Afrodeutsche unterm Hakenkreuz "Besondere Kennzeichen: Neger"

Im Nationalsozialismus waren schwarze Deutsche entrechtet und litten unter dem Rassenhass. "Man tötete uns nicht, ließ uns aber auch nicht leben", sagt Theodor Michael. Er konnte sich retten, ebenso wie der junge Boxer Ulfo Peters.

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Der Hamburger Junge trat gleich nach dem Krieg dem Boxklub Heros bei. Nur seine dunklere Haut unterschied ihn von seinen Vereinskameraden. Auch Ulfo Peters, Jahrgang 1934, sprach Hamburger Platt; nach der Grundschule hatte er eine Lehrstelle als Bäcker und Konditor gefunden. Von Arbeit und Training erholte er sich oft in der Kneipe Bärenschenke in der Telemannstraße. Und wie die meisten lebte Ulfo allein mit seiner Mutter - die Väter waren gefallen, vermisst oder in Kriegsgefangenschaft.

Ulfos Vater, so erzählte man sich damals, war wohl ein Afrikaner aus einer der "Völkerschauen", als Menschen aus exotischen Ländern wie Vieh im Zoo von Hagenbeck ausgestellt wurden. Die Story hielt sich in den Fünfzigerjahren; Boxen war inzwischen ein Massensport und Peters stadtbekannt. 5000 Menschen kamen, wenn die Amateure ihre Besten ermittelten oder zu Städte-Kämpfen in den Ring stiegen.

Ulfo Peters trat im Feder-, später im Halbweltergewicht an. Er wurde mehrfach Hamburger Meister, boxte bei deutschen Meisterschaften und internationalen Vergleichskämpfen - ein hervorragender Techniker mit solider Schlagkraft. Formschwankungen erklärten Fans mit seinem Beruf: "Der muss jeden Morgen um vier Uhr raus."

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Überleben im Rassenwahn: Schwarze Deutsche in der Nazi-Diktatur

Als Peters Ende der Fünfzigerjahre seine Laufbahn beendete und Hamburg verließ, standen über 100 Fights in seinem Kampfpass. Die Presse hatte über seine Sporterfolge berichtet, nicht über sein Leben. Damals fragte niemand nach den Erfahrungen eines Afrodeutschen unterm Hakenkreuz.

Heute interessiert sich sogar das Ausland für "Being black in Nazi Germany", so der Titel einer Doku für die BBC. Die afrobritische Autorin Amma Asante kann für ihre Arbeit nutzen, was deutsche Historiker über die NS-Rassenpolitik gegen Farbige herausgefunden haben. Denn in den letzten Jahrzehnten wurde viel nachgeholt, es gibt eindrucksvolle Darstellungen von Zeitzeugen.

Sie wollten einfach Deutsche sein

So war der Hamburger Hans Jürgen Massaquoi (1926-2013) der Enkel des liberianischen Generalkonsuls und Sohn einer deutschen Krankenschwester. In seiner verfilmten Biografie "Neger, Neger, Schornsteinfeger" von 1999 beschrieb Massaquoi, wie er die Hitler-Herrschaft und den Feuersturm bei der Bombardierung Hamburgs überlebte. Ihm halfen Nachbarn, darunter auch ein Nazifunktionär.

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Nach dem Krieg ging Massaquoi in die USA, machte Karriere als Journalist und Chefredakteur des afroamerikanischen Magazins "Ebony". Er war inzwischen US-Bürger - als Kind wollte Massaquoi zunächst so deutsch sein wie alle in seiner Schule. Ein Foto auf dem Buchtitel zeigt den Jungen mit einem Hakenkreuz-Abzeichen.

Vor allem Deutscher sein wollte auch Theodor Wonja Michael, geboren 1925. Deshalb passte ihm gar nicht, dass Mitschüler ihn wegen seiner Spurtschnelligkeit "Jesse Owens" nannten; bei Olympia 1936 in Berlin holte Owens - sehr zum Ärger Hitlers - vier Goldmedaillen und war Publikumsliebling.

Theodors Vater Theophilus Wonja Michael kam aus der Familie eines Würdenträgers in Kamerun, der mit anderen Häuptlingen Verträge unterzeichnet hatten, die das Gebiet unter den "Schutz des deutschen Reiches" stellten. Deshalb fühlte sich Theophilus als Deutscher, als er 1894 ins "Mutterland" reiste und dort studieren wollte.

Das blieb eine Illusion. Denn eine akademische Ausbildung gönnten die Deutschen nicht mal einer kleinen Elite aus ihren Kolonien. Die Schwarzen, so fanden die Herrenmenschen unter Wilhelm II., sollten auf "ihrem Platz" bleiben: Arbeit auf Plantagen in Afrika. Wenn schon jemand ins Reich wollte, kam für eine Karriere höchstens der Zirkus in Frage.

"Die Mohren, die man brauchte"

Tatsächlich fand Wonja Michael senior sein Auskommen im Tingelmilieu von Zirkus, Varieté, Völkerschauen. 1914 heiratete er eine Näherin aus Ostpreußen, sie bekamen vier Kinder. Als Jüngstes trat Theodor schon als Baby in Shows auf und überlebte die Nazizeit in der Traumwelt des Films. Bis in die letzten Kriegswochen produzierte die staatliche Ufa Filme am Fließband, in einigen kamen Schwarze vor - "Münchhausen" etwa oder historische Machwerke, die Deutschlands Anspruch auf verlorene Kolonien dokumentieren sollten.

"Für solche Produktionen waren wir die Mohren, die man brauchte", sagte Michael. Er spielte in etlichen Filmen mit und ist bis heute als kleiner Junge oder Teenager zu sehen, wenn im Fernsehen alte Ufa-Filme laufen.

Nach dem Krieg holte Theodor Michael die Bildung nach, die ihm in der Nazizeit versagt war. Er studierte Politikwissenschaften und wurde ein gefragter Journalist. In seinen Lebenserinnerungen "Deutsch sein und schwarz dazu" offenbarte er 2013, dass er viele Jahre für den BND arbeitete. Der deutsche Auslandsgeheimdienst finanzierte offenbar auch seine Zeitschrift "Afrika Bulletin".

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Viele andere Afrodeutsche überlebten den Nationalsozialismus nicht. So quälten und ermordeten Nazi-Sturmtrupps bald nach Hitlers "Machtergreifung" 1933 Lari Gilges, 24, Sohn eines Schiffers aus Togo und einer Düsseldorfer Textilarbeiterin. Gilges war stadtbekannt als Mitglied eines kommunistischen Straßenkabaretts. Heute ist ein Düsseldorfer Platz nach ihm benannt.

Bayume Mohamed Husen hatte im Ersten Weltkrieg als "Askari" mit den deutschen Truppen in Ostafrika gekämpft und arbeitete ab 1930 als Kellner im Berliner Vergnügungspalast "Haus Vaterland", oft mit Cowboyhut und Karohemd, mitunter als Orientale verkleidet. 1935 erhielt er die Kündigung und spielte in einer Reihe von Filmen, bis die Gestapo ihn 1941 wegen der Beziehung zu einer weißen Deutschen ("Rassenschande") verhaftete. Husen starb drei Jahre später im KZ Sachsenhausen.

Etliche der zwischen 1000 und 3000 Schwarzen in Nazideutschland wurden in Konzentrationslagern ermordet. Allen war schulische und berufliche Fortbildung verwehrt, ebenso Anspruch auf staatliche Fürsorge. Ihre Ausgrenzung dokumentierten die "Fremdenpässe" mit dem Eintrag "Nationalität: staatenlos. Besondere Kennzeichen: Neger".

Naziträume vom Kolonialreich

Dennoch beschreibt Katharina Oguntoye die Politik des NS-Staates und seiner Behörden gegenüber den Afrikanern als "überaus widersprüchlich und irrational". Die afrodeutsche Historikerin fand Geheimdokumente über interne Diskussionen: Funktionäre spekulierten im Hitler-Auftrag, wie man Afrikaner aus einstigen deutschen Kolonien "in Lohn und Brot bringen" könne. Viele Nazis träumten von einem "Mittelafrikanischen Kolonialreich" nach dem "Endsieg" - dafür würde man die Afrodeutschen brauchen: als Hilfskräfte und Menschen zweiter Klasse, das stand außer Frage.

Die Nürnberger Gesetze der Nationalsozialisten entrechteten die Juden und schlossen ebenso Schwarze von der Reichsbürgerschaft aus. Für sie gab es keine regelrechten Ausrottungspläne - "man tötete uns nicht, ließ uns aber auch nicht leben", sagte Theodor Michael. Vermehren sollten sich die Schwarzen allerdings nicht: Mindestens 436 von 500 bis 600 Nachkommen aus Verbindungen afrikanischer Soldaten und deutscher Frauen wurden 1937 sterilisiert.

Die Franzosen hatten nach dem Ersten Weltkrieg schwarze Truppen ins von ihnen besetzte Rheinland geschickt; Hitler sah das als Teil der jüdischen Weltverschwörung. "Juden sind es, die den Neger an den Rhein bringen", schrieb er 1925 in "Mein Kampf". Mittels der "dadurch zwangsläufig eintretenden Bastardisierung", so Hitler, wollten die Juden "die ihnen verhaßte weiße Rasse zerstören". Die offiziell geheime Sterilisierung der sogenannten "Rheinland-Bastarde" wurde bekannt und blieb bis 1945 ein Schreckensthema unter allen Afrodeutschen.

Für ihr Schicksal interessierten sich später in der Bundesrepublik vor allem afrodeutsche Aktivisten, die etwa Theodor Wonja Michael als "schwarzen Überlebenden" mehrfach zum jährlichen "Black History Month" einluden. "Viele von uns haben nur mit einem Elternteil Verbindung und kennen ihre Großeltern nicht", sagte der afrodeutsche Journalist John Kantara. "Michael ist für uns der lebende Beweis, dass wir eine Geschichte haben."

Erste afrodeutsche Romanfigur: Juliette in "Mephisto"

In der Literatur erschien die erste Afrodeutsche schon 1936 - im Roman "Mephisto", den Thomas Manns Sohn Klaus im Exil schrieb: Die frühere Tänzerin Juliette Martens, Tochter eines Hamburger Ingenieurs und einer Afrikanerin, gibt dem mit den Nazis kungelden Starschauspieler Hendrik Höfgen zunächst Tanzunterricht und wird später seine Geliebte in einer sadomasochistischen Liaison. Im Buch beendet Höfgen (eine Schlüsselfigur für Gustaf Gründgens) die gefährliche Beziehung, indem er Juliette denunziert und ihre Ausweisung einfädelt.

Lange wurde angenommen, dass der Schriftsteller sich von der berühmten Tänzerin Josephine Baker inspirieren ließ und die Episode um die farbige Juliette eine Metapher für die homosexuellen Neigungen seines Protagonisten war. Doch in einem 1981 gefundenen Brief enthüllte Klaus Manns Schwester Erika einen anderen Hintergrund: Als Juliette-Vorbild nannte sie Andrea Manga Bell (1902-1985), Tochter eines afrokubanischen Pianisten und einer Friesin. Klaus und Erika Mann hatten sie als Freundin des Schriftstellers Joseph Roth kennengelernt.

An den boxenden Bäcker Ulfo Peters erinnerte man sich in Hamburg erst 2013, als via Internet sein Tod am 20. April in Genf bekannt wurde. Nach seinem Weggang schien er wie von der Bildfläche verschwunden, niemand hatte Kontakt, Gerüchte zufolge sollte er nach Schweden oder in die Schweiz gegangen sein. Nun meldete das Portal "Boxen Heute", dass "Hamburger Oldies um Ulfo Peters trauern".

Weil mehr nicht zu erfahren war, suchten Weggefährten seiner Generation nach Informationen aus den Fünfzigerjahren - und stutzten: Im Programm zum Städte-Vergleich gegen Warschau war nicht Hamburg, sondern "Bari (Italien)" als Ulfos Geburtsort angegeben. Stimmte also das mit dem Vater im Hagenbeck-Zoo nicht, oder hatte die Völkerschau auch in Italien gastiert? Es blieb ein Rätsel.


Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es zunächst, dass auch "Tante Wanda aus Uganda" zu den Ufa-Filmen zur Zeit des Zweiten Weltkriegs zählte. Tatsächlich kam die Komödie erst 1957 in die Kinos. Wir haben den Fehler korrigiert.

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
Sascha Jung, 25.06.2019
1. Traurig, aber gut zu erinnern
Es macht traurig, betroffen, auch wenn ich erst 1975 geboren bin. Es war sicher die schlimmste Zeit und das schlimmste was Deutschland getan hat. Die Menschen hier die heute nach "rechts" rücken oder AfD wählen, sind einfach nicht in Worte zu fassen. Sie sollten einfach diese Demokratie verlassen müssen!
stefan maass, 25.06.2019
2. In seiner verfilmten Biografie
Tut euch den Film nicht an, er ist grauenhaft. Das Buch hingegen ist absolute Spitzenklasse.
Hein Bloed, 25.06.2019
3. Aktuell
"Juden sind es, die den Neger an den Rhein bringen", schrieb er 1925 in "Mein Kampf". Mittels der "dadurch zwangsläufig eintretenden Bastardisierung", so Hitler, wollten die Juden "die ihnen verhaßte weiße Rasse zerstören" Tja, das sind auch heute die Befürchtungen der "Rechten"! -...nur, daß es diesmal die Muslime trifft!
Hein Bloed, 25.06.2019
4. Tante Wanda
"Tante Wanda aus Uganda" ist aus dem Jahr 1957, also lange nach dem "dritten Reich"! Der unterschwellige Rassismus macht das aber eher schlimmer als besser!
Dietrich Holtkamp, 25.06.2019
5. nach dem Krieg
erlebten seltsamerweise gerade Afroamerikaner eine kurze Zeit der Freiheit in Deutschland, bevor sie in die oft rassengeteilten diskriminiernenden Südstaaten zurückkehrten.
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