Auschwitz-Überlebender Borlant "Jetzt heißt du nicht mehr Henri, jetzt bist du Nummer 51055"

Henri Borlant wurde im Juli 1942 von Frankreich nach Auschwitz deportiert. In einem Zeitzeugen-Projekt des SPIEGEL berichtet er von der unmenschlichen Reise, dem Alltag im KZ und seiner Strategie gegen das Verhungern.

Dimitrij Leltschuk

70 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee erzählen ehemalige Häftlinge aus ihrem Alltag in der Todesfabrik.

Im Rahmen eines großen SPIEGEL-Projekts wurden weltweit 20 ehemalige Auschwitz-Häftlinge befragt und ihre Überlebens-Geschichten protokolliert. Auch der Franzose Henri Borlant berichtete dem SPIEGEL über seine Leidensjahre in dem Konzentrations- und Vernichtungslager. Nach dem Krieg hatte er in Frankreich Medizin studiert und eine deutsche Frau geheiratet, "die ihre Heimat verlassen hat", wie er sagt, "weil sie nicht fassen konnte, was man den Juden dort angetan hat".

Meine Eltern haben ihre Heimat Russland verlassen, weil sie als Juden dort schlecht behandelt wurden. Sie wollten endlich ganz normale Bürger sein; sie waren es leid, immer ausgeschlossen zu werden und Angst um ihre Familien zu haben. Freunde hatten ihnen von Frankreich erzählt, dem Land der Aufklärung, wo alle die gleichen Rechte besitzen.

Deshalb bin ich am 5. Juni 1927 auch nicht in London oder in New York geboren worden, sondern in Paris. Meine Eltern hatten genau seit vier Wochen die französische Staatsbürgerschaft und waren sehr stolz darauf. Und ich bin ihnen bis heute dankbar, dass ich nicht in einem Land geboren wurde, das vom Zaren-Regime nahtlos in den Kommunismus überging.

Jüdisch zu sein bedeutete für mich als Kind, Eltern zu haben, die von einem anderen Ort kommen und die mit Akzent sprechen. Es war also gar keine religiöse Sache. Ich glaube, ich habe meinen Vater nie beten hören. Wir wohnten damals in einem sehr einfachen Viertel, zusammen mit anderen Arbeiterfamilien, an der Place d'Italie.

Meine Kindheit dauerte ziemlich genau bis Ende August 1939, dann wurden wir aus Paris fortgebracht. Das hatte nichts damit zu tun, dass wir Juden waren. Viele Arbeiterfamilien aus dem übervölkerten Paris wurden damals aufs Land gebracht. In einem Dorf bei Angers in Westfrankreich haben wir uns in einer leer stehenden Wohnung einquartiert, neben einer Bauernfamilie.

Selbst als der Krieg begann und immer länger dauerte, ging es uns noch gut in diesem Dorf. Es gab genügend zu essen, wir lebten ja auf dem Land. Aber fast drei Jahre später, am 15. Juli 1942, kamen die sogenannten Feldgendarmen. Sie hatten eine Liste, auf der stand, dass sämtliche Mitglieder unserer Familie zwischen 15 und 50 Jahren verhaftet werden sollten.

Auch meine Mutter wurde verhaftet, und das fand ich bizarr, denn ich dachte, es ginge darum, in Deutschland zu arbeiten. Meine Mutter, die ihr Leben damit zugebracht hatte, Kinder zu kriegen, war krank, dick und kurzatmig. Was und wo um Himmels willen sollte sie arbeiten?, dachte ich damals. Ich machte mir große Sorgen. Wissen Sie, ich war ein ziemlich netter Junge. Ich war sehr gut in der Schule, ich glaubte an Gott, und ich liebte meine Mutter. Ich habe immer versucht, ihr, wo es ging, zu helfen.

Kurz darauf wurden wir in einen Viehwaggon verladen. 824 Menschen. Keine Fenster, keine Sitze. Nichts zu essen, kein Wasser. Es war der achte Konvoi von Juden, der Frankreich in Richtung Konzentrationslager verließ. Aber das wussten wir natürlich nicht.

Der Zug hielt, wir fielen hinaus

Es war Juli und drückend heiß. Ich musste die ganze Zeit an meine Mutter denken. Wo war sie, was machte sie, wie ging es ihr? Daran habe ich gedacht, und dann habe ich mich darauf konzentriert, nicht aufs Klo zu müssen. Ich hatte Angst, vor den Augen der anderen aufs Klo zu müssen. Es gab ja nur dieses Fass in der Ecke.

Und das war fürchterlich, weil es natürlich irgendwann voll war und überzulaufen begann. Diese Reise war die Hölle, aber wir haben das alle gar nicht so recht begriffen, denn: Wir hatten ja nichts getan. Wir waren keine Widerstandskämpfer. Wir hatten den Krieg verloren, gut. Und damit eine Regierung bekommen, die mit den Deutschen kollaborierte. Was uns da draußen auf dem Land aber nicht weiter gestört hatte.

Dann hielt der Zug an, und wir fielen hinaus. Wir waren völlig steif, weil wir uns so lange nicht bewegt hatten. Draußen schrien Männer: "Raus, raus, schnell." Da waren Soldaten mit Hunden und Gewehren. Lastwagen voller Menschen, mit Alten und Babys, fuhren an uns vorbei. Erst später haben wir die Kapos, die Blockältesten, die Vorarbeiter gefragt, wo eigentlich diese Lastwagen hinfuhren. Sie schauten in Richtung der rauchenden Kamine und sagten: in die Gaskammer. Wir haben das zuerst natürlich auch nicht geglaubt. Später aber schon. Endstation Birkenau.

Es wurde nur noch geschrien und geschlagen

Das Schlimmste war diese Ankunft, wie wir geschlagen wurden, uns nackt ausziehen mussten. Ich sah meinen Vater, nackt, vor schreienden und schlagenden Soldaten. Wir wurden kahl rasiert, unter den Achseln, an der Scham. In diesem Moment habe ich aufgehört zu denken, ich hatte einfach nur Angst. Der Anfang war schlimm. Alles, was ich bisher gekannt hatte, durch meine Erziehung, die Schule, all das war weg. Es wurde nur noch geschrien und geschlagen. Wir waren keine Menschen mehr, unsere Leben hatten keinen Wert. Und so wurden wir auch behandelt. Wie Stücke, nicht wie Menschen. 51055, das war meine Nummer.

Als ich tätowiert wurde, dachte ich: Das wird dir bleiben, für immer. Jetzt heißt du nicht mehr Henri, jetzt bist du Nummer 51055. Und sie ist mir geblieben, diese Nummer.

Ich wollte sie nie entfernen lassen. Meine Großeltern und eine Schwester meiner Mutter wurden vergast, die Familie meines Vaters wurde vernichtet. Ich vergesse das nicht, ob mit oder ohne Nummer. In Birkenau mussten wir Holzkisten tragen, schwere, sperrige Dinger, gefüllt mit Steinen und Sand. Ich bekam Typhus und Ruhr, meine Füße waren voller Blasen, die sich entzündeten. Alle hatten Läuse. Und dann der Hunger. Ich konnte nicht mehr denken. Nur arbeiten, überleben. Wenn man derart schlimmen Hunger hat, denkt man an nichts als daran, zu essen. Nicht an die Krematorien und ihre schwarzen Schornsteine.

Den Tod gerochen

Durchgehalten habe ich auch deshalb, weil mein älterer Bruder bis November 1942 bei mir war, dann wurde ich getrennt von ihm und habe ihn nie wiedergesehen. Von Birkenau kamen wir in das Stammlager von Auschwitz, Block 7, Kommando Maurerschule. Wir schleppten den ganzen Tag Zementsäcke. Einmal täglich gab es eine Schüssel mit Suppe. Die Kunst war, nicht zu weit vorne in der Schlange zu stehen, sodass man nicht nur Wasser in sein Schüsselchen gefüllt bekam, sondern auch etwas von dem Gemüse. Abends gab es eine Scheibe Schwarzbrot. Nach einem Jahr kam ich wieder zurück nach Birkenau, und dort haben wir, anders als im Stammlager Auschwitz, den Tod gerochen, die verbrannten Leichen.

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Mein Vater war schon tot, doch das wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht. Aber ich hatte Freunde in Birkenau. Und einige dieser Freunde sind mir erhalten geblieben, als ich wieder zurück in Paris war. Sie waren meine Vertrauten, wir waren enger verbunden als Geschwister. Wir konnten miteinander über das sprechen, was uns im Krieg passiert war.

Ich bin eins von 6000 jüdischen Kindern unter 16 Jahren, die 1942 nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurden. Als ich befreit wurde, war ich 18 Jahre alt. Viele fragen, ob die Zeit danach schwer war. Schwer? Es war Frühling, ich war 18 und wohnte in Paris. Es gab zu essen, es wimmelte es nur so von schönen Mädchen, überall. Nein, schwer war das gar nicht. Das war wunderbar.

Aufgezeichnet von Julia Amalia Heyer.



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