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König der Leichtathletik Wie wurde Niklas Kaul der Beste im knallharten Zehnkampf?

Bei Olympia in Tokio musste Niklas Kaul verletzt aufgeben – und er weinte. Jetzt geht Deutschlands bester Zehnkämpfer bei der Leichtathletik-WM in den USA an den Start.
Von Jonas Kraus

In Tokio erlebte Niklas Kaul, 24, den bittersten Tag seiner noch jungen Karriere. Als einer der großen Favoriten war er zu den Olympischen Spielen nach Japan gereist. In der Form seines Lebens wollte er unbedingt eine Medaille holen. Doch dann unterlief ihm beim Hochsprung ein kleiner Fehler. Er verpatzte den Absprung und quetschte sich das Sprunggelenk. Später ging er noch beim 400-Meter-Lauf an den Start, aber die Schmerzen waren zu groß. Niklas sackte auf der Laufbahn zusammen, sein Traum von einer olympischen Medaille war geplatzt. Im Rollstuhl wurde er aus dem Stadion geschoben. Er weinte.

Bitteres Ende: Niklas Kaul verlässt das Olympiastadion in Tokio. Wegen einer Verletzung am Sprunggelenk konnte er am zweiten Wettkampftag nicht mehr teilnehmen.

Bitteres Ende: Niklas Kaul verlässt das Olympiastadion in Tokio. Wegen einer Verletzung am Sprunggelenk konnte er am zweiten Wettkampftag nicht mehr teilnehmen.

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»Es hat einige Wochen gedauert, bis ich das verarbeitet hatte«, sagt Niklas heute. Doch mittlerweile denke er nicht mehr an die verpasste Chance. »Solche Momente gehören bei unserem Sport leider dazu«.

Niklas ist Zehnkämpfer. Der beste, den Deutschland seit Jahren hatte. Der Zehnkampf gilt als härtester Wettbewerb in der Leichtathletik. Die Athleten müssen zehn verschiedene Disziplinen auf höchstem Niveau beherrschen. Ein Wettkampf dauert zwei Tage, jeden Tag bestreiten die Zehnkämpfer fünf Disziplinen. Zeit zum Verschnaufen bleibt kaum. »Das ist knallhart«, sagt Niklas.

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Los geht es am ersten Tag mit dem 100-Meter-Sprint, dann folgen Weitsprung, Kugelstoßen, Hochsprung und der 400-Meter-Lauf. Der zweite Tag beginnt mit dem 110-Meter-Hürdenlauf. Weiter geht es mit Diskuswurf, Stabhochsprung, Speerwurf und dem abschließenden 1500-Meter-Lauf. Die Leistungen in den einzelnen Disziplinen werden in Punkte umgerechnet. Die vielen verschiedenen Sportarten findet Niklas gar nicht so schwierig. »Die habe ich drauf«, sagt er. Hart werde es vor allem, wenn man eine Disziplin in den Sand setze. »Dann muss man sofort den Kopf freibekommen.«

Zwar würde Niklas im Sprinten gegen den derzeit schnellsten Läufer der Welt, Ferdinand Omanyala, deutlich verlieren. Und auch im Diskuswerfen schneidet er viel schwächer ab als der Olympiasieger Daniel Ståhl. Aber dafür würde Niklas diese Spezialisten wohl in allen anderen Disziplinen alt aussehen lassen. Weil die Zehnkämpfer so vielseitig sind, nennt man sie die »Könige der Athleten«. Niklas kann mit diesem Begriff aber nicht viel anfangen. »Ich fühle mich nicht als König«, sagt er. Niklas gilt als bescheidener Sportler – und das, obwohl er Einmaliges geleistet hat.

2019 reiste Niklas als Außenseiter zur Weltmeisterschaft nach Katar. Eigentlich nahm er nur am Wettbewerb teil, um sich für die Nachwuchsweltmeisterschaft in Form zu bringen. Nach dem ersten Wettkampftag lag Niklas auf Rang elf – ein gutes, kein überragendes Ergebnis. Am zweiten Tag aber explodierte er. Er stellte eine persönliche Bestleistung nach der anderen auf und holte den Titel. »Vollkommen überraschend«, wie er selbst sagt. Niklas wurde der jüngste Zehnkampf-Weltmeister der Geschichte, wenig später wählte man ihn zu Deutschlands Sportler des Jahres.

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So holte sich Niklas Kaul den WM-Titel in Katar

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Doch auf den Höhenflug folgten viele Rückschläge. Niklas zog sich immer wieder kleinere Verletzungen zu. 2020 musste er sich am Ellenbogen operieren lassen. Immer wieder musste er Wettkämpfe absagen oder abbrechen. In dieser schwierigen Phase seiner Karriere lenkte er sich mit seinem Studium ab. Niklas studiert in Mainz Physik und Sport, er will Lehrer werden. »Mir hilft es total, mich mit Sachen zu beschäftigen, die gar nichts mit Zehnkampf zu tun haben«, sagt er über sein Physikstudium.

Auch seine Eltern sind eine große Stütze für Niklas. Sie trainieren ihn, seit er als Kind mit der Leichtathletik angefangen hat. »Die sind brutal ehrlich zu mir. Wenn was nicht passt, dann sagen sie es.« Seine Eltern sind auch der Grund, warum er Zehnkämpfer geworden ist. Als Kind war Niklas auch ein guter Handballspieler, mit 15 Jahren musste er sich aber entscheiden, auf welchen Sport er sich konzentrieren möchte. Niklas wollte damals nicht weg aus seiner Heimat Mainz und entschied sich für die Leichtathletik.

Niklas trainiert jeden Tag zwei verschiedene Disziplinen. Mehr geht zeitlich nicht. »Auch zwei Sportarten pro Tag sind schon schwierig«, sagt Niklas. Oft wünscht er sich mehr Zeit für jede Disziplin. Zeit, die er nicht hat. »Aber genau das macht den Reiz aus«, sagt Niklas. Einem Zehnkämpfer werde nie langweilig, das Training und die Wettkämpfe seien voller Abwechslung. Am liebsten übt Niklas den Speerwurf, seine stärkste Disziplin.

Am schwersten fällt ihm das Sprinten. »Der 100-Meter-Lauf könnte gestrichen werden«, sagt er und lacht. Natürlich wird das nicht passieren, das weiß Niklas: »Jeder Zehnkämpfer hat seine Stärken und Schwächen.«

Im Sommer will Niklas seine Stärken ausspielen. Im Juli bestreitet er die Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Eugene (USA), wo er als Titelverteidiger eine Medaille holen möchte. Im August steht dann die Europameisterschaft an. Die findet in München statt, die Vorfreude ist deshalb groß. »Eine Europameisterschaft im eigenen Land ist eine Riesenchance«, sagt Niklas. Er hofft, dass viele Zuschauer kommen, um ihn und die anderen Leichtathleten anzufeuern. Und noch mehr hofft er, dass er dieses Mal gesund bleibt und das Stadion nicht wieder im Rollstuhl verlassen muss. »Das ist das Wichtigste«, sagt Niklas.

Dieser Text erschien in »Dein SPIEGEL« 07/2022.

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