100. Pulitzerpreis Viel Feind, viel Ehr

Joseph Pulitzer begründete den wichtigsten Journalistenpreis der Welt - um seinen eigenen Ruf zu retten. Heute wird die umstrittene Auszeichnung zum 100. Mal verliehen.

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Von , New York


Es begann im Schützengraben. Pozières, Frankreich, September 1916: Der US-Reporter Herbert Bayard Swope duckte sich im Schlamm, ringsum tobte die Schlacht an der Somme, einer der blutigsten Schauplätze im Ersten Weltkrieg . Der 34-Jährige berichtete über die deutschen Truppen, es war sein zweiter Besuch bei ihnen.

Swopes Frontreportagen waren an Dramatik kaum zu steigern: "Trommelfeuer, Maschinengewehre, Handgranaten, Minenwerfer, Infanterieangriffe, Minenexplosionen, Flammenwerfer" - so beschrieb er das Chaos des Stellungskriegs. Trotzdem gaben sich die kaiserlichen Offiziere optimistisch: "Die Alliierten werden nie durchkommen", zitierte Swope den Preußengeneral Günther von Kirchbach. Wie das ausging, weiß man ja.

Für seinen Arbeitgeber, die US-Tageszeitung "New York World", verfasste der Reporter eine Serie von Kriegsberichten. Titel: "Im Inneren des deutschen Reichs." Damit gewann er 1917 den allerersten Pulitzerpreis . Es mag Swope geholfen haben, dass die mittlerweile legendäre Journalistenauszeichnung nach dem Verleger der "New York World" benannt war, dem 1911 verstorbenen Joseph Pulitzer. Jedenfalls wurde Swope reich, umgab sich fortan mit Stars und Staatsmännern und genoss den Rest seines Lebens in einer Luxusvilla, die Inspiration für den "Großen Gatsby" war.

Am Montag werden die Pulitzerpreise - die inzwischen 21 Kategorien bieten - zum 100. Mal verliehen. Während sich die Journalism School der Columbia University, die die Medaillen auslobt, anlässlich des Jubiläums in Selbstlob sonnt , zeigt ein näherer Blick: Die "Pulitzers" bleiben zwar die Oscars der US-Presse. Doch ihr Ursprung ist ebenso fragwürdig wie ihr heutiger Wert - gerade in einer zerfledderten Branche, die sich mit immer mehr Preisen überschüttet. Dieser Konflikt von Image und Realität fing bereits mit Mr Joseph Pulitzer an.

Morde, Katastrophen, Affären

Der Sohn eines Kornhändlers und einer deutschen Mutter, geboren 1847 im ungarischen Makó, reiste 1864 in die USA und kämpfte zunächst auf der Seite der Nordstaatentruppen im Amerikanischen Bürgerkrieg. Nachdem der jüdische Abenteurer als Kellner, Kofferträger und Arbeiter in einem Verlag angeheuert hatte, landete Pulitzer schließlich im Journalismus: 1883 kaufte er die defizitäre "New York World" - und verschrieb der Lokalzeitung eine Radikalkur aus Skandal und Sex. "Eine sensationelle Story, die es wert ist, sollte bis zum Limit ausgenutzt werden", sagte Pulitzer einmal.

Der Gang durch die Gosse lohnte sich: Bald war die "World" Amerikas größte Zeitung. Pulitzer finanzierte zwar investigative Recherchen, doch seine wahre Liebe galt dem Boulevard. Morde, Katastrophen, Affären, Klatsch und PR-Stunts: Mit dieser Mischung erfand er die Yellow Press, nach der oft knallgelben Druckertinte.

Wegen Depressionen und Erblindung zog sich Pulitzer schon mit 43 Jahren aus dem Geschäft zurück, 1911 starb er auf seiner Jacht, die vor der Hafenstadt Charleston, South Carolina, ankerte. Seine letzten Worte wisperte der Zeitungsmagnat laut einem Nachruf in der "New York Times" angeblich auf Deutsch: "Leise, ganz leise."

Vergessen, zu Ikonen erstarrt

Seinen zweifelhaften Ruf wurde der Yellow-Press-Pionier erst posthum los - indem er dafür bezahlte: Er hinterließ der Columbia University zwei Millionen Dollar für eine neue Journalismusfakultät und einen Journalistenpreis. Statt für niederste Presseinstinkte sollte der Name Pulitzer ab sofort nur noch für Qualität und Prestige stehen.

Nachdem die Universität eine Großspende Pulitzers 1892 noch ausgeschlagen hatte, nahm sie das Geld nach seinem Tod an: Die Journalism School eröffnete 1912, fünf Jahre später wurden die ersten Pulitzerpreise vergeben. Ausgezeichnet wurde neben Swope die "New York Tribune" für einen Bericht über den ersten Jahrestag der Versenkung der "Lusitania" durch ein deutsches U-Boot 1917.

Seither sind die meisten Gewinner vergessen, andere zu Ikonen erstarrt. Dazu gehören etwa die Watergate-Enthüller Bob Woodward und Carl Bernstein, die Kriegskorrespondenten Marguerite Higgins (Korea) und Peter Arnett (Vietnam), aber auch Maureen Dowd, deren "New York Times"-Kolumnen sie zur Edelfeder machten.

Pulitzerpreise gingen auch an ganze Redaktionen wie den "Boston Globe" (für die Aufdeckung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche ) und an Fotografen wie Nik Ut (für sein Bild von Napalm-verbrannten Kindern in Vietnam ). Prämiert wurden Schriftsteller wie Pearl S. Buck, John Steinbeck und Margaret Mitchell (" Vom Winde verweht "), Dramatiker wie Tennessee Williams und Arthur Miller, aber auch der Komponist Marvin Hamlisch (für das Broadway-Musical "A Chorus Line") und der Jazzmusiker Wynton Marsalis.

Geheimniskrämerisch wie das Konklave

Trotz aller prominenter Preisträger wächst die Kritik. Die 19-köpfige Jury aus Verlegern, Redakteuren und Akademikern sei zu konservativ, zu konventionell, zu "old media", die Auswahl zu beliebig und geheimniskrämerisch wie das Konklave. Selbstgefällige Augenwischerei, klagte Alexander Cockburn schon 1984 im "Wall Street Journal", das bisher 39 Pulitzers gewonnen hat: "Jahr für Jahr geht dieses würdelose Preisritual weiter, ohne spürbare Skrupel meiner Profession." Das Ganze sei "Schwindel", schimpfte Jack Shafer voriges Jahr auf der Website "Politico".

Dennoch: Der Name hallt weiter. Ein Pulitzer ist der einzige Preis, der noch heraussticht aus dem Wirrwarr an Journalistenauszeichnungen in den USA. Shafer umschrieb das so: "Es gibt Preise für Medienreporter, junge Journalisten, mutige Journalisten, schwarze Journalisten und schwarzen Journalismus, innovativen Journalismus, Geschichten 'aus dem Leben', hervorragenden Journalismus, gemeinnützigen Journalismus und gemeinnützigen Magazinjournalismus", außerdem "elektronischen Journalismus, Feature-Journalismus, Kinder- und Familienjournalismus, Behindertenjournalismus, Wissenschaftsjournalismus, internationalen Journalismus, politische Berichte, unerschrockenen Journalismus, Exzellenz im Journalismus, Datenjournalismus und Journalismus, der Korruption enthüllt".

Die diesjährigen Preisträger werden wie immer im World Room der Journalism School verkündet. Blickfang des Saals ist ein riesiges Buntglasfenster mit der Freiheitsstatue, deren Podium Pulitzer 1884 finanziert hatte, indem er über die "World" 100.000 Dollar an Spenden zusammentrommelte. Das Fenster zierte einst den Wolkenkratzer der "World" in Lower Manhattan, der 1955 abgerissen wurde. Es ist das einzig konkrete, nicht von Mythen verzerrte Relikt aus jener Zeit, das noch übrig ist.

Auch SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Marc Pitzke studierte an der Journalism School der Columbia University. Sein erstes Seminar fand im World Room statt.

insgesamt 2 Beiträge
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Karl Bund, 19.04.2016
1. Spiegelsprech
Ich muss es einfach mal loswerden: Diese flapsige Journaille-Sprache, dieses "Spiegelsprech" kotzt mich langsam an. Die - positiv formuliert - ironische Distanz, diese arrogante Distanziertheit wird solchen Tragödien wie dem Ersten Weltkrieg nicht gerecht. Und als kurzer launiger Einstieg in die Pullitzerpreisgeschichte taugt das Morden an der Somme schon gar nicht.
Dirk Diggler, 03.05.2016
2.
Wie das ausging, weiß man ja. Ja die Briten hatten 6000 Tote in der ersten Stunde und über 30.000 nach 24 Stunden, die größte Niederlage in der Geschichte der Briten. Das Gemetzel ging noch ein paar Monate weiter ohne Entscheidenen Ausgang. Preußengeneral Günther von Kirchbach, hat also Recht behalten. an der Somme sind sie nicht durchgebrochen. Ich frage mich was die Verunglimpfung immer bringen soll.
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