Anarchistenpärchen Maupin-Rey "Fahr - oder wir erschießen dich!"

Sie wollten eine Bank ausrauben, dann ging alles schief: Bei einer Verfolgungsjagd erschossen die Linksautonomen Florence Rey und Audry Maupin 1994 drei Polizisten und einen Taxifahrer. Maupin starb im Kugelhagel, seine Partnerin wurde 1998 verurteilt - und plötzlich zum Star.

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Sie sieht aus wie ein Teenager, der beim Schnapsklauen erwischt wurde. Zartes Gesicht, Pferdeschwanz, ausgebeulte Jeansjacke. Das Kinn auf die offene Hand gestützt schaut Florence Rey ins Leere, als hätte sie nichts mit all dem zu tun, das um sie herum geschieht. Doch die 23-jährige Französin sitzt wegen vierfachen Mordes, sechsfachen Mordversuchs, Totschlags und Körperverletzung auf der Anklagebank. Es ist der 30. September 1998, kurz vor Mitternacht. In wenigen Minuten erfährt sie das Urteil.

Seit vier Jahren schweigt Florence über das Motiv für den Mord an einem Taxifahrer und drei Polizisten. Erst im Verhör mit den Ermittlern, jetzt vor Gericht. Selbst ihr eigener Anwalt drängt sie während der zweiwöchigen Verhandlungen zur Kooperation: "Nun reden Sie doch, in Gottes Namen!", entfährt es ihm. Aber Florence Rey bleibt einsilbig, oft ganz stumm. Mit jeder Minute ihres Schweigens wird das Rätsel um sie größer. Ist sie eine anarchistische Freiheitskämpferin? Eine kaltblütige Mörderbraut? Oder bereut sie am Ende gar ihre Tat?

"Kein Psycho-Kram, Dr. Freud!"

Paris, vier Jahre zuvor, an der Porte de Pantin im Nordosten der Stadt. Um 21.25 Uhr steigen zwei maskierte Gestalten über den Zaun der Autoverwahrstelle der Polizei. Es sind Florence Rey und ihr Freund Audry Maupin. Mit einem abgesägten Gewehr bedrohen sie die Wachleute, nehmen ihnen die Dienstwaffen ab und betäuben sie mit Tränengas. Der Plan, die Beamten mit ihren eigenen Handschellen zu fesseln, geht nicht auf: Sie tragen gar keine bei sich. Plötzlich geraten die Einbrecher in Panik: Was, wenn jemand sie gesehen hat? Sie rennen los.

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Anarchistenpärchen Maupin-Rey: "Fahr - oder wir erschießen Dich!"

Auf der Rue de la Marseillaise kidnappen sie ein Taxi samt Fahrgast: "Fahr - oder wir erschießen dich!", brüllt Audry. Der Taxifahrer gehorcht. Der Passagier, ein Arzt, will die beiden besänftigen, man könne doch über alles reden. "Jetzt kein Psycho-Kram, Dr. Freud!", blafft Florence und lädt ihre Waffe. Der Chauffeur, Amadou Diallo, ein 40-jähriger Familienvater aus Guinea, rammt einen Polizeiwagen, um die Geiselnahme zu stoppen. Die Polizei schießt, die beiden Entführer kontern, Diallo und drei Polizisten sterben im Kugelhagel.

Audry und Florence entführen einen zweiten Wagen, der verängstigte Fahrer bringt sie bis zum Stadtrand, dort gehen sie der Polizei in die Falle. Maupin wird erschossen, Florence kniet sich nieder, beugt sich über ihn und küsst ihn ein letztes Mal. Dann ergibt sie sich und hält die Hände über dem Kopf.

Frankreich ist perplex. Wie konnten zwei Studenten zu einer solch brutalen Tat fähig sein? Innenminister Charles Pasqua persönlich steht wenige Minuten später am Tatort. Tote Polizeikräfte - das ist ein Angriff gegen den Staat Frankreich, das ist Terrorismus. Bald drucken nahezu alle Zeitungen das Polizeifoto von Florence: Es zeigt sie nach der Festnahme mit leerem, ausdrucklosem Blick und einer dicken Schramme auf der Wange.

Der Mythos der schweigenden Florence Rey ist geboren, er fasziniert und verängstigt zugleich. Konservative und rechtsextreme Politiker wie Jean-Marie Le Pen fordern die Wiedereinführung der Todesstrafe, Linksextreme sehen in der "Tueuse de flics" - der "Bullenkillerin", wie die Klatschpresse sie nennt - eine neue Freiheitskämpferin. In der Poststelle der linksorientierten Tageszeitung "Libération" sammeln sich Liebesbriefe und eigens aufgenommene Mixtapes für Florence Rey. Doch eine genaue Antwort auf die Frage nach dem Motiv hat niemand.

Bonnie und Clyde der Vorstadt

Intellektuelle sehen in der Tat später eine Revolte, ein Ausdruck der Verzweiflung einer ganzen Generation. Die Generation der Franzosen unter 25, von denen Mitte der Neunziger fast ein Viertel arbeitslos ist. In der Wohnung des Paares finden die Ermittler außer Waffenkatalogen linksextreme Propagandablättchen, zudem hatten die beiden bei den Studentendemos im Frühjahr 1994 gegen die Politik der Regierung Balladur demonstriert. Doch das haben viele.

Manche vermuten Oliver Stones "Natural born Killers" als Inspiration für die Tat - in ihrem Zimmer soll ein Plakat gefunden worden sein. Im Film knallt das Pärchen Mickey und Mallory kaltblütig und ohne Grund 52 Menschen ab, nur weil es eben "Schicksal" sei. Sahen sich Florence und Audry als eine Art Bonnie und Clyde der Vororte? Der Fahrer des entführten Kleinwagens erinnert sich vor Gericht an den Moment, in dem Florence klar wird, dass die Polizei die Straße verbarrikadiert hat. "Kannst du nicht eine Drehung machen?", fragt sie ihn. "Mit der Handbremse, so wie im Kino?"

Florence Rey ist in Argenteuil aufgewachsen, einem kleinbürgerlichen Vorort von Paris. Die Mutter ist Grundschullehrerin, der Vater Klempner, ihre Erziehung streng katholisch. In der Schule fällt sie kaum auf, gilt aber als "lebendig und gebildet". Mit 18 verliebt sie sich in den Philosophiestudenten Audry, ihr erster Freund. Seine Kumpels nennen ihn Jesus, wegen seiner langen Haare, und weil er weder trinkt noch raucht noch fernsieht.

Er selbst bezeichnet sich als Antirassisten und Anti-Le Pen, hasst die festgefahrene Politik in Frankreich, träumt von einem neuen Mai 1968. Einer der vielen Anarchistengruppen, die sich an den Universitäten gebildet haben, will er nicht beitreten, obwohl er mit deren Ideologie sympathisiert. Er will frei sein. Audry ist begeisterter Bergsteiger. Sie fahren oft in die Berge, wo er von ihr immer riskantere Kletterstrecken fordert. Sie gehorcht, auch wenn sie eigentlich Angst hat. "Sie ist ihm gefolgt wie ein Hündchen", sagt ihr Bruder später vor Gericht. "Sie hätte alles für ihn gemacht."

"Wie ein Schmetterling"

Sie suchen Kontakt zur anderen Autonomen. In nächtlichen Treffen diskutieren sie mit Ex-Häftlingen und Studienabbrechern über die Neuordnung der Gesellschaft. Sie gründen die "Organisation revolutionäre Propaganda", die aber genau zwei Mitglieder hat: Maupin und Rey selbst. Wie Kinder, die Anarchisten spielen. Stephane Violet, ein Filmemacher aus der radikalen Szene, war kurzzeitig mit dem Paar befreundet. Über Florence sagt er: "Sie hatte kaum etwas zu sagen. Sie war wie ein Schmetterling... Sie wollte Teil der Unterhaltungen sein, konnte aber nicht wirklich etwas dazu beitragen."

Im Frühling 1994 schmeißen Florence und Audry die Uni und besetzen eine leerstehende Villa im Nobelvorort Nanterre. Die Fenster des Hauses sind zugemauert. Dort leben sie ohne fließendes Wasser, ohne Strom und Geld. Romantisch - solange es Sommer ist. Aber mit dem Herbst kommt die Einsicht: Man braucht Geld zum Leben, spätestens wenn die Temperaturen so tief sinken, dass man nachts nicht mehr schlafen kann. Audry beschließt, das "große Ding zu drehen", das sie ein für alle Mal von den Geldsorgen befreien würde. Florence kauft ein Gewehr und Kapuzenmasken mit Augenschlitzen.

Ihr Plan: Polizisten überfallen, um an deren handliche Schusswaffen zu kommen, die bei einem Bankraub praktischer sein würden. Er nennt es "Umverteilen", niemand soll zu Schaden kommen. Und dann würden sie endlich aus der kalten Villa ausziehen. Keine Spur von Gangsterromantik, Revolte oder Weltverbesserung, am Ende ging es ihm um so etwas Banales wie Heizkosten. Und Florence?

Liebe als letzte Verteidigung

Am nächsten kommt man der Wahrheit über ihr Motiv wohl, wenn man die kleinen Ausflüchte in den wenigen Sätzen ernst nimmt, die Florence vor Gericht verliert. "Ich dachte, Audry hätte das Interesse an mir verloren", flüstert sie einmal. Ihre Liebe zu ihm ist ihre einzige Verteidigung. Auf die Frage, warum sie auf Polizisten geschossen habe, antwortet sie: "Ich weiß nicht, ich wollte ihn beschützen."

Mitternacht. Die Richter haben ihr Urteil gefällt: 20 Jahre Haft. Florence Rey ist Mittäterin, nicht nur der Beihilfe schuldig, auch wenn alle Todesschüsse von ihrem Freund abgefeuert worden waren und sie selbst nicht getroffen hat. Sie verzieht keine Miene. Auf die Frage, ob sie noch etwas zu ihrer Verteidigung zu sagen habe, antwortet sie nur mit einem tonlosen "non."

2009 wurde Florence Rey nach 15 Jahren Haft wegen guter Führung vorzeitig entlassen. Im Gefängnis hatte sie eine Ausbildung zur Finanzbuchhalterin absolviert. Heute lebt sie anonym an einem unbekannten Ort in Frankreich. Auf das Medieninteresse nach der Freilassung reagierte sie mit der Bitte, "dass man nicht mehr über sie spricht".



insgesamt 7 Beiträge
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Daniel Lechner, 01.10.2013
1.
Was kann man von den "Intellektuellen" halten, wenn sie Mörder, bloß weil sie die "richtige" politische Ideologie haben, zu Helden stillisieren und auch noch feiern? Richtig - garnichts. Wer solche Leute verehrt ist mit sicherheit nicht intelligent sondern pervers.
Frank Rieger, 01.10.2013
2.
Nach der Tat nie ein Wort der Reue, ein nachträgliche Bedauern über die Tat, ein Mitleid mit Angehörigen der Opfern? Erinnert mich stark an unsere deutsche Terroristen, die von unserer Politik und Justiz ebenfalls vorzeitig begnadigt wurden und denen auch niemals ein Wort der Reue über die Lippen kam und die auch bis heute über ihre "Taten" schweigen ...
Hannes Faber, 01.10.2013
3.
Ich habe mit dieser Art der Helden-Verehrung und -Verklärung auch so meine Probleme. Die selbsternannten "Intellektuellen" feiern - mit welcher Rechtfertigung auch immer - diese Frau, während man den Abscheu über einen Mehrfachmord der sogenannten "Klatschpresse" überlassen darf. Klar, ging ja auch "nur" um namenlose Polizisten und Taxifahrer.
Ernst Wilhelm, 01.10.2013
4.
Kleiner Hinweis. Stalin hat ja damals auch als Bankräuber angefangen. Beim Überfall auf die Bank von Tiflis 1907 gab es sogar 40 Tote auf einmal. Und Frauen waren auch dabei. Wobei das erotische solcher Akte sicherlich auch eine Rolle gespielt haben dürfte. Wie sagte schon Josef Fischer "Stalin war also so ein Typ wie wir, nicht nur, daß er sich auch als Revolutionär verstanden und gelebt hat, sondern er war im wahrsten Sinne des Wortes eben auch ein Typ." Und solche Typen, gewalttätig und mit sozialem Sendungsbewusstsein, kommen bei manchen Frauen offenbar gut an.
Manfred Haberkorn, 02.10.2013
5.
Es ist immer wieder erstaunlich, wie Kriminele und Killer verehrt werden, wenn sie sich nur den Anstrich des "Revolutionärs" geben, von Stalin über Guevara, hin zur RAF und Breivik. Eigentlich alles Verbrecher und Killer, trotzdem verehrt.
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