Sponti-Hauptstadt West-Berlin Keine Macht für niemand

Udo Schewietzek

2. Teil: Raketenbau in der WG-Küche


2. Teil: Raketenbau in der WG-Küche

Die junge Frau, die mir 1974 zu meiner ersten provisorischen Bleibe in West-Berlin verhalf, war eine blonde Pfarrerstochter mit dem Namen Johanna. Sie quartierte mich in der Wohnung zweier Genossen ein, die gerade in Portugal bei der Revolution aushalfen. Eigentümlich waren die beiden Papiersäcke, die mit jeweils einem Zentner weißen Pulvers gefüllt waren und in der Küche unter dem Waschbecken standen.

Johanna klärte mich auf, dass es sich um Grundstoffe für Raketentreibstoff handelte. Die beiden abwesenden Genossen wollten bei der Fußballweltmeisterschaft 1974, während die Mannschaft der Bundesrepublik gegen die von Chile im Olympiastadion spielte, gegen Folter und Unterdrückung durch die chilenische Militärjunta protestieren. Mittels einer Rakete sollten vom nahe gelegenen Teufelsberg aufklärende Flugblätter zum Stadion geschossen werden, um dort auf die Fußballfans herabzuregnen. Die Genossen beließen es dann aber dabei, mit einer Fahne "Chile si, Junta no!" auf das Spielfeld zu rennen. Der Bau der Rakete war zu schwierig gewesen.

Mir wiederum schien es zu kompliziert, Polizisten oder wem auch immer womöglich erklären zu müssen, dass ich mit den explosiven Chemikalien nicht das Geringste zu tun hätte und nur eher zufällig hier wohnte. Ziemlich schnell suchte ich mir ein neues Domizil.

Wohnungen waren nicht sehr schwer zu finden, und sie waren, wie das meiste in West-Berlin, sehr billig. Die Wohnung, in der wir das Untergrund-Blättchen produzierten, hatte rund 220 Quadratmeter, siebeneinhalb Zimmer und kostete 450 Mark Miete im Monat.

Neben der Flucht vor der Wehrpflicht spielten die vom Berliner Bürgertum verlassenen weitläufigen Wohnungen eine wichtige Rolle für die Entstehung des wilden Westens. Große Firmen wie Siemens hatten aufgrund der volatilen Lage West-Berlins ihre Zentralen in die Bundesrepublik verlegt. Ihre Manager waren ebenso gen Westen gezogen wie die meisten Nazis, die um ihr Leben oder zumindest ihre Karrierechancen bei einem Einmarsch der Russen fürchteten. Diejenigen West-Berliner, denen es vor allem um Aufstieg und Geld ging, hatten sich nach Hamburg, München oder Stuttgart davongemacht. Wir vermissten sie nicht.

West-Berlin war eine Stadt der Freiheit. Während in München fast alle Gaststätten um ein Uhr nachts schlossen, in Stuttgart gar schon um zwölf, gab es in der Mauerstadt keine Polizeistunde. Wir gingen oft nicht vor Mitternacht in die Kneipe, sanken aber auch nicht vor drei auf unsere Matratzen.



insgesamt 12 Beiträge
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Volker Altmann, 07.10.2012
1.
Es ist Ost wie West das gleiche Phänomen. Die Berliner ? und sonderbarerweise auch die Landflüchtigen, die die Berliner Insel der Glückseligen zu Ihrer neuen Heimat gemacht haben - hielten sich schon immer für den Nabel der Welt. Schmähungen über die Restrepublik ? ob DDR oder BRD - gehörten schon immer zum guten Ton. Vielleicht liegt darin auch die geradezu legendäre ?Freundlichkeit? der Berliner begründet? ?In den wilden Tagen der Straßenschlachten Anfang der achtziger Jahre, unter dem Motto "Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran", tat sich eine Ethnie hervor, die bis heute bei eingeborenen oder altgedienten Berlinern nicht wirklich beliebt ist: die Schwaben, unterstützt von Bayern.? Dies gilt offenbar nicht für den Autor selbst. Wie war das mit der Flucht vor dem Kreiswehrersatzamt München? Soll man das jetzt als gelungene Integration sehen (?Ich bin ein 'altgedienter' Berliner?) oder schlicht und ergreifend als ein Verleugnen der eigenen Wurzeln?
Siegfried Wittenburg, 09.10.2012
2.
Ach, Herr Altmann, bitte die Präsent-20-Hose nicht so exakt bügeln. Jede Generation hat ihre Aufgabe. Mir ist dieses Über die Stränge schlagen lieber als sich brav irgendwelchen Feldwebeln unterzuordnen und ohne nachzudenken die Waffe gegen den bösen Osten zu richten. Im Osten gab es auch welche, die sich verweigert haben. Was wäre heute, wenn sich diese Jugen nicht in ihrer Zeit für den Nabel der Welt gehalten hätte? "Aus stickigen Kleinstädten voll selbstgerechter Süddeutscher nach Berlin entkommen, schlugen sie erst einmal furchtbar über die Stränge - bis sie, oft schneller als alle anderen, wieder die Kurve kratzten und bürgerliche Karrieren einschlugen." Völlig in Ordnung. Man nennt es auch Pubertät.
Hartmut Wolf, 10.10.2012
3.
Was heißt "Berlin"? Das war zu der Zeit z. B. in Frankfurt auch nicht anders. Und außerdem gab und gibt es keine "Wehrdienstverweigerer". Die offizielle und korrekte Bezeichnung ist Kriegsdienstverweigerer, was der Sache und den Menschen auch gerecht wurde/wird. Leider habe auch ich vermehrt den Eindruck, dass bei SPON immer mehr Leute mit dürftigem Allgemeinwissen schreibseln.
Olaf Nyksund, 10.10.2012
4.
Die Frage, die mir damals niemand beantworten konnte (wollte?) und die daher bis heute offen bleibt, lautet: Warum sind diese Menschen nicht in den Osten der Stadt gegangen, um dort ein neues Leben nach den Prinzipien zu beginnen, die sie so liebten? Gerade in den 1980er?
Volker Altmann, 10.10.2012
5.
Herr Wittenburg, offenbar haben Sie meinen Kommentar nicht richtig erfasst. Ich habe mich niemals gegen die 68er-Bewegung ausgesprochen. Und was das Recht der Jugend betrifft, auf der Suche nach neuen Wegen auch mal über die Stränge zu schlagen, rennen Sie bei mir offene Türen ein. Ich war der Meinung, dass meine Haltung hierzu, schon an anderer Stelle sehr deutlich gemacht wurde in meinen Kommentaren. Mein Kommentar hier galt dem Verhältnis von Berlin zur Restrepublik im Allgemeinen - zu allen Zeiten. Herr Nyksund, viele Kritiker haben damals den Protest gegen das Wettrüsten gerne mit der Empfehlung versehen ?Geh doch nach drüben?. Aber zum Einen gilt hier der Spruch ?Hierbleiben, Widerstehen? und zum Anderen galt die DDR für die meisten Protestler keineswegs als Musterstaat. Sich für die Friedensbewegung einzusetzen oder von einer gerechteren Gesellschaftsform zu träumen, hieß für die große Masse niemals, dass man staatliche Repression, Abschaffung der Meinungsfreiheit, Kerkerhaft aus politischen Gründen oder den Schießbefehl für hinnehmbar hielt. Ich hoffe, ich konnte Ihre Frage hiermit ausreichend beantworten.
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