Mission "Apollo 10" Gefährliche Generalprobe für die Mondlandung

Kurz vor dem Flug von Neil Armstrong testete die Nasa die erste Mondlandung. Zwei Astronauten der "Apollo 10"-Mission wären mit der Fähre "Snoopy" fast abgestürzt - ihr Gefluche wurde live zur Erde gefunkt.

NASA/ Kosmos Verlag

Es war das Jahr der Entscheidung: 1969, zehn Jahre nachdem mit "Lunik 1" die erste Raumsonde in Richtung Mond gestartet war, sollten nun Menschen dort ihre Stiefelabdrücke hinterlassen. Würden es sowjetische oder US-Raumfahrer sein? Beide Nationen lieferten sich in den Sechzigerjahren einen verbissenen Kampf um die Führung im Weltall.

Bereits im Vorjahr hatte sich das Blatt gewendet: Die UdSSR, bei diesem Rennen lange vorn, musste konsterniert zusehen, wie die US-Raumfahrtbehörde Nasa vorbeizog. Weihnachten 1968 hatten die Astronauten von "Apollo 8" zehnmal den Mond umrundet und auch noch per Funk aus der biblischen Schöpfungsgeschichte rezitiert. Die Landefähre war zwar noch nicht fertig, erste Tests wurden jedoch im Frühjahr mit "Apollo 9" im Erdorbit nachgeholt und dabei auch die neuen Raumanzüge für den Mondflug getestet.

Dann kam im Mai "Apollo 10" und trug die Bürde der Generalprobe für die erste wirkliche Mondlandung, die im Erfolgsfall für den Sommer geplant war. Es war sozusagen eine Mondlandung ohne Landung. Als Kommandant hatte die Nasa Tom Stafford nominiert, John Young fungierte als Pilot der Kommandokapsel, Eugene Cernan steuerte die Landefähre. Alle drei hatten bereits durch "Gemini"-Missionen Erfahrung im All, es war der erste Flug ohne Weltraum-Novizen an Bord.

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"Apollo 10": Snoopy auf dem Weg zum Mond

Am 18. Mai kamen Tausende Schaulustige zum Startgelände in Florida, darunter gekrönte Häupter wie Belgiens König Baudouin mit Gattin Fabiola sowie König Hussein von Jordanien, als Fan von Raketenstarts bekannt. Als um 12.49 Uhr Ortszeit der donnernde Triebwerkslärm der "Saturn V" die VIP-Tribüne erreichte, hielten sich die Zuschauer die Ohren zu. Kerzengerade erhob sich die Mondrakete in den Himmel über Florida. Doch was für das Publikum nach einem Bilderbuchstart aussah, war für die Insassen der Kapsel an der Spitze der 110 Meter hohen Rakete ein Höllenritt.

Die Mondrakete bestand aus drei Stufen plus der Nutzlast aus Kommandokapsel und Mondlandefähre. Schon die erste Stufe war ein Ungetüm von 42 Meter Länge und 10 Meter Durchmesser. Im Innern befanden sich zwei Tanks, der untere enthielt kerosinähnlichen Treibstoff, der obere flüssigen Sauerstoff. Voll aufgetankt wog sie 2280 Tonnen. Noch während die erste Stufe brannte, traten sogenannte Pogo-Schwingungen auf und schüttelten die gesamte Rakete.

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Der Name stammt von einem Spielzeug, einem gefederten Hüpfstab, im Amerikanischen "Pogo-Stick". Der putzige Ausdruck ist irreführend: 13 Monate zuvor, beim unbemannten Flug von "Apollo 6", waren die Pogo-Vibrationen so heftig, dass die Rakete beschädigt wurde und ihren Zielorbit verfehlte. Im Extremfall können solche Vibrationen den Motor einer Flüssigkeitsrakete zerstören.

Als die zweite Stufe zündete, verschwand das Pogo-Problem nicht, die Astronauten wurden sogar noch stärker durchgerüttelt. "Was zur Hölle ging da vor sich? Das Raumschiff sprach zu uns, was es zu sagen hatte, konnte uns nicht gefallen", erinnerte sich Eugene Cernan 1999 in seinen Memoiren "The last Man on the Moon". Mit der dritten Stufe erreichte "Apollo 10" schließlich vergleichsweise komfortabel die Erdumlaufbahn: "Pogo verschwand, die Saturn bewegte sich wie ein Cadillac", schrieb Cernan. Eine Erdumkreisung später zündete die dritte Stufe erneut und schoss "Apollo 10" endgültig auf Mondkurs.

Nur 14 Kilometer über dem Mond

Kurz darauf trennte Young Oberstufe und Kommandokapsel, von der Crew "Charlie Brown" genannt, wendete die Kapsel und koppelte sie an die Mondfähre namens "Snoopy" an. Das Manöver mit dem Herausziehen der Fähre aus der Oberstufe verlief planmäßig und wurde live von vielen TV-Stationen übertragen. Im Mondorbit ging es darum, alle Manöver für die Landung durchzuführen - außer der Landung selbst. Die Genehmigung zur Abkopplung über der im Funkschatten liegenden Mondrückseite kam aus Houston mit den Worten: "Okay, Charlie Brown und Snoopy, ihr verschwindet hinter dem Hügel. Ihr habt Go zum Abkoppeln. Wir sehen uns auf der anderen Seite."

110 Kilometer über den Kratern trennten sich beide Raumschiffe. "Snoopys" Abstieg erfolgte bis in 14 Kilometer über der Oberfläche, die geringste Höhe, die einen direkten Wiederaufstieg ermöglichte. Die Verfolgung der Fähre auf ihrer niedrigen Bahn ermöglichte den Wissenschaftlern auch, mehr über die Unregelmäßigkeiten im Schwerefeld des Mondes zu lernen. Als nämlich "Apollo 8" den Mond umrundet hatte, war die Kapsel irritierend stark von der vorhergesagten Bahn abgewichen. Solche Überraschungen wollte man künftig vermeiden.

Aus der geringen Höhe sahen die Kraterwälle wie Gebirgsketten aus. Cernan schien es, als flogen sie mit der Fähre bereits unterhalb der Gipfel. "Ich sage euch, wir sind tief, wir sind so nah, Babe", funkte er aufgeregt erdwärts. Die Umlaufbahn führte auch über die vorgesehene Landestelle von "Apollo 11" - das Gelände schien weitgehend eben, an manchen Stellen allerdings übersät mit gefährlichen Felsbrocken.

Ein gefährliches Missverständnis

Offenbar gab es bei der Nasa Befürchtungen, dass die "Apollo 10"-Astronauten entgegen der Planung auf eigene Faust eine Landung versuchen könnten. Denn ursprünglich war "Apollo 10" für die erste Landung vorgesehen. Eugene Cernan dazu im Rückblick: "Die Situation änderte sich, als "Apollo 8" den Mond umkreiste, und zwar ohne Landefähre. Damit ergab sich ein Rückstand bei den nötigen Tests der Fähre. Wir hätten eine Landefähre gebraucht, die leichter gewesen wäre, denn man war immer noch damit beschäftigt, Gewicht einzusparen." Tatsächlich war in "Snoopys" Tanks zu wenig Treibstoff für einen kompletten Ab- und Wiederaufstieg. "Hätten wir tatsächlich versucht, auf dem Mond zu landen, wären wir nicht mehr hochgekommen."

So blieb es bei vier Umkreisungen. Nach sechs Stunden im Mondorbit war es Zeit, zur Kommandokapsel zurückzufliegen. Dafür musste zunächst die Abstiegsstufe der Fähre abgesprengt werden. Bei den Vorbereitungen kam es zu einem Missverständnis zwischen Cernan und Stafford und in der Folge zu einem Bedienungsfehler beim Umschalten zwischen zwei Kontrollsystemen.

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06.06.2019, 13:20 Uhr
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"Snoopy" begann, wild zu taumeln, die Astronauten verloren beinah die Kontrolle über ihre Fähre. "Son of a bitch", entfuhr es Cernan, "was zur Hölle ist hier los." Auch Staffords Gelassenheit war dahin: "Wir haben hier Ärger", funkte er nach Houston. Zu allem Überfluss erreichte ihr Gefluche das live zugeschaltete US-Publikum. Zwar konnte Stafford schon nach einigen Sekunden mit der manuellen Steuerung eine korrekte Fluglage wiederherstellen, doch der PR-Schaden war angerichtet. Spätere Analysen zeigten, dass es tatsächlich um Sekunden ging und ein Absturz der Fähre auf dem Mond drohte.

Das Rendezvous und das Andocken an "Charlie Brown" verlief hingegen reibungslos, beide Astronauten wechselten zurück ins Kommandomodul. "Snoopys" Aufstiegsstufe wurde abgekoppelt und ihr Triebwerk noch mal gezündet, um sie in eine Sonnenumlaufbahn zu bugsieren. Dort kreist sie bis heute, während die Abstiegsstufe längst auf dem Mond zerschellt ist.

Letzter Spaziergang auf dem Mond

Den Rückflug zur Erde absolvierte die Crew ohne weitere Probleme. Beim Wiedereintritt raste ihre Kapsel mit 39.897 Kilometern pro Stunde durch die Erdatmosphäre, die höchste je von Menschen erreichte Geschwindigkeit. "Apollo 10" wasserte am 26. Mai im Pazifik, rund 700 Kilometer östlich von Amerikanisch-Samoa.

Wegen seiner Kraftausdrücke musste sich Cernan vor laufenden TV-Kameras entschuldigen. Die vermeintlich verpasste Chance, zum ersten Team auf dem Mond zu gehören, nahm er betont gelassen: "Ich sagte zu Neil Armstrong kurz vor seinem historischen Flug: Jemand musste euch den Weg bahnen."

Im Dezember 1972 wurde seine Geduld belohnt: Als Kommandant von "Apollo 17" verbrachte er 75 Stunden auf der Mondoberfläche - Cernan war der bislang letzte Mensch, der über den Mond spazierte. Bereits acht Monate zuvor hatte John Young mit "Apollo 16" dort seine Spuren hinterlassen und flog später noch zweimal mit der Raumfähre "Columbia".

Tom Stafford, Jahrgang 1930, ist der letzte noch lebende "Apollo 10"-Astronaut. Er startete 1975 zu einer gemeinsamen Mission mit einer sowjetischen "Sojus"-Crew in die Erdumlaufbahn, der letzten Mission im "Apollo"-Programm. Die UdSSR hatte zu dieser Zeit ihr bemanntes Mondprogramm bereits aufgegeben - Kosmonauten haben den Mond nie betreten.

insgesamt 8 Beiträge
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Hans Dieter Timmerkamp, 20.05.2019
1. Warum Umlaufbahn um die Sonne?
Das Aufstiegmodul von Snoopy ist nicht das einzige Bauteil aus dem Apollo Programm, das um die Sonne kreist. Was ist eigentlich der Grund dafür, das Zeug nicht direkt in die Sonne zu schießen? Umweltschutz?
Alfred Santfort, 20.05.2019
2. @ Hans Dieter Timmerkamp
Erde und Mond kreisen seit Milliarden Jahren um die Sonne, fallen demnach nicht in diese. Wollte die NASA den Weltraumschrott in die Sonne lenken, müsste eine große Menge Brennstoff dafür verwendet werden, das Landemodul so abzubremsen, dass es in einer Bremsspirale in die Sonne stürzen kann. Vermutlich hätte das Aufstiegsmodul von Snoopy den nötigen Brennstoff nicht mitführen können. Es wäre glatter Blödsinn gewesen, mehr als zum Aufstieg zur Kommandokapsel mitzuführen. Der Sonne wären ein paar Kilo Schrott von ihrem Trabanten Erde gleichgültig, "Sonnenschutz" war sicher kein Motiv!
Steffen Hopf, 20.05.2019
3.
Wo bleiben denn die Verschwörungstheoretiker? Schon 2 Kommentare zum Thema Mondlandung und immer noch nichts über die Verschwörung der Illuminaten und Reptilienmenschen, die die schröckliche Wahrheit auf immer und ewig verheimlichen möchte?
Peter Streit, 20.05.2019
4. Kurs um die Sonne
Hallo, ist die Umlaufbahn, vielleicht auch die genauere Position dieses Modules "Snoopy" ermittelbar ? Inwieweit ist "Snoopy" vielleicht kontaktierbar oder sogar noch nachnutzbar ? Ist sie das einzige Mondlandemodul (o.ä.) auf so einer Bahn ?
Volker franz, 21.05.2019
5. Fakt (keine VT) ist Dass Nixon nicht an Eine erfolgreiche
Mondlandung glaubte und bereits Eine vorgefertigte Trauerrede einstudiert hatte.
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