Todestag Ayrton Senna Das Ende einer Gottheit

Fluch über der Formel 1: An einem einzigen Rennwochenende im Mai 1994 starben Brasiliens Starpilot Ayrton Senna und der Österreicher Roland Ratzenberger, Rubens Barichello verunglückte schwer. Hartmut Lehbrink war dabei - und erinnert sich an die schwärzesten Stunden des Grand-Prix-Sports.

Rainer Schlegelmilch

Ayrton Senna ist tot. Das scheint ein spröder Satz, aber er handelt bündig von der Zerstörung des scheinbar Unzerstörbaren. Senna war der Formel-1-Gott der späten achtziger Jahre, drei WM-Titel 1988, 1990 und 1991, 41 Grand-Prix-Erfolge und 13.645 Kilometer als Führender - das war seine Bilanz. Und 65 Pole-Positions der unantastbare Beweis seiner Fähigkeit, alle Konzentration in jene anderthalb Minuten zu pressen, auf die es ankommt in der samstäglichen Rushhour des Qualifyings.

Doch viel eindrucksvoller als die Zahlen, die der Brasilianer in seinen zehn Jahren im Grand-Prix-Geschäft anhäufte, war die Art und Weise, wie er seine Erfolge einfuhr. Er liebte das Chaos, wie beim Regenrennen von Donington 1993, weil seine Brillianz dort noch heller strahlte. Wie kaum ein anderer Fahrer seiner Zeit war er vom unbändigen Willen besessen, der Beste zu sein. Wer ihm seine Dominanz streitig machen wollte, dem rückte er zu Leibe. Die Weltmeisterschaften 1989 und 1990 wurden jeweils im japanischen Suzuka mit harten Bandagen gegen Alain Prost entschieden, 1989 zugunsten des Franzosen, zwölf Monate später mit Vorteil Senna, der im kleinen Kreis bereits am Tag zuvor angekündigt hatte, wann und wo er Prost von der Piste zu rempeln gedenke.

Und jetzt: Senna ist tot. Mit diesen vier Silben kommt zurück, was man so gern verdrängen würde, jenes schwarze Wochenende in Imola 1994: Schon am Freitag, im freien Training, hatte es den ersten Warnschuss gegeben, einen grauenhaften Crash von Rubens Barrichello. Der war in der Kurve einfach geradeaus gefahren, hatte die Curbs als Startrampe genutzt, war abgehoben und im freien Flug mit 180 Sachen in die Reifenstapel direkt neben der Piste eingeschlagen. Wie durch ein Wunder überlebte der Brasilianer jedoch nur leicht verletzt.

Genickbruch an der Betonmauer

Roland Ratzenberger hatte am Sonnabend weniger Glück. Mit seinem Simtec-Boliden kam er ebenfalls von der Strecke ab, schlug in die Betonmauer neben der Piste ein. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam der völlig zerstörte Simtec zum Stillstand, der Kopf des Fahrers über dem gebrochenen Genick baumelte noch ein letztes Mal haltlos hin- und her.

Und dann, in der siebenten Runde des Rennens, wieder die roten Fahnen, die man fürchten gelernt hat an diesem Wochenende. "Incidente", plärrt es trügerisch harmlos aus den Lautsprechern. Auf den Bildschirmen des Pressesaals sehe ich die finale Phase einer Slow-Motion-Sequenz: Sennas Williams kommt zum Stillstand, mit der heilen Seite zur Kamera hin. Erste Reaktion, noch ganz instinktiv: Er ist ausgefallen, schade, das gibt einen langweiligen Grand Prix. Bald darauf schon Unruhe: Warum steigt er nicht aus. Und schließlich - aber da kniet bereits ein Heer von Helfern um den leblosen Mann am Boden - die Gewissheit: Da ist etwas Schlimmes passiert, schon wieder. Die Körpersprache von FIA-Chefmediziner Professor Sid Watkins da hinten vor Ort an der berüchtigten Tamburello-Kurve spricht Bände.

Fotostrecke

18  Bilder
Ayrton Senna: Tod eines Helden

Bald darauf treffen die ersten Fotografen ein, berichten mit gedämpfter Stimme davon, in welchem Zustand man Senna vorgefunden habe. Nein, keine Hoffnung. Einige bieten Bilder an, auf denen man das gut sehen könne, saftige Preise stehen im Raum. Längst habe ich jedes Interesse an dem Rennen verloren, das unerbittlich seinen Lauf nimmt, während man der Menge vorgaukelt, die Maggiore-Klinik in Bologna, in die man Senna mit dem Hubschrauber überführt hat, werde die Sache schon richten.

Grausame Ironie, rührende Märchen

Eine Stunde später sind wir auf dem Weg zum Flughafen. Dort warten bereits viele, die der Alptraum von Imola schon vorher vertrieben hat, schauen fragend und ängstlich: Neues von Senna? Tot? Nein, das ist völlig ausgeschlossen! Im Flugzeug bringt mir eine Stewardess die "Welt am Sonntag" mit Sennas Kolumne. "Für das heutige Rennen bin ich optimistisch", schreibt er da, und auch, wie betroffen ihn der Unfall Roland Ratzenbergers gemacht hat. Wie es in seinem Gesicht, dem angeblich unergründlichen, gearbeitet hat, habe ich selbst gesehen, als der Brasilianer am späten Samstagnachmittag neben mir in Ratzenbergers Garage am Anfang der Boxenreihe stand und sich die Szenen vom Unfall des Salzburgers auf dem Bildschirm immer wieder angeschaut hat.

Vor dem Hintergrund der Geschehnisse in Imola sind die Sätze der Senna-Kolumne in der "WamS" von grausamer Ironie. Sie machen deutlich, was so viele Jahre ohne tödliche Unfälle in der Formel 1 fast ins Vergessen geriet: Der Mensch, scheinbar kugelfest eingepanzert in einem Kokon aus Kohlefaser, mit dem Rest der Welt vernetzt durch Telemetrie und Intercom, ein immer kleinerer Teil eines immer größer werdenden Organismus, ist verletzlich und verwundbar wie eh und je, selbst ein Senna.

In den nächsten Tagen folgen die gewohnten Rituale, jene emsige Kosmetik am Irreparablen, die das Gewissen und das Bewusstsein einlullt, aber noch nie jemand wieder zum Leben erweckt hat. Die Staatsanwaltschaft wird eingeschaltet, in Italien Routine in solchen Fällen. In gemessenen Abständen erfahren wir die Ergebnisse der Recherche: Senna sei nicht durch den Aufprall auf die Betonwand am Rande von Tamburello erschlagen worden, sondern weil ein Teil der Aufhängung seines Williams ins Cockpit drang. Auch ein Märchen macht die Runde: Der Brasilianer habe sich in den Untergang gestürzt, um seinen Mythos vor dem andrängenden jungen Michael Schumacher für immer zu bewahren.

Eine Nation in Tränen

Fieberhafter Aktionismus folgt, überhastete und nicht zu Ende gedachte Maßnahmen der FIA, diesen Sport sicherer zu machen, der doch seinen Reiz aus dem Risiko bezieht. Aber auch Bewegendes kommt zutage. Was er gewesen sei, lässt sich Erzfeind Alain Prost vernehmen, sei er erst durch Senna geworden, und dieser habe ihm kurz vor seinem Tode gestanden, er empfinde ganz ähnlich. Zu der persönlichen Betroffenheit hat sich längst ein universales Echo gesellt, ein globales Nachbeben sozusagen, das der Schwere des Verlusts erst die gebührenden Ausmaße verleiht, nirgends indessen schmerzlicher als in Brasilien.

Eine Nation ist in Tränen: Am 5. Mai, dem Tag von Sennas Beerdigung, säumen fast eine Millionen Menschen in São Paolo die Route von den Assembleis Legislativa zum Morumbi-Friedhof. Dort wird der, der ewig Unruhige, zur letzten Ruhe gebettet, im Sektor sieben, Block fünfzehn, Grab elf, Sennas finale Anschrift.

Kollegen wie Alain Prost, Emerson und Christian Fittipaldi, Rubens Barrichello, Gerhard Berger, Derek Warwick und Damon Hill tragen abwechselnd den Sarg, blass und nach Fassung ringend. Eine Kunstflugstaffel malt ein Herz in den Himmel mit dem Senna-S darin als Zeichen, man werde das Andenken an den Toten im Herzen bewahren. Präsident Itamar Franco ruft drei Tage Staatstrauer aus. Minuten vor dem Begräbnis nimmt sich das Mädchen Zuleica Costa Rose das Leben, eine 16-jährige aus Curitiba. In ihrem Abschiedsbrief steht, sie sei auf dem Wege zu Senna, zum Wiedersehen im Jenseits.

Kein Wunder: Im Brasilien der vergangenen zehn Jahre, gedemütigt und gebeutelt durch Korruption, eine ausufernde Inflationsrate und Drogenhandel, war Ayrton Senna da Silva eine Lichtgestalt, eine Identifikations- und Kultfigur, an der man seine Träume festmachen konnte, durch die Allgegenwart des Fernsehens vertraut wie die nächsten Angehörigen. "Sonntags Vormittags, alle vierzehn Tage, siegte Senna in unseren Wohnzimmern", schreibt ein brasilianischer Kommentator. "Am Vormittag des ersten Mai starb er dort vor unser aller Augen."

Auch hierzulande beherrscht der Tod des Mannes mit dem gelben Helm in den ersten Tagen das Gespräch, hat jeder etwas beizutragen, nur anders, europäisch-unterkühlt und voller Distanz zu dem Exoten aus dem fernen Südamerika. Der Tenor: Er wusste ja um die Gefahr, handelte sein Berufsrisiko ein gegen viele Millionen. Und nun hat halt das Schicksal den Wechsel eingelöst. In der Tat: Senna habe, so heißt es, Geld und Geldeswert in Höhe von einer halben Milliarde Mark hinterlassen, vieles davon übrigens für wohltätige und gemeinnützige Zwecke bereitgestellt. Aber so einfach geht die Rechnung nicht auf. Natürlich war die konkrete Möglichkeit seines Todes einbegriffen im Kaufpreis für das Glück, Ayrton Senna zu sein. Aber er hatte es uns so leicht gemacht, das zu vergessen.

insgesamt 2 Beiträge
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Stefan Kunath, 02.05.2009
1.
Also genaugenommen stimmt der Satz "An einem einzigen Rennwochenende im Mai 1994 starben Brasiliens Starpilot Ayrton Senna und der Österreicher Roland Ratzenberger..." nicht. Da Ratzenberger am 30.4. und so nicht im Mai verstarb. Aber so klingt der Satz natürlich schöner.
Bodo von Bitz, 03.05.2009
2.
Da steht doch als Bildtext tatsächlich: "Keine Hoffnung: Hilflose Streckenposten und Rettungskräfte umringen das Wrack von Ayrton Senna." Wie unsensibel kann eigentlich ein Spiegel-Amateur noch werden?
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