen. Erst in letzter Zeit haben wir mehr Geld für Bildung oder das Gesundheitssystem ausgegeben.

Dein SPIEGEL: Wenn die Menschheit so gut im Zusammenarbeiten ist, wie Sie sagen – warum scheitern wir dann beim Klimaschutz?

Harari: Zunächst mal ist es wichtig zu wissen: Wir haben die Fähigkeiten und das Wissen, dieses Problem zu lösen. Uns fehlt nur der Wille. Es ist schwierig, Milliarden Menschen davon zu überzeugen, dass sie ihren Lebensstil ändern müssen. Viele finden eine Ausrede: »Ich habe dringendere Probleme.« Oder: »Ich habe das Problem nicht verursacht – warum sollte ich mich kümmern?«

Dein SPIEGEL: Was können Kinder tun, um das Klima zu schützen?

Harari: Es ist wichtig, nicht zu verzweifeln, weil die Erwachsenen zu wenig tun. Ihr solltet aber auch nicht in Gleichgültigkeit verfallen. Sucht euch am besten ein Thema, das euch richtig am Herzen liegt, zum Beispiel eine vom Aussterben bedrohte Art, die ihr beschützen wollt. Konzentriert euch darauf und sucht euch Verbündete. Wie gesagt: Am meisten schafft man, wenn man mit anderen zusammenarbeitet.

Dein SPIEGEL: Sie haben einmal gesagt, dass es in 200 Jahren keine Menschen wie uns mehr auf der Erde geben würde. Können Sie das erklären?

Harari: Ja, es besteht die Möglichkeit, dass wir uns selbst zerstören, zum Beispiel durch den Einsatz von Atomwaffen oder indem wir unsere Ökosysteme zerstören. Ich halte das aber für unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist es meiner Meinung nach, dass wir neue Technologien verwenden, um den menschlichen Körper zu verändern, zum Beispiel indem wir die Erbinformationen manipulieren. So könnten Supermenschen entstehen, die sich stärker von uns heute lebenden Menschen unterscheiden als wir vom Schimpansen. Vielleicht haben in 200 Jahren aber auch intelligente Roboter das Sagen.

Dein SPIEGEL: Sie sind vor allem für Ihre Erwachsenen-Bücher bekannt. Wieso haben Sie ein Kinderbuch geschrieben?

Harari: Ich finde es wichtig, dass Kinder an Fragen, die uns alle angehen, beteiligt werden. Ich werde in 50 Jahren wohl nicht mehr auf dieser Welt sein. All die Präsidentinnen und Milliardäre mit viel Macht wohl auch nicht. Ihr aber schon. Außerdem ist es mir wichtig, eine Botschaft zu vermitteln: Die Welt, in der wir leben, ist nicht einfach so vom Himmel gefallen. Wir Menschen haben Entscheidungen getroffen. Deswegen sieht die Welt heute so aus, wie sie ist. Man könnte aber auch andere Entscheidungen treffen und die Welt verändern.

Dieses Interview erschien in »Dein SPIEGEL« 10/2022.

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