Berlins ältestes Gymnasium Chemielaboratorium im Taschenformat

Selbständig denken unerwünscht: Als Hans-Wilhelm Leckscheidt nach dem Krieg 1945 das Berlinische Gymnasium besuchte, war Anspruchslosigkeit eine Tugend, denn es fehlte an allem. Heikler waren allerdings die politischen Zwänge. Gegen sie hielten Schüler und Lehrer zusammen wie Pech und Schwefel.

Hans W. Leckscheidt

Schule funktioniert unter den ungewöhnlichsten Bedingungen - schließlich kommt es auf die Bildungsideale an. Im Falle des "Berlinischen Gymnasiums zum Grauen Kloster" waren diese bei Ende des Zweiten Weltkrieges quicklebendig. Vier Wochen später begann bereits wieder der Schulbetrieb - trotz schwerer Schäden am Gebäude. Dem Gymnasium, das schon Turnvater Jahn, der Architekt Karl-Friedrich Schinkel und Otto von Bismarck absolviert hatten, stand eine ereignisreiche Zeit bevor.

Etwa zehn Schüler der späteren Abiturklasse 1950 fanden sich nach Kriegsende dort zum Unterricht ein. Sie waren in den vierziger Jahren eingeschult worden, und manche von ihnen hatten die täglichen Bombenangriffe erlebt oder die Trennung von den Eltern durch die sogenannte Kinderlandverschickung. Schnell sprach sich auch in anderen Berliner Bezirken herum, dass am Gymnasium zum Grauen Kloster wieder unterrichtet wurde. Im Laufe der nächsten Monate bis in das Jahr 1946 hinein wechselten weitere Schüler an die humanistische Bildungsstätte, die ihr altsprachliches Fächerangebot pflegte. Der exzellente Ruf der Schule hatte den Krieg unbeschadet überstanden.

In den Sommermonaten 1945 war nur ein Minimalunterricht möglich, denn man saß in Räumen ohne Fenster, vor Wänden mit herunterhängenden Tapetenresten und ging über aufgeplatzte Parkettfußböden. Erst im Herbst 1945 gab es Material, um einige Räume im Vorderhaus, dem 1867 gebauten ehemaligen Rektorenwohnhaus, zu reparieren und auf den kommenden Winter vorzubereiten. Mit Hilfe von genuteten Holzleisten wurden Glasscheiben aus Bilderrahmen in noch vorhandene Fensterrahmen eingesetzt. Diese Mehr-Scheiben-Verglasung jedoch war für den Winter nur bedingt geeignet. Zum Schreiben auf der Wandtafel dienten zerbrochene Teile vom Stuck der gerissenen Zimmerdecken. Gemeine Schulkreide war nirgendwo aufzutreiben. Es mangelte an den einfachsten Dingen.

Kartenkunde als Ratespiel

Verglichen mit heutige Verhältnissen ist es kaum vorstellbar, dass und wie ein geordneter Unterricht stattfinden konnte. Verwendet wurden alte, zerlesene Schulbücher. Die eingerissenen, mit undurchsichtigen Klebestreifen reparierten Landkarten machten den Erdkundeunterricht zum Ratespiel. Bisweilen gab es stundenlang keinen elektrischen Strom. Zwei Lampen an der Decke gaben nur trübes Licht. Im Winter wurde der Kachelofen mit Material beheizt, das die Schüler selbst mitbringen mussten.

Zum Chemieunterricht balancierte der Lehrer - stets mit dunkler Fliege gekleidet - einmal pro Woche eine Tischschublade in das Klassenzimmer. Sein bescheidenes Chemielabor enthielt einige kleine Chemikalienflaschen, Glasbecher und Reagenzgläser. Als praktisches Ergebnis des Unterrichts wurde wenig später vom anerkannten Chemie-Experten der Klasse mitten im Englischunterricht eine hochreaktive Chemikalienmischung gezündet. Nach grellem Geblitze und der Freisetzung einer gewaltigen Rauchwolke kam ein Teil der maroden Zimmerdecke herunter. Mit wie wenig man doch einiges anrichten konnte.

Alle Lehrer gingen mit viel Idealismus und dem notwendigen Pragmatismus an ihre Aufgabe, obwohl unmittelbar nach Kriegsende praktisch alle Beamtenverhältnisse und gesetzlichen Regelungen von Schulfragen auf Anweisung der sowjetischen Kommandantur für nichtig erklärt worden waren. Wie seit Jahrzehnten gewohnt, verfolgten die Lehrer unbeirrt das Prinzip einer soliden Wissensvermittlung und lagen keineswegs auf der Linie der neuen Machthaber mit ihren ideologischen Erziehungsmethoden.

Die Genossen Hilfslehrer

Neben der allgemeinen Versorgungsnot in den Nachkriegsjahren machten sich bald die ersten politischen Zwänge bemerkbar: Anfang März 1948 wurde der kommissarischer Schulleiter auf Befehl der sowjetischen Militäradministration abgelöst. Grund hierfür war, dass während einer Prüfung der Schulbibliothek angeblich sogenannte verbotene faschistische und militaristische Literatur gefunden worden war.

Im selben Jahr noch wurde zur verstärkten Durchsetzung antifaschistisch-demokratischen Bewusstseins, wie es hieß, im Grauen Kloster ein linientreuer Hilfslehrer eingestellt, der das Fach Gegenwartskunde übernehmen sollte. Er war das erste aktive SED-Mitglied im Kollegium und, obwohl noch Student, an manchen Abiturprüfungen beteiligt. Bei seiner Ankunft verkündete er, dass er keine unbedingte Zustimmung zu seiner politischen Einstellung verlange, aber eine faire Beurteilung der neuen gesellschaftlichen Verhältnisse. Er war, wie es hieß, "ein Mann, mit dem man reden konnte".

Wenig später kam ein weiterer Genosse Hilfslehrer dazu. Einer, mit dem sich weniger gut reden ließ. Linientreuer als sein Kollege soll er 1949 für den Schulverweis eines Schülers verantwortlich gewesen. Der hatte einen Politikaufdruck auf seinem grauen Schulheft auf kreative Art und Weise verändert, indem er einige Buchstaben selektiv schwärzte. So wurde aus dem Aufdruck "1.Mai - Feiertag aller Schaffenden" plötzlich "1. ai - eiertag aller affen". Als der Genosse den Schulverweis durchgesetzt hatte, verkündete er dies triumphierend im Lehrerzimmer - und erhielt vom Musiklehrer kurzerhand eine saftige Ohrfeige. Der Lehrer verschwand daraufhin blitzschnell nach Westberlin.

In den Folgejahren sollten die ideologischen Differenzen immer offener zu Tage treten. Aber die Schüler der oberen Klassen, deren Eltern sowie fast das komplette Lehrerkollegium solidarisierten sich in einer Art stillem Widerstand, um den Geist des Humanismus zu bewahren, auf dessen Fundament das Berlinische einst gegründet worden war.



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