Propagandamaschine Volksempfänger Hört, hört!

Das berüchtigtste Radio der Welt wird 75: Am 18. August 1933 feierte der Volksempfänger Premiere. Mit dem Jedermann-Gerät machten die Nazis den Rundfunk erst zum Massenmedium - und zur hasserfüllten Propagandamaschine. Ausgeliefert wurde es mit einer Drohung am Drehknopf.

Von Andrea Jonischkies


Konzentriert dreht Joseph Goebbels unter den gespannten Blicken seiner uniformierten Entourage an den Knöpfen des kleinen Radioapparats. Kratzen, Pfeifen - dann erklingt Musik. Der Intimus des "Führers" lächelt zufrieden. Seit wenigen Monaten ist er "Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda" und lässt es sich nun nicht nehmen, an diesem 18. August 1933 beim obligatorischen Rundgang über die Berliner Funkausstellung persönlich die neuesten Geräte auszuprobieren. Der Chefpropagandist des "Dritten Reiches" hält den Rundfunk schließlich für das wichtigste Medium des 20. Jahrhunderts - und für die Durchsetzung der Nazi-Politik unerlässlich.

Spätere Generationen würden "einmal feststellen, dass der Rundfunk für unsere Zeit genauso eine Entwicklung der geistigen und seelischen Beeinflussung der Massen eingeleitet hat wie zu Anbruch der Reformation die Erfindung der Buchdruckerkunst", hatte Goebbels zuvor in seiner Eröffnungsrede geschwärmt: "Die Erfindung und Ausgestaltung für das praktische Gemeinschaftsleben der Menschen ist von einer wahrhaft revolutionären Bedeutung."

Um diese Revolution voranzutreiben wartete der Propagandaminister an diesem Tag mit einem echten Knüller auf: dem VE 301. VE steht für "Volksempfänger", die Modellnummer 301 für den 30. Januar, den Tag der Machtergreifung der Nationalsozialisten einige Monte zuvor. Das Gerät ist der bislang preiswerteste Rundfunkempfänger mit eingebautem Lautsprecher - Kostenpunkt 76 Reichsmark, weniger als die Hälfte der bisher erhältlichen Geräte. Dieser Volksempfänger soll ab sofort Radiohören für jeden "Volksgenossen" erschwinglich machen und die Stimme des "Führers" und seiner rechten Hand Goebbels in jeden deutschen Haushalt tragen.

Verkaufsschlager der Funkausstellung

Das Gemeinschaftsprodukt mehrerer renommierter Gerätehersteller wie Telefunken, Blaupunkt und Loewe war sofort ein Renner. Bereits am Abend des Premierentages war die gesamte Erstproduktion von 100.000 Radios ausverkauft.

Der Zeitpunkt für die Einführung des Volksempfängers war günstig gewählt. Erst zehn Jahre zuvor hatte in Deutschland die Radioära begonnen, die Technologie der drahtlosen Rundfunkübertragung war noch im Anfangsstadium. Der Erste Weltkrieg, die anschließende Hyperinflation und dann die Weltwirtschaftskrise hatten die Verbreitung des neuen Massenmediums in Deutschland verzögert. Teils waren es ganz schlichte Gründe: Nicht jeder Haushalt verfügte in den zwanziger Jahren über den nötigen Stromanschluss, überdies musste eine Anmeldegebühr entrichtet werden, selbst die günstigsten der Markenempfänger kosteten mehr als einen ganzen Monatslohn.

Dennoch hatte der Rundfunk schnell viele begeisterte Anhänger gefunden. In eigenen Vereinen und Zirkeln bastelten Enthusiasten kleine Detektorempfänger, im Handel gab es für finanzschwache Radiofreunde komplette Bausätze zu kaufen. Aber aufgrund der vielen Nebengeräusche und Störungen war das Klangerlebnis mit diesen Apparaturen alles andere als ein Vergnügen.

Angst vor dem Billigradio

Die Diskrepanz zwischen der riesigen Bedarf und dem geringen, viel zu teuren Angebot an Radiogeräten war nicht erst den Nationalsozialisten aufgefallen. Pläne für preisgünstige Empfänger lagen bereits seit 1926 in den Schubladen der Hersteller, doch die befürchteten, dass sie dann auf ihren anderen Modellen sitzen bleiben könnten.

Die Nazis interessierten solche Einwände herzlich wenig. Für Hitler und Goebbels hatte die Möglichkeit, das NS-Gedankengut über den Äther bis in den hintersten Winkel ihres Machtbereichs zu verbreiten, absolute Priorität. Schon im April 1933, ein knappes Vierteljahr nach der "Machtübernahme", nahm der Propagandaminister die 28 größten Hersteller in die Pflicht und drängte sie dazu, einen Kooperationsvertrag zur Produktion eines besonders erschwinglichen Radiogeräts zu unterzeichnen. Der niedrige Preis sollte durch niedrigere Gewinnspannen für Hersteller und Handel, die Massenfertigung von Einzelteilen und reduzierte Lizenzkosten möglich werden.

Das Innenleben des Volksempfängers entwickelte Otto Grießing, Chefingenieur der Firma Seibt, das schlichte Bakelit-Gehäuse mit zentralem Lautsprecher und zwei Drehknöpfen für Lautstärke und Sendereinstellung stammte von Walter Maria Kersting, Professor für Formgebung an den Kölner Werkschulen. Angeboten wurden zwei Modelle: Wechselstromgeräte wurden in einem Bakelitgehäuse geliefert, für Gleichstrom und Batteriebetrieb gab es eine Holzausführung. Insgesamt wurden in den verschiedenen Varianten mehrere Millionen Volksempfänger verkauft.

"Goebbels-Schnauze" aus schwarzem Bakelit

Fünf Jahre nach dem VE 301 kam 1938 der "Deutsche Kleinempfänger" DKE 38 auf den Markt, wie sein Vorgänger ein technisch simples Röhrengerät für den Empfang von Mittel- und Langwelle. Der DKE 38 kostete mit sensationellen 35 Reichsmark nicht einmal mehr die Hälfte des Volksempfängers. Dem schwarzen, quadratischen Bakelit-Zwerg mit dem kreisrunden Lautsprecherfeld verpasste der Volksmund rasch den Spitznamen "Goebbels-Schnauze".

Der Erfolg der NS-Rundfunkpolitik war durchschlagend. Die Hörerzahlen des ganz von Nazi-Propaganda dominierten Programms stiegen stetig. Bei Kriegsausbruch im September 1939 konnten fast zwölf Millionen Haushalte Hitlers dreiste Lüge, dass an der polnischen Grenze nun "zurückgeschossen" werde, im eigenen Radiogerät hören.

Um die "Volksgenossen" ideologisch bei der Stange zu halten, waren Radios, die im "Dritten Reich" über den Ladentisch gingen, von Amts wegen so manipuliert, dass sich mit ihnen nur offizielle Sender empfangen ließen. Doch rasch entdeckten findige Zeitgenossen, wie sich diese Voreinstellung umgehen ließ; wer mutig genug war, konnte so in stillen Stunden auch andere Sender aus dem europäischen Ausland empfangen und dem Meinungsterror des NS-Staates ein Schnippchen schlagen.

Drohung am Drehknopf

Doch mit dem Beginn des Krieges wurde das Hören ausländischer Sender unter Strafe gestellt - "Rundfunkverbrechen" hieß das Delikt. Volksempfänger wurden nun mit einer Drohung am Drehknopf ausgeliefert: "Wer den Feind hört, wird mit Zuchthaus bestraft, und wer abgehörte Nachrichten weiterverbreitet, wird hingerichtet". Und das war durchaus keine leere Drohung: Zwischen 200 und 440 "Feindhörer" wurden laut einem Lagebericht von 1941 monatlich festgenommen, für die Jahre 1939 bis 1942 weist die Statistik der Nazis 2.704 Verurteilungen wegen "Rundfunkverbrechen" aus.

Wieviele Todesurteile NS-Richter fällten, weil der Angeklagte "Feindsender" wie die BBC oder Radio Moskau gehört hatten, lässt sich nicht mehr exakt ermitteln.



insgesamt 3 Beiträge
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Thomas Schwemmer, 19.08.2008
1.
Zu diesem Thema bietet das Rundfunkmuseum der Stadt Fürth in der ehemaligen Grundig-Verwaltung sehr viel Anschauungsmaterial ! Natürlich auch zum Thema Rundfunk allgemein, Fernsehen & Rundfunk der DDR etc. Absolut sehenswerte Ausstellung ! http://www.rundfunkmuseum.fuerth.de
Michael Lang, 29.10.2008
2.
Es ist eine alte - und durch die ständige Wiederholung leider nicht richtiger werdende - Mär, daß die Geräte der Volksempfängerserie so manipuliert waren, daß nur der Empfang von Reichssendern möglich gewesen sei. Dies ist schlicht unzutreffend ! Von den technischen Voraussetzungen her war es jederzeit möglich, auch Auslandssender zu empfangen. Eine Beschränkung auf Sender aus Deutschland wäre technisch auch nicht möglich gewesen (ich bitte, mir diesen Sachverstand zuzutrauen, denn im Laufe vieler Jahre sind bereits mehr als 100 Volksempfänger verschiedener Baureihen durch meine Hände gegangen und von mir repariert worden). Interessanterweise gab es Zusatzskalen (da die originale, nur mit Nummern von 1-100 versehende Skala etwas dürftig war und mit denen man sein Gerät aufmöbeln konnte (ich besitze mehrere Exemplare)), die bereits von sich aus ausländische Sender aufwiesen. Hieraus ergibt sich, daß bereits die Hersteller dieser Zusatzgeräte (zutreffenderweise) davon ausgingen, daß ohne Probleme auch der Empfang nichtdeutscher Stationen möglich war ! Zudem berichtete mir meine Großmutter (die technisch VÖLLIG uninteressiert und eben nicht ´findig` war), daß sie regelmäßig ab 1942 die abendlichen Nachrichten der BBC in deutscher Sprache mit ihrem DKE (der "Goebbelsschnauze") hörte. Und zuletzt: wenn es technisch nicht möglich gewesen sein sollte, ausländische Sender zu empfangen, wozu dann noch der Hinweis mittels Aufsteckschild, daß es verboten ist ..... ?!
Georg Scheffczyk, 25.10.2013
3.
Dr.Goebbels stellte es jedem anheim, ob er zuhören wollte oder nicht. Bei uns "Demokraten" ist der Zwang zum Zuhören gerichtlich bestimmt, wer nicht zuhört,zusieht, verliert trotzdem Geld. Dr.Goebbels wäre noch erfolgreicher gewesen, hätte er das GEZ-System eingeführt.
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