Einführung des Euro Das Ende der Mark-Wirtschaft

Gleiches Geld für alle: Am 1. Januar 1999 war die europäische Währungsunion perfekt, der Euro geboren. Ein Dauerstreit unter Politikern hatte die Geburt der neuen Währung begleitet - und gerade noch verhindert, dass wir heute mit Ecu oder Talern bezahlen.

AP

Von Michael Heim


Selten hat ein derartiges Jahrhundertereignis, ein wahrhaft epochaler Schritt, solche Freude ausgelöst - Schadenfreude. Die Einführung des Euro als gemeinsame Währung im Januar 1999 begeisterte ganz Europa - vor allem, so las man etwa im britischen "Guardian" weil sie "die Zähmung der mächtigen Bundesbank und den Tod der D-Mark" bedeutete.

Nie wieder würden in Großbritannien die "Zinssätze durch die Decke gehen, um für die deutsche Wiedervereinigung zu bezahlen". Nie wieder würde auch Italien dazu gezwungen sein, seine Lira abzuwerten, nur weil es der allmächtigen Bundesbank in Frankfurt am Main gefiel, auf die Nachbarn im europäischen Währungssystem keine Rücksicht zu nehmen. Das "Ende des deutschen Gelddiktats" bejubelte auch "Le Monde" in Frankreich, deren Kommentator es nicht fassen konnte, dass Deutschland "freiwillig seine allmächtige Stellung aufgibt."

Die erdrückend dominante Mark war zur Strecke gebracht, und die Nachbarn tanzten auf den Tischen.

"Theodor, das machst du nicht"

Die regierungsoffiziellen Verlautbarungen zum Euro-Start hörten sich dezenter an. Als "Signal für die politische Einigung Europas", begrüßte der Präsident der EU-Kommission, der Luxemburger Jacques Santer, das gemeinsame Zahlungsmittel - ein Satz, wie ihn Europapolitiker gerne sagen, sobald sie ein Mikrofon sehen. Dennoch: Zehn Jahre zuvor hätte kaum jemand geglaubt, dass eine gemeinsame Währung in Europa Wirklichkeit werden könnte, schon gar nicht in so kurzer Zeit.

Eine Gruppe um den französischen Sozilisten Jacques Delors, damals Kommissionspräsidenten, hatte 1989 einen detaillierten Vorschlag für den Weg zum einheitlichen Geld erarbeitet. Eine attraktive Idee: Denn Wertschwankungen zwischen unterschiedlichen Währungen waren ein teurer Spaß für Handel und Industrie, die das Risiko plötzlicher Wechselkursänderungen in ihre Kalkulation einbeziehen mussten. Der lukrativen europäischen Wirtschaftsintegration stand das im Wege. Doch die Bemühungen der Politiker reichten nicht für den entscheidenden Impuls. Erst ein weit mächtigerer Wille zur Einheit brachte die Dinge in Gang: der Fall des Eisernen Vorhangs.

Noch wenige Monate vor der Maueröffnung hatten bundesdeutsche Politiker Delors Vorstoß offiziell begrüßt - hinter den Kulissen aber heftige Bauchschmerzen entwickelt. "Theodor, das machst du nicht", war die Reaktion von Helmut Kohls neuem Finanzminister Theo Waigel (CSU), als er bei seinem Amtsantritt im April 1989 einen dicken Wälzer auf seinem Tisch vorfand: den Delors-Bericht. Auch die Währungshüter von der Bundesbank winkten dankend ab. Deutschland hatte die Mark: das härteste Geld, die Leitwährung Europas. Die Bundesbanker gaben in der Geldpolitik den Ton an. Wenn es Spannungen gab im europäischen Währungsgefüge, waren es die anderen, die sich anpassen mussten.

Den Fahrplan festklopfen

Doch das Ende des Ostblocks verschob die Prioritäten. Helmut Kohl wollte die schnelle Wiedervereinigung, und für die brauchte dafür die Zustimmung der ehemaligen Besatzungsmächte. Denen aber war bei dem Gedanken an ein noch größeres, noch stärkeres Deutschland im Herz Europas nicht recht wohl. Um diesen Ängsten zu begegnen, propagierte Kohl die europäische Integration, die Einbindung Deutschlands in die große Gemeinschaft. Die Franzosen sahen ihre Chance - und wollten gleich schon mal die Termine festlegen für den Fahrplan zum neuen, gemeinsamen Geld, das der übermächtigen Bundesbank das Handwerk legen würde.

Kohl zierte sich. Erst die politische Einheit Europas - dann die des Geldes. Das war sein Credo noch 1991, vor dem Gipfel von Maastricht: Sonst "gibt es Krach. Krach erfrischt." Doch nach der Konferenz stand der Plan. Die Franzosen hatten ihre Terminzusagen. Die Deutschen wiederum hatten durchgesetzt, dass die zukünftige Europäische Zentralbank (EZB) so aussehen würde wie ihre Bundesbank: einzig und allein der Preisstabilität verpflichtet - was üblicherweise hohe Zinsen bedeutete.

Für Wirtschaftswachstum und die Schaffung von Arbeitsplätzen, für die eine Niedrigzinspolitik hilfreich ist, sollte sich die EZB sich nicht zuständig fühlen müssen. Damit die Prioritäten auch so blieben, wurde die Bank gegen die Begehrlichkeiten von Politikern, die für ihre Wiederwahl vielleicht doch gerne ein bisschen Konjunkturförderung bekommen würden, systematisch abgeschottet. Auch dafür war das Vorbild die Bundesbank. "Der Euro spricht deutsch", sagte Waigel später einmal, was in Deutschland gut ankam - anderswo nicht so.

Knapp über die Hürde

Doch damit nicht genug: Mitmachen durfte auch nicht jeder. Dafür sorgten die sogenannten Maastricht-Kriterien. Sie legten fest, welche Volkswirtschaften als gesund genug galten, um an der gemeinsamen Währung teilzunehmen. Die Inflation musste niedrig und der Wechselkurs stabil sein, die Regierung ihren Haushalt im Griff haben. Auch hier hatten die Deutschen ihren Willen bekommen und setzten später noch eins drauf: Das Limit für die Staatsverschuldung sollte nicht nur zum Stichtag für die Aufnahme gelten, sondern auch danach - und Verstöße mit empfindlichen Strafen verbunden sein.

Umso peinlicher: Ausgerechnet Deutschland, das auf den strengen Kriterien so sehr bestanden hatte, gehörte zu den Ländern, die Probleme mit ihrer hohen Staatsverschuldung bekamen. Zum Stichtag 1997 nahm die Bundesrepublik die festgelegten Hürden für die Teilnahme an der Währungsunion nur mit Ach und Krach. Auch danach kollidierte die Bundesrepublik mit der selbst auferlegten Schuldendisziplin.

Reibereien gab es auch bei der Namensfindung für das neue Geld. Die Franzosen favorisierten "Ecu" - nicht, weil sie die etablierte englische Abkürzung der "European Currency Unit" so sehr mochten, sondern weil schon eine altfranzösische Münze so geheißen hatte. Aus ebendiesen Gründen waren die Deutschen dagegen: zu sehr Abkürzung, zu frankophon. Und nachdem der Ecu durchgefallen war, lief ein Vorschlag nach dem anderen vor die Wand. "Taler" klang zu sehr wie Dollar - da kam das Wort "Dollar" schließlich her. Der "Franken" scheiterte an den Spaniern, wo er nach dem gleichnamigen Diktator "Franco" geheißen hätte. Die "Krone" war nichts für republikanische Gemüter; die "Euro-Mark" hätte die übermächtige Mark gleich wieder auferstehen lassen. Ein paar abseitigere Kandidaten nahm man kaum noch zur Kenntnis. Den "Caesar" zum Beispiel fanden nur die Italiener toll.

Sandwich von Krupp

Am Ende einigte man sich wenig enthusiastisch auf Waigels Vorschlag, den Minimalkonsens, den Euro. "Kleine Geister beschäftigen sich mit kleinen Fragen", ätzte der britische Finanzminister Kenneth Clark über das Gerangel bei der Namenssuche. Er hatte leicht reden: Großbritannien blieb draußen aus dem Euro-Projekt und brauchte mit dem Namen nicht zu leben.

Das Design des neuen Geldes erwies sich als weniger problematisch, doch ganz ohne Streit ging es auch dabei nicht ab. Denn die Deutschen wollten die Euro-Münzen nach dem besonders fälschungssicheren "Sandwich-Verfahren" hergestellt haben. Andere Staaten machten sich dagegen für ein zweifarbiges Design wie beim französischen 10-Franc-Stück stark. Dabei ging es in noch einem ganz anderen Sinn um Geld: Die Sandwich-Methode, vermerkte die französische Zeitung "Liberation" mit Blick auf die Auftragsvergabe, sei schließlich eine Entwicklung der deutschen Firma Krupp.

Da wundert es wenig, dass sich Bankchefs und Finanzminister bei den Scheinen auf neutrales Territorium retteten. Baustile aus sieben Epochen der europäischen Kulturgeschichte sind dort zu sehen: Fenster, Tore, Brücken, die symbolträchtig für die Offenheit Europas und das Verbindende der gemeinsamen Währung stehen.

Genauso symbolträchtig: Außer auf den Scheinen gibt es sie nicht. Abbildungen realer Gebäude hätten unweigerlich zu Streit darum geführt, wer sich dort präsentieren darf, bei elf teilnehmenden Staaten und nur sieben verschiedenen Scheinen. Die Europakarte auf der Rückseite immerhin ist echt. Dass der Designer zunächst einige Inseln weggelassen hatte, gab aber auch gleich wieder Ärger.

Der Euro zum Anfassen

Um die neuen Scheine auch unters Volk zu bringen, ließ man sich aber noch ein bisschen Zeit. Als die Währungsunion mit dem 1. Januar 1999 in Kraft trat, galt der Euro zunächst einmal nur als Recheneinheit. Das nötige Bargeld war noch in Arbeit: 52 Milliarden neue Euro-Münzen und 15 Milliarden Euro-Scheine wurden hergestellt und verteilt - aber erst drei Jahre später. Inzwischen hatte der Euro Zeit, ein paar Kinderkrankheiten durchzustehen, ohne dass die breite Öffentlichkeit davon allzu sehr Notiz nehmen würde.

Die Europäische Zentralbank hatte die Geschäfte übernommen, machte Geldpolitik für die neue Einheitswährung, die zwar bereits allgegenwärtig, aber noch kaum sichtbar war. Deutsche und Franzosen stritten sich einstweilen noch ein bisschen um dies und das: War es zuvor die Besetzung des EZB-Chefpostens gewesen - hier hatte der Holländer Wim Duisenberg für Deutschland den Punkt geholt -, ging es nun darum, wann er wieder ginge, um einem Franzosen Platz zu machen. So gingen die Jahre ins Land.

Am 1. Januar 2002 war dann der Euro zum Anfassen da: Endlich klingelte es auch in den Portemonnaies und Supermarktkassen gesamteuropäisch.



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