Doppelter Fed-Cup-Triumph Ziemlich beste Freundinnen

Die Väter prügelten sich fast, die Töchter bekämpften sich "wie wilde Katzen": Doch 1987 gewann Claudia Kohde-Kilsch gemeinsam mit ihrer Konkurrentin Steffi Graf die Mannschafts-WM im Damentennis. Bei einestages erinnert sie sich an den plötzlichen Frieden, eine überschäumende Party - und den Frust danach.

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Auf einmal lagen sich Steffi Graf und Claudia Kohde-Kilsch jubelnd in den Armen. Als wären sie immer beste Freundinnen gewesen. Als hätte es nie Unstimmigkeiten zwischen der ehemaligen und der aktuellen Nummer eins im deutschen Damentennis gegeben. Vergessen all die Querelen und Wortgefechte ihrer überehrgeizigen Väter, die sich noch kurz zuvor fast geprügelt hätten.

Jetzt klatschten sich Peter Graf und Jürgen Kilsch freundschaftlich auf die Schultern. Claudia Kohde-Kilsch bekam das gar nicht mit bei all dem Freudentaumel auf dem Tennisplatz. Erst später sah sie die Szene im Fernsehen. "Da musste ich richtig schmunzeln, diese beiden Streithähne so zu sehen", erinnert sie sich.

Vielleicht war der plötzliche Frieden zwischen den erbitterten Erzfeinden fast ein genau so großes Wunder wie die sportliche Sensation an jenem 2. August 1987, an dem deutsche Tennisgeschichte geschrieben wurde: Zum ersten Mal hatte Deutschland den Federation Cup gewonnen, die inoffizielle Mannschafts-Weltmeisterschaft im Damentennis.

"Wenigstens noch ein Spiel!"

Für Claudia Kohde-Kilsch ging damit ein Traum in Erfüllung. Schon zweimal hatte sie im Finale des Cups gestanden und jeweils verloren. Jetzt, beim dritten Versuch, klappte es. Und das gegen die Favoriten aus den USA mit der ehemaligen Weltranglistenersten Chris Evert und der Doppelspezialistin Pam Shriver.

Dabei sah es für die Deutschen im kanadischen Vancouver anfangs wieder ziemlich düster aus. Nach den Einzeln stand es 1:1, aber im entscheidenden Doppel lagen die Deutschen schier aussichtslos mit 1:6 und 0:4 zurück.

"Beim Seitenwechsel haben wir uns geschworen: Wenigstens ein Spiel müssen wir noch holen. Wie sieht das sonst aus?" Um sich zu motivieren, erinnert sich Kohde-Kilsch weiter, "haben wir noch einmal über dieses wahnwitzige Match von Jimmy Connors gesprochen, der kurz zuvor in Wimbledon aus völlig hoffnungsloser Position zurückgekommen war".

Unerwartete Wende

Einen Optimismus, den im fernen Deutschland sogar die treuesten Fans vor den Bildschirmen nicht mehr teilten. Zu mitternächtlicher Stunde schalteten viele ab. Selbst Kilschs Mutter hatte ihre Tochter schon abgeschrieben und war vor dem Fernseher eingenickt. Als sie aufwachte, traute sie ihren Augen kaum.

Das Spiel hatte sich völlig gedreht. Als hätten die Deutschen erst in den Abgrund blicken müssen, um entfesselt aufspielen zu können. Plötzlich sprangen Bälle, die zuvor noch knapp ins Aus geflogen waren, auf die Linie. Nach mehr als zwei Stunden war alles vorbei: Deutschland hatte Titelverteidiger USA in drei knappen Sätzen niedergerungen und war neuer Weltmeister.

Niemand hatte erwartet, dass ausgerechnet das Doppel mit dem Rücken zur Wand so gut harmonierte. Denn der Teamgeist, von dem nun plötzlich die Rede war, galt als das größte Manko der deutschen Mannschaft.

So verriet Bundestrainer Klaus Hofsäss nach dem Erfolg einem "Stern"-Reporter, er habe in den letzten Wochen aufpassen müssen, "dass sich einige im Team nicht die Köpfe einschlagen". Und der Masseur der Spielerinnen ergänzte: "Die letzten drei Wochen haben mich echt geschlaucht. Zu allem, was hier passiert, immer nur lächeln, das kann ich nicht."

Wie "wilde Katzen"

Zu viel Gift war da im Spiel, das oft von außen kam. Etwa als Peter Graf angeblich über Ersatzspielerin Silke Meier lästerte, aus der "werde eh nie was". Konsequent blieb seine Tochter auch Meiers Geburtstagsfeier im Trainingslager fern. Nicht einmal auf dem Gruppenfoto des Hauptsponsors Lufthansa waren die Top-Spielerinnen Graf und Kohde-Kilsch gemeinsam zu sehen.

Wie "ein Zirkusdirektor", schrieb die "Süddeutsche Zeitung", habe Bundestrainer Hofsäss die unterschiedlichen Charaktere zusammenhalten müssen. Schon ein Jahr zuvor hatte die Zeitung Graf und Kohde-Kilsch mit "wilden Katzen" verglichen, die sich im Kampf um die Vorherrschaft im deutschen Damentennis mit "fauchenden Flüchen" und "ausgefahrenen Krallen" beharkten.

Die Rivalität, von den Medien dankbar aufgenommen, war das Ergebnis eines Machtwechsels. Lange war Kohde-Kilsch die unumstrittene deutsche Nummer eins, 1985 belegte sie Platz vier der Weltrangliste, mit Ambitionen auf die Top-Position. Doch 1986 wurde sie von Steffi Graf in der Rangliste überholt und stand seitdem im Schatten des umjubelten "Jahrhunderttalents".

Und Kohde-Kilsch? Ein plötzlich unpopulärer Gegenentwurf des neuen Lieblings. Wenn es nicht gut lief bei ihr, dann wirke sie verbissen und verbiestert, kritisierten Journalisten regelmäßig. Ihr fehle die traumwandlerische Sicherheit und Leichtigkeit ihrer Konkurrentin. Im Vergleich zu Steffis "Killer-Instinkt" erschien sie vielen als pures Nervenbündel.

Polonäse Blankenese der Streithähne

"Es hat mich ziemlich geärgert, dass meine Leistungen in den Medien plötzlich nichts mehr zählten", sagt Kohde-Kilsch. "Immerhin war ich fünf Jahre lang unter den besten zehn der Welt. Wenn ich wirklich so ein Nervenbündel gewesen wäre, hätte ich das niemals geschafft."

Der sportliche Konkurrenzkampf wurde abseits des Platzes als Krieg der Väter weitergeführt. 1986 war die Situation erstmals eskaliert, nachdem Kohde-Kilsch und Sukova im Halbfinale eines Turniers in New York gegen Graf und Sabatini gewonnen hatten. "Auf dem Weg zur Kabine hat Peter Graf meinen Vater angeraunzt, wir hätten ja nur Glück gehabt", erinnert sich Claudia Kohde-Kilsch. "Da hat ihn mein Stiefvater am Schlafittchen gepackt, an die Wand gedrückt und gesagt, er solle lieber schön seinen Mund halten."

Und dann muss man sich diese Szene vorstellen, nur ein Dreivierteljahr später, nach dem historischen Federation-Cup-Sieg im August 1987. Die ganze Mannschaft war abends zu einer Privatfeier des Millionärs Michael Redford eingeladen. Ausgelassen sprangen die Spielerinnen in den Pool, mit Klamotten natürlich, und Peter Graf und Jürgen Kilsch tanzten gemeinsam zu Gottlieb Wendehals Schlagerhit "Polonäse Blankenese".

"Brutal und ohne Kameradschaft"

In all dem Überschwang fiel dann auch noch der Siegerpokal zu Boden. Zwei Meter tief, vom Balkon. "Das war ein Schock, der Pokal war ja nur von dem Internationalen Tennisverband für einen Abend geliehen", erzählt Kohde-Kilsch lachend. "Verzweifelt hat dann unser Mannschaftsarzt mit einem Hämmerchen versucht, die Delle wieder rauszukriegen."

Die Operation gelang. Der Pokal überlebte, dem Tennisverband fiel nichts auf. Der Frieden jedoch währte nur wenige Wochen. Dann gab es Gerüchte, Kohde-Kilschs langjährige Doppelpartnerin Sukova werde bald mit Steffi Graf spielen - angeblich auf Initiative von Peter Graf. Der wolle seine Tochter "zerstören", klagte Jürgen Kilsch. Und unterstellte Graf, er setzte den Marktwert Steffis als Druckmittel bei den Veranstaltern ein, um Claudia von lukrativen Schaukämpfen auszuschließen.

Der Zoff übertrug sich auf die Töchter. Claudia über Steffi Anfang 1988: "Sie ist brutal und ohne Kameradschaft." Steffi über Claudia: "Die soll mal schön ruhig sein. Die erzählt so viele unwahre Geschichten."

Eine absichtliche Niederlage?

Wenige Monate später mussten sie wieder zusammen ran - und holten bei den Olympischen Spielen in Seoul Bronze. Im Einzel hatte Steffi zuvor schon Gold gewonnen. Hämisch soll Peter Graf zu Jürgen Kilsch gesagt haben, Steffi habe absichtlich schlecht gespielt, damit Claudia nicht auch Gold gewinne. "Ich selber habe nie geglaubt, dass Steffi extra verloren hat", sagt Kohde-Kilsch heute. "Sie hat sich auch unheimlich über die Bronzemedaille gefreut. Aber ich glaube den Worten meines Vaters. Peter Graf wollte provozieren."

Sportlich gingen die Wege der beiden Spielerinnen danach endgültig auseinander. Während Steffi Graf noch für Jahre das Damentennis dominierte, wurde Claudia Kohde-Kilsch von Verletzungen geplagt und stürzte in der Weltrangliste ab.

Ohne ihren ehrgeizigen Stiefvater, der sie 1982 adoptiert hatte, hätte sie wohl Jahre eher aufgehört. Aus Frust vor dem immensen Leistungsdruck, den er weiterhin auf sie ausübte, trank sie im Hotel einmal die komplette Minibar aus und brach sofort betrunken zusammen. "Mein Vater hat aber nicht verstanden, was ich ihm damit sagen wollte."

Plötzlich pleite

1993 beendete sie ihre Karriere. Und musste merken, warum ihr Stiefvater und Manager sich so sehr dagegen gewehrt hatte. Ihr gesamtes Preisgeld von rund vier Millionen Mark war in seinem undurchsichtigen Finanzgeflecht verschwunden. Sie prozessierte gegen ihn, gewann, doch ihr Vater starb kurz danach. Bis heute weiß die einstige Millionärin nicht, wo der Lohn ihrer Arbeit geblieben ist. Sie musste wieder bei null anfangen, hat ihrem Vater aber postum verziehen.

Einen schönen Anlass für einen Neubeginn hätte es 1997 gegeben. Zehn Jahre nach ihrem historischen Erfolg wurde Claudia Kohde-Kilsch als neue Trainerin des Federation-Cup-Teams gehandelt. Der Deutsche Tennis-Bund (DTB) hatte sie selbst zur Kandidatin gekürt. Am Ende bekam den Job der weitgehend unbekannte Markus Schur. Kohde-Kilsch erfuhr davon per Videotext.

Es war vielleicht nur ein böser Zufall, aber Schur war der einstige Trainingspartner von Steffi Graf. Und Kohde-Kilsch? Tennisplätze betritt sie nur noch ungern, doch kürzlich gelang ihr wirklich ein vielversprechender Neubeginn abseits des Sports - als Sprecherin von Oskar Lafontaine.



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