Beate-Uhse-Versand Als Deutschland mit der Post kam

Dildos hießen erotische Vollprothesen, Kondome gab's zum Wiederverwenden: In der Nachkriegszeit sorgte Beate Uhse mit Aufklärungsbroschüren und Sextoys dafür, dass in deutschen Schlafzimmern die Post abging.

Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg/Beate-Uhse-Archiv

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Dieser Artikel erschien erstmals am 7. September 2011 anlässlich des 60-jährigen Jubläums des Unternehmens Beate Uhse. Im Dezember 2017 musste das Unternehmen Insolvenz anmelden.


Sorgenvoll blickt die junge Frau mit der welligen Kurzhaarfrisur in die Kamera. Ihr Blick offenbart eine Mischung aus Zweifel, Nachdenklichkeit und Unschuld. Unter dem ovalen Gesicht mit den vollen Lippen prangt jener Fünf-Wort-Satz, der über die junge Bundesrepublik hinwegfegen sollte wie ein Donnerschlag: "Stimmt in unserer Ehe alles?" stand da in geschwungener Schulmädchen-Schreibschrift.

Die ehrliche Antwort lautete: Nein.

In den Schlafgemächern deutscher Paare der fünfziger Jahre führten vielerorts Scham, Unwissenheit und Prüderie das Regiment. Statt Lust regierte der Frust, vereitelten Missverständnisse, ungewollte Schwangerschaften und Impotenz die Liebesfreuden. All das zehrte an den Nerven der ohnehin schon gebeutelten Nachkriegsgeneration und bedrohte die bürgerlichste aller Institutionen: die Ehe. Und genau deshalb kam der erste, von Beate Uhse auf 1952 datierte Katalog mit der sorgenvoll blickenden Dame auf dem Cover so prächtig an.

"In Millionen-Auflagen an Anschriften aus Telefonbüchern verschickt - bundesweit. Sehr erfolgreich", lautet die Notiz auf dem gelben Merkzettel, mit dem die 30 Seiten starke, handtellergroße Broschüre versehen ist. Die krakelige Handschrift stammt von Beate Uhse höchstpersönlich. Fein säuberlich hat die Grande Dame der deutschen Erotikindustrie die Anfänge ihres Erfolgs selbst dokumentiert. Ihr Archiv, verpackt in dicken, grauen Leitz-Ordnern, lagert heute im Keller der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg. Von gewagten Sextoys und Gleitcremes mit Geschmack findet sich in den frühen Sortimenten allerdings noch keine Spur.

In den fünfziger Jahren präsentierte sich das Sex-Imperium als bieder-bodenständiges Aufklärungsinstitut, dem einzig an der Erhaltung des deutschen Eheglücks gelegen war, mit der treuen Gattin Beate Uhse als respektablem Aushängeschild. Die Zielgruppen der als "Orgas-Muse", "Sexpertin" oder "Liebesdienerin der Nation" gefeierten Geschäftsfrau waren zu Beginn ihres Unternehmens nicht etwa Hedonisten und Sexabenteurer, sondern die Trümmerfrauen.

"Liebe ohne Furcht"

Mit der "Schrift X" fing nach dem Zweiten Weltkrieg alles an: Auf sieben Seiten klärte Beate Uhse ihre Adressaten über die Verhütungsmethode nach Knaus-Ogino auf, anhand einer beigefügten Tabelle konnte jede Frau selbst ihre empfängnisfreien Tage errechnen. Die Broschüre von 1946 bewarb die ehemalige Luftwaffen-Pilotin und Kriegswitwe per Postwurfsendung an norddeutsche Haushalte.

"Es sollte das selbstverständliche Recht jedes Menschen sein, die Größe seiner Familie je nach seinen sozialen Verhältnissen zu bestimmen", forderte die von ihrer Mutter, der Landärztin Margarete Köstlin ausführlich aufgeklärte Beate Uhse in der Schrift - und traf damit den Nerv der Zeit. Denn nach dem Krieg war für viele Frauen eine Schwangerschaft undenkbar, allein 1947 bestellten 32.000 von ihnen die Broschüre, die es anfangs für zwei Reichsmark das Stück gab.

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Das "Spezial-Versandhaus": Aufklärung und Eheratgeber

Daneben verschickte Beate Uhse Info-Schriften etwa über die weibliche Frigidität ("Frau Müller will sich scheiden lassen") sowie die männliche Impotenz ("Mit Herrn Krüger stimmt was nicht"). Schon bald jedoch verlangten die Frauen nicht mehr nur nach Aufklärung, sondern fragten auch nach anderen Produkten: Kondomen etwa, begehrte Mangelware nach dem Krieg, aber auch Eheratgeber wie "Liebe ohne Furcht" oder "Die vollkommene Ehe": ein Bestseller aus den zwanziger Jahren, verfasst vom niederländischen Gynäkologen Theodoor Hendrik van de Velde.

Kondome in der Wickelkommode

Beate Uhse hörte sich um, knüpfte Kontakte zu Buchverlagen und Kondomfirmen - und erweiterte ihr Sortiment. Das reine Broschürengeschäft mauserte sich zum "Betu-Vertrieb", einem kleinen Waren-Versand. Noch handelte es sich um eine Mini-Firma: Als Warenlager fungierten die unteren Schubladen einer Wickelkommode in ihrer kleinen Wohnung im Flensburger Pastorat Sankt Marien. Wo Beate Uhse tagsüber ihrem Sohn Ulrich die Windeln wechselte, packte sie abends gemeinsam mit ihrem zweiten Ehemann Ernst-Walter Rotermund die Kundenpäckchen mit Broschüren, Büchern und Präservativen, wie die Geschäftsfrau in ihrer Autobiografie verriet.

Mit steigender Nachfrage platzte die Wickelkommode aus allen Nähten, Beate Uhse musste expandieren. Zunächst mietete sie sich einen Keller, später einen Büroraum in der Flensburger Nikolaistraße. Im Februar 1951 schließlich gründete Beate Uhse ihr "Spezial-Versandhaus für Ehe- und Sexualliteratur und hygienische Artikel". Im gleichen Jahr stellte sie einen Arzt ein, um die - bisweilen grotesk naiven - Anfragen der Kunden zu beantworten. "Kriegt man vom Küssen Kinder?" fragten die einen, "Kommen die Kinder aus dem Bauchnabel?", die anderen, wie Beate Uhse erinnerte.

Unwissenheit sowie eine rigide Sexualmoral dominierten die fünfziger Jahre, in denen schon ein harmloser Film wie "Die Sünderin" mit Hildegarde Knef zum Skandal geriet. Die "Himmlersche Polizeiverordnung", eine Regelung aus der NS-Zeit, die Werbung für Kondome gesetzlich verbot, prägte die Wertvorstellungen ebenso wie der Kuppeleiparagraf, der Gefängnisstrafen für all jene vorsah, die unverheirateten Paaren unter ihrem Dach ein Schäferstündchen gewährten. Um in einer solchen Zeit erfolgreich zu sein, musste Beate Uhse den richtigen Ton anschlagen, eine Verkaufsstrategie entwickeln, die weder Kunden noch Richter verprellte.

"Sorgenfrei" für Mann und Frau

Sie löste das Problem mit Bravour - indem sie sich zur Retterin der Ehe und damit zur Bewahrerin der bürgerlichen Gesellschaft stilisierte. Zudem entwickelte sie ein Geschäftsmodell, dem man sich kaum entziehen konnte: Denn die Broschüren und Prospekte, in denen Beate Uhse ihre Produkte anpries, flatterten den Deutschen gratis und unaufgefordert ins Haus. Die Adressen entnahm sie, wie schon bei der Werbung für die "Schrift X", zum großen Teil den öffentlichen Adressbüchern.

Als erboste Bürger klagten, weil sie ihre Persönlichkeitsrechte in Gefahr wähnten, versah Beate Uhse die Kataloge mit einem roten Siegel, packte sie doppelt ein und bedruckte sie mit dem Hinweis "Diese kleine Schrift geht Ihnen unverlangt zu". Und als der Bundesgerichtshof 1959 befand, dass "eingehende Ausführungen über Sexualität" nicht mehr per Postwurfsendung versandt werden durften, verfiel die umtriebige Unternehmerin auf die Idee der Gutscheinbriefe: Sie verschickte nicht mehr den ganzen Katalog, sondern einen Gutschein, mit dem sich Interessierte den Werbeprospekt selbst bestellen konnten - der mit zunehmender Geschlechtsreife der jungen Bundesrepublik immer dicker wurde.

Darin aufgelistet fanden sich neben den Aufklärungsbüchern, erotischen Romanen und Regeltabellen immer mehr Sex-Artikel: Von den Noppenkondomen, "Kraft-Bonbons" und "Erotin-Dragees" bis hin zum bodenlangen Negligé aus Perlon namens "Annette" für 41,50 Mark, "mitternachtsschwarz, durchsichtig, verführerisch" - und ausdrücklich von Ärzteseite empfohlen. Bald kam der erste Dildo auf den Markt, in den Katalogen züchtig als "Sorgenfrei", "K.G." (für "Kunstglied") oder "Pneumatische Teilprothese" verbrämt.

Sauberfrau und glückliche Gattin

"Ein ernstes Problem glücklich gelöst", taufte Beate Uhse die Broschüre, die die Kunst-Penisse bewarb und einen direkten Zusammenhang zwischen Impotenz und Krieg herstellte. Ebenso wie "Annette" sei auch das "Kunstglied" - zu haben in den Größen Normal (20 Mark), Sonder (36 Mark) und Spezial (82 Mark) - aus medizinischer Sicht ratsam, wie es im Katalog hieß. Zumal die liebeskundigen Franzosen, so das zweite verkaufstüchtige Argument, einen solchen Dildo ohnehin schon immer verwendet hätten.

Konsequent bemühte die Wegbereiterin der Wolllust für ihre Produkte ärztliche Fachmeinungen, zitierte die alten Griechen und titulierte ihre erotischen Waren euphemistisch als "Hygiene-Artikel". Indem sie sich im Katalog zudem als "glückliche Ehefrau und Mutter von vier Kindern" andiente, als eine Sauberfrau, die sich nicht hinter einem Pseudonym versteckte, sondern sogar per Foto outete, das sie beim Reinigen einer Autoscheibe zeigt, schuf Beate Uhse eine Aura der Respektabilität, mit der die Konkurrenz - 1952 waren dies bundesweit mehr als 40 Firmen - nicht mithalten konnte.

1955 kletterte der Umsatz bereits auf 822.000 Mark, 1958 hatte er sich mehr als verdreifacht. Selbst die zahlreichen Gerichtsverfahren etwa wegen Anstiftung zur Unzucht, Betrugs, Gefährdung der Jugend oder Beleidigung - rund 2000 sollten es insgesamt werden - konnten dem "Versandhaus für Ehehygiene" nichts anhaben. 1960 setzte Beate Uhse fünf Millionen Mark um, im Jahr darauf waren dies gar 7,3 Millionen. Die Welt war reif für ihren ersten richtigen Sex-Shop: Kurz vor Weihnachten 1962 eröffnete in Flensburg Beate Uhses "Fachgeschäft für Ehehygiene".

"Ich bin nicht Jesus"

Die sexuelle Revolution schließlich machte die vom SPIEGEL zur "First Lady des deutschen Sex" geadelten Geschäftsfrau zur Multimillionärin - und die Deutschen vollends zu aufgeklärten, phantasievollen Lustbürgern. 1989 erhielt Beate Uhse das Bundesverdienstkreuz. Dennoch sah sich die Geburtshelferin einer neuen, unverkrampften Sexualität nach dem Krieg, nicht als Eheretterin der Nation, sondern stets vor allem als Unternehmerin, wie sie selbst einmal formulierte: "Ich bin nicht Jesus. Und ich bin auch kein Weltverbesserer. Ich bin eine Kauffrau. Ich muss das anbieten und verkaufen, was die Leute haben möchten."

Und die "Leute" begehrten zu Anfang der Beate-Uhse-Ära eben Produkte wie "Herrensilber, zur Anregung für den Mann", "Ariadne H 6, das vollendete Sex-Bad" oder "Nous deux, Spezial-Pralinen für beide Partner".



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Siegfried Wittenburg, 09.09.2011
1.
Ich habe schon oftmals hier reingeschaut, ob sich eine pikante Debatte entzündet, doch leider ist noch nichts passiert...
Max Schneider, 09.09.2011
2.
"In Millionen-Auflagen an Anschriften aus Telefonbüchern verschickt - bundesweit" "Denn die Broschüren und Prospekte, in denen Beate Uhse ihre Produkte anpries, flatterten den Deutschen gratis und unaufgefordert ins Haus. Die Adressen entnahm sie, wie schon bei der Werbung für die "Schrift X", zum großen Teil den öffentlichen Adressbüchern. " Wieso muss ich da nur an SPAM denken?
Friedrich Luchterhandt, 04.09.2016
3. Der Titel...
...ist genial formuliert!
Linda Zenner, 15.12.2017
4.
Und eine Epoche geht nun wohl zu Ende. Der zweite Verlust einer Firma, die so viel Freude bereitet hat - nach dem Quellekatalog.
Till Wollheim, 15.12.2017
5. Lustig finde ich, daß meine Nachbarn bis heute totschwiegen, daß
der Herr des Hauses der Bruder der Beate Köstlin ist! So heißt sie nämlich wirklich von Geburt an! Anstatt stolz auf so eine vorbildliche Unternehmerin zu sein - im Prinzip hat sie das, was heute die Erfolgsgeschichten des Silikon Valley sind vorweg genommen!
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