Aldi-Gründung Hauptsache billig

Sie waren die Aufsteiger des Nachkriegsdeutschland: Theo und Karl Albrecht machten aus dem winzigen Tante-Emma-Laden ihrer Mutter die Keimzelle eines Weltkonzerns. Heute gilt ihr Aldi-Prinzip als radikales Erfolgsmodell - dabei war die Grundidee schlicht aus der Not geboren.

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Die Diagnose war für Karl Albrecht ein echter Schock: Staublunge. Das vorzeitige Berufsende. Wie sollte der Bergarbeiter aus Essen nun seine Familie über die Runden bringen? Er konnte nicht ahnen, dass sich die schlimme Berufskrankheit langfristig als ein Auslöser des märchenhaften Aufstiegs einer Arbeiterfamilie entpuppen würde. Denn die Hiobsbotschaft zwang Familie Albrecht, zu improvisieren - eine Gabe, die den Namen Albrecht Jahrzehnte später weltberühmt machen sollte.

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Heft 31/2010
Protokoll eines tödlichen Versagens

Karl Albrecht legte sein Steigeisen zur Seite, schulte zum Bäcker um und nahm eine schlechtbezahlte Stelle in einer Brotfabrik an. Doch das Geld reichte kaum zum Leben, so dass auch seine Frau Anna aktiv werden musste: 1913 eröffnete sie im Essener Bergarbeitervorort Schonnebeck einen Tante-Emma-Laden, gerade einmal 35 Quadratmeter groß. Ausgerechnet dieses kleine Lebensmittelgeschäft wurde zur Keimzelle eines Weltkonzerns.

Den spektakulären Aufstieg hat sie aber ihren beiden erfolgreichen Söhnen zu verdanken: Karl und Theo Albrecht, der vor wenigen Tagen im Alter von 88 Jahren verstorben ist. Die beiden legendären Brüder waren Gründer der Discount-Kette Aldi, Erfinder eines ebenso einfachen wie radikalen Geschäftsmodells, das sich schnell zum Lebensgefühl entwickelte und bis heute hundertfach kopiert wurde.

Sehnsucht nach Normalität

Die Spurensuche nach diesen extrem medienscheuen Geschäftsmännern, von denen nur wenige offizielle Fotos existieren, aber viele Legenden kursieren, führt in das bombenzerstörte Ruhrgebiet der Nachkriegszeit. Beide Albrechts hatten im Zweiten Weltkrieg kämpfen müssen: Karl wurde an der Ostfront verletzt, Theo war zunächst in einer Nachschubeinheit in Nordafrika stationiert und geriet am Ende des Krieges in Italien in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Im April 1946 trafen sich die beiden Brüder in Essen wieder - und hatten Glück.

Denn der kleine Lebensmittelladen der Eltern sowie ein zweites Geschäft mit hundert Quadratmetern Ladenfläche waren von den Bombenangriffen der Alliierten verschont geblieben. Sofort stürzten sich die Brüder in die Arbeit. Schon als Kinder hatten sie im Laden der Mutter ausgeholfen. Theo hatte dort nach seinem Schulabschluss eine zweijährige Lehre absolviert, während Karl in einem Essener Feinkostladen ausgebildet worden war. Jetzt, nach dem Krieg, übernahmen die beiden die Verantwortung für das Geschäft der Eltern.

Sie begannen ihre Karriere in einer Zeit des Wiederaufbaus, in der die Menschen sich nach Normalität und ein wenig Luxus sehnten, ohne dass sie dafür das nötige Kleingeld hatten. Die Albrechts versuchten darauf zu reagieren. Sie expandierten, doch zunächst bedienten sie sich völlig konventioneller Methoden: Sie rekrutierten neue Lieferanten, kauften billige, kleine Läden und ließen ihre Kunden wie eh und je an der Theke bedienen.

Der Preis als beste Werbung

"Mit gewagten Zukunftsprojekten haben wir uns seinerzeit nicht beschäftigt", sagte Theo Albrecht später einmal. Es sei lediglich darum gegangen, "unseren Betrieb möglichst schnell zu vergrößern". Und das gelang: Um 1950 besaßen die Albrechts eine Kette von 13 Lebensmittelläden. Doch von Beginn an setzten die Jungunternehmer auf Niedrigpreise. Verderbliche Waren wurden nach Ladenschluss in kühlere Kellerräume gebracht - teure Kühlgeräte wurden erst viel später angeschafft.

Wann genau der Zeitpunkt begann, mit neuen Geschäftsmodellen zu experimentieren und wer die zündende Idee hatte, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. 1953 jedenfalls wird Karl Albrecht mit der Aussage zitiert, es ginge ihm "nicht mehr um normales Bedienen, sondern um Massenabfertigung". Um Waren billiger als die Konkurrenz verkaufen zu können, setzten die Albrechts auf ein begrenztes Massensortiment, richteten ihre Läden äußerst spartanisch ein und gaben angeblich nur marginale Beträge für Werbung aus. Der Preis, so das Kalkül, sollte die beste Werbung sein. Es war der Beginn der Aldi-Mentalität, Jahre vor der Konzerngründung.

Die weltberühmten Prinzipien des Discounters waren anfangs auch der Not geschuldet: Die Brüder benötigten Geld zum Aufbau neuer Filialen und boten nur deswegen ein ziemlich schmales Sortiment an. Eigentlich wollten sie später, so berichtete Karl Albrecht in einem Vortrag, "wie ein normales Einzelhandelsgeschäft" wirtschaften. Sie taten es nicht, als sie merkten, dass die Menschen in Scharen kamen, solange nur der Preis stimmte. Daraus wurde das Credo der Firma: "Was man erreichen muss, ist, dass der Kunde den Glauben gewinnt, nirgendwo billiger einkaufen zu können", dozierte Albrecht. Dann "nimmt der Kunde alles in Kauf".

Rasantes Wachstum

Er behielt Recht. Die "Albrecht"-Kette wuchs rasant: 1955 gab es 101 Filialen, drei Jahre später waren es 170 und 1960 schon 300 Läden. Überall im Ruhrgebiet strömten nun die Menschen zu den unprätentiösen Geschäften mit dem weißen Schriftzug auf rotem Grund und standen für die Billigwaren geduldig Schlange. Den Brüdern war endgültig der Sprung aus der Arbeiterklasse in die Oberschicht gelungen. Ihre Läden machten schon 1960 einen Jahresumsatz von 90 Millionen Mark. Und das war erst der Anfang.

1961 wurde zum Schicksalsjahr. Eine Mauer teilte plötzlich Berlin und Deutschland - und die Brüder Albrecht teilten ihr Supermarktimperium auf. Nach Jahren des Wachstums konnten sie sich nicht mehr auf eine einheitliche unternehmerische Linie einigen. Karl galt als experimentierfreudiger, Theo eher als konservativ und bedächtig. Er war unwillig, allen kühnen Plänen seines älteren Bruders zu folgen.

So wurde, fast wie in besten Kolonialzeiten, auf der Karte der Bundesrepublik eine grobe Linie gezeichnet, die von Bocholt an der niederländischen Grenze quer durch das Ruhrgebiet und Hessen bis an die Grenze der DDR reichte. Mit einem Federstrich waren zwei rechtlich selbstständige Unternehmen entstanden: Karl herrschte im größeren Südreich, Theo war für den Norden verantwortlich.

Neuer Name, alte Strategie

Dort, im Herzen des Ruhrgebiets, gründete er im Frühjahr 1962 den ersten Aldi-Supermarkt in Dortmund. Der neue Firmenname, der nun den alten Namen "Albrecht" ablöste und auch bald im Süden verwendet wurde, war eine schlichte Abkürzung: Sie steht für Albrecht Discount. Schon bald nach Dortmund folgten neue Aldi-Filialen in Herten, Wuppertal, Bochum, Mönchengladbach und Düsseldorf.

Mit der Namensänderung war die Marschrichtung klar: Noch konsequenter als bisher setzten die Albrechts nun auf das Discount-Prinzip - wenig Auswahl, kaum Markenprodukte, günstige Preise. Breite Gänge, provisorische Ablagen, schief aufgehängte Preisschilder und aufgerissene Pappkartons wurden zu Markenzeichen. Frischwaren, aufwändige Dekoration und teure Regale waren tabu. Das Ganze wurde als kundenfreundliche Strategie verkauft: "Wir verzichten in unseren Läden auf besonderen Aufwand jeder Art", hieß es in einem Flugblatt stolz - und "sparen sehr viel Geld dabei."

Das Konzept ging auf. Für ein paar Mark mehr im Geldbeutel nahmen die Deutschen fehlenden Service und lange Wartezeiten in Kauf. Pro Quadratmeter war in den siebziger Jahren der Umsatz in den Aldi-Filialen oft doppelt so hoch wie in anderen Supermärkten - bei deutlich geringeren Kosten. Aldi boomte. 1972 gab es bereits mehr als 600 Filialen, der Gesamtumsatz stieg auf etwa vier Milliarden Mark im Jahr 1975, zehn Jahre später waren es schon 18 Milliarden.

Medienscheue Milliardäre

Der sagenhafte Erfolg war alles andere als ein Selbstläufer. Animiert vom Erfolg der Albrecht-Brüder schossen in der Bundesrepublik Hunderte Discountmärkte aus dem Boden, allein 1962 waren es 1200. Doch etlichen Unternehmern ging schon nach wenigen Monaten die Luft aus - während Aldi weiter expandierte. Wohl auch, weil der Konzern an dem Credo festhielt, Qualität zu liefern - und renommierte Firmen überzeugen konnte, eigene Aldi-Produktlinien herzustellen. Geschickt hievte sich das Unternehmen zudem immer wieder mit spektakulären Sonderaktionen in die Schlagzeilen, etwa als in den neunziger Jahren Computer zu Ramschpreisen verkauft wurden.

Und die Gründer? Sie mieden das Rampenlicht, spielten ab und an Golf, mischten sich bis ins hohe Alter in die Geschäfte ein und stiegen in den Olymp der reichsten Menschen der Welt auf. Das Wirtschaftsmagazin "Forbes" schätzt das Vermögen von Karl Albrecht auf 23,5 Milliarden US-Dollar, das von Theo auf 16,7 Milliarden. Doch mit dem Erfolg der Discounter haben die Milliardäre aus dem Ruhrpott ausgerechnet jene Geschäfte zur Aufgabe gezwungen, die ihnen einst den Aufstieg erst ermöglicht hatten: Familienbetriebe und Tante-Emma-Läden, in denen Albrechts Eltern ihr Geld verdienten.



insgesamt 3 Beiträge
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Götz-Tobias Heger, 02.08.2010
1.
Bei "[...]mit spektakulären Sonderaktionen in die Schlagzeilen, etwa als in den neunziger Jahren Computer zu Ramschpreisen verkauft wurden." sollte man darauf hinweisen, dass Aldi den Discountcomputer quasi erfunden hat, aber nicht in den 90ern sondern vor Weihnachten 1985. Eltern wussten eigentlich gar nicht was Computer sind und hätten bei Preisen über 1.000 DM auch keinen auf Verdacht dem Sohn gekauft (vor Beginn des 21. Jahrhunderts haben Töchter keine Rechner benutzt, wenn sie nuicht einen größeren Bruder hatten). Als sich dann aber Commodore bei der Entwicklung der 264er Serie verschätzte kam eben 1985 der Commodore C16 mit Datasette und Zubehör für unglaubliche 150 DM bei Aldi in den Handel. Verglichen mit allem was danach kam hat es ein derart günstiges Angebot nie wieder gegeben. Dabei muss man bedenken - gerade wenn man die Nachteile zum C64 herausstellt - dass zu der Zeit ein C64 noch 800 DM kostete (ohne Datasette!). 150 DM war eben doch ein Preis bei dem Vati auf Verdacht kaufen konnte und weniger verfügbare Spiele war ja pädagogisch eher ein Pro-Argument. ;-)
Siegfried Wittenburg, 02.08.2010
2.
Das Pardoxe am ALDI-Geschäftsmodell ist, dass die Menschen auf der einen Seite billig einkaufen und mit wenig Geld haushalten können und somit auf der anderen Seite zwei Männer zu den reichsten der Welt machen. Wenn man dieses Modell weiterdenkt, kommt man zu dem Ergebnis, dass eines Tages alle Menschen immer billiger einkaufen und somit immer weniger Menschen immer reicher werden. Das geht so lange, bis es eines Tages nur noch ALDI und seine Kunden gibt. Was ist dann?
Frank Scheer, 21.03.2016
3.
Bevor es sich fest tritt: es gibt keine "billigen Preise". Ein Preis kann niedrig, normal oder hoch sein, billig in keinem Fall.
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