"420 Day" Festtag für den Joint-Freund

Viel Rauch um… was eigentlich? Am "420 Day" verabreden sich weltweit Zehntausende, um Joints zu rauchen. Der Ursprung des Massenkiffens indes ist ein Rätsel. Begründete Disneys "Alice im Wunderland" das Phänomen? Oder waren es ein paar zugedröhnte Teenies auf der Suche nach einem Drogenschatz?

Corbis

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Die Studenten in den USA werden pünktlicher sein als in jeder Vorlesung. Um exakt 16.20 Uhr nachmittags werden heute Zehntausende junge Menschen, von denen sich die meisten zuvor nie gesehen haben, gleichzeitig ihr Feuerzeug zücken, sich genüsslich einen Joint anzünden und die Magie des Moments genießen: Sie werden kollektiv und öffentlich gegen ein umstrittenes Gesetz der USA verstoßen.

Und das um genau um 4.20 Uhr nachmittags, am 4/20, wie der 20. April in den USA genannt wird. Für bekennende Kiffer mehr als schnöde Zahlenakrobatik, sondern ein Bekenntnis zu einem Lebensgefühl, ein Protest gegen die immer noch harten Strafen für illegalen Cannabis-Konsum in den meisten der US-Bundesstaaten. Der 20. April - oder "420 Day" - ist für alle Cannabis-Fans ein Pflichttermin, ein selbst ernannter "High Holyday", ein Festtag des Rausches - mit denkbar einfachem Programm: kiffen, kiffen, kiffen.

Und das nicht nur in den USA: Längst hat der inoffizielle Drogen-Feiertag Anhänger aus allen sozialen Schichten rund um den Globus gefunden - ob in Ottawa, London, Basel oder gar im fernen Neuseeland. Meist toleriert die Polizei den jährlichen Gesetzesbruch; manche US-Universitäten versuchen jedoch, per Massenemails ihre Studenten davon abzuhalten, den guten Ruf der Uni aufs Spiel zu setzen. Erfolglos. Der Massen-Smoke-in genießt längst Kultstatus.

Mystische Codewörter, seltsame Uhrzeiten

Wenn die süßen Rauchschwaden in den Parks und an den Unis dichter werden, steht sie irgendwann unweigerlich im Raum, die Frage nach dem Grund. Nicht, warum man sich die Birne zukifft, sondern warum dieser Tag um Gottes Willen eigentlich so technisch "420" oder "4/20" heißt. Und mit jedem Joint, mit jeder Lachsalve steigt die Wahrscheinlichkeit nach einer neuen wilden Theorie. Ohne das Mysterium seiner Ursprünge wäre der Kiffertag in Zeiten der Flash-Mobs und Kollektiv-Besäufnisse längst ein austauschbares Massenphänomen.

Aber so lässt sich trefflich fabulieren, diskutieren und phantasieren. Ist es nicht so, dass 420 ein interner Code der kalifornischen Polizei für den Verstoß gegen den Marihuana-Konsum war? Trägt nicht auch der verrückte Hutmacher in Disneys Verfilmung von "Alice im Wunderland" die Nummer 420 auf seinem Hut? Warum stehen in Hollywoodfilmen wie "Lost in Translation" die Uhren stets auf 16. 20 Uhr? Kann es Zufall sein, dass der Gesetzesentwurf in Kalifornien, der zumindest den medizinischen Gebrauch von Marihuana zulassen wollte, die Nummer 420 trug? Sind im Laufe der Geschichte am 20. April nicht die seltsamsten Dinge passiert? Hitlers Geburt, zum Beispiel, oder das Schulmassaker von Columbine?

Und dann gibt es da noch diese Geschichte von den fünf Freunden, die sich bis heute nur Die Waldos nennen und ihre wahren Namen nicht preisgeben möchten. Weil sie inzwischen alle aus ihren Kifferschuhen herausgewachsen und angeblich seriöse Geschäftsleute sind. Sie soll wirklich wahr sein, diese Geschichte, erstmals auf Herz und Nieren geprüft vom Journalisten Steven Hager, dem Herausgeber des US-Magazins "High Times". Der muss es eigentlich wissen, denn "High Times" ist das inoffizielle Sprachrohr und Lobby-Organ der Cannabis-Anhänger.

Auf der Suche nach dem Cannabis-Schatz

Demnach liegt es nun genau 40 Jahre zurück, dass "420" zu einem Codewort wurde für umständliche und öffentlich unangemessene Satzkonstruktionen wie: "Ich hab was auf Lager und dreh mir gleich einen Joint, kommst du bei mir vorbei?" Dagegen war mit der simplen Zahl "420" allen Eingeweihten gleichzeitig Treffpunkt und Uhrzeit völlig klar - das sparte wertvolle Kraft zum Kiffen.

Zurück zu den fünf Freunden, den Waldos, die an alle zur Highschool im kalifornischen San Rafael gingen. Im Herbst 1971 bekamen sie der Legende nach von einem Mitarbeiter der lokalen Küstenwache einen ungewöhnlichen Tipp: Auf der nahe gelegenen Point Reyes Halbinsel in der Nähe der Station der Küstenwache gebe es kleine Fläche, auf der er Hanf angebaut habe. Ihm sei die Sache zu heikel geworden, er könne es unmöglich weiter benutzen. Aber ob die jungen Leute nicht Interesse hätten?

Und ob sie hatten! Von nun an begaben sie sich regelmäßig auf Schatzsuche. Treffpunkt wurde dabei um 16.20 Uhr eine Louis-Pasteur-Statue in der Nähe der Highschool. Das Codewort war zunächst "4:20 Louis!" und wurde später dann aus Bequemlichkeit einfach "4:20".

Vielleicht waren sie zu zugedröhnt, um den Schatz zu finden. Vielleicht gab es ihn auch nie. "Wir trafen uns um 16.20 Uhr, nahmen meinen alten '66 Chevy Impala und rauchten natürlich die ganze Zeit auf dem Weg zur Point Reyes Halbinsel und die ganze Zeit draußen vor Ort", verriet einer der Waldos vor zwei Jahren der "Huffington Post" anonym. "Wir trafen uns Woche für Woche, doch das Feld fanden wir nie."

Eine Zahl wird zur Popkultur

Es blieb ein praktisches Codewort. "Ich konnte zu meinen Freunden sagen: 'Ich gehe 420.' Es war telepatisch", erinnert sich ein Waldo. "Unsere Eltern und Lehrer hatten keine Ahnung, worüber wir redeten." Was die fünf jungen Männer nicht ahnten, aber heute ein wenig stolz macht: Jahrzehnte später wurde aus dem lokalen Brauch eine sagenumwobene, weltumspannende Bewegung.

Zu verdanken haben sie das angeblich der nicht weniger drogenaffinen Rockband The Grateful Dead, einer der Vorreiter des Psychedelic Rock. Die Gruppe probte in den siebziger Jahren regelmäßig in der Nähe von San Rafael - und die fünf Waldos waren Dauergäste. Einer ihrer Brüder war sogar gut mit Bassisten Phil Lesh befreundet, manchmal durften sie daher auch in den Backstage-Bereich. Und fast immer kreiste ein Joint. Irgendwann, so vermuten sie heute, hätten die Musiker ihr Geheimwort wohl aufgeschnappt und übernommen.

Weil Grateful Dead in den USA schnell zu den Idolen von Batikhemden tragende Hippies wurden, die die Band monatelang auf ihren Touren begleiteten, habe sich der Chiffre "420" wie ein Virus verbreitet, glauben die Waldos. Einen stichfesten Beleg für diese Theorie gibt es aber nicht: Bassist Phil Lesh hält das Ganze zwar durchaus für möglich, sagte aber gegenüber der "Huffington Post", er könne sich nicht erinnern, wann er zum ersten Mal die Redewendung "420" gehört habe.

Irgendwann hatte sich der Begriff jedenfalls so sehr verselbständigt, dass er heute nicht nur tausendfach T-Shirts, Anhänger oder Tattoos schmückt, sondern auch für andere Künstler interessant wurde. Eine profane Zahl wurde zum popkulturellen Phänomen: Oder ist es etwa Zufall, dass in dem Guns N' Roses-Lied "Paradise City" ausgerechnet in Minute 4:20 die vielsagende Zeile "where the grass is green" intoniert wird? Ist das nicht ein Aufruf zum Haschkonsum?

Oder, so wird sich vielleicht manch ein Kiffer fragen, wenn morgen nach der großen Party die globale Cannabiswolke verflogen ist, war das alles vielleicht doch nur eine Halluzination?



insgesamt 9 Beiträge
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thomas meyer, 21.04.2011
1.
Der Hinweis kommt einen Tag zu spät - sonst hätte man da ja mal was rollen können. Nächstes Jahr bitte besser machen - schließlich darf auf deutschen Boden nie mehr ein Joint ausgehen ...
Ronald Koop, 21.04.2011
2.
Ich bin mir zwar nicht sicher, ob darin der Ursprung für den 'Begriff' 420 liegt, aber am 19. April 1943 hat der Chemiker Albert Hoffmann zum ersten Mal BEWUSST die von ihm synthetisierte Droge LSD genommen. So ist es in seinem Laborjournal verzeichnet.
Ronald Koop, 21.04.2011
3.
Da hab ich wohl vergessen zu erwähnen, dass Albert Hoffmann das LSD um exakt '4:20 p.m.' eingenommen hat :-)
Stefan Wassak, 21.04.2011
4.
Also meines Wissens ist in Amerika jedes Delikt mit einer Zahl gekennzeichnet. 420 steht für ein "Drogenvergehen". So hat mir das zumindest mein Englischleherer in Kalifornien erklärt.
Gerrit Ahlborn, 21.04.2011
5.
Da in den USA nicht das metrische System verwendet wird, sondern Ounces etc. ist 20, twenty die Maßeinheit, einen twentybag Gras zu kaufen. 4 steht in dem Fall nicht für die Zahl sondern für "for" also "für". Wenn man in den USA Gras kauft ist die am häufigsten gekaufte Menge ein Twentybag. Ist es also Zeit zu kiffen, bzw. sich Gras zu besorgen sagt man 4/20. Daraus entwickelte sich die Uhrzeit und dann das Datum....
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