25 Jahre Wiedervereinigung Durchgeknallt ins neue Land

NVA-Uniformen, Deutschlandfahnen als Kleid, Tropenhelm: In der Nacht zum 3. Oktober 1990 in Berlin ließen sich die Menschen einiges einfallen, um aufzufallen. Armin Himmelrath hielt den Taumel der Wiedervereinigung in Bildern fest.

Armin Himmelrath

Genau um Mitternacht sollte es soweit sein. Jubel, Tränen, Feuerwerk: Nach Jahrzehnten der Trennung würde Deutschland genau um 0:00 Uhr an diesem 3. Oktober 1990 wiedervereint sein. Ich war am 2. Oktober gegen Mittag in Berlin angekommen, nach zwei Tagen in Leipzig, wo wir den ersten gesamtdeutschen journalistischen Fachverband gegründet hatten, die "Journalisten-Aktion Umwelt".

Für die Fahrt von Köln über Leipzig nach Berlin hatte ich mir den knallroten VW-Bus meiner Eltern geliehen - vor allem deshalb, weil man ihn mit einer hinten hineingelegten Matratze wunderbar als rollende Unterkunft benutzen konnte. In Berlin stellte ich den Wagen irgendwo im Ostteil der Stadt in einer Seitenstraße ab - schön ruhig, aber gleichzeitig in der Nähe eines S-Bahnhofs. Von dort bin ich dann, nach einer schnellen Soljanka als Mittagessen und ohne Ticket, zum Alexanderplatz gefahren und von dort zum Brandenburger Tor und zum Reichstag gelaufen. Irgendwo hatte ich gelesen, dass die Nutzung von Bussen und Bahnen an diesem Tag umsonst sei.

Die ganze Stadt fieberte der Nacht und der Wiedervereinigung entgegen, die Stimmung war euphorisch. Es schien, als wären alle Regeln aufgehoben: Menschen waren überall auf den Straßen unterwegs und kümmerten sich überhaupt nicht um die Autos, die versuchten, sich ihren Weg durch die Massen zu bahnen. Vor dem Brandenburger Tor, auf der östlichen Seite, mühten sich ein paar Vopos mit dem Aufbau von Absperrgittern ab - und mussten sich ständig Kommentare anhören: "Warum macht ihr das noch? Ab Mitternacht gibt's euren Arbeitgeber eh nicht mehr." Auf der Wiese vor dem Reichstag standen zwar Gitter, aber die Menschen kletterten einfach drüber und liefen die große steinerne Einfahrt zum Gebäude hinauf, um Fotos zu machen. Niemand unternahm auch nur den Versuch, sie aufzuhalten.

Verrückte Verkleidungen

Zurück zum Brandenburger Tor, wo ein paar wild geschminkte Schauspieler im Korb eines europablauen Heißluftballons posierten. Sie erinnerten mich an die Theatertruppe aus dem Asterix-Band "Tour de France": schrille Figuren, denen es vor allem ums Auffallen ging. Drumherum kurvte ein Mann mit Fliege, Melone und einem Erwachsenen-Dreirad durch die Menge, drückte immer wieder auf seine Ballonhupe und führte ein selbstgemaltes Schild vor: "Keine Mauer! Keiner liegt mehr auf der Lauer!" Man musste sich an diesem besonderen Tag schon einiges einfallen lassen, um überhaupt noch aufzufallen. Es war der Abend und die Nacht der Selbstdarsteller. Verkleidet. Verrückt. Vereinigt.

In dieser Nacht ging alles: Ost-Uniformen in allen Variationen, Tropenkleidung, NVA-Helme, russische Militärmützen. Selbstbemalte T-Shirts, Deutschlandfahnen als Kleider. Und sogar eine Kloschüssel, montiert auf Tischlerböcken, mit einer brennenden Fackel drin und einer Holzbohle, auf die mit roter Farbe nur das Wort "Volksentscheid" gesprüht war. Ich fotografierte wie ein Besessener. Am Ende hatte ich 13 Filme belichtet.

Überhaupt wurde ständig fotografiert und gefilmt, es gab so unglaublich viele skurrile Gestalten zu sehen. Ein Kinder-Team mit Videokamera interviewte Passanten - und die junge Reporterin musste ihren Arm ziemlich strecken, um das Mikrofon hoch genug zu halten. Andere nahmen Fotos auf, auf denen sie wie TV-Reporter posierten - zur Not mussten ein kleiner Regenschirm oder eine leere Piccoloflasche als Mikrofonersatz herhalten.

Trabbi-Konvoi unterm Brandenburger Tor

Und natürlich wurden in dieser Nacht auch grandiose Geschäfte gemacht. Allen voran von denen, die irgendwo Uniformbestände der russischen Armee, der NVA oder der Volkspolizei hatten auftreiben können: Zu Tausenden wechselten Mützen, Hammer-und-Sichel-Fahnen und andere Ost-Devotionalien den Besitzer. Ein Berliner vermietete für fünf Mark den Aufstieg auf seine mitgebrachte Haushaltstrittleiter, damit man von oben Fotos machen konnte. "Nimmste auch Ostmark?", wollte eine junge Frau wissen und wedelte mit dem braungrünen Schein, der ein paar Monate zuvor als Zahlungsmittel abgelöst worden war. "Na klar", brummte der Leiterbesitzer, "aber nur zum Kurs zwei zu eins." Ein anderer machte das Geschäft seines Lebens mit Polaroid-Bildern: "Dieser Tag kommt nie wieder", hatte er auf sein Pappplakat geschrieben, mit dem er um Fotokunden warb: "Erinnerungsfoto einfach - 10 DM, mit Vopo-Mantel und Mütze 20 DM." Und überall in der Stadt standen die Mauerspechte und pickelten mit ihren Hämmern am "antifaschistischen Schutzwall" herum.

Bevor der Pariser Platz endgültig für die Besucher gesperrt wurde, kurvten unablässig die Trabbis durchs Brandenburger Tor, einer nach dem anderen - fast so, als wäre die Mauer gerade erst gefallen. Innen an den Tordurchgängen hatten Arbeiter riesige Holzplatten angebracht und sandsteinfarben gestrichen, damit das Bauwerk in dieser Nacht vor Vandalismus und Schmierereien geschützt wäre. Die Idioten kamen trotzdem, in Gruppen und meistens sichtlich angetrunken, reckten die Hände zum Hitlergruß, grölten "Sieg Heil!" und schwenkten ihre Reichskriegsflaggen. In diesen Momenten war ich froh, mich hinter der Kamera verstecken und damit Distanz herstellen zu können.

Und trotz des Gedränges, trotz der vielen Tausend Menschen, die überall unterwegs waren, gab es auch die anderen Momente - die stillen Szenen. Das Paar, das sich vor dem Brandenburger Tor hemmungslos schluchzend in den Armen lag, überwältigt von dem Wissen, dass die DDR nun Geschichte war und das diese Entwicklung, ein knappes Jahr nach dem Mauerfall, trotzdem noch nicht richtig fassen konnte. Der Mann und die Frau, die, angetan mit russischen Militärmützen, stumm und glücklich auf die Feierenden vor dem Tor schauten. Und der junge Vater mit seiner Tochter auf den Schultern, der mit ihr fast durch die Menge zu schweben schien vor Glück. Das Mädchen von damals müsste heute Ende 20 sein. Vielleicht erkennt sie sich auf den Fotos wieder.

Was für eine Nacht: emotional, bewegend, verrückt. Und: anstrengend. Seit dem Mittag war ich durch Berlin gelaufen, hatte weit über 400 Bilder gemacht, Menschen in die Seele geschaut. Irgendwann war mir der Trubel zu viel. Es wurde immer voller, meine Füße taten weh, ich lief zurück zum Alex, stieg in die S-Bahn, fuhr zum Auto und krabbelte in meinen Schlafsack. Um kurz nach halb zwölf in dieser Nacht bin ich eingeschlafen.

Ich weiß, es ist im Rückblick ziemlich bescheuert: Ich habe die Wiedervereinigung verschlafen - in einem VW-Bus irgendwo in Ost-Berlin.



insgesamt 2 Beiträge
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Rainer Kunz, 01.10.2015
1. Brahms
Auch ich reiste an diesem denkwürdigen Tag extra nach Berlin. Der Pilot unserer Maschine zog extra noch eine Schleife über den Bezirk Mitte, bevor es in Tegel runter ging. Die Straßen waren vom 17. Juni, über die Reichstagswiesen bis zum Alex schon komplett gefüllt. Später lief ich die Strecke ebenfalls ab. Hängen geblieben sind mir vor allem zwei Aspekte. Zum einen empfand ich eine fast schon sakral feierliche Stimmung. Zum anderen waren auf der ganzen Strecke Lautsprecher aufgehängt, aus denen die ganze Zeit klassische Musik, hauptsächlich von Brahms, lief. Um Mitternacht, natürlich vor dem Reichstag, bekam ich eine wohlige Gänsehaut. Unvergesslich schön!
Christian-Alexander Wäldner, 01.10.2015
2. Bild Nr. 2 zeigt keine
Dort steht rechts in einem mir bislang unbekannten Bild Melitta Sundström und links eine mir bislang unbekannte Schwester des Ordens der perpeduellen Indulgenz aus der Frühzeit dieses Ordens. Bitte korrigieren!
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