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29. Oktober 2008, 17:24 Uhr

Abschied von Tempelhof

Flughafen der Herzen

Von Ariane Stürmer

Einst hob hier Adolf Hitler ab, als einer der letzten landete Tom Cruise: Der Berliner Stadtflughafen Tempelhof hat viel gesehen. Jetzt wird er endgültig für den Flugverkehr geschlossen. Henry Wede und Dietmar Hildebrandt haben jahrzehntelang dort gearbeitet - und ihren Flughafen lieben gelernt. Von

Am Ende wird Henry Wede Trauer tragen. Er wird sich seinen schwarzen Anzug anziehen, mitten rein nach Berlin fahren, sich unter die geladenen Gäste mischen und den Worten von Bürgermeister Wowereit lauschen. Und wenn ihn jemand fragt, warum er von Kopf bis Fuß in Schwarz gehüllt ist, dann wird Wede antworten: "Weil ich zur Beerdigung eines guten alten Freundes gehe."

Der alte Freund heißt Tempelhof, hat zwei Start- und Landebahnen, einen monumentalen Terminal, und wird am 30. Oktober 2008 geschlossen - auch eine Volksabstimmung hat das nicht verhindern können. Er hat viel erlebt, dieser Flughafen mitten in Deutschlands größter Stadt: Von den Nazis im Zweiten Weltkrieg erbaut, eroberte ihn 1945 die russische Armee und übergab ihn dann der U.S. Air Force. Tempelhof war die Drehscheibe der Berliner Luftbrücke und der Rosinenbomber, Stützpunkt des US-Militärs und ab 1993 unter deutscher Verwaltung eine Art Promi-Flughafen.

Henry Wede und Tempelhof kennen sich seit 48 Jahren. Damals, 1960, schleppte Wede die Koffer der Reisenden durch die riesige Halle des Flughafens. Wenig später wurde er Flughafentischler, dann Betriebsrat, Aufsichtsrat und schließlich bis zu seinem Ruhestand 1999 Grundstücksverwalter des mit rund 300.000 Quadratmetern größten Europäischen Gebäudes. Wede kennt das Areal wie seine Westentasche.

Grotesk-surrealer Anblick

Den besten Blick auf das gesamte Areal hatte Dietmar Hildebrandt. Als er 1991 das erste Mal seinen neuen Arbeitsplatz im Tempelhofer Tower betrat, da schaute der Fluglotse aus den Fenstern und war überwältigt: "Von der Größe der Gebäude, der Abstellflächen für die Flugzeuge und dieser riesigen freien Fläche mitten in Berlin." Hildebrandt, der zuvor Flugzeuge auf den DDR-Flughafen Schönefeld im Berliner Osten gelotst hatte, war ganz anderes gewohnt: "Wenn ich dort aus dem Fenster des Towers schaute, sah ich das Rollfeld und dahinter Felder und Wiesen. Aber jetzt, in Tempelhof, da schaute ich um mich und sah rund um mich herum die Stadt. Das hat mich damals tief beeindruckt."

Henry Wede beeindruckte zwei Jahre später etwas ganz anderes: die Art und Weise, mit der die US-Amerikaner 1993 das Feld räumten und Tempelhof endgültig in deutsche Hände zurückgaben: "An jenem 23. Juni 1993 stürzte einer der Geschäftsführer von Tempelhof zu mir ins Zimmer und sagte, ich solle sofort mitkommen." Wede eilte nach draußen, vor das Gebäude, wo er in die eilig anberaumte Abschiedszeremonie der Amerikaner platzte. "Viele Leute weinten", sagt Wede, "vermutlich, weil sie noch nicht wussten, wie es für sie weiter gehensollte." Die Amerikaner eröffneten ihrer deutschen Belegschaft an diesem Tag das Ende ihrer Arbeit in Tempelhof. Henry Wede wurde die Grundstücksverwaltung für das gesamte Gelände von Tempelhof übertragen.

Als er am Tag darauf erstmals die Büros im amerikanisch verwalteten Teil des Flughafens betrat - bis dahin für ihn tabu - fand er sich in einer grotesk-surrealen Welt wieder. "Es sah aus, als wären die Leute auf der Flucht gewesen", erinnert sich Wede. "Da standen noch die halbvollen Kaffeebecher herum, Bleistifte steckten in den Anspitzern, persönliche Sachen wie Fotos und Nähgarn lagen in den Schubladen." Die Angestellten hatten alles zurückgelassen - warum, darüber kann Henry Wede nur spekulieren.

Tempelhof: Ziel von Flugzeug-Entführern

Bis zu diesem Zeitpunkt waren Menschen nicht von Tempelhof, sondern nach Tempelhof geflüchtet. Denn bis zur Wende 1989 lag der West-Berliner Flughafen wie eine Insel inmitten der DDR. Das nutzten politische Flüchtlinge, die dem Ostblock den Rücken kehrten. "Immer wieder entführten Passagiere Verkehrsmaschinen und zwangen die Piloten, in Tempelhof runterzugehen", sagt Wede, der in den siebziger und achtziger Jahren häufig unfreiwillig Zeuge solcher Entführungen wurde. "Oft waren es polnische Maschinen der LOT, die von DDR-Bürgern gehijackt wurden. Das ging so weit, dass wir sogar ein geflügeltes Wort für die LOT hatten: 'Landet ooch Tempelhof'."

Für die Amerikaner kam es einem feindlichen Angriff gleich, wenn ein Flugzeug aus dem Ostblock in den Luftraum über Tempelhof eindrang - auch, wenn es ein ziviles war. Das amerikanische Militär reagierte stets auf die gleiche Weise, erinnert sich Henry Wede: "Die Leute - Entführte wie Entführer - mussten mit erhobenen Händen die Gangway runterkommen, während die Soldaten mit Maschinenpistolen um sie herumstanden. Die haben sich verhalten, als hätten die Piloten mit ihrer Landung einen Krieg angefangen."

Trotzdem: Wer bleiben wollte, konnte bleiben. Darunter seien immer auch ein paar Passagiere gewesen, die spontan die Gelegenheit zur Flucht nutzten - jetzt, da sie schon einmal auf westlichem Boden standen. Noch auf dem Rollfeld teilten die Soldaten die Menschen in zwei Gruppen ein. Wer zurück wollte, wurde von einem DDR-Bus abgeholt. Die Übrigen geleiteten die Soldaten erst mal zum Verhör in die Kantine des zivilen, deutsch verwalteten Flughafenbereichs.

Parkplatz für Promi-Jets

Trotzdem mussten sich die aus Freiheitsdrang zu Entführern gewordenen DDR-Flüchtlinge vor der Justiz verantworten. Ein US-Gericht tagte dazu in einem Gerichtssaal, den die U.S. Air Force eigens im Flughafengebäude einrichtete. Die Strafen für die freiheitsliebenden Luftpiraten seien stets milde ausgefallen, erinnert sich Wede. Dort, wo bis zuletzt die Privatmaschinen abgefertigt wurden, sind noch heute Überreste des Gerichtssaals zu sehen: mehrere Zentimeter dicke Scheiben aus Panzerglas, die nach der Übergabe des Flughafens in deutsche Verwaltung 1993 stehenblieben.

Die Amerikaner gingen, die Promis kamen. Tempelhof wurde wegen der Lage inmitten der Stadt und den kurzen Wegen zum Lieblingsflughafen von Geschäftsreisenden, Politikern und Hollywood-Größen. Für eine Stippvisite in Berlin war Tempelhof der ideale Parkplatz für ihre Privatjets.

Von seinem Tower aus hat Dietmar Hildebrandt viele Promis gesichtet. Die meisten landeten, stiegen aus und fuhren zu ihren Terminen in der Hauptstadt. Einer blieb mit seiner Maschine erst mal für ein paar Stunden auf dem Vorfeld stehen: Tom Cruise.

"Er war zusammen mit seiner Frau und seiner Tochter Suri gelandet. Die war wohl kurz vor der Landung eingeschlafen, jedenfalls hat Cruise sein Töchterchen erst mal ausschlafen lassen", sagt Hildebrandt. Erst, als sie wieder aufgewacht war, fuhr die Familie in die Stadt. "Die Abholmannschaft hat während der Zeit neben dem Flugzeug gewartet", sagt Hildebrandt.

Dietmar Hildebrandt wird weiter als Lotse arbeiten - auf dem Berliner Flughafen Schönefeld, wo er schon zu DDR-Zeiten Flieger sicher vom Himmel holte. Henry Wede wird auch nach dem traurigen Abschied seinem "Freund" treu bleiben - und Touristen über das Gelände von Tempelhof führen.

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