Berlins ältestes Gymnasium Gemeinsam gegen Gleichmacherei

Bald nach der Gründung der DDR war Schluss: Bis dahin standen Schüler, Eltern und Lehrer des ältesten Berliner Gymnasiums zusammen und trotzten in Ostberlin den ideologischen Widrigkeiten. SED-Chef Walter Ulbricht gefiel das gar nicht. Von Hans-Wilhelm Leckscheidt

Hans W. Leckscheidt

Die Welt schien wieder ein Stückchen normaler geworden zu sein. Nach den schwierigen Anfängen der Nachkriegszeit wurde am Berlinischen Gymnasium zum Grauen Kloster in Ost-Berlin wieder regelmäßig unterrichtet. Aber die Probleme waren noch lange nicht überwunden. Die Lehrer und wir Schüler sahen uns mit neuen Bildungsidealen konfrontiert. Eine eigene Meinung zählte wenig, und der Begriff Humanismus war plötzlich dehnbar wie Kaugummi. In den Jahren vor der Gründung der DDR wehte ein ideologisch schneidiger Wind - wir Gymnasiasten sollten das bald zu spüren bekommen.

Systemkritische Lehrer riefen offen zum besonnenen Boykott auf. Sie rieten uns, zu den Jubelaufmärschen am 1. Mai 1946 im Lustgarten zu gehen, aber vor dem Beginn der Veranstaltung in der U-Bahn zu verschwinden. Trotz des zunehmenden politischen Drucks gelang es der kommunistisch geprägten Schulbehörde und den SED-Funktionären nicht, den humanistischen Geist des Berlinischen Gymnasiums und den innerschulischen Zusammenhalt zu brechen. Wir solidarisierten uns und opponierten auf stille Art und Weise.

Nachdem ein offiziell verordnetes Schülerparlament seine vorgegebenen Statuten verabschiedet hatte, fand im Juni 1948 in einem Kinosaal an der Ackerstraße gemeinsam mit anderen Schulen eine große Schülerversammlung statt, in der die Beschwerden und Wünsche von Schülern und Lehrern diskutiert werden sollten. Die Mehrzahl der Teilnehmer artikulierte deutlich ihren Unmut über die Versuche der SED-Funktionäre, die Schüler mit Agitation und Propaganda zu beeinflussen.

"Können setzt sich durch"

Höhepunkt der Veranstaltung war die Ausführung eines schon früher recht aufmüpfigen Schülers aus dem Grauen Kloster, zugehörig zur späteren Abiturklasse 1950: "Ich weiß nicht, ob es etwas bringt, wenn wir hier seit zweieinhalb Stunden sitzen und uns das weiter anhören sollen. Denn inzwischen wartet die Schulspeisung auf uns, heute nicht russische Sauerkohlsuppe, sondern Milchreis mit Rosinen - aus Spenden der amerikanischen Besatzungsmacht." Das war das Schlusswort der Veranstaltung. Alle erhoben sich und strebten dem Ausgang zu.

Nach einem erneuten Umzug der Schule 1949 in die Räume des früheren Französischen Gymnasiums waren die Unterrichtsbedingungen besser, die Räume renoviert und es gab Zentralheizung. Nur die zur Verfügung gestellten Wandtafeln waren etwas ungewöhnlich, hatten aber den Vorteil, dass man sie im Hoch- oder Querformat nutzen konnte. Auch wurden immer öfter in den Schulräumen rote Spruchbänder mit Friedenstauben und Plakate mit dem bärtigen Karl Marx gesichtet, und im Musikzimmer saß der Musiklehrer am Klavier, hinter sich an der Wand ein rotes Tuch mit der Aufschrift "Dank für die Befreiung durch die ruhmreiche Sowjetunion".

Am 7. Oktober 1949 wurde der Gründungstag der DDR auf dem neuen Schulhof feierlich begangen. Nach einer Ansprache des Schulleiters ergriff der FDJ-Schulgruppenleiter das Wort und hielt ungebeten einen längeren Vortrag. Beifall erhielt er nur aus einer kleinen FDJ-Gruppe der unteren Klassen, die sich mit ihren Fahnen neben dem Rednerpult aufgebaut hatten. Von den umstehenden Schülern der höheren Klassen kam keine Reaktion. Ein Zeichen für die Einstellung vieler Schüler aber wurde gesetzt, als eine 11. Klasse in ihrem Klassenbuch das Motto voranstellte: "Solides Können setzt sich durch". Es sollte um die Fähigkeiten gehen, die man erwarb, nicht um blinden ideologischen Gehorsam.

Stummer Protest

Eines Tages erhielt die Schulleitung den offiziellen Auftrag, die neu komponierte Nationalhymne der DDR "Auferstanden aus Ruinen" mit sämtlichen Schülern und Lehrern einzuüben. So versammelten sich die Sangesbrüder, vorn die Jüngeren, links die Lehrer, hinten die Älteren. Die Hymne erklang nur äußerst kümmerlich, denn die hinteren Reihen sangen nicht mit. Dann wurde der Gesang dünner und dünner, weil nun auch die jüngeren Schüler stumm blieben. Schließlich sangen nur noch einige Lehrer, einsam, aber standhaft.

Zum Weltfrauentag am 8. März 1950 fand im Metropol-Kinosaal in der Schönhauser Allee eine Veranstaltung statt mit Ansprachen von Funktionären, dem Schulleiter und unter Teilnahme des FDJ-Schulsprechers. Als zum Abschluss wieder die DDR-Nationalhymne erklang, erhoben sich in der zweiten Reihe Schüler aus der Abiturklasse, verließen demonstrativ den Saal und versammelten sich vor der Saaltür. Eine enorme Provokation in Anwesenheit von Schulleiter und Politprominenz nur drei Monate vor dem Abiturtermin. Einige Monate später musste der Schulleiter, trotz seiner SED-Mitgliedschaft, die Schule verlassen. Andere bewährte Lehrer folgten ihm alsbald nach.

Eine der ungewöhnlichsten Abiturprüfungen, die das Gymnasium je erlebt haben dürfte, fand im Juni 1950 auf einem Höhepunkt der politischen Beeinflussungen und Nötigungen durch Schulbehörde, FDJ-Sprecher, SED und Aushilfslehrer statt. Die während der schriftlichen Prüfungen Aufsicht führenden Lehrer waren ungewöhnlich tolerant. Andere Lehrer, die von der Reife ihrer Schüler ohnehin überzeugt waren, bemühten sich, diese unter den misstrauischen Augen der Parteifunktionäre einigermaßen reibungslos durchs Abitur zu schleusen.

Vorläufiges Ende einer langen Tradition

Es begann eine Zeit, in der man versuchte, endgültig ein ideologisiertes Bildungssystem einzuführen - auch am ältesten Gymnasium Berlins. Trotz Bemühungen vieler Lehrer, ein fachlich hohes Leistungsniveau zu halten, wurde das Haus ein Experimentierfeld zur sogenannten revolutionären Umgestaltung des Schulwesens und zur Förderung "staatskonformer Intelligenz". Viele Schüler dagegen verstanden sich noch lange Zeit als Klosteraner.

Parteichef Walter Ulbricht persönlich verfügte 1958, den Traditionsnamen "Berlinisches Gymnasium zum Grauen Kloster" zu tilgen. Das Evangelische Gymnasium in Westberlin übernahm 1963 dessen jahrhundertealte Tradition und trug seither den Namen "Evangelisches Gymnasium zum Grauen Kloster".

Die Geschichte einer 433 Jahre gewachsenen Tradition ging damit allerdings nicht zu Ende. Mittlerweise sind die Planungen zum Bau einer Tochterschule des Evangelischen Gymnasiums am historischen Ort in Berlin-Mitte als neues "Berlinisches Gymnasium zum Grauen Kloster" trotz mancher Schwierigkeiten schon weit fortgeschritten.



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