Novemberrevolution Rotes Tuch für Steinmeier

Den Putsch verpatzt: Ein Gruppe adeliger Diplomaten rebellierte in den Revolutionswirren Ende 1918 gegen die Arbeiterräte. Der Coup misslang, die Anführer flohen - die rote Fahne vom Dach des Außenministeriums nahmen sie mit. 2008 ist die rote Reliquie mit der irren Geschichte wieder aufgetaucht.

Von Martin Kröger


Laut und metallisch klimperten Schlüssel und Dietriche in der Hand des Feldwebels an seiner Seite, doch Leutnant Rochus von Rheinbaben störte der Lärm jetzt nicht mehr sonderlich. Kurz zuvor war er noch nervös geworden, als er gemeinsam mit dem Kanzleidiener Lehmann schon einmal die Treppen zum Dachboden der Wilhelmstraße 75/76 in Berlin emporgestiegen war. Aber die Tür ließ sich nicht öffnen, und so hatte er rasch jemanden finden müssen, der sich auf Schlösser verstand. Auch wenn es einen weiteren Mitwisser bedeutete.

Nun war Rheinbaben auf den Dachboden des Auswärtigen Amtes vorgedrungen. Nur noch ein paar Meter trennten ihn von seinem Ziel: Die verhassten roten Fahnen herunterzuholen, die seit kurzem über dem Sitz des Außenministeriums wehten. Die einzige Dachluke ließ sich problemlos anheben. Mit geübten Handgriffen löste von Rheinbaben den Seilzug am Mast, zog die Fahne herab, öffnete die Haken und riss das rote Tuch an sich. Dann kam die Flagge am zweiten Fahnenmast an die Reihe. So unbeobachtet, wie die beiden Soldaten gekommen waren, verschwanden sie auch wieder über das Treppenhaus.

So ähnlich muss sich die Szene am Nikolaustag 1918 abgespielt haben, genau wissen wir es nicht - in einer kurzen Darstellung, von ihm selbst überliefert, stellt der Fahnendieb Rochus von Rheinbaben uns nur den Feldwebel mit den Nachschlüsseln und den Kanzleidiener Lehmann vor. Aber was trieb den jungen Leutnant zu dieser seltsamen Aktion? Und wie reiht sich die Tat in das politische Drama ein, das sich Ende 1918 in Deutschland abspielte?

Proletarische Diplomaten

Als die morsche Monarchie Anfang November 1918 zusammenbrach, entdeckte auch mancher Beamte des Auswärtigen Dienstes plötzlich das Proletarische in sich. "Auch wir sind Arbeiter", hieß es in einem Aufruf an die "Amtsgenossen" vom 11. November 1918, der zur Wahl eines Arbeiterrates aufrief. Doch nicht alle Diplomaten konnten sich für die Revolution begeistern - kein Wunder, bedenkt man, aus welcher gesellschaftlichen Schicht sie sich in der Kaiserzeit rekrutiert hatten.

Insbesondere zwei junge Diplomaten teilten den Rausch des revolutionären Aufruhrs nicht: Eben jener Rochus Freiherr von Rheinbaben, 1893 geboren, Sohn eines preußischen Innen- und Finanzministers, sowie der sieben Jahre ältere Hans Joseph Graf von Matuschka. Beide entstammten alten, adligen Familien und waren im Ersten Weltkrieg Kavallerieoffiziere gewesen. Im Auswärtigen Amt arbeiteten sie erst seit wenig mehr als einem halben Jahr, standen also ganz am Anfang ihrer Karrieren als Diplomaten. Doch mit der sollte es noch vor Jahresende vorbei sein.

In Berlin regierte seit der Flucht des Kaisers nach Holland ein "Rat der Volksbeauftragten" das Deutsche Reich. Diese provisorische Regierung, geführt von dem Sozialdemokraten Friedrich Ebert und dem USPD-Politiker Hugo Haase, hatte wohl auch die revolutionsrote Beflaggung der Regierungsgebäude angeordnet. Ebert besaß in den Augen der Ministerialbeamten eine scheinbare Legitimation, weil der letzte kaiserliche Reichskanzler Max von Baden die Regierungsgeschäfte an den SPD-Politiker übergeben hatte.

Der Militärputsch scheitert

Zudem hatte sich Ebert die Unterstützung des Militärs in Gestalt des Generalquartiermeisters Wilhelm Groener gesichert. Ihr Deal: Die Frontsoldaten sollten in die Heimat zurückgeführt werden und dort für Ruhe und Sicherheit sorgen, dafür würde die Regierung die militärische Autorität in Händen des Offizierkorps belassen. Neben dem Rat der Volksbeauftragten beanspruchte in Berlin ein sogenannter Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenräte eigene Regierungsgewalt - eine Situation, die etliche Offiziere und eine Handvoll Diplomaten möglichst schnell beseitigen wollten, und zwar gewaltsam.

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Verpatzter Putsch: Novemberrevolution 1918

Eine organisierte Demonstration von Soldaten der "Volksmarinedivision" am 6. Dezember 1918 sollte Ebert kurzerhand zum Reichspräsidenten mit annähernd diktatorischen Befugnissen ausrufen. Parallel dazu sollten die Mitglieder des Vollzugsrats verhaftet und die Redaktionsräume der kommunistischen "Roten Fahne" durchsucht werden, um den Spartakusbund einzuschüchtern. Doch der Putsch scheiterte auf ganzer Linie, vor allem an Eberts Weigerung, mitzuziehen. Im Norden Berlins eskalierte die Situation, als Arbeiter und Soldaten demonstrierend aneinandergerieten; im Kugelhagel starben 16 Menschen.

Wer alles zu den Drahtziehern des Putschversuchs gehörte, wurde nie völlig geklärt. Ihre Kontaktstelle aber war mit Sicherheit in der Nachrichtenabteilung des Auswärtigen Amts. Sogar das Dienstzimmer ist bekannt, in dem die Aktion abgesprochen wurde. Der an der Intrige beteiligte Vizefeldwebel Hans Fischer sagte aus: "Am 5. Dezember fanden vormittags und nachmittags im Zimmer 25 wiederum Konferenzen statt, an denen teilnahmen Graf Matuschka, Herr von Rheinbaben ... Wir waren 12-15 Personen."

Gehörte Erzberger zu den Putschisten?

Die jungen Diplomaten erteilten zwar die Befehle - doch sie handelten nicht ohne Auftrag. Ihr Vorgesetzter in der Nachrichtenabteilung war der Wirkliche Legationsrat und Vortragende Rat Ferdinand Freiherr von Stumm. Dieser hielt die Verbindung zum Vertreter der Obersten Heeresleitung beim Rat der Volksbeauftragten, Hans von Haeften, zu Walter Simons, Ministerialdirektor in der Reichskanzlei sowie zu Hermann Graf Wolff-Metternich. Letzterer war, sicher nicht ohne Hintergedanken, bei Revolutionsbeginn aus der Nachrichtenabteilung ausgeschieden und in die Volksmarinedivison gewechselt. Unter Metternichs Führung zogen deren Soldaten am 6. Dezember zu Ebert, um ihm die Reichspräsidentschaft aufzudrängen.

Mitputschist von Rheinbaben erzählte später, dass auch der bekannte Zentrumspolitiker Matthias Erzberger nicht nur Mitwisser, sondern mit 100.000 Mark sogar Sponsor der gegenrevolutionären Aktion gewesen sei. Ob dies zutraf, ist nicht geklärt. Erzberger konnte sich gegen die Behauptung nicht mehr wehren; 1921 erschossen ihn Terroristen der rechtsradikalen "Organisation Consul".

Wäre der eigentümliche Putschversuch nicht in einem Blutbad auf den Straßen Berlins geendet, man wäre versucht, von einer Operettentat zu sprechen. Der Volksbeauftragte und SPD-Politiker Philipp Scheidemann schrieb von einem "tollen Spuk", sein Kollege Otto Landsberg nannte die Aktion einen "Narrenstreich". Jedenfalls verlief die Revolution in völlig anderen Bahnen als von den Putschisten erhofft, und die Aktion geriet zur Fußnote der deutschen Geschichte.

Flucht in das besetzte Rheinland

Doch zurück zu den roten Fahnen auf dem Dach des Auswärtigen Amts. In seiner Aussage erklärte der Vizefeldwebel Fischer auch, dass Matuschka und von Rheinbaben es wiederholt abgelehnt hätten, die Fahnen zu beseitigen, um den Anschein einer Gegenrevolution zu vermeiden. So muss davon ausgegangen werden, dass die beiden Fahnen erst eingeholt wurden, nachdem Fischer mit einer gemischten Truppenabteilung ausgerückt war, um den Vollzugsrat zu verhaften: also am Freitag, dem 6. Dezember, nach 17 Uhr. So jedenfalls ergaben es die disziplinarischen Untersuchungen, die Konsul Rudolf von Bülow in den folgenden Tagen anstellte.

Die Rädelsführer des missglückten Staatsstreichs suchten derweil das Weite. Freiherr von Stumm meldete sich am 23. Dezember 1918 aus dem niederländischen Den Haag und bat um Entlassung aus dem Reichsdienst. Begründung: Schon die Propaganda für das frühere Regierungssystem sei schwer gewesen; für das Zerrbild von Demokratie, welches die unreife deutsche Nation nun biete, sei es noch weniger möglich. Auch Wolff-Metternich, der Anführer der Volksmarine-Einheiten verschwand nach Holland, auf ein Schloss seiner Familie bei Roermond.

Matuschka und von Rheinbaben entzogen sich der drohenden Strafe durch Flucht in das besetzte Rheinland. Dort wurden sie von den Franzosen unter Spionageverdacht gefangengenommen und in Südfrankreich interniert, wo sie bis Ostern 1919 blieben. Matuschka schrieb später, er sei, wegen seiner Beteiligung an den Ereignissen, ein Jahr "außer Landes" gewesen.

Fahne für den Waschtisch

Eine der beiden Fahnen nahm Rochus von Rheinbaben mit sich. Als er später wieder nach Berlin zurückkehrte, drapierte er mit ihr seinen Waschtisch und erledigte darüber seine tägliche Morgentoilette. Während der Weimarer Republik vertrat er republikanische Ideale und engagierte sich für die Aussöhnungspolitik Gustav Stresemanns. Gleichwohl versuchte er 1933 über die NSDAP, der er beitrat, eine Rückkehr in den Auswärtigen Dienst zu bewerkstelligen. Er scheiterte jedoch am Einspruch des Staatssekretärs Bernhard Wilhelm von Bülow. Von Rheinbaben starb 1937, ansonsten hätte er fraglos einen Konsulsposten ergattert - so wie Matuschka, der ebenfalls der NSDAP beitrat und unter Hitlers Außenminister Joachim von Ribbentrop als Diplomat reüssierte.

Der Diebstahl der Fahnen ist lange verjährt. Das Exemplar von Rheinbabens Waschtisch ist im Zweiten Weltkrieg in einer Bombennacht in Berlin verbrannt. Die andere aber hatte Ferdinand von Stumm bekommen, der - so schrieb von Rheinbaben später - seinerzeit auch angeordnet habe, die Fahne der Revolution vom Dach zu holen. Weil Stumm seine Fahne nicht zweckentfremdete, blieb sie unversehrt erhalten; zuletzt lag das 1,55 mal 2,23 Meter große historische Fahnentuch ordentlich gefaltet im Schlafzimmerschrank eines Enkels in München.

Nach 90 Jahren kommt die Revolutionsreliquie von dort in diesen Tagen nach Berlin zurück. Am 9. November wird sie Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) überreicht werden und dann 14 Tage lang im Reichstag gezeigt werden, als Teil einer Ausstellung über Philipp Scheidemann, den Mann, der auf den Tag 90 Jahre zuvor vom Balkon des Reichstags die Republik ausrief. Anschließend wird das rote Tuch mit der langen Geschichte seinen dauerhaften Platz im Auswärtigen Amt am Werderschen Markt finden - nicht am Fahnenmast allerdings, sondern im Archiv.

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