Golden Gate Bridge Die Unmögliche

Eine gigantische Brücke, inmitten eines Erdbebengebietes? Aussichtslos, urteilten Experten. Geht doch, sagte Joseph Strauss und baute die Golden Gate Bridge. Die berühmteste Hängebrücke der Welt kostete ihren Erschaffer die Gesundheit - und viele Menschen das Leben.

Library of Congress

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Der kleine Mann legte großen Optimismus an den Tag, als sein Werk am 19. April 1937 endlich vollendet war. Die Bauarbeiter hatten gerade den letzten Eimer Beton für die Fahrbahn auf der Golden Gate Bridge aufgetragen, da zupften ihn schon die Reporter am Ärmel. Ob er denn keine Angst hätte, dass sich die Lebensmüden seiner Brücke bemächtigen würden, fragten sie den Chefkonstrukteur Joseph Baermann Strauss.

"Wer würde wohl von der Golden Gate Bridge springen wollen?", konterte der Ingenieur lässig. Keine vier Monate später strafte ihn der erste Suizid-Kandidat Lügen. "So weit gehe ich", sagte Harold Wobber, ein US-amerikanischer Veteran aus dem Ersten Weltkrieg, zu einem Passanten, schwang sich über die nur 1,20 Meter hohe Brüstung und hechtete in den Tod. Sechs folgten seinem Beispiel noch im gleichen Jahr.

Seither stürzen sich Jahr für Jahr Dutzende Menschen von der 67 Meter über der Meerenge thronenden Brücke. Bis 1995 waren es bereits tausend, seither zählen die Behörden die Toten nicht mehr offiziell. Die Wahrscheinlichkeit, den vier Sekunden langen Fall zu überleben, ist denkbar gering, der Körper prallt mit einer Geschwindigkeit von 120 Stundenkilometern aufs Wasser.

Die berühmteste Hängebrücke der Welt, vor 75 Jahren vollendet, ist zum Magneten für Selbstmörder geworden - ganz gegen alle Erwartungen ihres optimistischen Erbauers Joseph Strauss. Ein Mann, der zunächst nur Lacher erntete, als er 1921 antrat, um das Mammutprojekt Golden Gate Bridge Wirklichkeit werden zu lassen.

Von Brücken besessener Träumer

Eine Brücke über die Einfahrt zur San Francisco Bay? Ein Ding der Unmöglichkeit, unkten Bedenkenträger und Experten einstimmig. Noch nie musste eine Brücke eine solche Distanz überwinden - die "Golden Gate" genannte Meerenge zwischen dem Pazifik und der Bucht von San Francisco ist an jener Stelle 1600 Meter breit und bis zu 90 Meter tief. Vor allem aber liegt sie nur 13 Kilometer vom Epizentrum des verheerenden San-Francisco-Erdbebens von 1906 entfernt: mit rund 3000 Toten eine der schlimmsten Naturkatastrophen der USA.

Zudem würden Windstärken von bis zu 100 km/h, häufiger Nebel und die Gezeitenströmung von bis zu 7,5 Knoten die Bauarbeiten behindern, befürchtete Amerikas Ingenieurszunft. Joseph Strauss aus Cincinnati, Ohio, hielt das für Schwarzmalerei.

Der Mann war von Brücken regelrecht besessen, seitdem er als Student nach einem Football-Unfall mehrere Wochen im Krankenhaus lag täglich und vom Bett aus auf die gewaltige Cincinnati-Covington Bridge geblickt hatte.

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Golden Gate Bridge: Über Beben Schwingen

Als Abschlussarbeit an der Universität hatte Strauss, verträumter Sohn einer Pianistin und eines Künstlers, den Entwurf für eine Eisenbahnbrücke über die 85 Kilometer lange Behringstraße zwischen Russland und den USA vorgelegt - dagegen erschien die Golden Gate geradezu ein Klacks. Mit dem Ausspruch "San Francisco hat schon so oft das Unmögliche möglich gemacht" wischte der Ingenieur alle Bedenken vom Tisch. Und bekam den Auftrag.

Kosename "G.G."

Strauss zähmte nicht nur die Fährbetreiber, die aus Angst um ihr Business am Golden Gate Klage gegen das Projekt eingereicht hatten, er überzeugte sogar die Finanziers. 1932, mitten in der Großen Depression, die sich seit dem Börsencrash von 1929 über die USA gelegt hatte, übernahm der Gründer der San Francisco Bank den Löwenanteil der 35 Millionen Dollar schweren Anleihen, die, so Strauss' Plan, mit Brückenzöllen abgegolten werden sollten.

Allerdings zehrte die mehr als ein Jahrzehnt erfordernde Überzeugungsarbeit an den Kräften des Ingenieurs: Kaum konnte der Brückenbau Anfang 1933 endlich beginnen, war Chefkonstrukteur Strauss fort. Wie vom Erdboden verschwunden, ein halbes Jahr lang unauffindbar.

Hartnäckig hielt sich das Gerücht, dass er sich nach einem Nervenzusammenbruch in einer Klinik erholte. Erst im Juni 1933 kehrte Strauss nach San Francisco zurück. Neu verheiratet, mit einer 16 Jahre jüngeren Frau namens Annette - die ihm den Kosenamen "G.G.", kurz für "Golden Gate", gab.

Kleiner Mann, großes Ego

Sein ursprünglicher Plan von 1921, ein klobiger, technisch im 19. Jahrhundert verhafteter Entwurf, war mittlerweile einer eleganten Hängekonstruktion gewichen. Ausgearbeitet von einem exzellenten Team aus Brückendesignern, Architekten und Wissenschaftlern, allen voran Professor Charles Alton Ellis.

Allein mit Zirkel, Lineal und Rechenmaschine stellte der Wissenschaftler sämtliche Berechnungen zum Bau der Brücke an, seine handschriftlichen Aufzeichnungen füllten mehr als zehn Bände. Zum Dank warf ihn Strauss noch vor Baubeginn raus. "Er war eifersüchtig, was sicher mit seiner Statur zu tun hatte", erklärte sich Strauss' Sekretärin in einem Interview die Unverschämtheit - ihr Chef maß gerade einmal 1,57 Meter.

Während der egozentrische Starkonstrukteur nach seiner Auszeit Gedichte verfasste, mit Frau Annette sowie seiner cremefarbenen dänischen Dogge spazieren ging und sich zunächst eher selten auf der Baustelle blicken ließ, kämpfte seine Crew mit enormen Widrigkeiten.

Gigantische Stahlkammer auf dem Meeresboden

Der Südpfeiler musste in einer Wassertiefe von 33 Metern verankert werden, allein das Gerüst für den Bau wurde zweimal zerstört. Einmal rammte es ein Frachter bei Nebel, einmal wurde es von einem schweren Sturm zerlegt. Hinzu kam die starke Strömung in der Meerenge: Unterwasserarbeiten waren nur während des Gezeitenwechsels, viermal am Tag, für die Dauer von rund 20 Minuten möglich.

Um auf dem schlammigen Meeresboden ein solides Fundament errichten zu können, versenkte man eine gigantische, nach unten offene Stahlkammer in der Tiefe, das Wasser wurde per Druckausgleich ausgesperrt. Die Männer, die auf der Unterwasserbaustelle arbeiteten, hatten mit dem erhöhten Luftdruck zu kämpfen. Holte man sie zu früh an die Meeresoberfläche zurück, drohten Atemnot, Blutungen, Bewusstlosigkeit und Lähmungen.

Einmal ließ eine heftige Welle die Stahlkammer hin- und hertanzen wie einen Korken. Doch am Ende siegte der Mensch über die Natur: Noch vor Weihnachten 1934 standen die Fundamente für die beiden 227 Meter hohen Pfeiler, nun konnte zügig in die Höhe gebaut werden.

"Half-Way-to-Hell-Club" für Überlebende

Obwohl Brückenbauer damals mit einem Toten pro Million investierter Dollar kalkulierten, kam bis kurz vor Bauende nur ein Mensch ums Leben. Nicht einmal das gewaltige Erdbeben von Juni 1934, das den Nordturm um fast neun Meter hin- und her schwanken ließ, konnte den Arbeitern etwas anhaben.

"Die Brücke war ein lebendiges, atmendes Ding", umschrieb ein Ingenieur damals die enorme Elastizität des Bauwerks. Zwar mussten sich die Handwerker bei starkem Wind regelmäßig übergeben. Ein größerer Unfall blieb jedoch lange aus, dank der Sicherheitsmaßnahmen von Joseph Strauss.

Der Ingenieur führte damals die Helmpflicht auf der Baustelle ein - ein absolutes Novum - und ließ ein gigantisches Netz unter der gesamten Brücke spannen. 19 Männer stürzten während der vierjährigen Bauzeit hinein. Gemeinsam gründeten die Gefallenen den "Half-Way-to-Hell-Club".

Zehn Tote kurz vor Bauende

Erst am Morgen des 17. Februar 1937, zwei Monate vor Fertigstellung, passierte das Unglück: Eine fünf Tonnen schwere Gerüstkonstruktion nahe des Nordpfeilers brach zusammen, kippte ins Netz und katapultierte zehn Bauarbeiter in den Tod. Gerüst und Netz sausten ins Meer "wie ein Aufzug ohne Gegengewicht", schrieb der "San Francisco Chronicle".

Nur ein Bauarbeiter, der damals 26-jährige Slim Lambert, überlebte den Fall in die Tiefe. Ein Krabbenkutter fischte den schwerverletzten Mann aus den Fluten. Doch hatte er so viele Knochenbrüche erlitten, dass die Ärzte ihn nur mit Mühe und Not wieder zusammenflicken konnten. Als Lambert schließlich das Krankenhaus verließ, war er vier Zentimeter kleiner als zuvor - und die Golden Gate Bridge vollendet.

Majestätisch schwebte das 2,7 Kilometer lange, orange leuchtende Bauwerk über der Meerenge, filigran, fast schwerelos, trotz der knapp eine Million Tonnen an verbautem Stahl und Beton. "Sie ist wie eine Linie, fast abstrakt", pries der französische Autor Raymond Cartier den einmaligen Reiz der Brücke. Ihre Eröffnung geriet zu einem grandiosen Massenspektakel.

"Diese Brücke braucht weder Lob noch Elogen"

Am 27. Mai 1937, einem Donnerstag, bekamen die Kinder in der Region um San Francisco schulfrei, Ämter und Büros blieben geschlossen. Um Punkt 6 Uhr morgens gaben tutende Nebelhörner das Signal zum Entern der Brücke. 200.000 Menschen rannten, tanzten, skateten, radelten über die Golden Gate Bridge.

Hunderte Flugzeuge flogen Formationen über dem Bauwerk, die US-Flotte inklusive mehrerer Flugzeugträger kreuzte in der Bay. Ein Festumzug und ein großes Feuerwerk krönten die Eröffnungszeremonie. Nur einem war nicht zum Feiern zumute: Chefkonstrukteur Joseph Strauss hatte sich an dem Projekt verhoben. Er war am Ende seiner Kräfte.

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Der 67-Jährige wirkte gebrechlich und ausgemergelt, dunkle Ringe umgaben seine Augen, als er die Brücke am Eröffnungstag an den Distriktspräsidenten übergab. Leicht verloren inmitten der ausgelassenen Schar blumengeschmückter, kalifornischer Schönheitsköniginnen, verzichtete Strauss auf eine große Rede. Die Hände zitterten, seine Stimme war kaum zu verstehen, als der kleine Mann kurz das Wort ergriff.

In seltener Zurückhaltung sagte der einst so wortgewaltige Ingenieur nur diesen einen Satz: "Diese Brücke braucht weder Lob noch Elogen, sie spricht für sich selbst." Ein Jahr später erlag ihr Erbauer einem Schlaganfall.



insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
Elert von Müller, 19.04.2012
1.
Kann es sein, dass das Bild Nummer 14 spiegelverkehrt eingestellt wurde? Das Gebäude unter der Brücke (linker Bildrand) und die Lage der Alcatraz-Insel kommen mir seltsam vor.
Marchese Grana, 20.04.2012
2.
Bisher hatte ich immer gedacht, dass die Golden Gate Bridge für seine Zeit und seine Größe sehr wenig Opfer beim Bau verzeichnen mußte.
Carsten Beck, 20.04.2012
3.
hallo, herr von müller hat recht - das gebäude unter der brücke gehört zum presidio-areal - es handelt sich um fort point (http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Fortpoint03162006.JPG&filetimestamp=20060320042306; s.a. ) - bei lage unter dem in blickrichtung linken brückenende müßte im hintergrund der offene pazifik statt alcatraz zu sehen sein (vgl. http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Aerial_view_-_Presidio-whole.jpg&filetimestamp=20090110234912). der schattenwurf des brückenpfeilers wie abgebildet impliziert zudem einen sonnenstand im nordwesten, waqs auf der nordhalbkugel unmöglich ist. mfg, carsten
Sven Seifert, 20.04.2012
4.
"Die Männer, die auf der Unterwasserbaustelle arbeiteten, hatten mit dem erhöhten Luftdruck zu kämpfen. Holte man sie zu früh an die Meeresoberfläche zurück, drohten Atemnot, Blutungen, Bewusstlosigkeit und Lähmungen. " Nicht zu frueh, sondern zu schnell hochholen! Alles, was laengeren Aufenthalt, als 15 Minuten in 30m Wassertiefe bedeutet, trocken oder nass, bedeutet auch, das nicht umgehend auf Meeresspiegeldruck aufgestiegen/getaucht werden kann/sollte. Dekompressions/Taucher/Caissonkrankheit (Senkkasten) genannt. http://de.wikipedia.org/wiki/Dekompressionskrankheit War auch beim alten Elbtunnel, und schon im 18 Jahrhundert, bei vielen anderen Arbeiten in Wassertiefen, unter Wasser(druck) eine 'unerklaerliche' Erscheinung!
Heinz Breuer, 20.04.2012
5.
Herr von Müller hat recht, das Bild ist eindeutig spiegelverkehrt. Das Bild zeigt den Südturm, das Gebäude gehört zum Presidio und der Blick über die Brücke mit Alcatraz ist in die Bay hinein. Aber die Bay ist im Osten und nicht im Westen wie auf dem spiegelverkehrten Bild.
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