Flugzeug-Artisten Todestänzer auf der Tragfläche

Sie verkauften puren Nervenkitzel: Nach dem Ersten Weltkrieg tingelten arbeitslose Piloten durch die Lande und zeigten todesmutige Tricks. Etliche starben bei den Shows, die Zuschauer verlangten trotzdem immer atemberaubendere Stunts. Sogar Kinder riskierten ihr Leben.

Corbis

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"Alle nach oben sehen!" posaunte am 10. November 1921 die Titelschlagzeile des "Liberal Democrat", der Wochenzeitung eines 3600-Seelen-Nests in Kansas. Die Aufforderung war wohl unnötig: Am 12. und 13. November kreisten und knatterten unüberhörbar 35 Doppeldecker über dem Städtchen Liberal.

Wahrscheinlich waren es die ersten Flugzeuge, die man dort zu Gesicht bekam. Und jetzt "tobte", wie die Werbung verhieß, zwei Tage lang gleich "die größte Ansammlung von Flugzeugen, die es je über einer Stadt unserer Größe gegeben hat" am Himmel und versprach "die aufregendsten Luft-Stunts" aller Zeiten.

Was man sich über Loopings und Luftrennen hinaus darunter vorstellen durfte, schien kaum glaubhaft: "Flügel-Spaziergänge und Kunststücke, einschließlich Kopfstand auf dem oberen Flügelpaar, Flug an den Zähnen am Seil unter der Maschine hängend und viele weitere Tricks."

Dass einzelne Piloten mit ihren Maschinen über Land tingelten, um Geld zu verdienen, hatte es gegeben, seit die Motorflugpioniere Wilbur und Orville Wright 1908 damit begannen. Aber woher kamen ab 1919 so plötzlich Heerscharen wagemutiger, augenscheinlich lebensmüder Luftartisten - und all die Flugzeuge?

Aus dem Krieg, natürlich: Als der zu Ende ging, landeten zahlreiche Piloten direkt in der Arbeitslosigkeit. Gut für sie, dass auch eine Unzahl nicht mehr gebrauchter Flugzeuge den Markt überflutete. Manch nagelneuer Doppeldecker kostete nun nur halb so viel wie der Ford T, das billigste Automobil seiner Zeit. So entstanden schnell fliegende Schaustellertruppen. "Barnstormers" nannte man sie in Amerika, "Scheunenstürmer" - so wie einst die von Bauernhof zu Bauernhof ziehenden Theatergruppen. Doch die fliegenden Barnstormer boten eine weit spektakulärere Show.

Überleben dank der "Jenny"

Bereits 1918 hatte der US-Pilot Ormer Locklear angeblich unabsichtlich das "Wingwalking" erfunden. Kollegen und Bodenpersonal sollen ihn begeistert gefeiert haben, als er im Flug kleinere Reparaturen am Flügel ausführte, indem er einfach aus dem Cockpit stieg.

Möglich machte das die "Jenny", das Ausbildungsflugzeug der Amerikaner. Jenny war der Kosename des Doppeldeckers Curtis JN-4. Der war entwickelt worden, weil im Ersten Weltkrieg auf Alliiertenseite mehr Piloten bei der Ausbildung ums Leben kamen (rund 8000 Opfer) als im Einsatz (rund 6000 Opfer). Der amerikanische Flugzeughersteller Curtis erkannte die Notwendigkeit, für die Ausbildung ein sicheres und beispiellos langsames Flugzeug zu bauen. Jennys Einführung verbesserte die Aussichten angehender Piloten erheblich, die Ausbildung zu überleben.

Jenny wurde in Massen gebaut. Sie brachte es auf höchstens 120 Km/h und landete mit nur knapp 60 Sachen - das erhöhte die Chancen, einen Landeunfall zu überleben. Für die Ausbildung ideal, für Kampfflüge wie auch die meisten anderen Zwecke aber weitgehend untauglich waren die Jennys bei Kriegsende nicht nur einer der häufigsten Doppeldecker der Welt, sondern auch der überflüssigste.

Die heimkehrenden Piloten nahmen die Maschinen gern. Auch Ormer Locklear kaufte eine und machte sein "Wingwalking" zur Attraktion. Und Jenny, die sich auch noch mit knapp 70 Km/h in der Luft hielt, war nahezu ideal für seine Stunts. Locklears Wagnis wurde zum Geschäft - und unzählige seiner Kollegen taten es ihm gleich.

Der legendäre "Dance of Death"

Schnell wurde er nach dem Krieg zu einem der weltweit populärsten Wingwalker: Innerhalb von nur zwei Jahren machte Locklear Karriere und brachte es bald als Hollywood-Stuntman zu Reichtum. Am 2. August 1920 wurde er zum populärsten Opfer der wagemutigen Wingwalker, als er mit seiner Jenny bei einem Stunt in nächtlicher Dunkelheit vor laufender Kamera abstürzte.

In Wahrheit war es genau das, was die Leute sehen wollten: lebensgefährlicher Nervenkitzel.

Ende August 1921 begann die französische "Flügelspaziergängerin" Andree Peyree ihre US-Tournee mit dem kecken, aber unzutreffenden Werbespruch, sie sei "die einzige weibliche Wingwalkerin der Welt". Drei Wochen später lieferte sie sich mit der amerikanischen Wingwalkerin Elsie Allan Akrobatik-Wettkämpfe in der Luft. Auf dem Höhepunkt ihrer gemeinsamen Show tauschten die beiden die Maschine - im Flug, ohne jede Sicherung.

Es war die Imitation des "Dance of Death", den der erst Wochen zuvor getötete Ormer Locklear und sein Partner William Pickens erfunden hatten. Auch sie hatten in der Luft das Flugzeug getauscht, quetschten sich dabei auf dem Flügel aneinander vorbei. Der besondere Gag ihrer Nummer war jedoch, dass sie auch die Piloten der Maschinen waren - der völlig irrsinnige Stunt beruhte auf festgezurrten Steuerknüppeln zweier parallel fliegender Jennys.

Gefährliche Kletternummern

Nervenkitzel verlangt eben nach ständiger Steigerung. Es war der Beginn einer Eskalation, in deren Verlauf die Kunststücke immer waghalsiger wurden. Fahrzeugwechsel, Ab- und Aufsprünge zwischen Flugzeug und Auto wurden schnell Standard-Bestandteile der Shows. Als das Stehen auf Flügeln selbst dann kaum noch sensationell wirkte, wenn man es auf Händen oder dem Kopf erledigte, wurde das gesamte Flugzeug zur Turnfläche. Mitunter hingen die Artisten nun an Seilen, an denen sie sich hinter dem Flieger herziehen ließen. Manche kamen ums Leben, weil sie bei ihren Luft-Kletternummern in die Propeller ihrer Maschinen gerieten.

In gewisser Hinsicht ein Höhepunkt war die kurze Karriere der Mildred Urban. Weltweit hielten 1927 die Besucher der Pathé-Wochenschau den Atem an, als das gerade einmal zehnjährige Mädchen in ihrem knielangen weißen Kleid auf das obere Flügelpaar einer Jenny kletterte, sich gegen den Flugwind stemmend aufrichtete und dann - erst zaghaft, dann immer zuversichtlicher - begann, Charleston zu tanzen. Niedlich war das nur deshalb, weil sie nicht hinunterfiel.

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Kaum verwunderlich berichtete die Presse immer öfter über Opfer. Eine stetig steigende Zahl von Abstürzen von Mensch oder Maschine ließ den Ruf nach einer Regulierung des Barnstormings und der gesamten Luftfahrt lauter werden. Ende der Zwanziger diskutierten die US-Medien die Gesetzlosigkeit des Luftraums als wachsendes Problem. 1936 definierte ein Gesetz Mindesthöhen für Luftakrobatik, zwei Jahre später schwand mit dem "Air Commerce Act" der Nervenkitzel weiter - Wingwalker und Stuntpiloten mussten nun Fallschirme tragen. Letztlich aber wurde die Luft-Akrobatik unattraktiv, weil die Zuschauer sie in der nun vorgeschriebenen Höhe kaum noch erkennen konnten.



insgesamt 3 Beiträge
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Christoph Kadner, 12.03.2014
1.
In dem Hollywood-Streifen "Tollkühne Flieger" von 1975 (original: The Great Waldo Pepper) mit Robert Redford in der Hauptrolle wird viel von dem alltäglichen Wahnsinn der Barnstormers dargestellt. Der Film sollte daher in einem solchen Artikel wenigstens erwähnt werden.
Roland Magiera, 12.03.2014
2.
Danke für den Buchtipp. Zum Thema gibt es auch einen Film mit Robert Redford: "The Great Waldo Pepper". Aber Achtung, das ist der schlechteste Flugzeugfilm aller Zeiten und in etwa so objektiv wie die offizielle Regierungsmeinung zu unserer Geschichte, die wenn man Berlin glaubt nur aus einigen kilolitern Blut und ganz viel Gewalt besteht, im krassen Gegensatz zu allen anderen... "The Great Waldo Pepper" muss also ein echter Flughasser gedreht haben. Nur der Vollständigkeit wegen. Roland Magiera
Frank Patalong, 12.03.2014
3.
Nicht zu vergessen: "Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten" von 1965. Ist zwar nicht gerade sachlich, aber sehr stimmungsvoll. Und für mich eine Kindheitserinnerung. Mein Star darin: Gerd Fröbe als preussischer Offizier. Der kann bekanntlich alles, auch Fliegen, nach korrektem Studium der Gebrauchsanweisung.
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