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20. März 2014, 06:06 Uhr

Auftragsfotografie in der DDR

Diktatur der bunten Bilder

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Fotos "für die Stärkung der DDR": Das Deutsche Historische Museum Berlin zeigte 2014 erstmals die Farbaufnahmen zweier freiberuflicher Ost-Fotografen und hinterfragt ihre Rolle im Staat. Waren die beiden unpolitische Handwerker oder Herolde des Sozialismus?

Am Anfang waren die Fischfotos. Fotos, wie Carola Jüllig sie nie erwartet hatte. Über Wochen und Monate arbeitete sich die Kuratorin des Deutschen Historischen Museums (DHM) durch den Nachlass des DDR-Fotografen Kurt Schwarzer. Fast 50.000 Negative, überwiegend schwarzweiß, ein Lebenswerk. An den Farbaufnahmen blieb ihr Blick hängen. Sie zeigten Überraschendes: frittierte Tintenfischringe, Hummer, gegrillte Forelle mit Ananas. Angerichtet und drapiert neben leuchtenden Orangen und Zitronen auf einem makellos blauen Tischtuch.

Der Hummer in einem Stillleben mit Fischernetz und Ostseesand, umgeben von üppig gefüllten Dessertschalen, erwies sich bei näherer Betrachtung als Plastikdekoration, doch die übrigen Speisen waren echt. Abgelichtet auf Diapositiv. Das Erstaunlichste allerdings: Die Food-Styling-Inszenierung hatte nicht auf einem Staatsempfang stattgefunden. Die Bilder erschienen in den sechziger Jahren im Rezepteheft "Neue Fischtips" im Verlag für die Frau in Leipzig.

"Unser Bild der DDR ist schwarzweiß", sagt Carola Jüllig.

25 Jahre nach dem Mauerfall hängt Schwarzers Fisch nun als großformatiger Abzug in einer Ausstellung des DHM in Berlin. "Farbe für die Republik, Auftragsfotografie vom Leben in der DDR", lautet der Titel. Ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der DDR entdeckten die Ausstellungsmacher eine bislang kaum beleuchtete Seite der Fotografie aus dem Arbeiter- und Bauernstaat. Die Aufmerksamkeit hatte bisher vor allem sozialdokumentarischen Fotografien gegolten, Schwarzweiß-Aufnahmen vom Leben im Osten, die den sozialistisch-zentralistischen Einheitsstaat im sinnfälligen Grau zeigten. Sie prägten die Sehgewohnheiten. "Unser Bild der DDR ist schwarzweiß", sagt Carola Jüllig. Wohl deshalb hatte sie der Farbfund in Schwarzers Werk überrascht.

Glückliche Gesichter

Die Farbaufnahmen stammen aus der offiziellen journalistischen Bildproduktion der DDR. Im Archiv des Fotografen sind sie in der Minderheit - nur rund 1600 Motive der fast 50.000 Bilder.

Bemerkenswert an der Auswahl der Bilder, die das DHM nun in Berlin präsentiert, ist die Tatsache, dass sie von zwei Fotografen stammen - neben Schwarzer noch von Martin Schmidt -, die in der DDR freiberuflich tätig waren. Ihre Aufnahmen erschienen in Zeitschriften, Publikationen von Massenorganisationen oder als Werbefotos Volkseigener Betriebe auf Messen. Doch wie ging das zusammen - Propaganda und berufliche Unabhängigkeit? Beiden Fotografen ist gemein, dass sie sich nie als Künstler verstanden. Das, was sie ablieferten, war sogenannte Gebrauchsfotografie. Wie weit aber ließ sich ein freier Fotograf gebrauchen?

Die Arbeiter und Bauern, vor allem aber die Arbeiterinnen und Bäuerinnen auf den Fotos von Schmidt und Schwarzer strahlen. Wenn sie an Maschinen stehen. Wenn sie einkaufen. Wenn sie Kinderwagen schieben. Glückliche Gesichter zufriedener Menschen im Sozialismus, so sieht es aus und so sollte es aussehen. "Die Farbfotografie als spezielle Form der Bildjournalistik ist in der Lage, dem Leser neue Aspekte in der Erkenntnis der gesellschaftlichen Probleme zu vermitteln", hieß es in einem Papier des Berufsverbandes der DDR-Journalisten. "Sie ist in der Lage, die Vielfalt und Schönheit unseres Lebens deutlich sichtbar zu machen."

Nie war das offizielle Foto einfach nur schmückendes Beiwerk, nie unpolitisch, immer auch die "geistige Bewältigung des Inhalts, die künstlerische Widerspiegelung, der politisch-ideologische Standpunkt des Bildautors." So sah es die Berufsdoktrin weiter vor. Auch, wenn sich der Fotograf selbst anders sah.

"Unpolitischer Handwerker"

Schwarzer, der 2012 im Alter von 85 Jahren starb, hatte sich selbst als "unpolitischen Handwerker" bezeichnet. Er war Autodidakt, hatte nach dem Krieg als Fotolaborant angefangen und sich dann selbst in der Uni-Bibliothek angelesen, was man für das Fotografenhandwerk brauchte. Filme und Chemikalien für die Entwicklung kaufte er sich im ganzen Land zusammen, für eine einzige Substanz fuhr er manchmal bis nach Sachsen, oder er brachte aus der besser versorgten "Hauptstadt der DDR" Apfelsinen bis nach Görlitz, wenn es dort jemanden gab, der ihm eine Kamera nach seinen Wünschen umbaute.

Lieblingsthemen oder Spezialgebiete gab es für ihn nicht. Schwarzer machte alles.

Angestellt zunächst als Bildreporter bei der Zeitschrift "Frau von heute", entschied er sich 1957 für die freiberufliche Tätigkeit, weil das Honorar deutlich höher lag als das Festgehalt, wenn er außer für die Zeitschrift auch noch für andere staatliche Auftraggeber wie Magazine, Betriebe, Messen und Massenorganisationen arbeiten konnte. Sein Talent, Bildwünsche kreativ umzusetzen, hatte sich herumgesprochen.

Lieblingsthemen oder Spezialgebiete gab es für ihn nicht. Kleinbild oder Großformat? Schwarzer machte alles. Niemals hätte er einen staatlichen Auftrag abgelehnt. Bis zum Ende der DDR konnte er so gut von seinem Handwerk leben. Kritik am Staat war für ihn kein Thema. Das hatte wohl auch mit der Zeit zu tun, in der Schwarzer aufgewachsen war: Er hielt es für "das größte Wunder überhaupt", so sagte er 2011 in einem Interview mit dem DHM, dass er "den Krieg überleben" konnte und die Monate danach, in denen man ihn zum Minensuchen in den Oderbruch geschickt hatte. "Eine solche berufliche Zeit", wie er sie danach habe erleben dürfen, das sei "wie eine Offenbarung".

"Ich bin kein Fotograf, ich bin Bildjournalist"

Der zwei Jahre ältere, 1925 geborene Martin Schmidt entstammt der gleichen Generation. Doch anders als Schwarzer wollte er keineswegs unpolitisch sein. Er trat in die SED ein und ließ sich in der DDR zum Journalisten ausbilden - zu einem "sozialistischen Journalisten", der sich laut Berufsbild nicht durch Unabhängigkeit und Überparteilichkeit auszeichnete, sondern explizit "für die Stärkung der DDR und im Interesse des proletarischen Internationalismus" arbeitete. Etwa bei einer der rund 500 in der DDR erschienenen Zeitschriften, die allesamt den Anweisungen und der Kontrolle der Abteilung für Agitation und Propaganda des Zentralkomitees der SED unterlagen.

Zunächst als Schreibender, später als leidenschaftlicher Bildreporter war für Schmidt immer der Inhalt wichtig: "Das war für mich die ganze Motivation in der Arbeit: eine neue Gesellschaft aufzubauen", sagte er 2012 im Interview mit dem DHM. Seine Einstellung änderte sich auch nicht, als er 1959 nach einer Auseinandersetzung seine Festanstellung verlor und sich nur noch freiberuflich betätigen konnte. "Ich bin kein Fotograf, ich bin Bildjournalist", erklärt Schmidt sein Selbstverständnis. Seine Themen und Reportagen habe er selbst konzipiert.

Als ihm Zentralbild, die Bildagentur des staatlichen Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienstes (ADN), schließlich doch eine Festanstellung anbot, so erzählt Schmidt, habe er abgelehnt. Mit den Aufträgen, die er mittlerweile bekam, würde er als Freiberufler "doppelt so viel" verdienen.

Beide, Schmidt wie Schwarzer, zeichnete ihr großes fotografisches Geschick aus. Wohl aber auch die Fähigkeit, der Diktatur mit ihren Fallstricken, Zwängen und Abhängigkeiten auf jeweils eigene Art zu begegnen. Beide waren bis zum Ende der DDR gut im Geschäft - vielleicht war das ihr größtes Talent.

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