100 Jahre Turnschuhkult O Sohle mio!

Rock'n'Roll und Rebellion: Früher waren Chucks ein Statement für Außenseiter. Heute tragen Lehrer, Politiker und Moderedakteurinnen die Stofftreter. Selbst Harry Potter ist im erfolgreichsten Turnschuhmodell der Welt unterwegs. Können die legendären Sneakers diesen Imageschaden verkraften?

Converse

Von Iris Soltau


Freitags ist Chucks-Tag an der Lakewood Elementary School in Modesto, Kalifornien. Morgens entscheidet der graubärtige Schuldirektor Doug Fraser, welches Modell von seinen 104 Paaren er anziehen wird: Das mit den Zebrastreifen? Oder dem Batman-Print? Fluoreszierendes Grün oder Disco-Glitter? Auch die Schüler tragen freitags Chucks. Wer Glück hat und eine ähnliche Farbe wie der Schuldirektor wählt, gewinnt einen Preis. "Das nimmt den Kids die Hemmungen, sich mit mir zu unterhalten", sagt Fraser. Und während sich der 56-jährige Vorzeigepädagoge lächelnd für ein pflaumenblaues Modell entscheidet, rotiert irgendwo auf einem Friedhof an der Ostküste der USA Joey Ramone in seinem Grab.

Der Chuck Taylor All Star, kurz Chuck genannt, steckt in einem Dilemma. Über Jahrzehnte hinweg war dieser Schuh ein Symbol von Rebellion und Ausdruck von Individualität. James Dean trug ihn, Joey Ramone trug ihn, Kurt Cobain trug ihn sogar, als er starb. Und plötzlich sind Chucks Mainstream geworden. Es gibt sie in allen Farben des Regenbogens: der Schuh soll nicht mehr zur Lebenseinstellung, sondern zur Handtasche passen. Schätzungen zufolge wird dieses Jahr ein neuer Rekord geknackt, dann ist der Chuck mehr als eine Milliarde mal über die Ladentheke gegangen.

Das aktuelle Comeback haben The Strokes eingeläutet, die 2001 einfach mal die Uniform der Punk-Urgesteine Ramones kopierten: Lederjacke, Röhrenjeans und Chucks. Die Schuhe machten danach genauso rasant Karriere wie die Band. Zunächst waren sie die Lieblingstreter von Künstlern und Kreativen, die sie aus Understatement-Gründen überstreiften. Kein Schuhmodell sagt so schön "Ist mir doch egal, was du über mich denkst." Außerdem verleihen sie selbst Mittvierzigern eine gewisse Jungenhaftigkeit, da kann das Haar noch so schütter sein und das Hemd noch so sehr um den Bauch spannen.

Harry Potter trägt Chucks - wie konnte das passieren?

Die Gummisohle marschiert weiter, aus den Clubs und den Werbeagenturen hinein in den Alltag. Wer heute zur Hauptverkehrszeit in einer beliebigen Stadt U-Bahn fährt, zählt mindestens fünf Paar Chucks pro Waggon. Alternde Linke und Teenies mit Emocore-Buttons auf dem Rucksack tragen sie genauso wie Mütter und Kleinkinder im Partnerlook. Sogar Harry Potter - der Gegenentwurf zu cool - war in "Der Orden des Phönix" in Chucks zu sehen. Spätestens seit Carine Roitfeld, Chefredakteurin der französischen Vogue, 2007 in einem goldenen Paar bei den Fashion Shows in Mailand erschien, sind Chucks gesellschaftsfähig. Die österreichische Außenministerin Ursula Plassnik kombiniert ihre Converse prompt zum schwarzen Hosenanzug. Wie konnte das geschehen?

Rückblick. 1908 gründete Marquis Converse in Massachusetts die "Converse Rubber Shoe Company", die zunächst Gummistiefel herstellte, später auch Sportschuhe. Der Legende nach kontaktierte im Jahr 1921 der Basketballspieler Charles "Chuck" Taylor die Firma, um Verbesserungsvorschläge zu machen. Er ließ unter anderem den Converse-Sticker mit seinem Logo auf die Innenseite des Schuhs nähen, um die Knöchel der Spieler zu schützen. Die Erfolgsgeschichte begann, nachdem die amerikanische Basketballmannschaft in Converse Chucks 1936 erstmalig olympisches Gold einfuhr.

Doch Sport allein hätte diesen Schuhen nie einen so unglaublichen Siegeszug ermöglicht. Der Rock'n'Roll, er war es. Schon Elvis hatte schnell kapiert, dass die "Blue Suede Shoes", die guten Sonntagsschuhe, zu schade und zu unbequem waren, um damit auf der Bühne herumzuspringen. In den sechziger Jahren trafen sich die Beach Boys in pastellfarbenen Hemden am Strand und verpassten dem erstmals niedrig geschnittenen All-Star-Modell "Oxford" kalifornische Lässigkeit.

Der Schuh für alle Außenseiter

In den späten Sechzigern tauchten auch Yoko Ono und John Lennon in Chucks auf. Genau wie viele andere Hippies, die sie mit Peace-Zeichen bemalten und Blumen durch die Schnürbandösen flochten. In den Siebzigern beanspruchten die Punks die Chucks für sich. Schwarz mussten sie sein, logisch, der Schuh wurde so lange mit Tape oder Sicherheitsnadeln geflickt, bis er endgültig auseinanderfiel. In den Achtzigern paarten Hard-Rocker wie Van Halen ihre Chucks mit engen Streifenhosen. In den Neunzigern ergänzten Chucks das Grunge-Outfit: Eddie Vedder und Kurt Cobain trugen sie zu zerlöcherter Jeans und Holzfällerhemd.

Auch im Kino steckten die Chucks bevorzugt an den Füßen von Außenseitern oder unbequemen Helden. Etwa in den Achtziger-Filmen wie "The Breakfast Club" und "Fast Times At Ridgemont High". In "Trainspotting" (1996) trug sie Ewan McGregor in seiner Rolle als Junkie Renton.

Es scheint, als ob jede Generation den Schuh wieder neu für sich entdeckt. Das aktuelle Comeback sprengt jedoch alle Ausmaße. Zum ersten Mal besteht die Gefahr, dass ein Massenkult das Image erstickt. Selbst in linken Kreisen, in denen sich die Chucks immer noch großer Beliebtheit erfreuen, wird sich bald herumgesprochen haben, dass Converse vor fünf Jahren von Nike gekauft wurde. Jenem Konzern, der dafür brüchtigt ist, seine Schuhe in Billiglohnländern produzieren zu lassen.

Rebellenmythos recycelt

Im Hause Converse hat man die Gefahr erkannt. Obwohl die Verkaufszahlen durch die Decke knallen, lancierte die Company eine gigantische Imagekampagne in 75 Ländern. Ein Versuch, den alten Rebellenmythos in die Zukunft zu retten. Auf Schwarz-Weiß-Porträts wirbt Converse mit Helden von gestern wie James Dean, Sid Vicious oder Hunter S. Thompson. Dazu gibt es Musik der Helden von heute. Pharrell Williams, Strokes-Sänger Julian Casablancas und Electro-It-Girl Santogold haben exklusiv für Converse einen knackigen Ohrwurm eingespielt, den sich Fans von der US-Website downloaden können.

Vielleicht hätten sich die Marketing-Strategen aber gar nicht so ins Zeug legen müssen. Denn die größte Stärke des Chucks liegt ganz woanders - im Design. Ein einfacher, schöner, bequemer Schuh - genau das, wonach sich Menschen in hoch technisierten Zeiten sehnen.

Und selbst wenn alle Chucks-Fans ihre Treter jetzt entnervt nach hinten ins Regal schieben, ist eines sicher: Irgendwann holt sie ein gelangweilter Teenie hervor und beginnt in den Schulstunden auf dem Stoff herumzukritzeln. Wie ein Boomerang wird der Schuh dann wieder da sein und sein nächstes Comeback feiern.

Immerhin ist den Chucks das gelungen, was vielen Politikern bislang versagt blieb: Flächendeckende Demokratisierung! Ob es der Punk ist, der vor dem Bahnhof sein Dosenbier trinkt, oder die Chefredakteurin der Vogue. In Chucks riechen alle Füße gleich.



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Siegfried del Moral, 20.07.2008
1.
Diese Schuhe sind für mich der Inbegriff von stinkenden Schweissfüssen. Gerade bei Frauen hat das für mich eine Signalwirkung wie die Farbe eines Pfeilgiftfrosches: "Fass mich nicht an, ich bin eklig". Was heisst Mainstream. Das waren die doch auch schon vor 20 Jahren. Somit sind sie heute so rebellisch wie das Arschgeweih und das Piercing von städtischen Angestellten.
Jan-R Handel, 20.07.2008
2.
1.) ...Chucks müssen dreckig und zerissen sein. 2.) ...echte Liebhaber tragen Chucks auch bei Minusgraden (is so wie mit Motorradfahren im Winter)
Christian Stegemann, 20.07.2008
3.
Ich teile die Meinung von der Autorin. Für mich hat sie jedoch einen entscheidenden Vorteil der Chucks vergessen: Sie sehen immer besser aus, je länger man sie trägt. Während man bei anderen Turnschuhen nach kurzer Zeit überlegt, wann man das nächste Paar kaufen wird, trägt man Chucks so lange, bis sie tatsächlich auseinanderfallen. Und macht damit noch eine gute Figur.
Werner von Schleiden, 20.07.2008
4.
Grauenhaftes Zeugs. Schlechtes Material, labberige Passform, billige Anmutung. Eine der Irrungen meiner Jugendzeit, bevor ich wusste, was Schuhe sein können. Fehlt nur noch das Comeback von Clogs und Roots. Und mal im Ernst: Wer will schon das Gleiche tragen wie "Lehrer, Politiker und Moderedakteurinnen"? Brrrr.
Frank Behnsen, 20.07.2008
5.
Kleiner Recherchefehler in der Fotoserie: die US-Punkband "Ramones" (immer ohne bestimmenden Artikel) trug in den Anfangsjahren ihrer Karriere KEINE "Chucks" sondern "Sneakers" der US-Marke "Keds" - wie leicht aus Fotos der Band aus dieser Zeit ersichtlich ist. Lediglich Schlagzeuger Marky Ramone trug ab den achtziger Jahren "Converse Sneakers".
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