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12. Oktober 2009, 11:18 Uhr

Attentat auf Wolfgang Schäuble

Der blutige Wahlkampf

Es fielen drei Schüsse - dann wälzte sich Wolfgang Schäuble auf dem Boden. Auf einer Wahlkampfveranstaltung wurde der damalige Bundesinnenminister von einem geistig verwirrten Attentäter schwer verletzt. Seither sitzt der CDU-Politiker im Rollstuhl.

Mit blutigen Angriffen auf zwei führende Politiker bleibt der Wahlkampf zum ersten gesamtdeutschen Bundestag im Jahr 1990 in unguter Erinnerung. Im April 1990 wurde Oskar Lafontaine, SPD-Kandidat und Kohl-Herausforderer, von einer geistig verwirrten Frau mit einem Messer angegriffen und nahe der Halsschlagader verletzt, Lafontaine überlebte. Ein halbes Jahr später, am 12 Oktober 1990, schoss ein geistig verwirrter Täter auf den damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble. Seitdem sitzt Schäuble querschnittsgelähmt im Rollstuhl.

Das Attentat

Am Abend des 12. Oktober 1990 gastierte Wolfgang Schäuble auf seiner Tour zum Bundestagswahlkampf im badischen Oppenau im idyllischen Schwarzwald. Schwer würde es der Innenminister an diesem Abend nicht haben. Die knapp 300 Zuhörer im Oppenauer Gasthof "Bruder" waren fast ausnahmslos Anhänger der CDU. Der Journalist Hans-Peter Schütz hat Wolfgang Schäubles politisches Leben jahrelang begleitet und wurde zum Zeugen des Attentats: "Die waren begeistert von ihrem Mann. Er hat in diesem Wahlkreis immer weit über 50 Prozent Stimmen bekommen. Er hat eine Rede gehalten und da haben sie alle total begeistert geklatscht. Das war im Heimatwahlkreis! Das war für ihn keine besonders riskante Geschichte."

Unter den begeisterten Zuhörern war auch der bereits vorbestrafte 36-jährige Vermessungsgehilfe Dieter Kaufmann. Still und unauffällig verfolgte er die eineinhalbstündige Wahlkampfrede. Als Wolfgang Schäuble gegen 22 Uhr den Gasthof verlassen möchte, zog Kaufmann aus seiner schwarzen Lederjacke einen kleinen Trommelrevolver. Die Waffe hatte er aus dem Jagdschrank seines Vaters entwendet. Kaufmann drückte aus nächster Nähe drei Mal ab.

Tatmotiv Rache

Der erste Schuss traf Schäuble am Kopf und zertrümmerte die rechte Kieferseite. Die zweite Kugel ging direkt in den Rücken und blieb an der Wirbelsäule stecken. Durch eine schnelle Reaktion konnte Schäubles Personenschützer die dritte Kugel abfangen und erlitt einen Bauchstreifschuss. Hans-Peter Schütz sagte später darüber: "Ich selbst habe es zunächst gar nicht gemerkt. Ich dachte, es sind zwei Ballons geplatzt dort drinnen. Bis er plötzlich vor meinen Füßen lag und sein Bein noch zuckte und er stöhnte ,Ich spüre mein Bein nicht mehr'. Dann ging die Tür auf, seine Tochter Christine kam herein und schrie, als sie ihren Papa da auf dem Boden liegen sah."

Als Grund für seine Tat gab Kaufmann später zu Protokoll, er habe sich für den "psychischen und physischen Terror" rächen wollen, den ihm der Staat angetan habe. Schäuble habe er als Zielscheibe seiner Rache gewählt, weil dieser eine Symbolfigur der Bundesrepublik sei. Noch in der Nacht wurde Schäuble in die Freiburger Uniklinik geflogen. Fachärzte kämpften mehrere Tage um das Leben des Innenministers. Seitdem braucht Schäuble, der zuvor jede Minute seiner Freizeit mit Tennis, Fußball oder Laufen verbrachte, mit einer Querschnittslähmung ab dem dritten Brustwirbel abwärts für den Rest seines Lebens einen Rollstuhl.


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Vollblutpolitiker Schäuble

Schäubles glänzende politische Karriere schien mit einem Schlag vorbei. Dazu Hans-Peter Schütz: "1990 war er der große Hoffnungsträger von Helmut Kohl und auch in diesem Wahlkampf. Zuvor war er Kanzleramtsminister gewesen, jetzt war er Innenminister, er hatte die deutsche Einheit organisiert. Wolfgang Schäuble, das war damals klar, das ist der wichtigste Mann in der Union hinter Helmut Kohl."

Doch Kanzler Kohl musste nicht lange auf seinen Schützling verzichten. Nach nur sechs Wochen stürzte sich Schäuble wieder in seine Arbeit. Ein Ausstieg aus dem politischen Geschäft kam für den Vollblutpolitiker Schäuble nicht in Frage. Die schnelle Rückkehr in die Politik half Schäuble seine neue Lebenssituation zu ertragen und die Behinderung als Schicksalsschlag zu akzeptieren, wie er selbst im Januar 2009 sagte: "So ist das im Leben. Das kann von einer Sekunde auf die andere ganz anders sein. Das ist aber menschliches Leben. Sie können sich ganz glücklich ins Auto setzen, freuen sich, ins Wochenende zu fahren, erleiden einen Autounfall und alles ist von einer Sekunde auf die andere ganz anders. Manchmal liegen ,Himmelhochjauchzen' und ,zu Tode betrübt' nah beieinander."

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