Bahnhof Friedrichstraße Durch das schwarze Loch in die DDR

Von außen sah der Grenzübergang Friedrichstraße wie ein x-beliebiger Bahnhof aus, drinnen war alles unwirklich. Karl Wilhelm Meier erinnert sich, wie man ihn 1976 in einem fensterlosen Zimmer mit einem Plastikbeutel voller Geld ausstattete - und in die DDR einließ.

DPA

Nach dem Ku'damm, der Stadtrundfahrt und dem KdW war Abwechslung angesagt. Einmal auf dem Alex stehen, einmal Unter den Linden bummeln. Das hörte sich ganz einfach an. In die S-Bahn am Zoo einsteigen, bis zur Friedrichstraße fahren. Da dann den Bahnsteig runter. Einmal durch das schwarze Loch, auf der anderen Seite auch Staatsgrenze genannt, dann war man in der Friedrichstraße. Man hatte die Mauer weiträumig umfahren.

Friedrichstraße war ein ganz normaler Bahnhof. Die Ausnahme: Dort hatte die Transportpolizei das Sagen. Wenn einen der Mumm verlassen hätte, hätte man nur in die nächste S-Bahn steigen müssen. In die, die in Richtung Westen fuhr. Und man wäre in ein paar Minuten wieder drüben gewesen. Ohne Passkontrolle.

Das wollte ich nicht. Also stapfte ich den Bahnsteig runter. Da, wo die DDR anfing, gab es eine Schlange. Vorne stand einer, der den Pass mit dem Original verglich. "Brille ab. Gucken sie aufs Fensterkreuz", wurde ich angeherrscht. Offensichtlich überzeugte mein treudoofer Blick. Der Uniformierte tauschte meinen Pass gegen eine Nummer. Ich durfte ein Stück weiter.

Für 6,50 Mark gab es einen Plastikbeutel mit DDR-Geld

Zweite Station: Ein fensterloses Zimmer. Ab und zu wurde eine Nummer aufgerufen. Dann durfte man durch die zweite Tür. Was sich dort verbarg? Die Deutsche Zollkontrolle. Der gute Mann wollte wissen, was ich so mit mir führte, klopfte meinen Rücken ab, händigte mir meinen Pass aus und ließ mich dann zum nächsten Tisch. Dort gab es für 6,50 Mark einen Plastikbeutel mit dem DDR-Geld in gleicher Höhe. Zwangsverkauf.

Dann die Bahnhofstür, Typ Reichsbahn. Ich stand in der Friedrichstraße. Von der ganzen Prozedur war nichts mehr zu sehen. Es hatte etwas Unwirkliches an sich, Grenzkontrolle mitten in der Stadt.

Ich guckte mir die Humboldt-Uni an, erfreute mich an den Statuen auf dem Gebäude und kam natürlich auch am Denkmal für die Opfer des Faschismus vorbei. Das war zackige preußische Tradition, wie dort die Wachablösung erfolgte. Auch "Erichs Lampenladen" oder "Palazzo Prozzi", wie man zum Palast der Republik sagte, machte ich meine Aufwartung.

Die Soldaten der Nationalen Volksarmee waren irritiert

Natürlich war ich auch auf dem Alexanderplatz. Das konnte man sich nicht entgehen lassen. In einem Lokal saßen Amerikaner und Russen - an getrennten Tischen. Soldaten der Nationalen Volksarmee gingen vorbei und machten dabei den Eindruck, als wussten sie nicht, ob sie nun nur die Russen oder auch die Amis grüßen mussten und grüßen durften.

Schließlich der umgekehrte Weg - zurück in den Westen. Erst musste ich am "Tränenpalast" anstehen. Dann wieder die Reichsbahntür. Dahinter lag die Abfertigungen für Bürger der DDR, Westberlin, der BRD und für Reichsbahner. Diesmal waren die Leute weniger wichtig als das, was sie bei sich führten. Da saß ein Volkspolizist in einer dunklen Kabine und durchwühlte auf Geheiß seines Vorgesetzten die Taschen der Reisenden.

Dann stand ich wieder auf dem Bahnsteig. S-Bahn in den Westen, S-Bahn in den Osten. Eigentlich ein ganz normaler Bahnhof - hätte man nicht gewusst, dass da unter den Gleisen nicht nur Fahrkarten verkauft wurden.



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