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21. Mai 2014, 10:03 Uhr

Berlin-Fotos aus der Zwischenzeit

Abgestürzt in Ruinen

Schnappschüsse dokumentieren das anarchische Treiben: Für westdeutsche Wohlstandskinder war Berlin kurz nach dem Mauerfall ein gigantischer Abenteuerspielplatz. SPIEGEL-Redakteur Hilmar Schmundt erinnert sich, wie er mit einem Seil an den Füßen in den Todesstreifen sprang.

Der ehemalige Todesstreifen am Brandenburger Tor tief unter mir ist leer, vor nicht langer Zeit patrouillierte hier noch die Volksarmee. Ich stehe auf einer schwankenden Plattform am Ausleger eines Baukrans, ein Bungee-Seil um die Füße. Meine Kamera habe ich an eine Plexiglasstange geschraubt, die ich in der rechten Hand halte. Um einen ganzen Film durchzubelichten, klebe ich mit links einen Tesafilmstreifen auf den Auslöser. Klack-klack-klack, drei Bilder pro Sekunde, die Zeit läuft, ich halte die Kamera nach vorne und springe. Der Wind rauscht, der Boden rast auf mich zu, dann verlangsamt sich der Fall, es geht wieder aufwärts, die Erde schnalzt von mir weg. Dann Stille. Oben, am höchsten Punkt, bleibe ich eine Schrecksekunde in der Luft stehen, wie schwerelos aus der Zeit gefallen. So kommt mir das Bild heute auch vor.

Damals, im Mai 1991, dachte ich, das Spannende an diesem Foto sei der Sprung selbst. Vor Kurzem baten mich Freunde, für das Buch "Berlin Wonderland" meine alten Bilder herauszukramen. Als ich das Sprung-Selfie wiederfand, wirkte es eher banal - jeder könnte es heute nachmachen mit Hilfe einer Gopro-Sportkamera. Die Sensation ist nach einem Vierteljahrhundert dorthin verrutscht, wo ich damals die Kulisse vermutete: in die Brache im Hintergrund. Das Zentrum der heutigen Hauptstadt als Leerstelle, der Reichstag ohne Kuppel, kopflos seit dem Reichstagsbrand von 1933. Der Pariser Platz, über den schon Napoleon einmarschierte, eine Betonwüste. Kaum Touristen, keine Banken, kein Starbucks, keine amerikanische Botschaft. (Und zu meiner Frisur damals will ich jetzt nichts sagen.)

Die Stadt selbst schien 1991 im freien Fall durch die Jahrzehnte, in der Schwebe zwischen nicht mehr und noch nicht. Versatzstücke der Kaiserzeit, der wilden Zwanziger, der Nachkriegstrümmer und der DDR-Tristesse, wie von einem bekifften Kulissenbauer zusammengeschustert. "Sah es wirklich so aus?", fragt der Schriftsteller David Wagner im Vorwort zum neuen Fotobuch: "So leer, so kaputt, so schön? Berlin-Mitte war einmal eine Wunscherfüllungszone."

Rechts und Links mussten sich erst neu zusammenrütteln. Das Bungee-Bild versinnbildlicht Abenteuer und Anpassung, Absturz und Aufstiegswille, Angst und Lust. Einen Tag nach dem Sprung erschien es in einem Springer-Blatt unter der Überschrift "Berlins tollkühnster Fotograf als 'Gummi-Ball'"; dann als Postkarte; dann als Werbung für ein Videofestival namens "Berlin Ultra", dessen Logo eine kleine Bombe mit brennender Lunte war. Das unfertige, kaputte Berlin als Projektionsfläche für Widersprüchliches.

Ich als Wohlstandsflüchtling

Die Hauptstadt-Brache als Wunscherfüllungszone. Ich gehörte zur Fraktion der westdeutschen Bildungsbürgerkinder, die diese Leerstelle besetzten. Wir wollten Freiheit, Kultur und Gemeinschaft und besetzten ein leer stehendes Haus in der Ackerstraße, den Schokoladen. In der DDR war hier im Erdgeschoss eines Wohnhauses Schokolade hergestellt worden, ein Gebäude im Hof hatte als Pferdestall gedient, dort entstanden nun ein Theater und Tonstudio.

Manche sahen die Besetzung wohl als Okkupation. Ulrike Steglich, eine Journalistin, die im Osten aufgewachsen war und die für die Stadtteilzeitung im Schokoladengebäude über Stadtentwicklung schrieb, erinnert sich: "Für die Kids in Mitte waren die leeren Häuser und Ruinen früher ihre Spielplätze gewesen. Und plötzlich kamen die ganzen Besetzer und nahmen ihnen das auch noch weg."

Ich sah mich nicht als Besatzer, eher als ein Wohlstandsflüchtling unter umgedrehten Vorzeichen. Auf der Flucht vor der saturierten Bonner Republik, aber ohne das eigene Land zu verlassen. Oft machten wir Lagerfeuer im Hof, ständig probte das Theater in der ehemaligen "Sammelstelle für Sekundärrohstoffe". Dazu kamen die Comicbibliothek, Bandprobenräume im Keller, eine Siebdruckwerkstatt, eine Dunkelkammer, eine Lesebühne, Livekonzerte.

Wir inszenierten den Traum vom selbstbestimmten Leben als eine Art Straßentheater. Aufatmen nach der Enge von Hannover, wo derselbe Bürgermeister 34 Jahre lang regierte. Nach der Spießigkeit von Berchtesgaden, wo die Nachbarn genau protokollierten, wann der "zuagreiste Ssüdschwede" das Haus der einheimischen Freundin verlässt. Nach der Trägheit von Freiburg im Breisgau, wo meine Vermieter uns bei der Vorstellung verhört hatten, wie lange wir noch in wilder Ehe leben wollen. Statt Westalgie eher West-Allergie.

Das Treppenhaus roch streng nach Bier

Berlin war ein wirksames Gegengift, allerdings mit Risiken und Nebenwirkungen. Der Schokoladen eröffnete den Barbetrieb am 2. Oktober 1990, am letzten Tag der DDR. Es kam vor, dass wir nach ein paar Bieren mit einem Vorschlaghammer eine Zwischenwand rauskloppten, um den Raum zu vergrößern. Und weil wir es konnten. Ziemliche Sauerei, der Ziegelstaub. Das Treppenhaus roch streng nach Bier und anderem. Als der Essayist Michael Rutschky zu Besuch kam, diagnostizierte er lakonisch: "Kinder aus gutem Haus" und "jugendliche Schmutzlust".

Rückblickend mag die Anarchie der Nachwendezeit romantisch erscheinen, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Zum Einkaufen fuhren wir anfangs in den westlichen Nachbarstadtteil Wedding über die ehemalige Grenze. Wir heizten mit brüchigen Nachkriegsöfen und Braunkohle, mit rissigen Händen und schwarzen Ringen unter den Fingernägeln. Die Selbstorganisation glich oft einem soziologischen Feldversuch: Was passiert ohne Mietrecht und bürgerliche Höflichkeitsfloskeln? Banale Alltagsentscheidungen wie die Suche eines Nachmieters endeten immer wieder in erbitterten Kleinkriegen, die sich teils über Jahre hinzogen. Das Hausplenum tagte jeden Sonntag, teils von drei bis Mitternacht. Oft wurde es laut. Noch heute werde ich am Sonntagnachmittag manchmal etwas unruhig, bis mir einfällt: Nein, diese Zeit ist vorbei, zum Glück.

Oft setzten sich die Dreisten und die Aussitzer durch. So wie im echten Leben eben, aber begleitet von deutlich mehr emotionalem Theaterdonner. Immer wieder gab es Tote: Drogen, Autounfall, Freitod. Überraschende Wendung in diesem Gesellschaftsdrama: Mit jedem anarchistischen Zoff, mit jeder zerbrochenen Freundschaft erzogen sich zumindest einige von uns immer mehr selbst zu einer Bürgerlichkeit zurück, die wir abzulehnen glaubten.

Doch auch gutbürgerliche Hausbesitzer schienen nicht immun zu sein gegen eine Radikalisierung. Zumindest gab es Gerüchte von "warmen Abrissen": "Auf einmal brannte es dauernd. Es wurden genauso unbewohnte wie bewohnte Häuser angezündet. So standen auch die beiden Wohnhäuser neben dem Tacheles plötzlich in Flammen und wurden unbewohnbar", erzählt die Kulturmanagerin Uta Rügner: "Feuer wurde zum Mittel, strittige Immobilienfragen zu lösen."

Telefonanschlüsse waren selten. Wir stellten ein Funkgerät in mein Zimmer, mit dem wir die anderen besetzten Häuser anriefen, wenn die Neonazis wieder einmal am Freitagabend die paar Meter vom Pieck-Club herüberkamen (benannt nach dem ersten und letzten Präsidenten der DDR). Gegen zehn Uhr flogen oft die ersten Flaschen gegen die Fassade, dann versuchten einzelne Glatzen sich in den Eingang des Schokoladen zu drängen: "Zecken klatschen."

Onlinesein war wie Heizen - eine Zumutung

Berlin war ein Abenteuerspielplatz, die Rollen changierten oft zwischen Clown und Gladiator, wie bei meinem Bungee-Sprung. Heute wären viele Aktionen wohl nur schwer möglich, weil nicht versicherbar.

Nach ein paar Jahren wurden die Freiräume kleiner, wir bauten Schallschutzfenster und eine Belüftungsanlage in die Kneipe ein, ich musste eine Schankwirt-Schulung bei der Industrie- und Handelskammer machen. Teile des Schokoladens stehen heute unter Denkmalschutz, eine gemeinnützige schweizer Stiftung erwarb das Gebäude, der Schokoladen e.V. bekam es zur Erbpacht. Die meisten Orte, die im Buch gezeigt werden, gibt es so nicht mehr, sie sind geschlossen, abgerissen, renoviert. Der Schokoladen ist eine Ausnahme, hier kann man noch einen Hauch der frühen Neunziger spüren.

Was ist geblieben - außer ein paar Fotos? Als die Berliner Brachen zubetoniert wurden, entstanden neue Freiräume im Internet. Hausbesetzer gehörten zu den ersten, die sich Handys anschafften und über Wifi vernetzten, ein ehemaliger DDR-Punk und Informatikstudent gründete mit Freunden in Prenzlauer Berg das Prenzlnet.

Als die Berliner Brachen mit Investitionsobjekten zugebaut wurden, hießen die neuen Spielwiesen Art+Com, C-Base, CCC oder Cityscope.

Das Onlinesein war Mitte der Neunziger eine ähnliche Zumutung wie das Heizen mit Braunkohle. Wir teilten eine einzige Telefonleitung mit zwanzig Bewohnern. Ins Netz konnte ich also nur spät abends, so ab drei Uhr, wenn die meisten schliefen. Dann zwitscherte mein Modem - diii-didelidedüdidiii - bis sich die Pixelgrafik von Compuserve aufbaute. Beim Surfen las ich nebenher Zeitung, weil alles so langsam lief.

Klar, die Freiräume in Berlin und im Netz sind seitdem kleiner geworden. Aber sie sind da, man muss sie nur finden. Und es entstehen andere, anderswo. Bei Datenaktivisten in Nairobi zum Beispiel; bei Biohackern in Google-Groups oder vielleicht irgendwann einmal in den Ruinen von Havanna.

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