Als Kriegsgefangener in England Versöhnung auf dem Fußballfeld

"Let's Blitz Fritz!" Mit solchen markigen Sprüchen heizte die englische Boulevardpresse vor Spielen gegen den "Erzrivalen" Deutschland gerne die Stimmung an. Ulrich Jakubassa erlebte als Kriegsgefangener einen ganz anderen Sportsgeist - er wurde sogar in ein englisches Team aufgenommen.

Otto Cramer

Geht es um ein Spiel zwischen Deutschland und England, bedient sich vor allem die britische Boulevardpresse gern beim Militär-Vokabular aus dem Zweiten Weltkrieg. Auch viele Fans sehen diese Spiele offenbar als eine Art "Ersatzkrieg". Daran musste ich denken, als ich vor kurzem im Nachlass meines Onkels Ulrich Jakubassa einen Brief fand. Darin geht es auch um Fußball und um den Zweiten Weltkrieg, allerdings in einem ganz anderen Sinne: Das Schreiben ist ein anrührendes Beispiel dafür, dass Fußball ein Mittel der Versöhnung ehemaliger Feinde und das Fußballfeld ein Ort der Völkerverständigung sein kann.

Ulrich Jakubassa (Jahrgang 1927) verbrachte die Jahre 1945 bis 1948 als Kriegsgefangener in England. Er arbeitete als Maschinist in der Landwirtschaft - und spielte unter dem Namen "Jimmy" in der Mannschaft des Fußballvereins von Birchington, einem kleinen Ort in Kent an der Südküste. Als er aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurde, gab ihm der Vorsitzende seines Vereins den folgenden Brief mit auf den Weg. Ich habe den englischen Text übersetzt:

Ein Dokument der Völkerverständigung

Birchington, 12th Dec. 1948

Lieber Jimmy,

im Namen der Spieler des "Birchington Fußballclubs" möchte ich Dir viel Glück und alles Gute für die Rückkehr in Dein Heimatland wünschen.

Die gemeinsamen Spiele haben wir sehr genossen. Wir alle haben Dich von Anfang an sehr gern gehabt, und was auch immer während der schrecklichen Kriegsjahre geschehen sein mag, es ist völlig klar, dass solch ein Krieg nicht der Wunsch von uns einfachen Leuten war. Der Kameradschaftsgeist, der auf dem Fußballfeld und auf anderen Gebieten des Sports entsteht, trägt so sehr dazu bei, Liebe zu unseren Mitmenschen zu erzeugen, welcher Nationalität sie auch angehören mögen, und es bleibt ernsthaft zu hoffen, dass es keine Kriege mehr geben wird.

Noch einmal wünsche ich Dir viel Glück für Dein künftiges Leben, und wenn Du einmal wieder in dieses Land und in unsere Gegend kommen solltest, denk bitte daran, mich zu besuchen - alle Mitglieder des Clubs würden gerne wissen, wie es mit Dir weiter geht.

God speed and sincere regards.

D. Dallas

Ich schickte dieses wunderbare Dokument der Völkerfreundschaft auch an den "Birchington Roundabout". In der Ausgabe vom August 2006 wurden der Brief und mein Bericht veröffentlicht.



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