Alabama Mord in der Kirche

Sie lebten getrennt, arbeiteten getrennt, starben getrennt: Schwarze und Weiße in den USA. Dann kam Martin Luther King nach Birmingham in Alabama und machte die 16th Street Baptist Church zu seinem Hauptquartier. Was damals keiner ahnen konnte: Es war das Todesurteil für vier schwarze Kinder.

Frank Stern

Von Frank Stern


Nur die Schuhe ihrer Tochter hat Alpha Robertson damals zurückbekommen. Unversehrt und ohne jeden Kratzer. Sie hatte sie erst einen Tag zuvor gekauft. Einen Tag, bevor am 15. September 1963 die Bombe hochging. Es war nicht der erste Anschlag in Birmingham/Alabama, einer Stahlarbeitermetropole, die man wegen ihres rasanten Aufstiegs einmal als "Magic City" gefeiert hatte. Inzwischen hieß sie "Bombingham". Es flog oft irgendein Haus oder eine Schwarzenkirche in die Luft.

Horace Huntley ist in dieser Stadt groß geworden. Zu einer Zeit, als Leuten wie ihm eine falsche Geste, ein scheeler Blick mächtigen Ärger einbringen konnten. Oder den Tod. Je nachdem. Er kann sich gut an diese Zeit erinnern, und er tut einiges dafür, dass sie nicht in Vergessenheit gerät. Am Civil Rights Institute von Birmingham leitet er das Oral History Project, eine Sammlung von Tonbandaufzeichnungen, in denen Zeitzeugen die Geschichte der schwarzen Bürgerrechtsbewegung erzählen - von beiden Seiten der Front. Für später, sagt er. Wenn all das nur noch wie ein böses Märchen klingt.

In den Interviews gelingt ihm, was selbst nach Jahrzehnten nicht selbstverständlich ist: In seiner behutsamen Art bringt er auch die Täter von einst zum Reden: über sich, über ihren verborgenen Hass, über ihre Ängste. Zuweilen, so erzählt er, spüre er dabei ihre Anspannung. Und auch bei ihm bleiben Spuren zurück. "Unsere Kinder wissen nicht, was hinter uns liegt und wo wir herkommen", sagt der 66-Jährige. "Sie haben schon mal von der Bürgerrechtsbewegung gehört, doch was sich damals abspielte - sie haben keine Vorstellung davon. Wir haben versäumt, es ihnen zu erzählen."

Getrenntes Warten auf die Wiederauferstehung

In den Ausstellungsräumen des Instituts wird Versäumtes nachgeholt. Im Zeitraffer: die "Whites only"-Schilder, die Schwarzen-Karikaturen mit ihren riesigen Lippen und den gierigen Basedow-Augen und auch der ausgebrannte Bus, in dem Bürgerrechtler unterwegs waren, als er von Männern des Ku Klux Klan gestoppt wurde. Man hört die Rede Martin Luther Kings vor dem Lincoln-Memorial in Washington, und man sieht die Bilder von vier Mädchen, die zusammen gestorben sind. Gleich gegenüber vom Institut. In der 16th Street Baptist Church.

Diese Kirche war für einen kurzen Augenblick Brennpunkt einer epoche-machenden Bewegung. Hier forderten sie das System der Rassentrennung heraus, von dem Alabamas Gouverneur George Wallace verkündet hatte, es werde ewig bestehen. Hier machten sie "We Shall Overcome" zu ihrer Hymne, aus der sie Mut schöpften, wo Furcht das einzig Vernünftige gewesen wäre. Hier zogen sie die Leichen unter den Trümmern hervor. Carole Robertson, Cynthia Wesley, Addie Mae Collins (alle 14 Jahre alt) und die elfjährige Denise McNair befanden sich gerade im Untergeschoss, als an jenem Septembermorgen 1963 um 10.22 Uhr an der Ostseite der Kirche der Sprengsatz explodierte.

Selbst seine eigenen Kinder könnten sich kaum mehr vorstellen, wie das Leben damals aussah im Süden Amerikas, berichtet Horace Huntley. Dass man als Farbiger schon Prügel bezog, wenn man sich nur in die Wählerlisten eintragen wollte. "Ins Rathaus kam ein Schwarzer bloß, wenn er Besen und Kehrblech in der Hand hatte", erzählt er. Das System funktionierte: Es wurde getrennt gewohnt, geliebt, gestorben. Mischehen standen ebenso unter Strafe wie die gemeinsame Benutzung der Trinkwasserfontänen. Sie durften nicht durch dieselben Parks spazieren, warteten in getrennten Räumen auf den Bus und auf getrennten Friedhöfen auf die Wiederauferstehung.

Er hat dagegen rebelliert. Hat mit seinen Freunden eine Horde Kapuzenmänner, die durch ihre Straße zog, mit einer Steinkanonade belegt. Dann sind sie abgehauen - und konnten vor Angst nachts nicht schlafen. "Für so was haben sie Leute umgebracht", sagt er. Später hat er die Holzschilder, die die Busse in Schwarz und Weiß teilten, heimlich eine Reihe nach vorn gehängt und so ein paar Plätze für die schwarze Rasse erobert. "Ein revolutionärer Akt", sagt er und lächelt. Das sei Jugendlichen heute kaum zu vermitteln, wie er einräumt. Sie hätten sich im Bus nicht nach hinten gesetzt, bekommt er von ihnen zu hören. Von keinem Weißen, sagen sie, hätten sie sich rumkommandieren lassen. Ganz bestimmt nicht. Sie haben keine Ahnung.

Bis zur Hüfte in Blut getränkt

Huntley hat die Bilder noch vor Augen, die damals durch die Magazine gingen. Von dem Jungen, den sie mit einem Loch im Schädel und einem Eisenteil um den Hals aus einem Fluss in Mississippi gefischt hatten. Er hatte einer Frau hinterher gepfiffen. Einer weißen Frau. Oder er hat "Bye Baby" gesagt. Es gibt unterschiedliche Versionen. Die beiden Täter wurden von einer weißen Geschworenenjury freigesprochen. Selbst wer versuchte, jedem Ärger aus dem Wege zu gehen, konnte nicht sicher sein. Edward Aaron aus Birmingham zum Beispiel half auch das nicht. Es brach über ihn herein wie eine Naturkatastrophe. Die Weißen, die ihm die Hoden abschnitten, hatten ihn nie zuvor gesehen. Nach Berichten der Polizei, die ihn später halbtot auf der Straße fand, sah er aus, als habe man ihn bis zur Hüfte in Blut getränkt.

Im Frühjahr 1963 kam Martin Luther King nach Birmingham, in die Höhle des Löwen sozusagen. Die 16th Street Baptist Church wurde zu seinem Hauptquartier - und sie wurde zum Lazarett. Von hier aus zogen die Demonstranten zu ihren Protestmärschen, hierher kehrten sie zurück, um ihre Verletzungen versorgen zu lassen. Polizeichef Eugene "Bull" Connor ließ sie zusammenprügeln, hetzte Hunde auf sie, ging mit Wasserkanonen gegen sie vor. Denise McNair wollte dabei sein, doch die Eltern hielten sie zurück: Mit ihren elf Jahren sei sie entschieden zu jung dafür. Zum Sterben war sie es nicht. Als am 15. September die Baptistenkirche an der 16. Straße von der Explosion erschüttert wurde, machte sie sich zusammen mit ihren Freundinnen im Untergeschoss gerade für den Gottesdienst fertig.

Wenige Tage zuvor hatte Amerika mit dem "Marsch auf Washington" die größte Bürgerrechtsdemonstration seiner Geschichte erlebt. Martin Luther King sprach von den Treppen des Lincoln-Memorials herab von seinem Traum, dass seine Kinder eines Tages in einem Land leben, in dem man sie nach ihrem Charakter und nicht nach ihrer Hautfarbe beurteilt. Und er kündigte an, man werde nicht ruhen, bis das Recht wie Wasser fließt und die Gerechtigkeit wie ein mächtiger Strom. "Es war, als sei das Reich Gottes angebrochen", beschrieb Kings Frau Coretta diesen Augenblick später. "Doch es dauerte nur einen Moment." In Birmingham floss Blut. Und diesmal hielt ganz Amerika den Atem an.

Ganze Straßenzüge wechselten die Farbe

"Wenn vier schwarze Männer getötet worden wären", meint der Birminghamer Journalist und Autor Frank Sikora (73), "die Sache hätte kaum Wellen geschlagen." Dass es aber vier Kinder waren, die sich auf den Sonntagsgottesdienst vorbereiteten, habe kaum jemanden gleichgültig gelassen. "Vielleicht", so versuchte Martin Luther King damals Trost zu spenden, "vielleicht dient das Blut dieser unschuldigen Mädchen als erlösende Kraft, die Licht in diese dunkle Stadt zu bringen vermag." Kein weißer Behördenvertreter nahm an der Trauerfeier teil.

"Der Wandel des Herzens lässt sich nicht verordnen", sagt Horace Huntley. "Doch man kann einen gesetzlichen Rahmen für Veränderungen schaffen. Am Ende werden die Herzen folgen." Eine Hoffnung. Er weiß, dass es Zeit braucht. Zumal die alten Vorurteile nicht aussterben wollen. Auch Frank Sikora hat erlebt, wie zäh sie haften. Als mit Abschaffung der Rassentrennung schwarze Einwohner Birminghams begannen, in weiße Viertel zu ziehen, habe dort ein wahrer Exodus eingesetzt: "Ganze Straßenzüge wechselten die Farbe." Auch heute noch bleibe jeder weitgehend unter sich.

"Es sind die Bilder, mit denen wir groß werden", versucht Huntley die Situation zu beschreiben. Schwarz werde mit etwas Bedrohlichem verbunden, Weiß mit dem Reinen, Guten, Schönen. "Es gibt unterschiedliche Wahrnehmungen in Amerika: Es existiert eine schwarze Realität, und es existiert eine weiße. Und beim Thema Rasse gehen jede Logik und jede Vernunft verloren." Doch der promovierte Historiker will die Fortschritte der letzten Jahrzehnte gar nicht kleinreden. Er hat schließlich noch erlebt, wie sein Großvater "Boy" gerufen wurde. Er erinnert sich auch noch an das Gefühl, als er sich das erste Mal im Bus nach vorn setzte. Ganz nach vorn. Ein Anfang, sagt er. Eine wichtige Etappe, aber eben nur ein Anfang. Den Schwarzen jedoch, so hatte schon Martin Luther King erkannt, nütze die rechtliche Gleichstellung wenig, wenn ihnen die Mittel fehlten, davon auch Gebrauch zu machen.

Der letzte Kampf

Die Mittel fehlen oftmals auch heute. "In den 60er Jahren verfügten wir in Birmingham nur über einen winzigen Bruchteil des Reichtums der Stadt", rechnet Huntley vor. Mittlerweile seien mehr als zwei Drittel der Einwohner schwarz. Der Bürgermeister sei schwarz, der Stadtrat mehrheitlich schwarz, die meisten Verwaltungsgremien auch. Alles habe sich geändert - nur beim Wohlstandsgefälle bewege sich nichts. "Der letzte Kampf", ist er überzeugt, "wird auf der wirtschaftlichen Ebene geführt."

Die Neuverteilung abgesteckter Claims aber war in Amerika schon immer eine rauhe Angelegenheit. Freilich hätte man wohl auch nicht auf den Erfolg wetten wollen, als die Schwarzen in den 60ern gegen das System antraten. Es war geradezu selbstmörderisch, als Kings Weggefährte Fred Shuttlesworth, Pfarrer der Bethel Baptist Church in Birmingham, ankündigte, er werde seine Kinder an einer weißen Highschool einschreiben. "Man, er war ein Verrückter", sagt Huntley. "Aber es brauchte Leute von seinem Format." Vor der Schule haben sie mit Ketten auf ihn eingeschlagen.

Hätte er als junger Mann wählen müssen zwischen Martin Luther King und Malcolm X, dem Ungeduldigeren von beiden, Horace Huntley hätte sich für Malcolm X entschieden. "Wenn man jung ist", sagt er, "hält man nicht auch noch die andere Wange hin." Heute hängt ein Bild von Martin Luther King über seinem Schreibtisch. Jenes Mannes, der Versöhnung gepredigt hat.



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