Agenten-Drama in der DDR Die Brauns, eine schrecklich nette Spionagefamilie

Erich, Margarete, Alfred und später der Rolf: Ab den Fünfzigerjahren spionierte eine ostdeutsche Familie für den BND, filmreif mit Geheimtinte. Bis ein Spitzel zu gierig wurde und das Familienidyll zerbrach.

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Am 26. Februar 1965 klickten die Handschellen. Margarete Brauns wurde in ihrem Haus im Ost-Berliner Ortsteil Blankenburg von der Stasi verhaftet, ihr Mann Erich auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz beim VEB "INEX Industrieanlagen-Export". Der Vorwurf: Spionage für den westdeutschen Bundesnachrichtendienst (BND). Die beiden Söhne Rainer und Rolf sowie Großmutter Brauns blieben konsterniert zurück. Das Familienidyll der Brauns war zerstört.

Februar 2019, Berlin: 54 Jahre nach der Verhaftung seiner Großeltern stellt Autor Dirk Brauns seinen neuen Roman "Die Unscheinbaren" (Galiani-Verlag) im Deutschen Spionagemuseum vor. Im Buch platzt die Verhaftung der für den BND spionierenden Eltern ins Leben des Protagonisten und treibt ihn zu einer späten Suche nach Gewissheit.

"Jede Familiengeschichte hat ihre dunklen Geheimnisse, doch nicht in jeder werden die (Groß-)Eltern als Spione enttarnt", so der Enkel und Autor. Das Geld, die Geheimnistuerei - etwas geahnt habe man schon, sagt heute Rainer Brauns, Vater des Autors Dirk und Sohn des Spions Erich Brauns. Aber so richtig wissen wollte man es damals lieber doch nicht. Ein mitreißender Plot und vor allem zum Großteil ganz real.

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Agenten-Drama in der DDR: Ein Haus voller Spione

Tausende Seiten an Akteneinträgen fand Dirk Brauns bei seinen Recherchen im BND- und im Stasi-Archiv. Prominent beraten wurde er von einem alten Freund der Familie: Hans-Georg Wieck, BND-Präsident von 1985 bis 1990.

Schon seit den Fünfzigerjahren spionierte Erich Brauns für den westdeutschen BND in der DDR. Dabei blieb alles in der Familie. Wie so viele hatten die ostdeutschen Brauns Verwandtschaft jenseits des Eisernen Vorhangs. In West-Berlin lebte Margarete Brauns' Schwester mit ihrem Mann Alfred Keckert, der im Krieg bei der Wehrmachtsabteilung "Fremde Heere Ost" für den späteren BND-Präsidenten Reinhard Gehlen gearbeitet hatte und Anfang der Fünfzigerjahre von Ost- nach West-Berlin geflüchtet war. Dort war er nicht nur als Ingenieur tätig, sondern auch als V-Mann für die Organisation Gehlen und den BND.

V-Männer "800,101" und "832,3"

Für die Pullacher Spione arbeitete "V832,3", so die Bezeichnung Keckerts, als "Tipper, Forscher und Werber". Er wies also auf mögliche Quellen und interessante Personen hin. Die Rolle als Verbindungsmann zwischen BND-Zentrale und DDR-Quellen war Keckert eigentlich nicht zugedacht. Man machte wegen der persönlichen Bindung zu seinem Schwager Erich Brauns aber eine Ausnahme - mit fatalen Folgen.

Die Brauns besuchten die Keckerts regelmäßig in West-Berlin. Die beiden Ingenieure Alfred und Erich verstanden sich blendend. Immer wieder sollte der Schwager Materialien über seine Projekte in der DDR mitbringen und wurde zur unwissenden Quelle von Keckert, der die Informationen für den BND abschöpfte. So ging es jahrelang, bis er eine offene Anwerbung wagte. Dabei griff er auf die Hilfe von Margarete Brauns zurück, sie überzeugte ihren zunächst ablehnenden Ehemann von einem Engagement für den BND: für Geld - und gegen das ungeliebte SED-Regime.

BND-Schema des V-Mannes V800,101
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BND-Schema des V-Mannes V800,101

Aus Erich Brauns wurde "V800,101", V-Mann des BND. Er mauserte sich schnell zur Spitzenquelle, so die Einschätzung der Pullacher Analysten. Als Reisekader betreute Brauns nämlich Projekte zum Aufbau von Industrieanlagen von Albanien bis nach China - eine Goldgrube für die Wirtschaftsaufklärung des BND.

Dann stellte der deutsch-deutsche Konflikt das Leben der Brauns auf den Kopf. Am 12. August 1961 kamen Erich und Margarete Brauns aus Ost-Berlin zum Blumengießen in die Wohnung der Keckerts im Westen. An diesem Wochenende ergriff Unruhe die Stadt. Gerüchte kursierten, es werde eine Mauer gebaut. Ein Impuls trieb die Brauns zurück in den Osten.

Briefe mit Geheimtinte

Der Mauerbau war mehr als eine persönliche Tragödie zweier Familien, wie sie Tausende Berliner damals erlitten. Denn die Mauer zerschnitt die geheime Verbindung und trennte fortan die Familie voller Spione. Wie sollten Geld und Informationen nun weiter den Besitzer wechseln?

Pullach löste das Problem in bester Hollywood-Manier: Nach einigen Monaten stellten der BND, Alfred Keckert und Erich Brauns ihre Kommunikation auf Geheimschreibverfahren um. Um erste Anleitungen zu übermitteln, spannte Keckert die Mutter von Margarete Brauns, Maria Koch, als unwissende Kurierin ein. Koch lebte ebenfalls in West-Berlin und brachte den Brauns im Osten vorgeschriebene Briefe des BND; mit unsichtbarer Geheimtinte sollten darauf Informationen geschrieben werden, die Schwager Erich gesammelt hatte.

Der Absender im Osten wie auch der Adressat der Briefe im Westen - beide waren Deckadressen des BND. Oma Koch schmuggelte ebenso einen Teil des Agentenlohns in die DDR. Den Rest zahlte der BND auf ein West-Konto ein, zur späteren Verwendung. Wie viel Geld in all den Jahren floss, ist bis heute nicht ganz geklärt - vermutlich etwa 30.000 Mark.

Eine Falle der Stasi

Doch die gefürchtete Spionageabwehr der Stasi schlief nicht. Bereits 1962 fiel dem BND auf, dass die geheimen Briefe von Brauns in den Westen erst geöffnet, dann wieder verschlossen und in der Bundesrepublik zugestellt wurden. Die Stasi las mit. Sofort legte der BND die Verbindung zu "V800,101" still.

Diese Sicherheitsmaßnahmen fruchteten nicht. Nach rund sechs Monaten wurde die Briefverbindung zu Brauns wieder aufgenommen, mit neuen Deckadressen. Und abermals stellte der BND die Öffnung aller Briefe fest.

Schauprozess: Erich Brauns 1965 vor Gericht

1965 wurden Erich und Margarete Brauns verhaftet. Die Brauns, Alfred Keckert und der BND standen vor einem Scherbenhaufen. Die Stasi versuchte sogar noch, Keckert und seine unwissende Kurierin in den Osten zu locken - doch der BND warnte ihn rechtzeitig.

Erich und Margarete Brauns wurden zu Haftstrafen von 15 und 8 Jahren verurteilt. In einem anderen Schauprozess musste Erich Brauns als Zeuge für die "terroristischen" Machenschaften des BND bei der Ausnutzung des Passierscheinabkommens in Berlin aussagen. Stasi-Minister Erich Mielke persönlich ließ es sich nicht nehmen, eine "Beurteilung" des Spionagefalls Brauns zu verfassen und das Strafmaß festzulegen.

Rettung Agentenaustausch

Was folgte, verband die Braun'sche Familiengeschichte wieder mit der hohen Politik des Kalten Krieges: Bereits 1967 holte die Bundesregierung Margarete Brauns im Zuge des Häftlingsfreikaufs in den Westen. Ihr Mann Erich musste bis 1969 warten. Dann wurde er als einer von 21 Häftlingen gegen Heinz Felfe, den 1961 verhafteten KGB-Maulwurf im BND, am Grenzübergang Wartha/Herleshausen ausgetauscht.

Als Erich Brauns in die ihm fremde Bundesrepublik kam, begann - ähnlich wie im neuen Roman seines Enkels Dirk - eine späte Suche nach der Wahrheit. Intensiv rollte der BND den Fall auf, befragte die Beteiligten, untersuchte alle Verbindungen, Deckadressen, Kommunikationsmittel, Geldzahlungen, Pressemeldungen. Akribisch agierte der sonst oft für Fehler bei Agentenführung und Desinteresse an aufgeflogenen Quellen gescholtene Dienst und ließ es im Falle der Brauns bei der Nachsorge an nichts fehlen.

Preisabfragezeitpunkt:
23.04.2019, 23:10 Uhr
Ohne Gewähr

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Dirk Brauns
Die Unscheinbaren

Verlag:
Galiani-Berlin
Seiten:
336
Preis:
EUR 20,00

Das mündete in einer weiteren Episode im Familiendrama Brauns: Ausgerechnet Alfred Keckert galt nun als wahrscheinlichste Quelle der Enttarnung. Nachdem Keckert die Führung des Agenten Erich Brauns hatte abgeben müssen und die BND-Zahlungen ausblieben, hielt er weiter Briefverkehr mit seinem Schwager im Osten, auf eigene Faust und gegen ausdrückliche Anweisung aus Pullach - so brachte er die Stasi auf die Fährte. Offenbar wollte Keckert unbedingt wieder zurück ins Geschäft. Er forderte Geld und Aufträge vom BND.

Es kam anders: Nachdem ihn die DDR-Presse im Prozess gegen Erich Brauns namentlich und mit Adresse als BND-Mann enttarnt hatte, war seine Karriere als Spion für immer beendet.

Mysteriöser Tod

Zu den letzten Wendungen im Spionage-Familiendrama der Brauns kam es ab Ende der Sechzigerjahre, als Erich Brauns' zweiter Sohn Rolf zu seinen Eltern in den Westen ausreiste. Die Stasi, so vermuten die Brauns, presste ihn zu einer Zusammenarbeit.

Im Westen offenbarte sich Rolf Brauns dann den Befragern vom BND - ganz eindeutig rekonstruieren lässt sich der Fall nicht. In den folgenden Jahren jedenfalls schlitterte Rolf Brauns in ein Doppelspiel zwischen ost- und westdeutschen Diensten. Schließlich flüchtete er in die Ferne und zog nach Neuseeland. Erst nach der Wiedervereinigung kehrte er in seine alte Heimat zurück - und starb 1998 durch einen nie restlos aufgeklärten Suizid: Erst nahm er eine Überdosis Betäubungsmittel. Dann ertrank er.

Als die Brauns auch Zugang zu seiner BND-Akte wollten, sperrte sich der Dienst ab - wegen Quellenschutz und "schutzbedürftiger Informationen".

insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Stephan Willamowski, 21.03.2019
1. Es muss gesagt werden
Ich danke der Familie Brauns, auch wenn sie dafür Geld erhalten haben, für den Opfer fordernden Dienst gegenüber der Bundesrepublik Deutschland.
Detlev Vreisleben, 21.03.2019
2. Geheimschreibmittel
Brauns bekam schon Mitte 1961 Geheimschreibmittel, also vor dem Bau der Mauer, für die Zeit, "wenn er nicht mehr nach West-Berlin reisen kann" (Notiz vom 14.06.1961). Der Bau der Mauer war also abzusehen.
Frank Weiß, 22.03.2019
3. also war das motiv
der Agenten wohl das Westgeld. Dazu passt, daß die Gier des Ausgebooteten alles in Gang setzte... Also gab es auch wirklich Westagenten im Osten...
Stefanie Groß , 23.03.2019
4. Traurige Erinnerungen
Beim Lesen dieses Artikels bekomme ich feuchte Augen. Abgesehen davon dass ich keine Spionin war, sondern nur der Spionage verdächtigt, erwachen einige böse Erinnerungen. Das systematische Öffnen der Post zwischen mir und meinem Freund, einem Soldaten der NVA, die Verhaftung, der "Freikauf" und Rückkehr in die Bundesrepublik, damals ein unbeschreibliches Gefühl. Mir ist unerklärlich, wie sich im heutigen vereinten Deutschland Bürger beklagen können. Wir haben das Glück in einer der stabilsten Demokratiender Welt zu leben.
Detlev Vreisleben, 23.03.2019
5. Post- und Telefongeheimnis
Die Bürger beklagen sich heute, weil die elektronische Kommunikation keine "Öffnungsspuren" mehr am Brief zeigt.
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