70. Jahrestag Überfall auf Polen Friedrich Itzwerths Weg in den Krieg

Seine Eltern waren Kommunisten, den Onkel steckten die Nazis in den Knast. Dennoch landete Friedrich Itzwerth bei der Hitlerjugend und im Reichsarbeitsdienst. Dann wurde er über Nacht Wehrmachtssoldat und marschierte 1939 für Hitler in den Krieg - der für ihn zehn Jahre dauern sollte.

Friedrich Itzwerth

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Und plötzlich war Friederich Itzwerth im Krieg. Er war gerade 19 Jahre alt, frisch verliebt und "hatte ganz andere Dinge im Kopf". Den nächsten Kinobesuch mit seiner Freundin zum Beispiel. Oder Schachpartien mit seinen Kumpels. Doch dann kam die Nacht vom 25. auf den 26. August 1939, der sein Leben veränderte und die Illusion von Normalität, an der er und viele Deutsche unter Hitler so lange festgehalten hatten, abrupt beendete.

Bis dahin konnte sich Friedrich Itzwerth in dem Glauben wiegen, dass "sich alles irgendwie doch regelt". Selbst wenn so vieles dagegensprach: Hitlers aggressive Außenpolitik. Die Militarisierung der Gesellschaft. Die Krise um die sudetendeutschen Gebiete, die schon 1938 fast in einen Krieg mündete. "Aber dann haben sich Hitler und Neville Chamberlain auf dem Obersalzberg geeinigt", erinnert sich Itzwerth. Anfangs habe er dem Frieden getraut. Doch gleichzeitig sah er die Widersprüche: "Was sollen wir mit all den Flugzeugen, Panzern, U-Booten? Die brauchen wir nicht ohne Krieg."

Wie so viele in seiner Generation blendete der gebürtige Hamburger solche Fragen meist aus. Nach seiner Bäckerlehre in Rostock kam er im April 1939 in Neubrandenburg zum "Reichsarbeitsdienst" (RAD) - einem von den Nazis eingeführten Pflichtjahr, das die jungen Männer "im Geiste des Nationalsozialismus" erziehen sollte. Bei Aufmärschen trugen sie ihre sauber geputzten "Präsentierspaten" zwar schon wie Gewehre - doch Itzwerth dachte nicht daran, dass er bald in den Krieg ziehen würde.

"Ab sofort gilt das Kriegsrecht!"

Bis zum 25. August 1939. "Alles raus, alles raus!", hieß es da plötzlich, erinnert sich der heute 89-Jährige. Das ganze RAD-Lager wurde mitten in der Nacht geweckt. Jetzt musste es auf einmal alles schnell gehen. Privatsachen kamen in Leinensäcke und wurden den Familien zugeschickt. Die überrumpelten Männer mussten in ihre Wachuniformen schlüpfen und frühmorgens zum Bahnhof Neubrandenburg marschieren. "Uns hat niemand den Grund verraten", sagt Itzwerth. Der Bahnhof war hoffnungslos überfüllt - und Itzwerth erlebte etwas, das er erst später verstand: "Am Straßenrand standen viele Frauen. Sie steckten uns Drops zu. Manche haben geweint", erinnert er sich. "Sie waren schlauer als wir. Sie wussten, dass es jetzt losgeht."

Er und seine Kameraden ahnten bestenfalls, was kommen würde. Im Zug wurde gerätselt und spekuliert, doch die Vorgesetzten blieben stumm. Schließlich stoppte der Transport kurz vor der polnischen Grenze. Einige konnten sich sogar jetzt noch keinen Reim machen - trotz Hitlers Reden vom "Lebensraum" im Osten, trotz des Dauerkonflikts um den polnischen Korridor, der nach Umsetzung des Versailler Vertrages Ostpreußen vom Deutschem Reich abtrennte. "Manche haben gedacht, dass es vielleicht gegen Litauen oder Lettland gehen würde", erzählt Itzwerth.

Eines war allen klar: Die harmlose Zeit des Spatenstechens war vorbei. Die jungen Männer bekamen noch am 26. August Wehrmachtsbinden, Soldbücher, Erkennungsmarken, Gasmasken. Friedrich Itzwerth erinnert sich genau an die Begrüßungsrede eines Majors. Wenn er von ihm spricht, imitiert er automatisch dessen Tonlage - und seine sonst so freundliche Stimme klingt plötzlich militärisch-hart. "Ab sofort", habe der Major gebellt, "gilt das Kriegsrecht. Das unerlaubte Entfernen von der Truppe kann mit der Todesstrafe bestraft werden." Mit einem Satz war Itzwerths Jugend vorbei.

Keine Angst, keine Euphorie

Die frischgebackenen Soldaten wurden geimpft und in Einheiten aufgeteilt. Angst wollte niemand zeigen. "Wir waren in der HJ gewesen, wir fühlten uns doch wie Helden", sagt Itzwerth. Stattdessen kursierten Witze und Anekdoten der Eltern über den Ersten Weltkrieg und die dünne Kohlsuppe damals, während die jungen Soldaten auf den nächsten Krieg warteten. Der ließ sich nur noch wenige Tage Zeit - am 1. September 1939 gab Hitler den Befehl zum Angriff auf Polen.

"Wir lagen noch im Zelt, da hörten wir das Gedröhne der Flugzeuge", erinnert sich Itzwerth. "Da flog Geschwader auf Geschwader". Er lief zur Hauptstraße und starrte auf den schier unendlichen Strom von Panzern, Infanteristen und Artillerie. "Es war eine komische Stimmung. Wir waren nicht ängstlich, aber auch nicht euphorisch. Niemand hat Hurra gerufen. Wir hatten alle Bilder vom Ersten Weltkrieg gesehen. Jeder kannte Krüppel und Kriegsveteranen."

Die jungen Männer wurden einem Pionierbataillon zugeteilt, für dessen Nachschub sie sorgen sollten. Am 3. September überquerten sie die polnische Grenze, um hinter den Linien Munition von Waggons auf Lkw zu verladen. Ihr Leben hatte sich radikal geändert: Vor gerade einmal einer Woche war Friedrich Itzwerth Soldat geworden - ohne Ausbildung, ohne Erfahrung sollte er für die Nationalsozialisten ein fremdes Land überfallen und erobern.

Enttäuschte Freunde

Dabei waren die Nazis seit jeher das erklärte Feindbild der Itzwerths gewesen. Friedrich Itzwerths Mutter war Ehrenmitglied der Kommunistischen Partei, seit sein Vater, ein überzeugter Revolutionär, 1921 während eines Arbeiteraufstands in Hamburg von rechtsextremen Freikorps-Leuten erschossen worden war. Einen Onkel hatten die Nazis gleich 1933 ins Gefängnis geworfen, weil er für die KPD agitiert hatte. Und Itzwerth selbst ging im roten Hamburger Arbeiterstadtteil Barmbek zur Schule, seine Freunde waren bei linken Jugendorganisationen, in der Nachbarschaft wurden die Häuser mit Hammer und Sichel beflaggt, nicht etwa mit der Hakenkreuzfahne.

Friedrich Itzwerths Weg in den Krieg ist dennoch typisch für seine Generation, die sich der täglichen Indoktrination kaum entziehen konnte. Weil er Hamburg für seine Lehre Richtung Rostock verlassen musste, suchte er neue Freunde - und fand sie in der Hitlerjugend. Als er in seiner HJ-Uniform einmal in Hamburg zu Besuch war, traf er zufällig alte Schulfreunde. "Sie spuckten vor mir aus", berichtet Itzwerth. "Mein bester Freund sagte: 'Wie konntest du nur?' Ich habe ihm gesagt: 'In Rostock ist das anders, da gibt es nur Nazis, mein Meister ist Nazi, alle sind Nazis.'"

Ein paar Jahre später fand er sich auf einmal als Hitlers Soldat mitten in Polen wieder. Nicht überzeugt von der NS-Ideologie, wie er sagt, eher unpolitisch und mit den Gedanken bei seiner Freundin. Er erlebte eine trügerische Ruhe. Seine Einheit blieb im "polnischen Korridor" zwischen den Städten Thorn und Bromberg stationiert; hier lebten viele deutschsprachige Polen. "Sie waren nicht begeistert vom Krieg, aber sie haben uns anständig behandelt." Manchmal gaben sie den jungen Soldaten Milch oder ließen sie in ihren Scheunen übernachten.

Ein surrealer Krieg

Der eigentliche Krieg schien weit weg. Nur einmal sah Itzwerth ein polnisches Flugzeug. Während an der Front Tausende im Granathagel starben oder von Kugeln zersiebt wurden, während deutsche Kampfflieger polnische Städte mit Bomben überzogen und SD-Einsatzgruppen mit ihren gezielten Mordaktionen an Zivilisten begannen, gab es für Itzwerth und seine Kameraden wenig zu tun. Wenn sie gerade keine Munition verluden, pflückten sie in Gärten Birnen.

Nach nicht einmal zwei Wochen war für Itzwerth dieser surreale Krieg beendet. Die Wehrmacht hatte die polnischen Verteidigungsstellungen überrannt, Zehntausende gegnerische Soldaten gefangen genommen und Warschau eingekesselt. Friedrich Itzwerth wurde nicht mehr gebraucht, vorerst. Er wurde zum Truppenübungsplatz Groß Born in Ostpreußen verlegt. Seinen ersten Einsatz hatte er überstanden - doch der Krieg sollte ihn bald einholen.

Nachdem Itzwerth in Wismar an der Flak ausgebildet worden war, verteidigte er nach Hitlers "Blitzkrieg" in Frankreich zunächst die Kanalküste gegen alliierte Flugzeugen. Dann kam er 1941 ein zweites Mal nach Polen - unmittelbar vor dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion. Der "Russlandfeldzug", der ihn, inzwischen Kradführer bei der Luftwaffen-Flak, durch die Ukraine bis vor die Tore Moskaus brachte, wurde zum Wendepunkt. "Bis dahin konnten einige kaum gehen vor Stolz", resümiert der weißhaarige alte Herr 70 Jahre später. "Wir hatten Polen in zwei Wochen und Frankreich in sechs Wochen besiegt!"

Die Soldaten aßen die verendeten Pferde

Doch dann stoppten Schlamm, Kälte, Eis und heftige Gegenwehr der Roten Armee die Euphorie. Der Vormarsch stockte, wochenlang gab es keinen Nachschub. Itzwerth bekam die Gelbsucht. Auf dem quälend langsamem Rückzug ab Mitte Dezember 1941 erfroren etliche Kameraden. Der Boden war zu hart, um sie zu begraben. Die Soldaten aßen die verendeten Pferde, "erst das Fleisch, dann auch aus den Schädeln". Sie begannen, am Sinn des Krieges zu zweifeln, schimpften auf Hitler und verspotteten die Orden für den Winterfeldzug als "Gefrierfleischorden."

"Eigentlich war schon Ende 1941 klar, dass wir das nicht gewinnen würden", weiß Itzwerth heute. Als er Urlaub erhielt, bekam er einen Ratschlag von einem erfahrenen Kameraden mit auf den Weg in die Heimat: "Erzähl niemandem zu Hause, wie schlimm es wirklich ist. Sonst bekommst du Ärger mit der Gestapo." Bald war der Obergefreite wieder an der Ostfront und wurde bei einem russischen Angriff von Granatsplittern verwundet, verlor sein linkes Augenlicht. Während er in einem Bunker auf einen Sanitäter wartete, verbluteten neben ihm zwei Kameraden. Als sich schließlich die Tür zum Bunker öffnete, standen dort keine Sanitäter - sondern Rotarmisten.

Erst im September 1949 wurde Friedrich Itzwerth aus russischer Kriegsgefangenschaft wieder nach Deutschland entlassen. "Für mich hat der Krieg genau zehn Jahre gedauert", sagt er rückblickend. Er ging als sorgloser Jugendlicher und kehrte als Erwachsener mit seelischen und körperlichen Narben zurück. Seine Freundin, die er damals, kurz vor Kriegbeginn, zurücklassen musste, hat er nie wieder gesehen. Doch immerhin: Nur drei Tage, nachdem er aus der Gefangenschaft nach Hamburg zurückgekehrt war, traf er die Frau, mit der er noch heute, 60 Jahre später, glücklich zusammenlebt.



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Tøni Schifer, 29.08.2009
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Ein großartiger und sehr berührender Bericht, der mich ergänzend mit den Fotos sehr bewegt hat. Mit all dem Zorn, den Zweifeln und Streiten, die ich in der Diskussion mit meinem Vater über diese - seine Jugendzeit - erlebt habe - und immer noch erlebe --- so kann ich den damaligen Horror, den auch die verblendete und verführte Jugend erleben musste, nachfühlen. Danke hierfür.
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