SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

27. Juni 2009, 23:27 Uhr

Christopher-Street-Unruhen

Als die Schwulen das Kämpfen lernten

Von

Cops jagten sie durch die Straßen, dann drehten die Gays den Spieß um: 1969 lernten Amerikas Homosexuelle, sich zu wehren - eine Polizeirazzia im New Yorker "Stonewall Inn" eskalierte zu tagelagen Unruhen. Es war die Geburt einer Bewegung, die weit gekommen, aber noch nicht am Ziel ist.

Es war die Nacht nach Judy Garlands Begräbnis. Mehr als 21.000 Fans hatten in New York Abschied von der Sängerin und Schwulen-Ikone genommen. Stundenlang standen sie auf der Upper East Side Schlange, um an Garlands gläsernem Sarg vorbeizuprozessieren: "Ältere Damen, weinende junge Männer, Teenager, Hausfrauen, Nonnen, Priester, Bettler, Krüppel und Hippies", staunte die "New York Times".

Viele griffen hernach zur Flasche. Im Szeneviertel Greenwich Village platzten die Schwulenbars aus allen Nähten. Auch im "Stonewall Inn" an der Christopher Street drängten sich rund 200 Männer (und ein paar Frauen) an der Theke und auf den zwei Tanzflächen. "Starke und traurige Gefühle", erinnert das damalige Model Bill Williamson aus jener schwülen Nacht: "Tiefe Frustration hing in der Luft." Garlands Homo-Hymne "Over the Rainbow" dröhnte aus den Lautsprechern. Die Trauer wurde zur Fete.

Plötzlich sprang der Barkeeper auf den Tresen, wie immer, wenn eine Razzia drohte: "Die Cops sind unterwegs! Schnell, greift euch Mädchen zum Tanzen!" Denn Amerikas Schwule lebten in jenen Jahren noch im Untergrund. Polizisten stürmten durch die Tür, Bierflaschen zerschellten. Und dann brüllte jemand: "Scheiß' drauf - heute schlagen wir zurück!"

Peinliches Polizei-Debakel

Es war die Nacht des 27. zum 28. Juni 1969. Ein Datum, das fortan nicht länger als der Tag in Erinnerung bleiben würde, an dem Judy Garland begraben wurde - sondern als die Geburt der modernen Schwulenbewegung. Denn in jenen Stunden, nach langen Jahren der Unterdrückung, wehrten sich die Homosexuellen erstmals: Die Razzia im "Stonewall Inn" wurde zum peinlichen Polizei-Debakel und eskalierte zu Unruhen, aus denen die Gays bis heute Selbstbewusstsein ziehen.

"Gay Power!", hallte es nächtelang durch die idyllischen Gassen des Village. In den Tagen darauf wurden die ersten US-Schwulengruppen gegründet, Heteros solidarisierten sich, und bald war die Uhr nicht mehr zurückzudrehen. "Das veränderte die ganze Welt", sagt der heute 74-jährige Autor Elliot Tiber, der in jener Nacht im "Stonewall Inn" verhaftet wurde, heute. "Vor allem aber veränderte es mein eigenes Leben."

Vieles hat sich verändert seit 1969. An diesem Sonntag werden Hunderttausende jubelnd über die Fifth Avenue marschieren, wie seit 1970 jedes Jahr zum "Gay Pride March", der mittlerweile zum "Gay Pride Weekend" und sogar einem "Gay Pride Month" gewachsen ist. New Yorks Bürgermeister Mike Bloomberg wird dabei ganz vorne mitlaufen, und das Tourismusamt nutzt den Anlass zur globalen Marketing-Kampagne: "Rainbow Pilgrimage" - ein Tribut an die Regenbogenflagge wie auch an Judy Garland.

Schwulenbewegung am Scheideweg

Doch für die Teilnehmer haben die Festivitäten - die anderswo "Christopher Street Day" heißen - dieses Jahr eine ganz besondere Bedeutung, nicht nur wegen des Jubiläums. Sondern auch, weil die US-Schwulenbewegung, nachdem sie Aids- und Drogenepidemien überlebt hat, erneut am Scheideweg steht. Mit der Wahl Obamas schien auch für die Gays ein neues Zeitalter angebrochen zu sein: Er hatte ihnen versprochen, die andauernde staatliche und gesellschaftliche Diskriminierung zu beenden. Auf die Erfüllung dieses Wahlversprechens warten sie bisher jedoch vergeblich, und das hat die Szene neu zusammengeschweißt wie seit der Aidskrise nicht mehr.

Abertausende gehen wieder auf die Straße. Ihre Botschaft scheint angekommen: Für Montag hat Obama schwul-lesbische Aktivisten und ihre "Familien", wie es offiziell hieß, ins Weiße Haus eingeladen, um des "Stonewall"-Aufstands zu gedenken. Auch Melissa Sklarz, eine Transsexuelle, die den Stonewall Democrats angehört, dem Schwulen-Flügel der Demokratischen Partei. Sie bekam die Offerte telefonisch übermittelt: "Ich dachte erst, das sei ein Scherz", sagt sie.

Und so reicht das heutige, neue Aufbäumen des "gay movements" direkt zurück bis in jene laue Juninacht 1969. "Wir sind seit 'Stonewall' weit gekommen im Kampf um die GLBT.Rechte", erklärt der US-Kongressabgeordnete Jerry Nadler - der selbst nicht schwul ist - unter Bezug auf die hier gängige Ankürzung für "Gay/Lesbian/Bisexual/Transsexual". Aber Nadler weiß auch: "Wir haben noch einen weiten Weg vor uns."

Abtauchen in die Sex-Clubs der Mafia

1969 war dieser Weg noch scheinbar endlos. In New York wurden Homosexuelle täglich schikaniert, von Zivilisten und nicht zuletzt von der Polizei. Sie durften in Bars nicht bedient werden, wurden auf offener Straße zusammengeschlagen und nicht selten ohne Grund verhaftet. Ihr Leben spielte sich im "Underground" ab, auf privaten Partys, in düsteren Kinos und geheimen Sexclubs.

Das "Stonewall Inn" war ein solches Refugium. Wie die meisten klandestinen Kneipen jener Tage gehörte es der Mafia. 1966 investierte der Genovese-Clan 3500 Dollar, um aus dem Hetero-Etablissement eine Schwulenbar zu machen. Wie üblich zahlten die Mafiosi der Polizei Schweigegeld. Einmal die Woche holte ein Cop einen Briefumschlag Bargeld ab. Das "Stonewall" hatte keine Alkohol-Lizenz, schenkte aber trotzdem aus. Die Theke hatte kein fließendes Wasser, Gläser wurden in Eimern gespült. Es gab keine Notausgänge, und die Toiletten waren ständig verstopft. Tanzen war erlaubt, was damals selten war, und am Tresen florierte der Drogenhandel.

"Das 'Stonewall' war faszinierendes, echtes, lebendes Schwulentheater", schreibt Zeitzeuge Williamson, der später die Stonewall Veterans' Association gründete. "Hier hätte jede Nacht ein Dokumentarfilm, ein Theaterstück, ein Musical aufgeführt werden können."

"Schwule wehrten sich nicht"

Schon vor der ominösen Juninacht hatten die Gays still aufzumucken begonnen, im Kielwasser der Schwarzenbewegung, die in den sechziger Jahren durch die USA wogte, und der Proteste der Blumenkinder- und Beat-Generation. Manchmal verwoben sich diese Szenen, etwa in der Person von Elliot Tiber. Der war wenige Wochen nach seinem "Stonewall"-Erlebnis maßgeblich dafür verantwortlich, dass zwei Stunden nördlich von Manhattan ein Mega-Musikfestival zustande kam, das gleichfalls Geschichte schrieb - Woodstock.

"Ich war ein schwuler Mann, ein Mensch mit Träumen wie andere auch", erzählt Tiber. Der damals 34-Jährige lebte einem schmerzlichen Doppelleben - Hetero bei Tag, Homo bei Nacht. "Schwule wehrten sich nicht", schreibt er in seiner Autobiografie "Taking Woodstock", die jetzt von Oscar-Preisträger Ang Lee ("Brokeback Mountain") verfilmt wurde und im August in die US-Kinos kommt. "Das war das ungeschriebene Gesetz."

Aber am 28. Juni 1969 wurde dieses Gesetz umgeschrieben. Wut, Trauer und Drogen vermischten sich zu einem explosiven Cocktail. Die Polizei hatte eine ganz normale Razzia geplant, doch die "Stonewall"-Gäste spielten diesmal nicht mit. Sie verbarrikadierten sich. Sie weigerten sich, ihre Namen anzugeben. Unterdessen sammelte sich draußen eine immer größere, aufgebrachte Menschenmenge.

Schwule auf Seite eins der "New York Times"

Es kam zu Rempeleien, Handgemenge, dann Prügeleien. Die "Stonewall"-Gäste schlugen zurück, sperrten die inzwischen zahlenmäßig unterlegenen Beamten zeitweise in der Bar ein. Aufgebrachte Protestler kippten einen Streifenwagen um, das "Stonewall" begann zu brennen. Cops jagten Männer durch die Gassen des West Village - doch bald jagte die Menge die Polizisten: "Fasst sie!" Und dann: "Gay Power!"

"Binnen zwei Stunden blutete und brannte das Village", erinnert sich das "Stonewall" heute auf seiner Website. "Hunderte radalierten." Die Unruhen dauerten das ganze Wochenende. Stormé DeLarverie - eine weibliche Transvestitin und Cabaret-Künstlerin - war mitten drin dabei. "Komm schon, Tunte!", habe sie ein Polizist angeherrscht. "Der dachte wohl, ich sei ein Schwuler", berichtet sie. "Ich sagte: 'Nein, und fass mich nicht an.' Da schubste mich der Cop, und ich schlug ihm instinktiv mitten ins Gesicht. Er fing an zu bluten!"

Alle drei New Yorker Tageszeitungen vermeldeten die Vorfälle auf Seite eins, auch die gediegene "New York Times". Schaulustige pilgerten nach an den Tagen nach den Auseinandersetzungen zum "Stonewall", auf dessen russgeschwärzten Mauern schnell Kampf-Graffitis erschienen.

Nichts würde mehr sein wie zuvor. Unmittelbar nach "Stonewall" gründete sich die Gay Liberation Front, die erste politische Schwulen- und Lesbengruppe, die das alte Tabuwort "Gay" im Namen führte. Es folgten Schwulenzeitungen, dann am ersten Jahrestag der "Stonewall"-Revolte der "Christopher Street Liberation Day" mit der ersten schwul-lesbischen Parade in der Geschichte der USA. Doch erst die Aids-Krise der achtziger Jahre zwang die Schwulenbewegung zu wirklich radikaler Solidarität.

Heute sind viele Kämpfer jener Jahre tot. Andere werden bei der Parade am Sonntag als "Veteranen" mitmarschieren, inmitten 40 Jahre jüngerer Go-Go-Boys, Pornostars - und Touristen.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung