Apollo-11-Mission Trauerrede für den Mann im Mond

Blaupause für die Katastrophe: Was, wenn die Mondmission 1969 in einem Desaster geendet hätte? Tatsächlich gab es Vorbereitungen für den schlimmsten Fall, sogar eine geheime Ansprache für Präsident Nixon. einestages hat Washingtons Plan B nachgespürt - und zeigt die Nixon-Rede ungekürzt.

DPA

New York - Sie wären einen stillen, langsamen, einsamen Tod gestorben. Abgeschnitten von jeder Kommunikation mit der Erde und ohne Hoffnung auf Rückkehr oder Rettung, wären die Astronauten Neil Armstrong und Buzz Aldrin qualvoll erstickt - im luftleeren Raum, 380.000 Kilometer von der Heimat entfernt.

Am Ende ist es nicht so weit gekommen. Doch um ein Haar hätte die erste Mondlandung der Menschheit vor 40 Jahren in einer furchtbaren Katastrophe geendet. Gene Kranz, damals Nasa-Flugdirektor, erinnert sich heute noch mit Schaudern. "Jemand hat gesagt, dass eine Milliarde Menschen - ein Fünftel der Erdbevölkerung - der Landung zusahen", sagte er der Zeitung "Sun". "Was sie nicht ahnten, war, wie nahe wir an der Katastrophe vorbeischrammten."

Nachdem sie die Mondumlaufbahn erreicht hatten, dockten Armstrong und Aldrin mit der Landefähre "Eagle" vom Mutterschiff ab, während Kommandant Collins die Stellung hielt. Doch ihr Anflug geriet zu einem Wettrennen gegen die Uhr. Wegen technischer Macken, Kommunikationsproblemen und einer unbeabsichtigten Bahnänderungen musste Armstrong am Schluss manuell steuern. Als die "Eagle" auf dem Mond aufsetzte, hatte sie nur noch Treibstoff für knapp 17 Sekunden übrig.

Wäre die "Eagle" auf dem Mond zerschellt, so Kranz, hätte das viel mehr bedeutet als den Verlust eines Raumschiffs und zweier Astronauten. "Es wäre das Ende des 'Apollo'-Programms gewesen."

Trauerrede für die Astronauten

Größere Sorge bereitete den Nasa-Technikern allerdings noch etwas anderes: Dass Armstrong und Aldrin vom Mond nicht mehr zur "Apollo 11" zurückkommen würden. Niemand wusste, ob es der "Eagle" gelingen würde, wieder abzuheben. "Hätten sie das nicht geschafft, wären sie gestrandet", sagte der Nasa-Historiker Roger Launis der BBC.

Was weder die Weltöffentlichkeit noch die Astronauten damals wussten: Das Weiße Haus hatte sich längst auf diese Eventualität vorbereitet - unter anderem mit einer fertigen Traueransprache an die Nation, die US-Präsident Richard Nixon im Fall eines Scheiterns der Mission gehalten hätte.

"Das Schicksal hat bestimmt, dass die Männer, die zum Mond flogen, um dort in Frieden zu forschen, auf dem Mond bleiben werden, um dort in Frieden zu ruhen", hieß es in Nixons Redemanuskript, das jahrzehntelang unbeachtet in den klimatisierten Katakomben des US-Nationalarchivs in Washington schlummerte. "Jeder Mensch, der in künftigen Nächten zum Mond aufschaut, wird wissen, dass es einen Winkel einer anderen Welt gibt, der für immer zur Menschheit gehört."

Tod in galaktischer Funkstille

Der geheime Nachruf auf die "Apollo 11"-Crew offenbart, welches Drama sich nicht nur auf den Bildschirmen abspielte, über die die ersten Schritte Armstrongs im Mare Tranquillitatis, dem Meer der Ruhe, live und schwarzweiß flimmerten. Sondern auch hinter den Kulissen, wo mit dem Schlimmsten gerechnet wurde. Wäre es Armstrong und Aldrin nicht gelungen, vom Mond zur "Apollo 11" zurückzukehren, hätten sie sich selbst überlassen werden sollen - zum Sterben in galaktischer Funkstille.

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Nixons Trauerrede: "Sie werden von einer Mutter Erde betrauert werden"

Es waren die Nixon-Berater H.R. Haldeman und Peter Flanigan, die dieses makabre Szenario im Detail festklopften. Sie reagierten damit auf eine Empfehlung von Nixons Redenschreiber William Safire. Der wurde, als er über Nixons Lobrede für "Apollo 11" saß, seinerseits vom Ex-Astronauten Frank Borman, dem Nasa-Verbindungsmann zum Weißen Haus, auf ein mögliches Worst-Case-Szenario hingewiesen. Erst lange, nachdem er als Kolumnist zur "New York Times" gewechselt war, offenbarte Safire die warnenden Worte Bormans: "Du überlegst dir besser eine alternative Stellungnahme des Präsidenten, falls es ein Missgeschick gibt."

Also schickte Safire den Chefplanern zwei Tage nach dem Start von "Apollo 11" und zwei Tage vor der Mondlandung ein getipptes, vierseitiges Memo mit der ominösen Überschrift: "Für den Fall eines Mond-Desasters." Darin schlug er folgendes Protokoll vor: Bei einem Unglück solle Nixon erst die "Witwen in spe anrufen", um ihnen "das aufrichtigste Beileid einer tieftraurigen Nation" zu übermitteln, und dann eine Rede an diese Nation selbst halten.

Anschließend hätte Nasa die Kommunikation mit den gestrandeten Männern gekappt und einen Priester mit einer Art modifizierten Seebestattung beauftragt, um die Seelen der Astronauten "den tiefsten Tiefen" anzuvertrauen - gefolgt vom Vaterunser.

Die Geschichte einer Tragödie, die keine war

Die ungenutzte Rede, die Safire für Nixon entwarf, umfasst 233 schicksalsschwangere Worte. "Diese tapferen Männer, Neil Armstrong und Buzz Aldrin, wissen, dass keine Hoffnung auf ihre Rettung besteht", hätte der Präsident gesagt, die Mondgestrandeten noch im Präsens würdigend. "Doch sie wissen auch, dass in ihrem Opfer Hoffnung für die Menschheit liegt."

Drei Jahrzehnte lang war Nixons Backup-Rede "top secret", versteckt vor den Augen der Welt in den Privatpapieren des Präsidenten im US-Nationalarchiv. Erst zum 30. Jahrestag 1999 grub sie Jim Mann aus, ein Reporter der "Los Angeles Times". "Die Geschichte einer Tragödie, die keine war", betitelte er seinen Bericht. Dann verschwanden die Papiere wieder in der Versenkung - bis heute.

Auch Safire schwieg 30 Jahre lang und gab seine Rolle erst 1999 preis. Der frühere PR-Mann hatte sich schon Nixons erstem Wahlkampf 1960 angeschlossen. Nixon verlor gegen John F. Kennedy, der sich in seiner Antrittsrede dem Ziel verschrieb, bis 1970 "einen Mann auf dem Mond landen zu lassen und ihn sicher zur Erde zurückzubringen".

Es war freilich Nixon, unter dem das 1969 vollbracht wurde. Auch diesmal war Safire dabei, als Redenschreiber im Weißen Haus. Später ging er zur "New York Times", gewann einen Pulitzerpreis, machte sich als erzkonservativer Kolumnist viel Feind und Ehr und zog sich 2005 in den Halbruhestand zurück. Weitere Nachfragen nach der "Apollo"-Rede ließ der heute 79-Jährige unbeantwortet.

Trauerrede nach Trainingsunfall

Es würde 17 Jahre dauern, bis die Nasa - die zuletzt 1967 drei "Apollo 1"-Astronauten bei einem Trainingsunfall am Boden verloren hatte - wieder Tote beklagte: die sieben Crew-Mitglieder der "Challenger", die am 28. Januar 1986 kurz nach dem Start explodierte. Am selben Tag wandte sich Präsident Ronald Reagan aus dem Oval Office an die TV-Nation.

"Wir werden sie nie vergessen", sagte Reagan zum Schluss der bewegenden Rede, ein Gedicht des Kampfpiloten James Gillespie Magee zitierend, "noch das letzte Mal, dass wir sie gesehen haben, heute Morgen, als sie sich für die Reise vorbereiteten und zum Abschied winkten und den harschen Fesseln der Erde entschlüpften, um Gottes Antlitz zu berühren."

Verfasst hatte diese Worte Reagans Redenschreiberin Peggy Noonan. Allerdings waren sie diesmal nicht vorbereitet, sondern nach dem Unglück in aller Schnelle entstanden. Auch Noonan wurde später Kolumnistin, beim "Wall Street Journal" - ebenso wie Ghostwriter Michael Gerson, der George W. Bushs Rede nach der "Columbia"-Tragödie 2003 entwarf und heute für die "Washington Post" schreibt. Die Raumfähre "Columbia" war übrigens nach dem Steuermodul der "Apollo 11" benannt.

Neil Armstrong, 78, Buzz Aldrin, 79, und Michael Collins, 78, sollen jetzt bei den "Apollo 11"-Jubiläumsfeiern von der Nasa geehrt werden. Eine präsidiale Rede ist nicht geplant.



insgesamt 4 Beiträge
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Ralf Bülow, 08.07.2009
1.
So unbekannt ist Nixons ungehaltene Mond-Rede aber nicht, was man schnell sieht, wenn man mit "Nixon" und den Anfangsworten der Rede - "Fate has ordained" - googelt. Am Ende spielt der Text übrigens auf das berühmte Kriegsgedicht "The Soldier" von Rupert Brooke an, wobei "forever England" zu "forever Mankind" wird.
Dirk Kämper, 08.07.2009
2.
Es gibt sie auch schon lange in dtsch. Übersetzung im Netz. z.B: http://www.science-explorer.de/mondmission.htm Wenn ich mich nicht irre, kannten die Astroauten den Text schon vor ihrem Abflug. Aldrin jedenfalls ist der Meinung, Nixon hätte nur einen guten Job gemacht und wäre mit dieser Rede auf einen durchaus möglichen Zwischenfall gut vorbereitet gewesen. Das haber von einem Präsidenten auch erwartet. Besser als Reagan dann Jahre später.
Martin Holtmann, 09.07.2009
3.
Das zugrundeliegende Szenario war eine offensichtlich reale Option. Grund genug also, auch für den Fall aller Fälle Vorsorge zu treffen. Was mir aber nicht in den Kopf will: warum, um Himmels willen, sollte bei einem Stranden der Astronauten auf dem Mond der Funkverkehr gekappt werden? Gab es hierfür rationale Gründe oder ließ sich die NASA hier von der sprichwörtlichen Unaussprechlichkeit des Schlimmstmöglichen leiten und fürchtete einfach nur das Gespräch mit Todgeweihten?
Matthias Herkommer, 19.07.2019
4.
Zitat von Martin HoltmannDas zugrundeliegende Szenario war eine offensichtlich reale Option. Grund genug also, auch für den Fall aller Fälle Vorsorge zu treffen. Was mir aber nicht in den Kopf will: warum, um Himmels willen, sollte bei einem Stranden der Astronauten auf dem Mond der Funkverkehr gekappt werden? Gab es hierfür rationale Gründe oder ließ sich die NASA hier von der sprichwörtlichen Unaussprechlichkeit des Schlimmstmöglichen leiten und fürchtete einfach nur das Gespräch mit Todgeweihten?
Vielleicht, weil es nicht so angenehm ist, wenn einem Milliarden Menschen beim jämmerlichen Krepieren zuschauen. Natürlich hätte man den Astronauten alle Zeit gelassen zu sagen, was sie noch auf dem Herzen gehabt hätten und erst abgeschaltet, wenn sie dies gewünscht hätten. In der Situation hätten die Astronauten vielleicht noch 1 Tag Sauerstoff gehabt. Natürlich hätte man in der Zeit alles Menschenmögliche versucht, um doch noch einen Rückstart zu ermöglichen. Und wenn man nur von Außen mal ordentlich gegen die Triebwerke getreten hätte. Aber irgendwann wäre dann der Moment gekommen, wo der Sauerstoff nicht mehr gereicht hätte, um noch zum Mutterschiff zu kommen, selbst wenn der Start plötzlich doch noch geklappt hätte. Spätestens dann wäre die Situation hoffnungslos gewesen. Anzunehmen ist, dass die beiden dann vorher selbst dem Leben ein Ende gesetzt hätten. Vielleicht wären sie noch mal auf die Mondoberfläche gegangen und hätten dann einfach den Helm aufgemacht. Und sowas macht man dann halt gerne unbeobachtet. In den Medien kursierten damals Berichte, dass für solche Katastrophenfälle Gift an Bord wäre. Aber die Astronauten haben das in einem Interview mal verneint, das wäre gar nicht notwendig. Man müsste ja nur die Tür aufmachen und dann wäre man in Sekunden tot. Interessant natürlich noch die Frage, was Collins im Mutterschiff allein gemacht hätte. Hätte er überhaupt alleine zur Erde zurückfliegen können oder waren für die Bedienung der verschiedenen Mannöver mehrere Personen notwendig? Dann wäre vielleicht auch Collins noch oben geblieben. Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, als der Rückstart von der Mondoberfläche geplant war. Ich war damals 11 und habe dem ganzen atemlos zugeschaut.
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