Weimarer Republik Staatsgründung beim Erdbeereis

Schwarzburger Republik? Die erste deutsche Demokratie müsste eigentlich nach einem idyllischen Urlaubsort im Thüringer Wald heißen. Hier setzte Reichspräsident Friedrich Ebert am 11. August 1919 mit einem Federstrich die Verfassung in Kraft, die dann nach Weimar benannt wurde.

Christian Wiesel

Von Christian Wiesel


An berühmten Gästen hat es dem Städtchen Schwarzburg früher nie gemangelt. Goethe und Schiller weilten einst in dem romantischen Flecken im Thüringer Wald, ebenso Wilhelm von Humboldt oder Arthur Schopenhauer. Idyllisch schmiegt sich der 600-Seelen-Ort in ein schmales Tal, durch das über Steine und dichte Moospolster das Flüsschen Schwarza gurgelt; rundherum ragen geschwungene Berge mit dichten Wäldern empor.

Anfang des 20. Jahrhunderts, als Urlaub noch "Sommerfrische" und Touristen "Fremdengäste" hießen, war das Schwarzatal gefragt wie heute Malibu oder Mallorca. Am 29. Juli 1919 kam wieder mal ein berühmter Gast vorgefahren: Friedrich Ebert. Der frisch gewählte Reichspräsident wollte sich und seiner Familie drei Wochen Erholung gönnen. Der Nähe zu Weimar wegen, wo die Nationalversammlung seit Februar am Fundament für die - später Weimarer Republik genannte - neue deutsche Demokratie baute, erschien dem Sozialdemokraten Schwarzburg als ideales Ziel.

Ein gern gesehener Gast war Ebert gleichwohl nicht. Die Schwarzburger nämlich waren schon immer obrigkeitstreu gewesen. Von "Sozen" wie Ebert hielt man nichts, diente lieber den Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt, die ihr Schloss hoch über dem Ort errichtet hatten. Als letzter deutscher Regionalmonarch hatte Fürst Günther Victor erst ein Jahr zuvor abgedankt - der SPD-Politiker Ebert muss für die Schwarzburger den "Ludergeruch der Revolution" verkörpert haben.

Kleines Ereignis, immense Bedeutung

Eberts Urlaub in der thüringischen Idylle wäre nicht mehr als eine Fußnote in seiner Biografie gewesen, hätte er nicht hier in Schwarzburg die Weimarer Reichsverfassung unterzeichnet und damit Geschichte geschrieben. Fast 300 Kilometer vom politischen Berlin entfernt legte Ebert am 11. August 1919 in den Tiefen des Thüringer Waldes den Grundstein für die erste Demokratie auf deutschem Boden - ohne Pauken und Trompeten, ohne Zeremonie. "Das Ereignis selbst war ein kleines", sagt Stefan Gerber, Historiker an der Jenaer Friedrich-Schiller-Universität, "die Bedeutung dahinter immens."

Dass ein Politiker mal eben schnell im Urlaub eine Verfassung unterzeichnet, ist in der Geschichte vermutlich einzigartig. Das bundesdeutsche Grundgesetz etwa wurde 30 Jahre später im Rahmen eines opulenten Festakts unterschrieben, begleitet von einem Riesenaufgebot in- und ausländischer Journalisten. Von Eberts Tat existiert noch nicht mal ein Foto.

Anderseits scheint das Fehlen jedweder Glorie im Jahr 1919 geradezu symptomatisch für die Zeit, erklärt der Geschäftsführer der Friedrich-Ebert-Gedenkstätte in Heidelberg, Walter Mühlhausen: "Ebert wollte dem Pomp des Kaiserreiches abschwören und verzichtete daher auf einen Festakt. Alles andere war mit seinem Amtstil nicht in Einklang zu bringen."

Weimar ist nicht Schwarzburg

Ähnlich unspektakulär präsentiert sich 90 Jahre später das Gedenken daran. Außer mittels einer Schautafel mit einem mannshohen Konterfei des Reichspräsidenten und einem Gedenkstein wird am Ort des historischen Geschehens nur noch mit einem jährlichen kleinen Verfassungsfest an die Unterzeichnung erinnert. Eher volkstümlich als politisch mit Tanzkombo und Kuchenbasar.

Zum runden Jubiläum in diesem Jahr hat sich die ehemalige Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin angekündigt, ansonsten ist das Fest politisch schlecht besetzt. Selbst in den Terminkalendern der Thüringer SPD-Prominenz scheint es keinen hohen Stellenwert zu genießen. "Der SPD-Bundestagsabgeordnete Gerhard Botz wohnt keine 20 Kilometer entfernt und zeigt sich hier nicht", klagt der stellvertretende Schwarzburger Bürgermeister Rainer Kommer. "Die SPD scheint sich ihrer eigenen Geschichte nicht annehmen zu wollen", meint der 66-jährige parteilose Politiker.

Die Thüringer Landesregierung veranstaltet ihren Festakt am 11. August lieber im Weimarer Nationaltheater. Und das, obwohl am Tagungsort der Nationalversammlung an diesem Datum gar nichts passiert ist - außer, dass auf einer Kabinettssitzung der Reichsregierung beschlossen wurde, die Verfassungsurkunde per motorisiertem Kurier zu Ebert nach Schwarzburg zu expedieren. Überhaupt scheint es bei der derzeitigen, CDU-geführten Landesregierung mit dem historischen Wissen nicht sonderlich weit her zu sein. Auf einer Internetseite der Thüringischen Staatskanzlei heißt es, die Verfassung sei am 11. August 1919 in Weimar beschlossen worden - schlicht falsch. Die Nationalversammlung hatte das Dokument am 31. Juli 1919 mit 262 zu 75 Stimmen bestätigt. Doch in Kraft trat es erst durch Eberts Unterschrift am 11. August, der im neuen Staat fortan als Nationalfeiertag begangen wurde.

Wo griff der Präsident zum Füllhalter?

Die Schwarzburger wissen zwar, dass bei ihnen vor 90 Jahren ein berühmter Mann eine wichtige Unterschrift zu Papier brachte. Doch die Frage nach der Bedeutung der Signatur löst fast immer Achselzucken aus - keine Ahnung. Die Weimarer Republik genießt keinen hohen Stellenwert, die meisten sehen sie eher als Türöffner für den Nationalsozialismus denn als erste Demokratie auf deutschem Boden. Gerade in der Verfassung wurde lange Zeit eine Hauptursache für das Scheitern der Weimarer Republik gesehen - etwa wegen der direktdemokratischen Elemente oder dem Recht des Reichspräsidenten, mit Notverordnungen am Parlament vorbeizuregieren. Das hat geprägt, auch wenn heute klar ist, dass es Weimar schlicht an überzeugten Demokraten mangelte.

Das Gedenken an den historischen Akt fällt auch deshalb schwer, weil er so schlecht dokumentiert ist. Eberts Nachlass fiel 1943 einem Bombenangriff zum Opfer. Die "Landeszeitung für Schwarzburg-Rudolstadt" berichtete seinerzeit überhaupt nicht von der Unterzeichnung. Stattdessen zitieren die Blattmacher lediglich kurz einen Bericht der "Deutschen Journalpost" zu Eberts Urlaubserlebnissen. Auf die Idee, selbst einmal zum Feriengast zu fahren, kamen die Reporter nicht. Auch in überregionalen Zeitungen wird der 11. August kaum erwähnt.

Noch nicht einmal der genaue Ort, an dem der Präsident zum Füllhalter griff, ist bekannt. Entweder war es im Hotel "Weißer Hirsch", wo Ebert zu speisen pflegte, oder in dessen Gästehaus "Schwarzaburg", in dem das Staatsoberhaupt residierte. Fest steht nur: Nach der Unterzeichnung gab es ein kleines Festessen, abgerundet von Erdbeereis mit Schlagsahne.

Detektiv auf Eberts Spuren

Die Stadt Schwarzburg würde sich gerne stärker als Wiege der ersten deutschen Republik präsentieren, aber der kleinen Gemeinde fehlt das Geld dafür. Von einer großen Ausstellung zum Thema träumt Bürgermeister Kommer, doch weil seine Vorgänger zu viele Schulden machten, hat er nun schon sechs Jahre lang überhaupt nichts investieren können. Mit dem Glanz von einst ist es heute vorbei. Zu DDR-Zeiten spülte der staatlich gelenkte FDGB-Tourismus zwar keine Promis, aber doch Urlauber mit gefüllten Portemonnaies in den Ort. Nach der Wiedervereinigung ging es nur noch bergab.

Immerhin: Seit einiger Zeit hat der "Weiße Hirsch", in dem Ebert einst dinierte, einen neuen Wirt. Franz Hörnisch, 51, kam aus dem Schwarzwald nach Schwarzburg, "der Liebe wegen", wie er sagt. Der Berufsmusiker will dem einstmals ersten Haus am Platze mit Hilfe der illustren Gästeliste, auf der sich selbst eine niederländische Königin findet, zu neuem Glanz verhelfen. Einer seiner Vorgänger weigerte sich, dass sein Hotel mit der Unterzeichung in Zusammenhang gebracht wurde. Hörnisch dagegen sucht wie ein Detektiv nach dem Beweis, dass Ebert im "Weißen Hirsch" die Verfassungsurkunde unterschrieb. Er habe in dem gut 200 Jahre alten Haus schon zugemauerte Räume und alte Dokumente gefunden, berichtet der Gastronom.

Doch ein Hinweis zu Ebert war bisher noch nicht dabei. Darum lässt Hörnisch wenigstens die kulinarischen Gaumenfreude, mit der im Sommer 1919 das Inkrafttreten der Weimarer Reichsverfassung gefeiert wurde, zu neuen Ehren kommen: Erdbeereis mit Schlagsahne steht im "Weißen Hirsch" heute wieder ganz oben auf der Speisekarte.



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Jürgen Spiegel, 10.08.2009
1.
Gut, dass WEIMAR zu den "Demokratiefeiern" in diesem Jahr hinzugehört. Das bringt die "Bonn-Feierlichkeiten" aufs rechte Maß zurück: Deutsche Demokratie hat längere Tradition, hatte einen schwierigen Start (nach praktisch 1100-jährigem Kaiserreich in einem Deutschland, das um ein Drittel größer und parteienpolitisch und landsmannschaftlich BUNTER war als das heutige wiedervereinigte Deutschland, und mit selbstverständlich alleinigem Regierungssitz). Bonn ist von Anfang an AUCH mit deutscher Teilung verbunden, indem klar war, dass mit dem provisorischen Grundgesetz für die Trizone auch in der Sowjetzone eine Staatsform entsteht! Und es ist bis heute mit Teilung leider verbunden geblieben, indem entgegen dem Selbstverständnis der "beiden gleichberechtigten deutschen Staaten" im Einigungsvertrag eine zerteilte Regierung (zwecks Bonn-Ausgleichs) "nachvereinbart" wurde und die dadurch erforderlich gewordenen Effizienzverhandlungen erst noch zur Berlin/Bonn-Gesetzes-ÄNDERUNG vorstoßen müssen, damit auch in der Regierung zusammenwächst, was zusammen gehört: Sodass nach gelungenem Strukturwandel Bonns und "vollem Bonn-Ausgleich die deutsche Einheit als vollzogen erlebt werden kann, zum Wohle des Ost-West-Ausgleichs!!
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