100 Jahre Motorflug Als Deutschland in die Luft ging

Es war ein kleiner Sprung für ein Flugzeug, aber ein großer für die deutsche Luftfahrt: Vor genau 100 Jahren hob Hans Grade zum ersten Motorflug in Deutschland ab - und bohrte seinen Dreidecker nach nur 60 Metern in den Boden. Doch der tollkühne Pilot überlebte und wurde zu einem der wichtigsten deutschen Flugpioniere.

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Von Christian Siepmann


Es knatterte, es ruckelte, und schließlich hüpfte das Ungetüm: 8 Meter hoch, 60 Meter weit, und als es wieder den Boden berührte, zerbrach es. Aber Pilot Hans Grade hatte es geschafft. Fast unversehrt steckte er mitten in den Resten seines Dreideckers auf den Elbwiesen bei Magdeburg.

"Da saß ich nun wie Scipio auf den Trümmern von Karthago. Vor mir der erste Bruch - hinter mir der erste Flug. Stolz wie ein Spanier!", erinnerte er sich später. Und Grund, stolz zu sein hatte Grade in diesem Moment: Soeben war dem Jungspund als erstem Deutschen ein Flug mit Motorkraft gelungen. Beim Datum widersprechen sich die Quellen, doch ob es nun der 28. Oktober oder der 2. November 1908 war: Dieser Tage jährt sich Grades Großtat zum 100. Mal

Seit seiner Jugend hatte der am 17. Mai 1879 im pommerschen Köslin geborene Lehrersohn auf diesen Moment hingearbeitet. Als Heranwachsender hatte er die Schriften des Flugpioniers Otto Lilienthal über den Flug der Vögel gelesen. Mit sechzehn Jahren tüftelte er an Flugzeugmodellen. Nach dem Abitur studierte er Maschinenbau und Elektrotechnik in Berlin.

Luftsprung mit Motorunterstützung

Ganz wie die Gebrüder Wright, die 1903 in den Dünen von Kitty Hawk im US-Bundesstat North Carolina als erste Menschen überhaupt motorisiert und kontrolliert geflogen waren, war auch der erste deutsche Motorflieger Tüftler und Unternehmer zugleich. Im Jahr des Triumphs der Wright-Brüder konstruierte Grade sein erstes Motorrad und gründete zwei Jahre darauf, 1905, die Grade-Motorenwerke. Beste Voraussetzungen also, um mit Maschinenkraft in die Luft zu gehen.

Anders als die beiden Amerikaner aber musste Grade erst einmal zum preußischen Militär. 1907 rückte er in eine Magdeburger Kaserne ein, aber in seinen freien Stunden brütete er über seinen Flugzeugplänen und begann mit der Konstruktion des Flugapparates, der ihn in die Luft und in die Geschichtsbücher katapultieren sollte. Kaum wieder Zivilist, setzte Grade zu seinem Luftsprung mit Motorunterstützung an.

Die technischen Details des ersten deutschen Motorflugzeuges sind nur schwer zu rekonstruieren - es wurde beim unsanften Ende seines erfolgreichen Jungfernflugs zerstört. Erhalten sind dafür Fotos und Pläne seines unmittelbaren Nachfolgers. Denn nachdem er sich den Titel als erster deutscher Motorflieger gesichert hatte, jagte Grade auch weiter Preisen und Rekorden der gerade entstehenden Flugszene nach, und zwar in der ebenfalls von ihm eigenhändig konstruierten "Libelle".

40.000 Mark, verdient in 2 Minuten 43 Sekunden

Dieser Flugapparat verdiente seinen Namen: Bei einer Spannweite von 10,5 Metern war er mit 130 Kilogramm sehr leicht, machte einen fast zerbrechlichen Eindruck und war gerade deshalb aber mindestens so elegant wie das fliegende Insekt.

Flügel und Heckleitwerk der "Libelle" bildeten mit Tuch bespannte Holzgerippe, die mit Stangen verbunden waren. Wie ein Spinnennetz waren über und unter den Tragflächen Seile gespannt. Der 40 Kilogramm leichte V-Motor war in den Flügel integriert. Direkt darunter schaukelte der tollkühne Pilot in einem Freiluftsitz und steuerte das Fluggefährt mit einem einzelnen Hebel - nach heutigen Kategorien wäre die "Libelle" ein Ultraleichtflugzeug.

Mit der "Libelle" gewann Grade bereits ein Jahr nach seinem Erstflug den "Lanz-Preis der Lüfte". Der Traktorfabrikant Heinrich Lanz hatte 40.000 Mark für denjenigen ausgelobt, der als erster mit einem in Deutschland gebauten und von einem deutschen Motor angetriebenen Flugzeug alle für den freien Flug nötigen Manöver vorführte, indem er zwei im Abstand von 1000 Meter voneinander aufgestellte Pylonen in Form einer großen Acht im Flug umrundete.

Am 30. Oktober 1909 nahm Grade auf dem Flugplatz Johannistal bei Berlin im Pilotensitz der "Libelle" Platz, startete den Motor, hob ab - und war nur 2 Minuten und 43 Sekunden später um die Siegprämie reicher.

"Lebensgefährliche Mausefalle"

In der Folgezeit tourte Grade quer durch Deutschland und führte sein Fluggerät bei großen Schauen vor. Obwohl die "Libelle" im Vergleich zu seinem ersten Fluggefährt wahrscheinlich ein Quantensprung auch in Sachen Flugsicherheit war, ignorierte das Publikum die Eleganz der Maschine gänzlich: Für den Volksmund war sie lediglich die "lebensgefährliche Mausefalle".

Unermüdlich jagte Grade neuen Rekorden nach. Im September 1910 glückte ihm mit 4 Stunden und 30 Minuten der erste Dauerflug mit einem Eindecker, am 30. Oktober desselben Jahres gelang ihm ein etwa 60 Kilometer langer Überlandflug, und im April 1911 stellte er mit 1450 Metern einen Höhenrekord für Dreidecker auf. Bis 1913 sammelte der wagemutige Pilot ein, was für fliegerische Höchstleistung ausgelobt wurde - etwa dreißig Preise insgesamt.

Seinen Pilotenschein hatte Grade übrigens erst mehr als ein Jahr nach seinem ersten Flug erhalten, am 1. Februar 1910 - seltsamerweise trug die Lizenz des ersten deutschen Motorfliegers die Seriennummer 2. Der nahm es sportlich: Die Zwei sei schließlich eine "Grade-Zahl", soll das Fliegerass den Vorgang kommentiert haben.

Pionier der Luftpost und der Kleinwagen

Die 40.000 Mark aus dem Lanz-Preis steckte er in die Gründung seiner Flugzeugfabrik, der Grade-Fliegerwerke im brandenburgischen Borkheide, aus der bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Sommer 1914 rund 80 Maschinen rollten. Zugleich gründete er eine Pilotenschule, die bis 1914 rund hundert Piloten ausbildete, was mehr als 10 Prozent aller damaligen deutschen Luftfahrer entsprach. Und als 1912 zum ersten Mal Briefe und Postkarten auf dem schnellen Luftweg zu ihren Empfängern kamen, geschah dies auf Initiative Hans Grades und mit einem Flugzeug aus seiner Produktion.

Für den Kriegseinsatz allerdings waren Grades Flugzeuge ungeeignet. Als leichte Sportmaschinen konzipiert, waren sie den als Kampfflugzeuge konstruierten Fabrikaten anderer Hersteller - deutscher wie ausländischer - unterlegen. Die Grade-Fliegerwerken wurden zwischen 1914 und 1918 zur Wartungs- und Reparaturwerkstatt für die Flugzeuge anderer Hersteller, eigene Maschinen wurden nicht mehr gebaut. 1917 verkaufte Hans Grade seine Fabrik an einen Konkurrenten, angeblich infolge von Querelen um die Immobilie.

Nach dem Krieg blieb dem Flugpionier nur noch der feste Boden, um seinen Erfindergeist auszuleben - der Versailler Vertrag verbot den Flugzeugbau in Deutschland. Bereits 1915 hatte Grade ein Kraftfahrzeug entworfen, und so verlegte er sich in den Nachkriegsjahren auf den Autobau. 1921 wurden die Grade Automobilwerke AG gegründet. Grades Kleinwagen 4/16 PS profitierte unübersehbar von den Kenntnissen seines Konstrukteurs aus dem Flugzeugbau und war im Jahr 1924 der meistverkaufte Kleinwagen in Deutschland. Dennoch machte Grade mit der Autofabrik 1927 Konkurs.

"Libelle" auf dem Ehrenplatz

So hielt sich Grade mit Forschungsaufträgen aus der Industrie über Wasser, kehrte aber noch einmal zu seinen Wurzeln in der Fliegerei zurück: Bei großen Flugschauen trat er mit seiner "Libelle" auf. In dem Film "Ziel in den Wolken" von 1938, der den Wettkampf um den Lanz-Preis fast dreißig Jahre zuvor noch einmal aufleben ließ, spielte er sich selbst. Während des Zweiten Weltkriegs tüftelte NSDAP-Mitglied Grade an Dieselmotoren und rüsteten für Hitlers Bautruppe, die "Organisation Todt", Lkw um.

Anders als viele Flugpioniere, voran sein Vorbild Otto Lilienthal, starb der wagemutige Pilot nicht im Cockpit einer seiner Konstruktionen, sondern am 22. Oktober 1946 im heimatlichen Borkheide - auch ein beleg für die Qualität seiner Flugzeuge. Hans Grades "Libelle" steht bis heute im Deutschen Museum in München auf einem Ehrenplatz.



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Christian-Alexander Wäldner, 28.10.2008
1.
Ich bitte darum, hier den wirklich ersten Flugpionier Deutschlands nicht zu vergessen: KARL JATHO vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Jatho Der in diesem Beitrag ist nur möglicherweise der zweite Pionier gewesen!
Bertil Wenger, 28.10.2008
2.
Auch wenn es keine 100 %igen Dokumentierungen seiner Flüge gibt, so ist doch unstrittig, daß Gustav Weisskopf ab dem Jahre 1899 die ersten erfolgreichen Motorflugversuche unternahm. Am 18. August 1901 wird im sonntäglich erscheinenden Bridgeport Herald über einen erfolgreichen unbemannten sowie einen erfolgreichen bemannten Motorflug vom 14. August 1901 über eine Strecke von 800 m (1/2 Meile) mit Modell Nr. 21 berichtet. Außerdem wird dem auf 30 cm durchmessenden Holzrädern laufenden Modell, mit eingeklappten Flügeln auf der Straße fahrend, eine Geschwindigkeit von ca. 50 km/h zugeschrieben. Als vor Ort in Fairfield anwesende Augenzeugen werden Richard Howell (Herausgeber der Zeitung) James Dickie und Andrew Celli (Suelli), Assistenten Weißkopfs, und Weißkopf selbst genannt. Der Artikel war mit einer Zeichnung illustriert, aber es existiert kein Foto.
Hendrik Ehlers, 28.10.2008
3.
Ich finde es ausgesprochen schade, dass Sie meinen persoenlichen Helden Santos-Dumont (siehe http://en.wikipedia.org/wiki/Alberto_Santos-Dumont) mit keinem Wort erwaehnen. Neben der nun 100 Jahre dauernden Diskussion ob er oder die Wrights den ersten wirklichen motorisierten Flug unternahmen, spricht fuer ihn, dass er sich aus Protest gegen die Verwendung von Flugzeugen fuer kriegerische Zwecke mit seiner Krawatte erhaengte. Ihm kommt auch die Ehre zu erster Pilot eines weiblichen Passagiers gewesen zu sein - einer 14-jaehrigen Kubanerin....
Tobias Witten, 28.10.2008
4.
Ich kann meinem Vorredner nur beipflichten, dass der Hannoveraner Karl Jatho im Beitrag vergessen wurde - der wohl erste Flugpionier Deutschlands, wenn nicht gar der Welt. (Wohl nur in seiner Bescheidenheit ist begründet, dass er, der vermutlich wenige Wochen vor den Gebrüdern Wright den weltweit ersten Motorflug durchgeführt hat, nicht zu Weltruhm gelangt ist). Ihm zu Ehren trägt der Flughafen von Hannover heute noch das Kürzel HAJ, wobei das J für Jatho steht. Auch dass Hans Grade die Pilotenlizenz Nr. 2 erhielt, ist weniger seltsam, als dass doch der Darmstädter Pflugpionier August Euler die Pilotenlizenz Nr. 1 innehatte: http://de.wikipedia.org/wiki/August_Euler
Steffen Schlüter, 28.10.2008
5.
Nach meinen Informationen war der Deutsche KARL JATHO der erste erfolgreiche Motorflugpionier überhaupt. Daß immernoch die Gebrüder Wright als erste Motorflieger gelten, hat vermutlich mit ihrer damals großangelegten PR zu tun. (So ähnlich, wie Christoph Kolumbus fälschlicherweise oft immernoch als Entdecker Amerikas gehandelt wird.) Dazu empfehle ich die Dokumentation "Sorry Mr. Wright. Der Flugpionier Karl Jatho" von Gunter Hartung, 2006. http://www.phoenix.de/sorry_mr_wright/2007/08/10/0/142807.1.htm
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