Aids Courage und Feigheit

Im Juni 1981 wurden in Los Angeles die ersten Aids-Fälle identifiziert. Die Frühgeschichte der Epidemie war von Vorurteilen, Hass und einem sicheren Tod geprägt. einestages über mutige Aktivisten, die das Stigma besiegten - und die vielen Stars, die an der Seuche starben.

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Ein Schneesturm jagt durchs abendliche Manhattan. Trotzdem kämpfen sich mehrere Dutzend Silhouetten über die Straßen des West Village aufs St. Vincent's Hospital zu. Dünn, schwach und klapprig, erreichen sie schließlich die helle Pforte des Krankenhauses an der Seventh Avenue. Der Wind fegt sie geradezu in die Lobby, wie Papierfiguren.

Es ist der 17. Februar 1994. Im zehnten Stock der New Yorker Klinik, in der einst die allerersten Aids-Fälle der Stadt lagen, sinken die Gäste ins Holzgestühl des Auditoriums. Die Aidshilfe Body Positive hat zur Podiumsdiskussion geladen. Thema: "Langzeit-Überlebende". Gemeint sind jene seltenen Patienten, die seit Beginn der Epidemie HIV-infiziert sind, doch hartnäckig gesund bleiben - ein Rätsel, das die Forscher damals noch nicht gelöst haben.

Auf der Bühne steht Aldyn McKean, 45, ein Sänger, Vietnamveteran und Aids-Aktivist. Er lebt nach eigener Schätzung schon seit 1979 mit dem HI-Virus. Im Sommer 1993 hat er mit der Gruppe Act Up, die er mitgegründet hat, bei der Internationalen Aids-Konferenz in Berlin gegen das schleppende Engagement der Politik im Kampf gegen Aids protestiert.

Das Ende der Schattenjahre

In Berlin war McKean ein Musterbeispiel für das Mysterium der Aids-Resistenz. Doch seither hat seine Gesundheit gelitten. Er wirkt abgemagert in seinem zu großem T-Shirt, er stottert, seine Hände zucken unkontrollierbar. "HIV macht mir neurologisch zu schaffen", sagt er. "Aber keine Sorge. Auch das lässt sich sicher behandeln."

Zwei Wochen später ist McKean tot. Freunde finden ihn leblos in seiner Küche im East Village. "Komplikationen von Aids", schreibt die "New York Times" in einem kurzen Nachruf. Bei einem Trauermarsch ziehen mehrere Hundert mit Kerzen und Fackeln durch Manhattan.

1994 lag am Ende der langen Schattenjahre. Seit am 5. Juni 1981 in Los Angeles die ersten fünf Aids-Fälle der USA gemeldet worden waren, damals noch ohne den Namen Acquired Immune Deficiency Syndrome (Aids), hatte es kaum Lichtblicke gegeben. AZT, das erste Aids-Medikament, verlangsamte den Krankheitsverlauf zwar, hatte aber schwere Nebenwirkungen. Aids blieb ein Todesurteil.

HIV muss kein Todesurteil mehr sein"

Erst 1995 kam der New Yorker Aids-Forscher David Ho auf die Idee, HIV-Infizierte "früh und hart" mit einem neuartigen Pillen-Cocktail aus antiretroviralen Medikamenten zu behandeln. Es war ein Durchbruch, der seitdem Millionen Menschen das Leben gerettet hat - doch für die ersten Aids-Opfer wie McKean zu spät kam. Nicht zuletzt wegen des langen, erbitterten Widerstands in Politik und Gesellschaft.

"Die Chronik der Aids-Epidemie ist eine Chronik von Courage wie auch von Feigheit", schrieb Randy Shilts, ein Reporter des "San Francisco Chronicle", schon 1987 in seinem Buch "And The Band Played On", bis heute das Standardwerk über die Ursprünge von Aids. Shilts war selbst HIV-infiziert, er starb am 17. Februar 1994 - demselben Tag, an dem Aldyn McKean im St. Vincent's Hospital auftrat.

Die Geschichte von Aids ist voller solch grausamer Ironie und Schicksalswendungen. Die einstige "Schwulenkrankheit" hat längst alle Bevölkerungsgruppen erfasst. Doch 30 Jahre nach der ersten Beschreibung von Aids in einem Newsletter der US-Gesundheitsbehörde CDC muss eine HIV-Infektion kein Todesurteil mehr sein, zumindest für Patienten, die ärztliche Versorgung genießen. Für Millionen Arme vor allem in Afrika aber bedeutet Aids auch weiter Leid, Krankheit und sicherer Tod.

Ein Name, aber keine Ursache

Insgesamt leben laut der Weltgesundheitsorganisation WHO zurzeit weltweit 33,3 Millionen Menschen mit HIV. Für neun Millionen fehlt aber weiter jede Medizin, und rund zwei Millionen sterben im Jahr an Aids. "Wir haben noch viel zu tun", sagt WHO-Generaldirektorin Margaret Chan, "um das Ziel der universellen Versorgung zu erreichen."

Trotzdem: Allein diese Idee war im Juni 1981 noch undenkbar, als Aids - anfangs getarnt als "Pneumocystis Pneumonia", eine seltene Form der Lungenentzündung - die Ärzte und Forscher verblüffte. Die Symptome passten nicht zusammen: Grippeerscheinungen, Fieber, Nachtschweiß, Lymphdrüsenschwellung, Kaposi-Sarkome, generelle Immunschwäche. Die meisten Patienten, die darüber klagten, schienen im Endstadium und starben rasch.

Ab 1982 wurde der Name Aids offiziell. Die Ursache blieb rätselhaft. Die Vermutung war, dass die Krankheit sexuell übertragen wurde - doch wie? Frustriert von der Ratlosigkeit der Wissenschaft, gründeten im Januar 1982 etwa 80 Männer im Wohnzimmer des New Yorker Autors Larry Kramer die Hilfsgruppe Gay Men's Health Crisis (GMHC), 1987 spaltete sich davon die militante Aktivistenorganisation Act Up ab.

"Gottes Rache für Homosexuelle"

Erst 1983/84 isolierten die Forscher Luc Montagnier in Paris und Robert Gallo in den USA das Aids-Virus. 1986 wurde es Human Immunodeficiency Virus (HIV) getauft. Wie es sich bekämpfen ließ, wusste weiter keiner. Während die Wissenschaftler nach Antworten suchten, drang Aids ins gesellschaftliche Bewusstsein. 1983 waren in den USA 1025 Aids-Fälle und 394 Aids-Tote gemeldet, 1984 bereits 4177 Fälle und 1807 Tote. Im Juli 1985 offenbarte Hollywood-Idol Rock Hudson, dass er an Aids litt - der erste Prominente, der sich vorwagte. Hudson starb drei Monate später.

Doch US-Präsident Ronald Reagan schwieg eisern - kein Wort zu HIV, kein Wort zu Aids, es gab kein staatliches Geld, keine Förderung der Aids-Forschung. Wegen der gefühlten Kausalverbindung mit Schwulen war das soziale Stigma enorm, obwohl bald die Hälfte der Patienten Heterosexuelle waren. Kirchen und konservative Politiker verteufelten Aids als "Gottes Rache für Homosexuelle", wie der US-Massenprediger Jerry Falwell donnerte.

Reagan erwähnte Aids erstmals am 31. Mai 1987, auf der dritten Internationalen Aids-Konferenz in Washington. Da waren schon 36.058 Amerikaner diagnostiziert und 20.849 gestorben, und die Seuche hatte 113 Länder erfasst, mit mehr als 50.000 Fällen weltweit. Aus Reagans Schweigen entstand der Act-Up-Slogan "Silence = Death" (Schweigen ist Tod). Die Aktivisten inszenierten spektakuläre Proteste. Sie zogen durch die Wall Street, stürmten Konzernbüros und Ministerien nahmen einmal sogar die Börse ein, um gegen die renitente Pharmaindustrie zu protestieren.

Einer der ersten Betroffenen, deren Schicksal Aids ein menschliches Gesicht gab, war der US-Teenager Ryan White. White wurde 1984 durch eine Bluttransfusion infiziert und von der Schule verwiesen. Erst per Gerichtsbeschluss konnte er 1986 zurückkehren. Er musste jedoch eine separate Toilette und in der Cafeteria Wegwerf-Geschirr benutzen und durfte nicht am Sportunterricht teilnehmen.

Immer mehr Prominente outen sich als HIV-positiv

Der Fall machte landesweite Schlagzeilen. Prominente schlugen sich auf Whites Seite, darunter Elton John und Michael Jackson, der ihm einen roten Mustang-Cabrio schenkte. White traf schließlich auch Ronald Reagan. Im April 1990 starb White. Sein öffentlicher Leidensweg beseitigte viele Vorurteile. Vier Monate nach Whites Tod verabschiedete der Kongress den Ryan White Care Act, ein Gesetz zur Versorgung mittelloser oder unversicherter HIV-Infizierter. Aber erst als Präsident Barack Obama es 2009 erneut verlängerte, hob er endlich auch das bis dahin bestehende, unfaire US-Einreiseverbot für HIV-Infizierte auf.

Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre outeten sich immer mehr Prominente mit HIV: Basketballstar Magic Johnson, Kunst- und Turmspringer Greg Louganis, Tennisspieler Arthur Ashe (†1993), Queen-Leadsänger Freddie Mercury (†1991), "Studio 54"-Besitzer Steve Rubell (†1989), Ballettmeister Alvin Ailey (†1989), Mega-Künstler Keith Haring (†1990), Modedesigner Perry Ellis (†1987), Choreograf Michael Bennett, Autor von "A Chorus Line" (†1987).

Der 1987 verstorbene Kitsch-Barde Liberace leugnete sowohl seine Homosexualität wie auch seine HIV-Infektion bis zuletzt. Ebenso der VIP-Anwalt und Washington-Lobbyist Roy Cohn, der 1986 starb und dem der Dramatiker Tony Kushner 1993 in seinem Aids-Schauspiel "Angels in America" ein böses Denkmal setzte.

Act ist nur noch ein Schatten seiner selbst

Die Entdeckung der "Proteasehemmer", der Antiretroviral-Medikamente, änderte alles. Sie bremsten den Marsch des Virus durch den Körper des Patienten. Die Todeszahlen sanken. Pionier David Ho behandelte an seinem Aaron Diamond Research Center in Manhattans erst Versuchspatienten. Obwohl sich das HI-Virus den Medikamenten durch stete Mutation entgegensetzt, gilt die Cocktail-Therapie bis heute als die HIV-Standardbehandlung. Das "Time"-Magazin machte Ho 1996 zum "Mann des Jahres".

Die weltweite Zahl der Menschen mit HIV ist zuletzt sogar gesunken. Ebenso die Zahl der Neuinfektionen. Dennoch sind bis heute mehr als 30 Millionen an Aids gestorben, und jedes Jahr gibt es weiter rund 2,6 Millionen neue HIV-Diagnosen. Die 1982 gegründete US-Hilfsgruppe GMHC ist heute nicht nur die älteste ihrer Art auf der Welt, sondern auch die größte. Act Up dagegen ist nur noch ein Schatten seiner selbst - Aids-Militanz ist nicht mehr en vogue. St. Vincent's Hospital, das einmal eine so zentrale Rolle in der Frühgeschichte von Aids gespielt hat, ging voriges Jahr pleite und ist seither geschlossen.

Aldyn McKeans Briefe, Bücher und Notizen sind unterdessen auf alle Ewigkeit in der New York Public Library an der Fifth Avenue gelagert. Jeder kann sie nach Anmeldung frei einsehen.



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
Jörg Hunger, 06.06.2011
1.
Schade, daß Elizabeth Taylor nicht erwähnt wurde. Sie hat sich sehr für Aufklärung und Bekämpfung von AIDS eingesetzt, Stiftungen gegründet. Und zwar bereits als AIDS in den USA noch als "Schwulenkrebs" galt. Ein großes Versäumnis vom Autor!
vorname nachname, 07.06.2011
2.
Ein Film, welcher sich mit AIDS in den 80ern in Europa beschäftigt, erscheint in Kürze auf DVD: http://www.youtube.com/watch?v=mM0h5JdyaeM
Klaus Wolf, 06.06.2011
3.
Sinkende Infektionszahlen? Solange in manchen Ländern - und dazu zählen auch Länder in Europa - regional bis zu 30% der Einwohner infiziert sind, kann man von einer globalen Entwarnung nur träumen. Bei Ukraine warnt allenfalls die WHO, während die Regierung so gut, als gäbe es kein Problem.
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