Bayerische Wildwest-Manie Komm, hol das Lasso raus

Floss durch München etwa der Rio Grande? Vor hundert Jahren boomten in Bayern die Isar-Western. Die schnell gedrehten Filme bedienten einen kuriosen Wildwestfimmel, nahe den Alpen halten sich manche noch heute für "Indianer".

Cowboy Club München/ morisel Verlag

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Ein Tag im Herbst 1919: Nichts ahnend flanieren Münchner Spaziergänger an den Ufern der Isar gen Süden, da kommt ihnen ein Trupp von 30 furchterregenden Gestalten entgegen. Die Männer haben rußgeschwärzte Gesichter, bewegen sich in Richtung Geiselgasteig und tragen Waffen. Die Ausflügler alarmieren die Polizei, eilig reiten Wachmänner heran.

Als die Schauspieler Joe Stöckel und Fritz Kampers um die Ecke biegen, stellt sich heraus: Hier ist keine üble Räuberbande am Werk - hier laufen Dreharbeiten. "Die Indianer-Lilly" heißt der Film von Regisseur Peter Ostermayr. Es ist einer von rund 20 sogenannten Isar-Western, die nach dem Ersten Weltkrieg für Furore sorgten.

Die Streifen wurden ebenso schnell wie billig von Münchner Filmpionieren der ersten Stunde produziert - und waren ungemein beliebt. Denn kurz nach dem Ersten Weltkrieg galt ein Einfuhrverbot für US-Filme. Isar-Western wie "Der schwarze Jack" (1918) oder "Die Geier der Goldgruben" (1919/20) hatten schlicht keine Konkurrenz, dafür aber eine enthusiastische Fangemeinde, gerade in Bayern.

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Alpen-Cowboys dahoam: Ein Prosit auf die Prärie

"Es gab hierzulande schon immer einen starken Hang zum Exotischen und Schrägen, eine besondere Freude an der Verkleidung", sagt Hermann Wilhelm, 70, Autor des jetzt erschienenen Bildbands "Wildwest München". Der Künstler und Heimatforscher suchte nach den Anfängen der bayerischen Wildwest-Manie und ist überzeugt: Allein schon die Tracht verbinde die beiden Kulturen. "Hier die Bayern in Lederhose und Gamsbart oder Feder auf dem Hut, dort die 'Indianer' in Ledertracht und Federschmuck."

Auslöser dieses bajuwarischen Spleens ist laut Wilhelm der berühmte Bisontöter William Frederick Cody - als "Buffalo Bill" der weltweit meistfotografierte Mensch des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Mit seiner "Wild West Show" gastierte der amerikanische Entertainer vom 19. April bis zum 5. Mai 1890 auf der Münchner Theresienwiese.

"Indianische" Schuhplattlerfans

Rund 200.000 Menschen, auch Prinz Ludwig (der spätere König Ludwig III.) nebst Familie, strömten heran, um den in Bayern als "Ochsen-Willy" gefeierten Prahlhans zu bewundern. Wer keine Karte mehr bekam, versuchte einen der raren Fensterplätze in den umliegenden Häusern zu ergattern.

Präsentiert wurden Büffeljagden und Pferderennen, "indianische" Tänze und Gesänge, dazu der "Überfall eines Emigrantenzuges durch Indianer und die Verteidigung desselben durch die Grenzbewohner". Buffalo Bills Tross stellte General Custers letztes Gefecht am Little Big Horn nach. Und die legendäre Kunstschützin Annie Oakley schoss einer "dreißig Schritte entfernten Zielperson" die Zigarette aus dem Mund.

Der Höhepunkt aber war Revolverheld Buffalo Bill selbst. "Er tritt immer als rettender Engel auf und erschießt Indianer-Häuptlinge", schwärmte das "Münchener Fremden-Blatt". Dass Buffalo Bill - ähnlich wie Völkerschau-Ausrichter Carl Hagenbeck und Sarrasani-Zirkuspionier Hans Stosch - Menschen ausstellte wie Zootiere und seine Version des Wilden Westens längst der Vergangenheit angehörte, störte das staunende Publikum damals nicht.

Auch nahm niemand Anstoß daran, dass der Showstar in den USA die Ausrottung des Amerikanischen Bisons vorangetrieben und damit die Ureinwohner einer ihrer wichtigsten Lebensgrundlagen beraubt hatte. München schwelgte im Wildwestfieber - und umgekehrt erwärmten sich die US-Besucher auch fürs bajuwarische Kulturgut.

Zeitgenössischen Berichten zufolge bummelten Buffalo Bills "indianische" Mitarbeiter durch die Wirtshäuser der Stadt, am Gärtnerplatz schauten sie sich in voller Montur ein Mundart-Theaterstück an. Und spendeten beim Schuhplattler so lange Applaus, bis die Bayern ihren Volkstanz wiederholten.

Cowboys auf Fahrradsatteln

"'Indianer und Trapper' zu spielen, ist der Wunsch aller", schrieb der "Generalanzeiger" über die Begeisterung der Münchner. Zahlreiche Vereine entstanden und stellten das vermeintlich so großartige Leben im Land der unbegrenzten Möglichkeiten nach. Heimatforscher Wilhelm spricht von einem "regelrechten Boom".

Den Anfang machte 1894 der Fahrradpionier Heinrich Zierle. Nachdem ein angeblicher Sohn Buffalo Bills den Münchner Radprofi Josef Fischer zum "Radl-Pferd"-Wettkampf herausgefordert (und verloren) hatte, gründete Zierle in einem Wirtshaus den Velociped Club Wild West. Statt auf dem Pferd hantierten die Mitglieder radelnd mit Peitsche, Lasso und Revolver; ihre Kunststücke vollführten sie auf einem kleinen Holzrondell.

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06.06.2019, 13:23 Uhr
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Hermann Wilhelm
Wildwest München: Sehnsucht, Abenteuer und Romantik in der Stadt

Verlag:
morisel
Seiten:
164
Preis:
EUR 24,90

Kurz darauf entstanden in München der American Club Buffalo Bill, der Club American Boys, der Cowboy Club München Nord. Und 1913 der Cowboy Club München: bundesweit ältester noch existierender Verein seiner Art, aufgebaut von drei Männern, die eigentlich nach Amerika auswandern wollten. Wie so viele Bayern um die Jahrhundertwende. "Zu Hunderttausenden suchten sie ihr Glück in Übersee", sagt Heimatforscher Wilhelm, der in München das Haidhausen-Museum leitet.

Die Brüder Fred und Hermann Sommer sowie Martin Fromberger gründeten den Cowboy Club zunächst als Losverein Wild West: Mit bei Lotterien erzielten Gewinnen wollten sie in die USA reisen. Doch nur einmal hatten die Männer Glück - bei der Vogelschutzlotterie gewannen sie 40 Mark.

Western ohne Schuss und Schrei

Also blieben die verhinderten Auswanderer in München und frönten am Fuß der Alpen ihrer Sehnsucht nach Wildnis und Weite. Ein Verlangen, das Karl Mays "Winnetou"-Romane ebenso perfekt bedienten wie die ab 1918 produzierten, heute nur noch fragmentarisch erhaltenen Isar-Western: Sie wurden mit Tageslicht gedreht und enthielten viel Action und Gefechte, mussten als Stummfilme jedoch ohne Schuss und Schrei auskommen.

Viele Münchner Kinopioniere, darunter die frühen Filmfirmen Arri und Emelka, suchten ihr unternehmerisches Glück im Western. Die Vorteile lagen laut Filmwissenschaftler Thomas Brandlmeier auf der Hand: Man benötigte weder teure Ausstattung noch Dekoration, Atelier oder sonderlich begabte Schauspieler - und als Location gab es gratis die Postkartenidylle im Münchner Süden.

Viel Action, wenig Kosten: "Das Milliardentestament", gedreht 1919 in Bayern
Cowboy Club München/ morisel Verlag

Viel Action, wenig Kosten: "Das Milliardentestament", gedreht 1919 in Bayern

Auch die malerische Kurpfalz diente als früher Ballermänner-Schauplatz: Parallel zu den Isar-Western entstanden in den Landstrichen zwischen Heidelberg und Ludwigshafen die sogenannten Neckar-Western.

Schauspieler und Produzent Josef Stöckel, der sich Joe nannte, inszenierte eine ganze Reihe von Isar-Western, die nach seinen Angaben "infolge der echten spannenden Aufmachung jeweils in der ganzen Welt abgesetzt" wurden. Tatsächlich schafften es die verkappten Heimatfilme selten überhaupt bis nach Berlin. Kritiker spotteten oft darüber, dass Cowboys etwa Dackel besaßen oder bayerisch-zünftige Interieurs notdürftig mit "Stars and Stripes" kaschiert wurden.

"Mit Münchner Vorortwaggons von Kalifornien nach New York"

So befand ein Rezensent von "Die Rache im Goldtal" (1920), dass "keine einzige Szene amerikanisch ist". Und am Isar-Western "Der Kampf um den Goldfund" (1920) bemängelte ein Journalist, "dass man mit Münchner Vorortwaggons von Kalifornien nach New York fährt".

Den Kinogängern gefiel es trotzdem. Sie begeisterten vor allem grandiose Landschaftsaufnahmen und riskante Actionszenen. Ab 1921 war jedoch Schluss mit dem Western-Klamauk an Isar und Neckar: Die US-Konkurrenz war wieder mit richtigen Western am Markt, zugleich setzte die galoppierende Inflation der ersten deutschen Western-Welle schwer zu.

Wildwestfans blieben die Münchner auch ohne ihre Dahoam-Western. Und das bis heute, wie der Bildband von Heimatforscher Hermann Wilhelm zeigt: Die rund hundert Mitglieder des Cowboy Club München treffen sich regelmäßig in der vereinseigenen Ranch in Thalkirchen. Hier verwandeln sich am Wochenende bayerische Büroangestellte, Hausfrauen und Pensionäre in Büffeljäger, Squaws und Lakota-Krieger - und ihnen tun es bundesweit zwischen 3000 und 5000 Menschen gleich, wie der Western Bund als Dachverband schätzt.

Und warum sollte es nicht neue Western aus dem deutschen Süden geben? Zum 100-Jahre-Jubiläum der Filmfirma startete Arri zusammen mit der Hochschule für Fernsehen und Film München einen Autorenwettbewerb, um den Isar-Western wiederzubeleben. Zwei Drehbücher liegen schon vor - ab 2020 wird laut Produktionsfirma Suedstern Film am Ufer der Isar erneut das Lasso rausgeholt.

insgesamt 5 Beiträge
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Frank Gingeleit, 13.06.2019
1. Bevor er ganz in Vergessenheit gerät...
Bevor er ganz in Vergessenheit gerät, möchte ich hier noch - und in diesem Zusammenhang wohl ganz passend - an den Film "Der Komantsche" von Herbert Achternbusch aus dem Jahr 1979 erinnern. Einfach mal nach "Komantsche" und "Herbert Achternbusch" googeln; dann erfährt man so einiges... Hier z. B. die seinerzeitige Rezension aus dem SPIEGEL: https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14325083.html
Kathrin Brunner Starberry. the media factory., 13.06.2019
2. ..und nicht vergessen: der lange Weg nach Sacramento
..fehlt in der Aufstellung dieses wunderbaren Artikels: die Folge 'der lange Weg nach Sacramento' aus den Münchner Geschichten von Helmut Dietl (Folge 7). Kult. Tscharlie, Gringo und Achmed hoch zu Ross über die Leopoldstrasse. Wird bis heute nachgespielt ?
Ricarda Nowa, 13.06.2019
3. tsss , dae bayen
ehrlich, geahnt habe ich es schon 'ne Weile . Die Bayern sind bekloppt . Fehlt nur noch dass ich bei einem Indianer-POW WOW jene mit 'ner Krachledernden erwische
Markus Dichtl, 16.06.2019
4. Tschetan
Nicht vergessen werden sollte hier der schöne Film "Tschetan der Indianerjunge" von Hark Bohm aus dem Jahr 1973, der in den Isarauen südlich von München gedreht wurde.
Win Cel, 16.06.2019
5.
Furchtbar stereotyp, rassistisch und beleidigend für die eigentlichen Natives. In den USA ist endlich durchgesickert, dass solchen Federschmuck zu tragen, ungefähr so beleidigend ist, wie Verballhornung eine Kruzifix für einen konservativen Christen - grade die Bayern sollten das nachvollziehen können. Die verschiedenen Stämme haben völlig unterschiedliche Sitten und Kulturen (auch gerade traditionell gegenüber LGBT übrigens), die völlig ignoriert werden. Also null Respekt und Interesse an der eigentlichen Geschichte. Und die Stämme kämpfen weiterhin mit massive rechtlicher, soziale und wirtschaftlicher Diskriminierung. Da ist "Cowboy" spielen ungefähr so okay wie "Sklavenhändler und Afrikaforscher"... Aber hey, amüsanter "feel good" Artikel in deutscher typischer Nabelschau, da bleibt man doch lieber hinterm Mond und Rassist als zu informieren, warum das so problematisch ist.
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