Indianer-Protest 1969 Flucht nach Alcatraz

Sie kamen im Dunkeln und stürmten den einstigen Ort des Schreckens: Im November 1969 besetzten Indianer die ehemalige Gefängnisinsel Alcatraz, aus Protest gegen ihre miserablen Lebensumstände. Die Aktion endete gewaltsam.

Corbis

Glen Dodson hatte es sich in seinem kleinen Wachhäuschen gemütlich gemacht. Alcatraz, die ehemalige Gefängnisinsel inmitten der San Francisco Bay, lag in tiefer Dunkelheit. Es war kalt und windig, nur der Leuchtturm schickte regelmäßig seinen Lichtstrahl in die tiefe Dunkelheit hinaus. Doch plötzlich, in den frühen Morgenstunden, schreckte Dodson auf. War das ein Motorengeräusch gewesen? Plötzlich stürmten Gestalten vom Landungspier in den Schutz der Dunkelheit. Dodson machte Licht. Der Nachtwächter, allein und unbewaffnet, stand Dutzenden Eindringlingen gegenüber – - allesamt Indianer.

Breit grinsend ging einer der Männer auf ihn zu und schüttelte ihm freundlich die Hand. Den Rest der Nacht verbrachte Dodson im Gespräch mit den neuen Inselbewohnern. Das Festland hatte er nicht verständigt. Der Wächter war selbst zu einem Achtel Cherokee, wie er seinen Zuhörern stolz erklärte. Rund 80 Indianer besetzten derweil die ehemalige Gefängnisinsel, drei Boote hatten sie im Schutze der Dunkelheit auf das Eiland gebracht. Bei Anbruch des Tages machten sie ihre Botschaft klar. "You are on Indian Land" und "Indians welcome" schrieben sie an Mauern und Gebäude.

Am Morgen des 20. November 1969 war Alcatraz Island fest in indianischer Hand. Über den Kamin im ehemaligen Aufsehergebäude hängten sie ein Bild des Apachen-Häuptlings Geronimo, der die US-Kavallerie Ende des 19. Jahrhunderts in einem jahrelangen Guerillakrieg vorgeführt hatte. Ansonsten erkundeten die neuen Bewohner von Alcatraz neugierig die Insel und ihre Gebäude. Sie schauderten beim Anblick der Gefängniszellen, blickten auch in die bequemeren Behausungen der Gefängniswächter. Männer, Frauen und Kinder suchten sich Unterkünfte, Glen Dodson gab hier freundlichen Rat. Lange blieb die Besetzung der ehemaligen Gefängnisinsel jedoch nicht unentdeckt. "Indianer besetzen Alcatraz", diese Meldung schlug Wellen bis ins weit entfernte Weiße Haus.

"Sie geben einen Scheiß auf uns"

Dem "Großen Weißen Vater" in Washington machten die Indianer auf Alcatraz ein Angebot. "Wir werden die Insel Alcatraz kaufen. Für 24 Dollar in Glasperlen und rotem Stoff. Dies ist der gleiche Betrag, den der Weiße Mann für ein ähnliches Stück Land vor 300 Jahren bezahlt hat. Wir wissen natürlich, dass 24 Dollar in Tauschwaren für diese neun Hektar weit mehr sind, als einst für die Insel Manhattan bezahlt wurde. Aber wir gestehen zu, dass die Preise für Land über die Jahre gestiegen sind." Die Medien überschlugen sich in ihren Schlagzeilen, als die Nachricht von der Inselbesetzung bekannt wurde. Das hatten die Besetzer erhofft.

"Sie geben einen Scheiß auf uns", so hatte der Präsident der United Native Americans, Lehman Brightman vom Stamm der Sioux, 1968 die Indianerpolitik der USA zusammengefasst. Die Zahlen gaben ihm recht. Eine Arbeitslosigkeit von bis zu 80 Prozent, weit verbreiteter Alkoholismus und eine durchschnittliche Lebenserwartung von etwa 45 Jahren - das war das Leben der indianischen Bevölkerung in den USA in Zahlen. Die Kindersterblichkeit war doppelt so hoch wie in der weißen Bevölkerungsgruppe.

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Indianer-Protest 1969: Flucht nach Alcatraz

Als das Gefängnis auf Alcatraz Island am 21. März 1963 geschlossen wurde, hatte die Indianerin Belva Cottier die zündende Idee für einen friedlichen Protest: Laut einem Vertrag zwischen den Sioux und der US-Regierung von 1868 hatten Indianer das Recht, ehemaliges Indianerland von der Regierung zurückzukaufen - wenn es nicht mehr genutzt wurde, was bei Alcatraz der Fall war. Nur - war Alcatraz jemals Indianerland gewesen?

"Wir hatten herausgefunden, dass viele Indianer dort als Häftlinge einsaßen, also war es schon irgendwie Indianerland", meinte Belva Cottier spitzfindig. 1964 hatten mit dieser Begründung einige Indianer die Insel schon einmal in Besitz genommen, allerdings ohne nachhaltige Wirkung. 14 Indianer versuchten es am 9. November 1969 nochmals. Ein paar Tage hielten sie Alcatraz in ihrer Gewalt, bis die Küstenwache einschritt.

"Wir halten den Fels!"

Am 20. November 1969 blieb die Küstenwache allerdings chancenlos gegen die indianische Invasion. Allein die schiere Masse von Inselbesetzern machte eine Räumung der Insel schwer. Zumal sechs Kinder im Alter zwischen zwei und sechs Jahren und viele Ehepaare mit von der Partie waren, darunter vor allem Studenten. Unter den wachsamen Augen der Presse entschlossen sich die Behörden zur Zurückhaltung.

Bald nach der Ankunft erklangen deshalb Trommelklänge. Die Indianer hielten zur Feier des Tages ein traditionelles Powwow ab. Alcatraz war wirklich Indianerland geworden, Männer legten indianischen Federschmuck an, tanzten die alten Tänze und sangen traditionelle Lieder. Abends erhellten Lagerfeuer die Nacht, an denen man sich Geschichten erzählte. In der alten Häftlingsküche wurde gekocht, in einem Zellenblock gegessen, der Radiosender „Radio Free Alcatraz“ ging in Betrieb, und für die Kinder eröffnete eine Schule. Zu „Indians of All Tribes“ hatten sich die Inselbewohner erklärt, die aus verschiedenen Stämmen stammten. Ihren gemeinsamen Siegeswillen drückte ein Gedicht aus: "Aii – Wir sind die Krieger von Alcatraz, und wir halten den Fels!"

Die Zeit war günstig, in den USA war der Kampf um die Bürgerrechte, um die Gleichbehandlung der schwarzen Amerikaner in vollem Gange. Warum nicht auch die Rechte der Indianer einfordern? Durch die USA lief nach Bekanntwerden der Besetzung eine Welle der Hilfsbereitschaft. Rund 30.000 Indianer lebten in der Bay Area, viele strömten zur Unterstützung für Tage und Wochen auf die Insel. Am Pier 40 in San Francisco sammelte man Lebensmittelspenden und nützliche Materialien, aber auch Geld wurde gestiftet.

Feuer auf Alcatraz

Herausfordernd bauten die Indianer ein Tipi auf der San Francisco zugewandten Inselseite auf. Hier besprachen die Anführer die Vorschläge der Regierung, mit der sie in Verhandlung standen. Eine indianische Universität und ein kulturelles Zentrum sollten hier errichtet werden, so ihre Forderung. Vor allem aber, so fasste einer der Anführer, der Mohawk Richard Oakes zusammen, wollten die Indianer "eine wahre Bedeutung im Leben, eine Herausforderung".

Die Regierung spielte dagegen auf Zeit und hielt die Inselbesetzer hin. Eine Taktik, die Erfolg haben sollte. Am Wochenende des Memorial Day 1970 kam es zu Bränden in den historischen Gebäuden der Insel. Weil die Behörden zuvor Strom- und Wasserleitungen zur Insel gekappt hatten, mussten die Indianer tatenlos zusehen, wie die Flammen wüteten. Die Küstenwache hatte sie nicht an Land gehen lassen wollen. Die Regierungsbehörden nutzten die Gelegenheit und beschuldigten die Inselbesetzer der Brandstiftung – die öffentliche Unterstützung für die Sache der Indianer ließ spürbar nach. Bereits im Januar war es auf der Insel zu einer Katastrophe gekommen. Yvonne, Richard Oakes kleine Tochter, stürzte von einer Treppe und starb an ihren Verletzungen.

Die Stimmung heizte sich immer mehr auf. Ein von der Insel geschossener Pfeil traf das Ausflugsschiff "The Harbor Queen", ein Molotowcocktail flog in Richtung eines Schiffes der Küstenwache, die Alcatraz mittlerweile wieder von der Außenwelt zu isolieren suchte. Als fast alle Boote, die sich in die Nähe der Insel wagten, mit Steinen beworfen wurden, riss der Regierung der Geduldsfaden. Obwohl niemand verletzt worden war, stürmten am 11. Juni 1971 US-Marshalls und FBI-Agenten von drei Booten und einem Helikopter aus die Insel, bewaffnet mit schweren Handfeuerwaffen und Schrotflinten. 15 Indianer waren zu diesem Zeitpunkt noch auf der Insel, sechs Männer, vier Frauen und fünf Kinder. Alcatraz war wieder in der Hand der Regierung, nach rund 19 Monaten indianischer Besetzung.

Ausgerechnet der umstrittene Präsident Richard Nixon änderte die Indianerpolitik schließlich entscheidend. Am 8. Juli 1970 veranlasste er die Rückgabe von 48.000 Hektar Land an die Taos-Indianer. Auch andere Stämme sollten später Land zurückerhalten. Es gab plötzlich mehr Geld für die Indianerbehörde, mehr Geld für die Gesundheitspflege, Stipendien für indianische Studenten und eine eigene indianische Bildungseinrichtung, das Navajo Community College. Zumindest ein wenig besserte sie die Zustände. So kläglich die Besetzung von Alcatraz auch ausging: Sie hatte zumindest bewiesen, dass sich die Indianer nicht mehr alles gefallen ließen.



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Hartmut Krech, 30.10.2013
1.
Wie der Artikel von Marc von Lüpke anschalich darstellt, hatte erst die dritte indianische Besetzung der Gefängnisinsel Alcatraz 1969/1970 weitreichende Folgen: Überall im Land fanden "Besetzungen" ungenutzten Regierungslandes durch junge Indianer statt -- diese "Re-Occupy"-Aktionen sind der Ursprung der heutigen Occupy-Bewegung! Obwohl oder weil diese "New Indians" (Stan Steiner) mit ihrer Besetzung ein Fanal gesetzt hatten, haben diese mutigen jungen Menschen nie offizielle Anerkennung erfahren, sondern waren Jahrzehnte lang die Opfer von Verfolgung und Unterdrückung, wie am Schicksal ihrer prominentesten Vertreter abzulesen ist. Zu erinnern ist an Richard Oakes, einen der Sprecher von Indians of All Tribes, der seine Tochter bei einem tragischen Unfall auf Alcatraz verloren hatte und am 30. September 1972 im Alter von 30 Jahren vom Aufseher eines Camping-Platzes des Christlichen Vereins junger Männer (YMCA) erschlagen wurde. Zu erinnern ist auch an die schwangere Ehefrau, die drei Kinder im Alter von einem, drei und fünf Jahren und an die Schwiegermutter von John Trudell, des anderen Sprechers der Indians of All Tribes, die bei einem Brandanschlag weißer Rassisten bei lebendigem Leib verbrannten. Zu erinnern ist auch an Jesse Ed Davis, einen Teilnehmer der Besetzung von Alcatraz und begabten Gitarristen an der Seite von George Harrison, Eric Clapton und John Lennon, der im Alter von 43 Jahren an einer Überdosis Heroin verstarb. Sie haben Geschichte geschrieben, viel bewirkt, und hätten doch einfach nur glücklich leben wollen.
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