einestages-Adventskalender Fanta 4 total verboten

Ein gepflegter Skandal kurbelt den Sammlerwert eines Albums nur an: Diesem Pop-Gesetz folgte 1991 "Frohes Fest" der Fantastischen Vier - das von einem ganz und gar nicht besinnlichen Weihnachten erzählte.

Das Weihnachtslied "Frohes Fest" der Fantastischen Vier wurde jeweils im Vorfeld der Festtage 1991, 1992 und 1993 als Single veröffentlicht

Das Weihnachtslied "Frohes Fest" der Fantastischen Vier wurde jeweils im Vorfeld der Festtage 1991, 1992 und 1993 als Single veröffentlicht

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Harter Stoff gegen das feierliche Glockengeklingel zum Fest der Liebe: 1991 hatten sich die sonst eher braven Stuttgarter Deutschrap-Pioniere offenbar zum Ziel gesetzt, ein kleines bisschen Bad-Boy-Image zu pflegen. Mit einem Weihnachtssong, der von einer ganz und gar nicht stillen und erst recht nicht heiligen Nacht handelte.

Zunächst schien die Rechnung aufzugehen: Der Song "Frohes Fest" erschien zur Vorweihnachtszeit 1991. Und erneut vor Weihnachten 1992. Und erneut 1993 - doch in diesem Jahr nur für einen Tag. Dann landete das Lied auf dem Index. Verbannt hatte ihn die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften auf Veranlassung des Jugendamts Heidelberg: Die Prüfer sahen mit Entscheidung vom 4. November 1993, Sitzung Nummer 412, in dem Weihnachtslied eine Gefahr "sozialethischer Desorientierung" Jugendlicher.

Der Song fing zwar zunächst mit einigen ganz harmlos anmutenden Zeilen und besinnlichen Weihnachtsgrüßen an, wie man im Auszug oben hört. Doch dann entwickelte sich der Text in eine weit weniger unverfängliche Richtung.

Es geht darin um Weihnachten aus der Sicht der weniger Glücklichen: Ein Mädchen erzählt aus ihrer zerrütteten Familie; ein Junggeselle besäuft sich und nutzt die freie Zeit der Feiertage zur Masturbation und zum ungeschützten Sex mit Prostituierten; eine Prostituierte, die HIV-positiv ist, geht Heiligabend auf den Strich. Die Fantastischen Vier verknüpfen die Protagonisten der Strophen dabei zu einem Weihnachten der gefallenen Engel.

Sänger Smudo erinnerte sich einige Jahre später laut Posting auf der Fanseite www.diefantastischen4.de, "Frohes Fest" sei "eigentlich eine Manageridee" gewesen. 1991 habe man gerade an dem Album "Vier Gewinnt" gebastelt, als ihr Manager vorschlug, zu Weihnachten eine Weihnachtssingle zu machen. Die Überlegung: Eine Weihnachtsplatte könnte "man cool jedes Jahr veröffentlichen" und ein paar Mark nebenher einfahren. Die Band habe die Idee "mäßig gefunden". Tage später habe man dann jedoch im Probenraum den "Groove von Frohes Fest so geil gefunden", dass die Weihnachtssingle doch entstand.

Laut Einschätzung der Musiker wäre es schon 1993 leicht möglich gewesen, den Song im Indizierungsverfahren wieder vom Index zu bekommen. Wenn die Band dazu denn vor Gericht erschienen wäre. Doch, so Smudo: "Das wollten wir nicht - uns war es wichtig, die Single 'Frohes Fest' in den Indizierungshimmel der coolen Platten einziehen zu lassen."


23 Mal werden wir noch wach... Der einestages-Adventskalender mit klassischen, schrägen, schlimmen Weihnachtssongs. Kommt jetzt täglich.

1
Skandal im Sperrbezirk: Fanta 4 auf dem Index
2
Der Außenseiter-Song:
Mit schwächlichem Rentier zum Millionär
3
Die Harmonie-Killer: Punx not dead
4
Ein schräges Duett: Fake oder echt?
5
Der Rentier-Unfall: Wohin mit O(sa)ma?
6
Der Düstermann: Rohe Weihnachten
7
Blaue Weihnachten, zum Mitschluchzen
8
Die Rapper: "Nö. Das machen wir nicht."
9
Der Aufreger: Mama knutscht mit dem Weihnachtsmann
10
Weltkulturerbe: Für sie soll’s rote Rosen regnen
11
Die Stimme aus dem Jenseits: Peace!
12
Musik mit Maske – schön aggro
13
Benefiz-Bob: Ritterschlag für ein Lied
14
Der ewige Zweite: Hit mit Zuckerguss
15
Unholy Shit: Der Graf macht Klingelmännchen
16
Queer Christmas: Blondine mit Bling-Bling
17
Positives Denken: Diese Zeile sing’ ich nich
18
Spacig: Weihnachtsklänge aus dem All
19
Ein Friedenssignal, total gaga
20
Weihnachten im Weltraum: Ein schepperndes Fest
21
Pinkelpause: Beinahe vertextet
22
Das Spottlied: Liebe deine Feinde
23
Das Inferno: Her mit dem Feuerlöscher
24
Schrille Gala: Engel mit Atombusen



insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
Klausi Fuchs, 01.12.2015
1. Hachja der Index
Was haben wir im Ausland über den deutschen Zensurwahn gelacht! Von Filmen über Musik bis hin zu den in den 90ern richtig derb gut werdenden Ballerspielen ist doch so ziemlich alles auf dem Index gelandet - und trotzdem auch schnell in Händen der Jugend, denn es war ja kein allgemeines Verkaufsverbot sondern nur ein Verbot es offen über die Ladentheke an Jugendliche zu verticken... Und selbst die komplett Verbotene Ware wurde gekauft, gehört, gesehen und gespielt. Alles für die Katz.
Thomas Ketzler, 01.12.2015
2. ?
Sie schreiben das Gesetz von 1993. Der Song kam aber 1991 herraus. Wie soll das gehen wenn der Song nur einen Tag im Regal war ?
Max Mustermann, 01.12.2015
3.
Zensur wegen Sozialkritischer Texte ? Ach ja die Bundesprüfstelle (damals) ein Hort der stocksteifen, humorlosen Zensurfetischisten. Wenn ich mir überlege was heute so alles problemlos durchgeht, vielleicht kann dort aber auch schlicht keiner englisch.
Tom May, 01.12.2015
4.
Ich kann mich gut erinnern, war ich doch damals mit 10 Jahren genau im richtigen Alter um alles was verboten wurde ganz besonders interessant zu finden. Insofern duerfte es auch keine Ueberraschung sein, dass genau diese Platte ueberall auf Kassetten kopiert in saemtlichen Walkmen gehoert wurde von genau den Jugendlichen die man hier "schuetzen" wollte.
Morten Makolje, 01.12.2015
5.
Ich habe die CD im Februar 1992 ohne Altersnachweis in einem normalen Plattenladen gekauft. Und einen FSK 18-Aufkleber hatte sie nicht. Wozu auch? Ist kein Video drauf. Allerdings gibt auf der Vorderseite des Covers ein sehr kleines "Elterliche Vorsicht geboten! Deutliche Texte" und auf der Rückseite einen ziemlich dicken, aufrechten Tannenzapfen zwischen zwei kleinen Glöckchen.
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