Historische Ohrfeige für Kanzler Kiesinger "War das die Klarsfeld?"

Ein Ehepaar als Nazijäger: 1968 ohrfeigte Beate Klarsfeld Bundeskanzler Kiesinger, später versuchte sie mit ihrem Mann Serge NS-Verbrecher zu entführen. In ihren Erinnerungen berichten die beiden über ein Leben im Ausnahmezustand.

AP

Kurt Georg Kiesinger ahnte die Gefahr. Kaum hatte der Bundeskanzler den Kopf zur Seite gewandt, landete mit Schwung eine Hand in seinem Gesicht. Von hinten hatte sich eine junge Frau an ihn herangeschlichen - und ihm am 7. November 1968 auf dem CDU-Parteitag in Berlin eine schallende Ohrfeige verpasst. "Nazi! Nazi!", schrie sie dazu.

"Sie hat den Kanzler geohrfeigt!", wiederholte ein Polizist, der die Angreiferin bald fest im Griff hielt, immer wieder. Die Nation war entgeistert, wie der Ordnungshüter - oder begeistert, wie die Studenten der 68er-Bewegung. Der gedemütigte Kiesinger hatte nach der Attacke lediglich eine Frage: "War das die Klarsfeld?"

Sie war's. Bereits im Mai '68 hatte Beate Klarsfeld die Kanzlerattacke bei einer Versammlung im Audimax der Technischen Universität Berlin angekündigt. Studenten verspotteten sie: "Tu's doch, wenn du dich traust!" Die Backpfeife machte die 29-jährige Beate Klarsfeld und ihren Mann Serge, jüdischer Franzose und Sohn eines Holocaustopfers, schlagartig berühmt. "Ein Akt der Befreiung", wie Serge Klarsfeld kürzlich in einem SPIEGEL-Interview sagte.

1933 war Kurt Georg Kiesinger in die NSDAP eingetreten, kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs arbeitete er in der Rundfunkabteilung des Außenministeriums. Für das Ehepaar Klarsfeld war es unerträglich, dass ein Mann wie Kiesinger Bundeskanzler der Großen Koalition sein konnte. "Er wusste mit Sicherheit einiges über die Judenvernichtung", erklärte Beate Klarsfeld dem SPIEGEL. "Er war kein Vollstrecker. Aber derjenige, der verleumderische Hetzpropaganda verbreitet und dadurch der Auslöschung den Boden bereitet, trägt mindestens ebenso große Verantwortung."

Den "Schlächter von Lyon" aufgespürt

Als "Ohrfeigen-Beate" wurde Klarsfeld bekannt, bald darauf machten sie und ihr Mann mit der Jagd auf untergetauchte Nazi-Kriegsverbrecher international Schlagzeilen. Gerade sind die "Erinnerungen" der - neben Simon Wiesenthal und Fritz Bauer, jener hessische Generalstaatsanwalt, der Adolf Eichmann zur Strecke brachte - wohl bekanntesten Nazi-Jäger auf Deutsch erschienen.

Das Ehepaar spürte Kurt Lischka, den früheren Gestapo-Chef von Paris, in Köln auf und versuchten ihn 1971 zu entführen - dilettantisch und vergeblich. Einer der größten Erfolge der Klarsfelds war die Suche nach dem berüchtigten "Schlächter von Lyon". Dort hatte der einstige Gestapo-Chef Klaus Barbie unvorstellbare Grausamkeiten begangen, später versteckte er sich unter dem Decknamen Klaus Altmann in Südamerika. Die Klarsfelds entdeckten ihn in Bolivien und wollten auch ihn entführen - ebenso vergebens. 1983 wurde der Kriegsverbrecher endlich ausgeliefert und in Frankreich zu lebenslanger Haft verurteilt.

Ein Sieg der Gerechtigkeit - dank der Klarsfelds. "Mein Handeln wurde nicht von Rache geleitet", betonte Serge Klarsfeld, dessen Vater als Jude in Auschwitz ermordet worden war, im SPIEGEL-Gespräch. "Ich habe intensiv nach Gerechtigkeit gesucht, und ich habe zur historischen Wahrheit beigetragen."

Wie ein Kriminal- oder Abenteuerroman liest sich das Buch der Klarsfelds über die mitunter atemberaubenden Verfolgungsjagden. Deutlich wird dabei ihre Hartnäckigkeit bei der Verfolgung von noch Jahrzehnte nach Kriegsende unbehelligten NS-Verbrechern.

Holocaust? In der Schule kein Thema

1963 hatte der französische Historiker und Jurist Serge Klarsfeld die deutsche Beate Künzel geheiratet, die drei Jahre zuvor als Au-pair nach Paris gekommen war. Vom Massenmord an den Juden hatte sie bis dahin kaum etwas gehört. "Ich wusste rein gar nichts, wie die meisten meiner Generation", sagte sie dem SPIEGEL. "Im Schulunterricht fand der Holocaust damals nicht statt."

Das Ehepaar beschloss, gegen dieses Schweigen anzukämpfen, in dem es sich besonders die bundesdeutsche Gesellschaft bequem gemacht hatte. "Wir sollten jetzt mit der Naziriecherei mal Schluss machen", betonte bereits 1952 Bundeskanzler Konrad Adenauer. Und meinte damit das Stöbern in der NS-Vergangenheit mancher bundesdeutscher Politiker. Das sahen die Klarsfelds ganz anders.

Sie sammelten Material über Kiesingers braune Vergangenheit, Beate veröffentlichte Artikel in der französischen Zeitung "Combat" - und verlor deswegen ihre Stelle im Deutsch-Französischen Jugendwerk. Fortan stürzte Beate Klarsfeld sich gleichermaßen in den Kampf um Gerechtigkeit und die Haushaltsarbeit, wie sie im Buch sarkastisch schreibt: "Mit derselben professionellen Gewissenhaftigkeit wusch ich die schmutzige Wäsche meiner Familie und die Deutschlands."

Umso größere Unterstützung fand das Paar dagegen in der DDR, weil es gegen den verhassten westdeutschen "Klassenfeind" ging. In den DDR-Staatsarchiven durfte Serge Klarsfeld brisante Dokumente einsehen. Mehr noch: Beate Klarsfeld räumt in ihren Erinnerungen auch freimütig Zahlungen und Privilegien wie Flugtickets oder Sommerurlaube ein. Eine Einflussnahme wiesen beide in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zurück: "Wir waren keine Verbündeten. Wir haben in unserem eigenen Auftrag gearbeitet, nicht in dem der DDR."

"Eher braun als blau, das passte ja"

Befremdlich lesen sich indes die Passagen über Beate Klarsfelds Teilnahme an festlichen Empfängen zum 20. Jahrestag der DDR 1969: "Ein Empfang jagte den anderen. Ich trug ein zugleich pariserisch chices und sittsames Cocktailkleid, das die Blicke der kommunistischen Politiker auf sich zog." Es waren Protzveranstaltungen eines Regimes, das auf sogenannte Republikflüchtlinge schießen ließ und politisch Andersdenkende ins Gefängnis steckte - was den Klarsfelds nicht entgangen sein kann.

Die Ohrfeige für Kiesinger war es, die dem Ehepaar maximale weltweite Aufmerksamkeit bescherte. Noch am selben Tag wurde Beate Klarsfeld in einem sogenannten Schnellgerichtsverfahren zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, musste die Strafe allerdings aufgrund ihrer französischen Staatsangehörigkeit nicht verbüßen - internationale Verwicklungen sollten vermieden werden.

Die spektakuläre Aktion war inspiriert von den Provokationen der Apo, der außerparlamentarischen Opposition. Sie entzweite große Schriftsteller: Günter Grass verurteilte die Ohrfeige, Heinrich Böll dagegen schickte Beate Klarsfeld einen Strauß roter Rosen nach Paris. "Der Schlag der Frau traf Kiesingers Auge", sagte Serge Klarsfeld im "FAZ"-Interview, "der Bluterguss war eher braun als blau, das passte ja."


Die Kandidatin: "Ich hatte immer große Gegner" - Beate Klarsfeld 2012


Fast ein halbes Jahrhundert später, im Sommer 2015, wurden Beate und Serge Klarsfeld von Bundespräsident Joachim Gauck schließlich mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Bereits drei Jahre zuvor hatte die Linkspartei Beate Klarsfeld als Präsidentschaftskandidatin gegen Joachim Gauck aufgestellt, sie unterlag aber mit 126 zu 991 Stimmen.

Zur Kandidatur, so Klarsfeld, habe sie "Ja" gesagt, "weil ich mich an meine Verurteilung zu einem Jahr Gefängnis erinnerte und auf den langen Weg zurückblickte, den Deutschland und ich seit 1968 zurückgelegt hatten". Ein Weg, der mit einer Ohrfeige begonnen hatte.

mit Material von dpa

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