AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 1/2017

70 SPIEGEL-Jahre Als Deutschland grün wurde

In den Achtzigerjahren wuchs die Sorge der Deutschen um die Natur: Waldsterben, Ozonloch, Erderwärmung und dann Tschernobyl. Damals gediehen die Grünen - weil die Menschen ein neues Wort lernten: Umwelt.

Fank Höhne/DER SPIEGEL

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Ödnis. Und ein kalter Wind. Nur da und dort eine tote Tanne, die ihre kahlen Zweige hängen lässt. So traurig sah einst die Zukunft aus.

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Heft 1/2017
Wut kann man sich erarbeiten

Mit ihrer Doku-Fiktion "Kahlschlag" entführte die ARD die Fernsehzuschauer Ende der Achtzigerjahre ins damals noch ferne Jahr 2010. In der ersten Einstellung sind ein Revierförster und zwei Beamte des Bundesumweltministeriums zu sehen, die mit bedrückter Miene einen Hang im Hochschwarzwald inspizieren. Ihr Blick schweift hinab ins Tal. Bis tief hinunter dehnt sich dort die Steppe aus.

"Oberhalb von 600 Metern wird abgeholzt", verkündet die Stimme des Sprechers. "Zu retten ist da nichts mehr." Im Schwarzwald, im Bayerischen Wald, im Fichtelgebirge und im Odenwald - überall begegne der Naturfreund denselben beklemmenden Bildern.

Auf seiner Website rühmt sich noch heute Joachim Faulstich, der Autor der Fernsehdokumentation, der digitalen Technik, die er zur Entwaldung des Schwarzwalds verwendet habe. Sein Fernsehbeitrag zeige ein "Worst-Case-Szenario", das zu verhindern er mit seiner Schreckensvision beigetragen habe.

Es fällt nicht leicht, sich klarzumachen, wie real die Apokalypse in den Achtzigern war. Wenn vom "Waldsterben" geredet wurde, dann war dies keineswegs metaphorisch gemeint. Das Ökosystem Wald als solches galt als gefährdet, die Versteppung Mitteleuropas schien bevorzustehen. In der Zeit, in der "Kahlschlag" entstand, war Umfragen zufolge ein Viertel der Deutschen davon überzeugt, der heimische Wald sei unwiderruflich dem Untergang geweiht.

Das "ökologische Hiroshima" blieb aus

Die Sorge wurde auch genährt: "Die ersten großen Wälder werden schon in fünf Jahren sterben", verkündete im November 1981 der Bodenkundler Bernhard Ulrich im SPIEGEL. Ähnlich äußerte sich Forstbotaniker Peter Schütt: "Schon zum Ende dieses Jahrzehnts kann der deutsche Wald gestorben sein", spekulierte er 1983. Und diese Kassandrarufe kamen nicht von irrlichternden Außenseitern. Ulrich und Schütt waren angesehene Experten, die den Ton der Waldsterbensdebatte vorgaben.

Heute wissen wir: Das "ökologische Hiroshima" (SPD-Abgeordneter Freimut Duve) ist ausgeblieben. Seit dem ersten Waldzustandsbericht im Jahr 1984 fluktuiert der Anteil der Bäume der Schadensstufen eins bis vier auf und ab, ohne dass ein klarer Trend erkennbar wäre: Das Gesamtbild zeigt weder fortschreitendes Siechtum noch langsame Genesung. Bis heute ist nicht einmal klar, ob die alljährliche Inventur wirklich mehr liefert als die mit viel Aufwand betriebene Erfassung des Normalzustands im deutschen Wald.

Wie nur war so etwas möglich? Wie konnte ein Notstand zum "Umweltproblem Nummer eins" avancieren, wenn bis heute strittig ist, ob er in der damals beklagten Form je bestand? Wie konnte eine ganze Nation so besessen vom Tod der Wälder sein? Es lohnt sich, dieser Frage nachzugehen, denn wie kaum eine andere rührt sie an die Befindlichkeit Deutschlands in den Achtzigerjahren.

Wissenschaftlich war das Phänomen, das damals die Republik erschütterte, gar nicht neu: Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts befasste sich eine umfängliche "Rauchschadensforschung" mit der Wirkung von Immissionen auf die Gesundheit der Bäume. In den Siebzigerjahren erwachte das Interesse der Wissenschaft erneut. Vor allem in den hoch belasteten Regionen Mitteleuropas, etwa im Ruhrgebiet, in Bitterfeld oder im Erzgebirge, sahen einige Forscher die Existenz ganzer Wälder bedroht.

Zunächst aber blieb die Debatte weitgehend auf forstwissenschaftliche Kreise beschränkt. Nur vereinzelt befasste sich auch die Publikumspresse mit dem Thema. Wie ein Vorbote mutet etwa ein Bericht der "Süddeutschen Zeitung" von 1978 an, in dem es bereits mit dem Pathos der wenig später einsetzenden Waldsterbenshysterie heißt: "Der deutsche Wald muss sterben, der Kölner Dom zerfallen, weil die Schlote qualmen sollen."

Die Botschaft traf einen Nerv

Drei Jahre später schreckte dann eine Studie des Göttinger Bodenkundlers Ulrich die breite Öffentlichkeit auf. Der Forscher hatte langjährige Messreihen aus dem Solling, einem niedersächsischen Mittelgebirge, ausgewertet und war dabei auf einen erschreckend hohen Eintrag von Säure gestoßen.

Aus diesem Befund leitete Ulrich eine kühne These ab: Der saure Regen setze im Boden Aluminium frei, welches auf Bäume toxisch wirke. Die dadurch entstehenden schweren Tannenschäden seien nicht auf Industrieregionen beschränkt, sondern dehnten sich auch auf "Reinluftgebiete" wie den Solling aus. Kurzum: Ulrich fürchtete, Zeuge vom "Beginn einer großflächig drohenden Waldvernichtung in Mitteleuropa" zu sein.

Diese Botschaft traf einen Nerv in einem Land, in dem sich tiefes Unbehagen über die rasant fortschreitende Industrialisierung breitgemacht hatte. Ölkrise und Club of Rome hatten den Fortschrittsglauben der Wirtschaftswunderjahre untergraben. Nicht mehr der Wohlstand, sondern die Schattenseiten des Wachstums - giftige Schwaden und trübe Fluten - standen im Mittelpunkt des Interesses.

Bei allem Spott, den sich die "Ökos" damals hatten anhören müssen, kann heute niemand mehr ihre Verdienste bestreiten. Ohne die Forderung der Umweltbewegung zum Umdenken wäre der Pariser Klimagipfel 2015, bei dem sich die teilnehmenden Länder endlich zu Maßnahmen verpflichtet haben, die die Erderwärmung begrenzen sollen, vermutlich nie zustande gekommen.

Der kranke Wald stand in den Achtzigern stellvertretend für alle Opfer der hoch industrialisierten Welt. Geradezu begierig wurde auch im SPIEGEL die Nachricht vom Siechtum der Bäume aufgenommen. Fotografen reisten ins tschechische Erzgebirge, um dort die Baumskelette abzulichten, nach denen der deutsche Hunger nach Waldsterben verlangte. Und Förster richteten Sterbelehrpfade ein, damit sich Spaziergänger angesichts "krankhafter Harzflüsse" an der Rinde und "pathologischer Nasskerne" im Stamm der Bäume gruseln konnten.

Fichten mit "Lamettasyndrom"

Ratlos verfolgten Franzosen, Briten und Niederländer, wie sich in ihrem Nachbarland die "German Angst" Bahn brach. Offensichtlich regte sich in der deutschen Volksseele die tief wurzelnde Naturverbundenheit verknüpft mit dem Drang, sich in Untergangsfantasien hineinzusteigern - ein Vorgang, der sich später angesichts von Vogelgrippe, Gentechnik, BSE und Fracking wiederholen sollte.

Es war seltsam: An der deutschen Grenze schien die tödliche Umweltseuche, die in Taunus, Spessart und Odenwald die Bäume dahinraffte, unvermittelt haltzumachen. Während die Förster in den Vogesen und den Ardennen keine Veranlassung zur Sorge sahen, rief Deutschland den Waldnotstand aus. In seltener Eintracht schaukelten sich die Warnungen von Wissenschaftlern, Journalisten und Politikern wechselseitig hoch.


DER SPIEGEL

Auszug aus dem SPIEGEL vom 17. Oktober 1983

Joseph, nicht Joschka Fischer nannte der SPIEGEL den aufstrebenden Grünen-Politiker im Herbst 1983 noch, als die Redakteurinnen Marion Schreiber und Marie-Luise Hauch-Fleck den damals 35-jährigen Bundestagsabgeordneten zum Gespräch trafen. Zwei Jahre bevor er hessischer Umweltminister wurde, dementierte der Realo Fischer, dass "die Grünen demnächst auf Ministersesseln Platz nehmen" wollten. Fischer wusste: Der Fundi-Flügel seiner Partei war noch nicht so weit. Die ganze Geschichte lesen Sie hier.


Rasch hatten die Forscher ein Vokabular entwickelt, um das Leid der Bäume in Worte zu fassen. Die Rede war von der "krankhaften Verkümmerung des Feinwurzelsystems", "Hexenbesen" und "Verzweigungsanomalien". Besonders das "Lamettasyndrom", wie Nadel-Schwindsucht und schlaff hängende Zweige der Fichten genannt wurden, galt als untrügliches Anzeichen des Niedergangs.

Die Angst ging um

Tatsächlich jedoch verbarg die nekrophile Wortseligkeit nur, dass es an Maßstäben, die Gesundheit der Bäume zu beurteilen, fehlte. Denn ob Nadelverlust und Kronenverlichtung, die wichtigsten Kriterien im Waldzustandsbericht, als alleiniger Gradmesser der Schäden überhaupt tauglich sind, ist bis heute zweifelhaft.

Natürlich gab es auch damals schon Meinungsverschiedenheiten in Forscherkreisen. So einig wie über das Ausmaß der Misere, so zerstritten waren die Forstwirte über deren Ursachen. Gelangten die Schadstoffe nun über den "Luftpfad" in die Pflanze oder eher über den "Bodenpfad" durchs Wurzelwerk? Und wer war der schlimmste Übeltäter: Schwefelsäure, Ozon oder doch die Stickoxide? Wenn keine dieser Substanzen das Schadbild so recht erklären konnte, spekulierten die Forscher über den noch unbekannten "Faktor X".

Für Zweifel am Grundtatbestand des Waldsterbens aber war kein Platz auf dem Höhepunkt der Debatte. Einhellig empörte sich die Presse. Aufrüttelnd titelte der "Stern" ("Über allen Wipfeln ist Gift"), apodiktisch der SPIEGEL ("Der Wald stirbt"). Und auch die "Zeit" duldete kein Leugnen des Notstands: "Am Ausmaß des Waldsterbens könnte nicht einmal der ungläubige Thomas zweifeln."

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Titelbilder: SPIEGEL-Titel - die besten Cover des fünften Jahrzehnts

Manches liest sich heute geradezu komisch. So fürchtete der "Stern", Deutschland werde "zur Pershing-geschützten Dioxid-Steppe verkommen". Einziger Trost schien den Redakteuren, dass auch der Nürnberger Reichswald Nadeln und Blätter verlieren werde: "Dann sind all die dort verborgenen Bunker und Depots der Bundeswehr und der US-Armee ihrer natürlichen Deckung beraubt." Spätestens das werde die Mächtigen im Lande zum Handeln bewegen.

Angst ging um, und die Politik tat ein Übriges, sie zu schüren. Im September 1983 startete die christliberale Bundesregierung unter Kanzler Helmut Kohl ein umfängliches Aktionsprogramm "Rettet den Wald". Neben dem Friedenserhalt, verkündete Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann, sei der Schutz der Umwelt die "wichtigste Aufgabe der Menschheit". Die Leute verstanden es als Indiz dafür, dass es schlimm stand um den deutschen Wald.

Gründung der Grünen

Von 1984 an sorgte dann der alljährliche Waldzustandsbericht dafür, dass das Thema nicht in Vergessenheit geriet: Stets im November oder Dezember wurden die Balkendiagramme der Schadensstufen bei Nadel- und Laubbäumen veröffentlicht, und zuverlässig lösten sie jeweils eine neue Welle öffentlicher Bestürzung aus.

Die Kohl-Regierung sah sich auch deshalb zu entschlossenem Handeln gezwungen, weil die Parteienlandschaft der Republik ins Wanken geraten war. Im Januar 1980 hatte sich ein bunt-alternativer Haufen in Strickjacken und Turnschuhen in der Karlsruher Stadthalle zusammengefunden. Zwei Tage lang stritten sie um Satzungsfragen, am Ende war aus der chaotischen Diskussion eine neue Partei hervorgegangen, deren konstituierendes Anliegen die Rettung der Umwelt war.

Gründungsparteitag der Grünen in Karlsruhe 1980
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Gründungsparteitag der Grünen in Karlsruhe 1980

Erstmals seit Gründung der Bundesrepublik geriet damit das etablierte Dreiparteiensystem aus den Fugen. Im März 1983 zogen 28 Abgeordnete der Grünen in den Bundestag ein. Fortan sah sich nicht nur die SPD, sondern auch die christliberale Koalition gezwungen, mit diesem Trupp von Rebellen um die Deutungsmacht in Umweltdingen zu ringen.

Den Grünen selbst reichte der Tod des Waldes bald nicht mehr. Sie sahen ihn als Auftakt noch schlimmeren Ungemachs: "Das Waldsterben stellt ein Warnzeichen für eine sich anbahnende noch größere ökologische Katastrophe dar", hieß es in einer Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion.

Saurer Regen als neue Art der Bedrohung

Zumindest in einer Hinsicht sollte sich dies als prophetisch erweisen: Der Bundesrepublik standen im Verlauf der Achtzigerjahre weitere große Umweltdebatten bevor, und jedes Mal folgte die Erregungskurve einem ähnlichen Muster. Vor allem zwei Eigenschaften des sauren Regens, der als Hauptursache des Waldsterbens galt, erwiesen sich dabei als prototypisch für eine neue Art der Bedrohung:

  • Die Gefahr war unsichtbar. Anders als Rußwolken in der Luft oder Schaumkronen auf dem Wasser sind die Gase, die den Regen säuern und damit dem Wald schaden, farblos.
  • Und sie war global. Kraftwerksschwaden halten sich nicht an Landesgrenzen. Ein beträchtlicher Teil der Säure, die über deutschen Wäldern abregnete, stammte aus Nachbarländern, so wie umgekehrt die Schadstofflast der deutschen Industrie zur Versauerung der skandinavischen Seen beitrug.

Genau diese beiden Merkmale kennzeichnen auch den zweiten Gegner, gegen den sich das erwachende Umweltbewusstsein in Deutschland richtete: die Atomkraft. Von Greenpeace über Robin Wood bis hin zum BUND - sämtliche neu gegründeten Umweltverbände einte die Ablehnung der Kernenergie und die Angst vor radioaktiver Verseuchung. Wie beim sauren Regen, so hatten es die Naturschützer auch hier mit einem Phänomen zu tun, das unsichtbar seine unheimliche Wirkung tat und das keine Grenzen kannte.

Visual Story zum SPIEGEL-Jubiläum

Schon in den Siebzigerjahren hatte sich eine Vielzahl zersplitterter Anti-AKW-Initiativen zu einer Bewegung formiert. In den Achtzigern verbreitete sich die lachende rote Anti-Atomkraft-Sonne weltweit und reckte bisweilen siegessicher eine kleine Faust.

Im Frühjahr 1980 errichtete ein Spontitrupp auf einer Waldlichtung nahe dem geplanten Endlager im niedersächsischen Gorleben ein Dorf aus 110 Holz- und Lehmhütten. Selbst an eine Krankenstation, einen Frisiersalon, eine Sauna und eine Mülldeponie war gedacht. Die Bewohner riefen die "Republik Freies Wendland" aus und stellten jedem, der zehn D-Mark dafür zu bezahlen bereit war, beim Passieren des Schlagbaums einen "Wendenpass" mit Einreisestempel aus.

Erbitterter Kampf um die Atomkraft

Im Jahr darauf hatte die Bewegung bereits enorm an Schlagkraft gewonnen. Nun versammelten sich 100.000 Demonstranten in der Wilstermarsch vor dem Bauzaun in Brokdorf. Die Kundgebung endete in einer Schlacht: Über den horizontweiten Marschwiesen hingen Tränengasschwaden, in der Luft tosten Polizeihelikopter, Wasserwerfer verteidigten das Tor des Baugeländes.

Doch so erbittert der Kampf um die Atomkraft auch ausgetragen wurde und so erschöpfend jeder denkbare Störfall durchdiskutiert war, so perplex reagierten die Deutschen, als sie plötzlich wirklich da war, die unsichtbare Gefahr.

Ende April 1986 meldeten die Schweden einen abrupten Anstieg radioaktiver Strahlung in ihrem Land. Skandinavische Forscher waren die ersten, die vermuteten, in einem sowjetischen Kernkraftwerk könnte es zu einem schweren Unfall gekommen sein.

Die Folge war, in Deutschland mehr als in jedem anderen Land Europas: Verwirrung, Ratlosigkeit, Angst. Während im Reaktorblock 4 des Kraftwerks im ukrainischen Tschernobyl noch die Uran-Lava qualmte und Hubschrauber Tonnen von Blei, Lehm und Sand in die nukleare Glut abwarfen, starrten die Deutschen bang auf den Wetterbericht. Vor allem nach Bayern schoben sich dunkle Regenwolken von Osten her über die Grenze.

Was war zu tun? Durfte die Wäsche zum Trocknen noch auf die Leine? Musste die Hauskatze abgeduscht werden? Half es, die Fenster geschlossen zu halten?

Wer sein Kind noch auf den Spielplatz ließ, erntete vorwurfsvolle Blicke. Die Gemüsehändler blieben auf ihrem Spinat und ihren Radieschen sitzen. Und alle wussten: Auch die biodynamischen Schrumpelkarotten boten keinen Schutz vor radioaktivem Cäsium.

Jeder versuchte nun, einen Geigerzähler zu ergattern. Gekauft wurde alles, solange es nur das berüchtigt-unheilvolle Knattern von sich gab. Entsprechend konfus war bald die Vielzahl der Messwerte, die im Umlauf waren - zumal ein unverständliches Kauderwelsch aus "Mikrosievert", "Becquerel" und "Millirem" auf die Deutschen niederregnete.

Die allmähliche Erhitzung des Planeten

Vor allem aber: Wem sollte man glauben? Der hannoversche Nuklearmediziner Heinz Hundeshagen verkündete: "Man kann wirklich sagen: Gefahr null." Der Münchner Strahlenbiologe Edmund Lengfelder warnte: In der Bundesrepublik sei "mit etlichen Tausend zusätzlichen Krebsfällen" zu rechnen.

Kein Wunder, dass sich der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter ernsthafte Sorgen um die seelische Gesundheit des Volkes machte. "Bedrücktheit, Missmut, Gereiztheit" hätten wie nie zuvor zugenommen, konstatierte er. Auch sei zu befürchten, dass die Menschen massenhaft an "unguten Träumen" litten.

Nur sechs Wochen nach dem GAU in Tschernobyl wurde in Bonn das Bundesumweltministerium aus der Taufe gehoben. Nie wieder wurde der Bau eines Atomkraftwerks in Deutschland in Angriff genommen. 25 Jahre später war dann die nukleare Großkatastrophe im japanischen Fukushima der Anlass für den endgültigen Ausstieg aus der Atomkraft.

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Zeitreise nach Tschernobyl: Zurück zum postnuklearen Ground Zero

Weniger Traumata löste eine weitere große Umweltbedrohung der Achtzigerjahre aus. Wie Waldsterben und radioaktiver Fallout war auch hier die Ursache unsichtbar, und sie wirkte grenzübergreifend. Trotzdem drang die Problemlage viel langsamer ins Bewusstsein der Deutschen vor - obwohl es sich um die wohl tief greifendste und nachhaltigste aller Veränderungen in der Natur handelte.

Mitte der Achtzigerjahre mehrten sich die Indizien dafür, dass das Klimageschehen des Planeten Erde im Wandel begriffen war. Verantwortlich dafür war der Mensch - und dies sogar in zweifacher Hinsicht.

Vor "einer drohenden Klimakatastrophe" warnte im Januar 1986 ein Aufruf der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, der für einiges Aufsehen sorgte. Bei der Verbrennung von Kohle, Öl und Erdgas, so hieß es darin, entstünden große Mengen Kohlendioxid, welches als Treibhausgas die Atmosphäre aufheize. Hinzu kämen Methan, Stickoxide und weitere Gase mit ähnlicher Wirkung. Deshalb sei in ein bis zwei Jahrzehnten eine Erhitzung des Planeten um drei bis neun Grad zu befürchten. Einen besonders starken Effekt sagten die Klimamodelle in den Polregionen vorher. Ein Teil des Eises an den Polkappen werde schmelzen und den Meeresspiegel ansteigen lassen.

Die deutsche Lust an der Katastrophe

Der SPIEGEL nahm diese Prognose zum Anlass, auf seinem Titel publikumswirksam den Kölner Dom unter Wasser zu setzen. Die Geschichte hebt an mit einer fiktiven Szenerie aus dem Sommer 2040, in dem Hamburg und Hongkong, London, Kairo und New York "längst vom Meer verschluckt" sind. Großbritannien ist "in einen Archipel zerfallen".

Da war sie wieder, die autoaggressive deutsche Lust an der Apokalypse. Heute ist klar, wie maßlos übertrieben dieses düstere Katastrophenszenario war. Doch rief es der breiten deutschen Öffentlichkeit erstmals ein Problem ins Bewusstsein, das bis heute als größte Herausforderung für die globale Umweltpolitik gilt.

Anders als beim Waldsterben gab es eine breite Diskussion in der wissenschaftlichen Weltgemeinschaft über die Klimaerwärmung. Heute stellt kein seriöser Forscher mehr die Indizien für den menschengemachten Klimawandel infrage. Doch es hat bis 2015 gedauert, dass die Vereinten Nationen auf dem Pariser Klimagipfel Maßnahmen beschlossen, die den Temperaturanstieg auf zwei Grad begrenzen sollen - fast 30 Jahre nach dem SPIEGEL-Titel.

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70 Jahre: Der SPIEGEL in Zahlen

In demselben Artikel, der von der globalen Erwärmung kündete, erfuhr der SPIEGEL-Leser auch, dass der Mensch der irdischen Atmosphäre noch auf eine zweite Weise schweren Schaden zufüge. Die Sorge galt der Ozonschicht in der Stratosphäre.

Schon im Jahr 1974 hatten zwei kalifornische Chemiker vor der fatalen Wirkung sogenannter Fluor-Chlor-Kohlenwasserstoffe (FCKW) gewarnt. Diese reaktionsträgen Gase, die als Treibgas in Sprühdosen und als Kühlmittel in Klimaanlagen und Kühlschränken verwendet wurden, seien fähig, Ozon zu zerstören. Dieses Gas schütze das Leben vor hoch energetischer UV-Strahlung. Wenn die Ozonhülle in der Stratosphäre ausdünne, werde die Hautkrebsgefahr steigen.

Die Geschichte des Ozonlochs - eine Erfolgsstory

Anfangs fand diese Warnung wenig Gehör. Denn die Chemie der Stratosphäre war nur ungenügend verstanden und ob der befürchtete Ozonabbau dort überhaupt stattfand, fraglich. Erst im Jahr 1985 lieferten Messungen am Südpol Gewissheit: Der Ozonfraß in der Stratosphäre schritt sogar noch viel schneller fort, als es die schlimmsten Befürchtungen vorhergesagt hatten. Allwinterlich gähnte in der Stratosphäre über der Antarktis ein regelrechtes Ozonloch.

Wieder gingen Horrormeldungen um. Diesmal sorgten sich die Deutschen um erblindete Schafe in Chile und hautkrebskranke Australier. Und diesmal zeigte der Einsatz der Aktivisten erstaunlich rasch Wirkung: Die Geschichte des Ozonlochs darf als eigentliche Erfolgsstory des Umweltschutzes gelten.

Im September 1987, nur zwei Jahre nachdem die Zeitschrift "Nature" erstmals vom Ozonverlust über dem Südpol berichtet hatte, trafen sich Vertreter von 49 Staaten im kanadischen Montreal, um gemeinsam über einen Emissionsstopp für FCKW zu beraten. Heraus kam ein Ausstieg auf Raten, auch allerlei Ausnahmeregeln wurden zugestanden. Dennoch gilt das Montrealer Protokoll heute als Paradebeispiel für wirksamen internationalen Umweltschutz.

Es ist wohl Ausdruck ihrer notorischen Vorliebe für düstere Aussichten, dass die Deutschen seinerzeit nicht fähig waren, es als solches zu erkennen. Nicht nur Verbraucher- und Umweltverbände geißelten die in Montreal beschlossenen Maßnahmen fast einhellig als bloße Augenwischerei. Auch unter Wissenschaftlern herrschte Skepsis vor. "Von Vorsorge oder Hilfe für die bedrohte Ozonschicht kann keine Rede sein", monierte die ehrwürdige Max-Planck-Gesellschaft. Die Beschlüsse von Montreal würden sich als "eine Art Sterbehilfe für die Ozonschicht erweisen".

Fast 30 Jahre später hatten Atmosphärenchemiker der Menschheit dann endlich eine gute Nachricht zu verkünden: Im Juni 2016 teilten sie mit, dass die jüngste Auswertung von Stratosphärendaten das Montrealer Protokoll in anderem Licht erscheinen lassen: "Das, was wir damals getan haben, hat die Erde auf den Weg zur Heilung geführt."

insgesamt 3 Beiträge
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Gabriele Manzano , 11.02.2017
1.
Ich kann mich noch gut an die erste Tour der Grünen durch D-Land erinnern, kurz bevor sie in den Bundestag eingezogen sind. Es war wirklich Zeit, und bitter nötig. Man muss einfach begreifen, das von den 50er Jahren an, die ganze Umwelt nahezu gänzlich kaputtgemacht wurde. Es gab kaum Kontrollen über die Einleitung der Großindustrie in die Gewässer. Flurbereinigung war von den 60ern an das Zauberwort für eines schnelle "Produktion" an Gemüse und Getreide in den Feldern. Überdüngung, und der Einsatz jeder Menge an Medikamenten, die prophylaktisch in der Tierhaltung eingesetzt wurde, war nicht nachdenkenswert. Die großen Flüssen, die einfach nur noch als Kloake und Wasserstraße genutzt wurden, und obendrein zubetoniert waren!, waren tot. Für Fische gab es dort keinen Lebensraum mehr, und schwimmen verbot sich in diesem Coctail aus Fäkalien und Chemie von selbst. Auch wenn seinerzeit Klaus Töpfer heldenhaft im Selbstversuch das Gegenteil beweisen wollte. Wären die Grünen, und eine wachsende kritische Haltung der Bevölkerung zum Umgang mit der Umwelt nicht gewesen, dann wäre der Wald heute tot, und noch so einiges mehr. Von daher hatte die " German-Angst" genau das bewirkt, was nötig war, um eine Veränderung herbeizuführen.
Andreas Borgner, 11.02.2017
2. Wir
baggern 100 Kilometer Dreck aus, für das nächste Hochwasser aus. Woran soll man noch glauben?
Matthias Petersbach, 11.02.2017
3. Tja....
...lang ists her. Heute ist "grün" völlig aus dem Gesichtsfeld verschwunden. Wirklich grün - nicht das Herstellen von Produkten, die ein wenig besser sind, aber immer noch Id*otisch genutzt werden. "Autofahren" interpretieren wir als Rumgondeln von tonnenschweren Kästen, "smart" empfinden wir das Hinzufügen von elektronischen Komponenten an Produkte, die früher ökologischst von Hand betätigt wurden und das Verbleiben in Standards, die vor 30 Jahren völlig ausreichend waren und uns NICHT zu Tode beschäftigen, wird als "Verzicht" abgehakt. Nöh, dass ist der völlig falsche Weg. Wenn ich ins Büro mit nem Auto fahre, was früher locker leistungsmäßig bei der DTM mitmachen hätten können, wenn ich 120 m2 Wohnung ständig auf 20 Grad durchheize, jede Kindergeburtstagseinladung in Hochglanz ausdrucke, an jeden Lichtschalter, Heizkörper, Rolladen, Kühlschrank und irgend eine umweltschädliche Technik ranbinde, ist es völlig egal, ob das ein paar Watt spart oder wie der Strom erzeugt wird. Hightech ist NIE umweltfreundlich.
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